1 Punkte von GN⁺ 2026-03-11 | 1 Kommentare | Auf WhatsApp teilen
  • Die Autoindustrie als Kernbranche der deutschen Wirtschaft hat lange den nationalen Wohlstand getragen, wirkt inzwischen aber als strukturelles Hindernis, das Innovation und Wandel blockiert
  • Durch das rasante Wachstum der chinesischen Elektroauto-Industrie (EV) und den verschärften Wettbewerb gerät das deutsche Exportmodell ins Wanken; zwischen 2024 und 2025 gingen 51.500 Arbeitsplätze verloren
  • Als Reaktion konzentriert sich die Branche eher auf Lobbyarbeit als auf Innovation und übt starken Einfluss auf politische Entscheidungen der Regierung und der EU aus
  • Auch nach Dieslegate setzte sie gelockerte Emissionsregeln sowie Ausnahmeklauseln beim Verbot von Verbrennungsmotoren ab 2035 durch und verzögerte damit den Umstieg auf Elektroautos
  • Das Ergebnis sind schwindende Wettbewerbsfähigkeit, sinkende Beschäftigung und steigende CO2-Emissionen; dies wird als Warnsignal für eine Nachhaltigkeitskrise der deutschen Industrie insgesamt dargestellt

Strukturelle Abhängigkeit von der deutschen Autoindustrie

  • Seit der Erfindung des Dieselmotors im Jahr 1893 hat Deutschland seinen Wohlstand vor allem mit der Autoindustrie aufgebaut; sie steht für mehr als 16 % der gesamten Exporte und rund 800.000 Arbeitsplätze
    • In ganz Europa sichert die Autoindustrie direkt oder indirekt die Beschäftigung von mehr als 13,8 Millionen Menschen
  • Das Auto gilt in Deutschland als Symbol nationaler Identität und des Wohlstands und ist auch kulturell mit der auf Autobahnen verkörperten Freiheit verbunden
  • Doch zuletzt führen schwächere Exporte und härterer Wettbewerb dazu, dass die gesamte Branche Kosten senkt, was sich auf die Lieferketten in ganz Europa auswirkt

Grenzen des exportorientierten Modells

  • Die deutsche Wirtschaft wuchs auf Basis von günstiger Energie, hoher Innovationskraft und Exportabhängigkeit, doch genau diese Struktur führte zu Abhängigkeiten
  • Früher erzielten Volkswagen (VW), Mercedes und BMW ein Drittel ihres Gesamtumsatzes in China, doch durch Chinas gestärkte Wettbewerbsfähigkeit bei Elektroautos brechen die Exporte stark ein
    • China produziert zehnmal so viele Elektroautos wie Deutschland, und einige Modelle lassen sich in weniger als fünf Minuten für 400 km Reichweite aufladen
  • Deutsche Hersteller hielten dagegen zu lange an der Verbrennertechnologie fest und verpassten so den richtigen Zeitpunkt für den Wandel
  • Zwischen 2024 und 2025 kam es zu einem Personalabbau von 7 % und zur Entlassung von rund 51.500 Menschen

Eine Branche, die Lobbyarbeit statt Innovation wählte

  • Nach dem EU-Beschluss zum Verbot des Verkaufs neuer Verbrenner ab 2035 reagierte die deutsche Autoindustrie mit verstärkter Lobbyarbeit
  • Lobbyisten der Branche gingen bei Regierung und EU-Kommission häufig ein und aus, während sich der Drehtüreffekt zwischen Politik und Unternehmen fortsetzte
    • Beispiel: Eckart von Klaeden wechselte aus der Merkel-Regierung zu Daimler als Lobbyist
  • Der Verband der Automobilindustrie (VDA) gibt jährlich 10 Millionen Euro für Lobbyarbeit aus; das entspricht etwa 0,05 % des Forschungs- und Entwicklungsbudgets von Volkswagen (21 Milliarden Euro)
  • Die Branche betrachtet es als günstigere und verlässlichere Investition, bestehende Technologien zu erhalten statt zu innovieren, und fordert entsprechende Schutzpolitik

Der Einfluss der Lobby nach Dieslegate

  • Dieselgate im Jahr 2015 deckte die Manipulation von Abgaswerten durch Volkswagen auf; die Fahrzeuge stießen mehr als das Zehnfache der nach EU-Standards zulässigen Schadstoffe aus
  • In den folgenden zwei Jahren nahmen Lobbyisten im Schnitt jeden zweiten Tag Kontakt mit der Regierung auf und wirkten auf eine Lockerung der Regulierung hin
  • In der Folge senkte die EU die Vorgabe von 100 % Emissionsreduktion auf 90 % und entschied, die Nutzung von E-Fuels zu erlauben
    • Dies wird ausdrücklich als Maßnahme auf direkten Wunsch der Branche beschrieben
  • Diese Lockerungen verzögerten den Umstieg auf Elektroautos und sicherten zugleich Schutzmaßnahmen gegen Importe chinesischer Elektroautos
  • Die Zivilgesellschaft kritisierte: „Die Regierung schützt die Branche übermäßig, und der Preis dafür sind mehr Luftverschmutzung und eine Verschärfung der Klimakrise.“

Branchenkrise und politische Reaktion

  • Deutschlands Bundeskanzler Friedrich Merz machte für die wirtschaftliche Stagnation die Work-Life-Balance der Beschäftigten verantwortlich,
    tatsächlich treten jedoch ein Mangel von mehr als 750.000 Fachkräften und Massenentlassungen in der Autoindustrie gleichzeitig auf
  • Berichten zufolge zahlte die Branche mehr als 600 Millionen Euro an Boni an Führungskräfte aus
  • Die Gewerkschaft IG Metall warnte: „Eine nachhaltige Industriestruktur zu zerstören, ist unverantwortlich; das bedeutet eine Aushöhlung von Wohlstand und Resilienz des Landes.“
  • Die Autoindustrie wird als „Kanarienvogel im Kohlebergwerk“ der deutschen Wirtschaft beschrieben und steht sinnbildlich für die Risiken des Schutzes veralteter Technologien und einer lobbyzentrierten Struktur
  • Der Artikel endet mit der Lehre, dass Innovation wichtiger sein muss als Lobbyarbeit, und kündigt für den nächsten Teil eine Auseinandersetzung mit den Problemen der deutschen Energiepolitik an

1 Kommentare

 
GN⁺ 2026-03-11
Hacker-News-Kommentare
  • Die deutsche Autolobby habe kurzfristige Dividenden und Boni über das langfristige Überleben gestellt
    Statt technischer Innovation habe sie versucht, mithilfe politischen Einflusses Emissionsregeln aufzuweichen, und sei dadurch bei der EV-Transformation ins Hintertreffen geraten
    Auf dem chinesischen Markt gelten deutsche Verbrenner als veraltet, und die Welt bewegt sich schnell in Richtung Elektroautos
    Letztlich habe die Gier des Managements das Fundament der deutschen Industrie untergraben, und die Arbeiter hätten den Preis dafür gezahlt

    • Ich denke, man kann die Ursache des Problems nicht vollständig nur den Herstellern anlasten
      Energiepolitik, Bürokratie, unrealistische EV-Ziele der Regierung und das abrupte Aus für den Verbrennungsmotor hätten zusammengewirkt
      Als sich die ingenieurgetriebene Industrie in eine marketinggetriebene verwandelt habe, seien technische Exzellenz und Handwerkskunst verloren gegangen, und auch die interne Forschung sei durch Outsourcing verschwunden
      Die interne politische Kultur sei ebenfalls katastrophal gewesen, weshalb ich froh sei, gegangen zu sein, es aber trotzdem bedauerlich finde
    • Ich halte das für ein klassisches Innovator’s Dilemma
      Die Autoindustrie sei ein komplexes Ökosystem, in dem die symbiotische Struktur von OEMs und Zulieferern den Übergang zu EVs erschwere
      BYD wachse dagegen stabil, und wir erlebten gerade, wie China den Aufstieg Japans aus den 1970er Jahren wiederhole
    • Ich denke, es ist schlicht das Problem, dass reife Unternehmen nur schwer Verluste in Kauf nehmen und in R&D investieren können
      China habe schnell wachsen können, weil es keine bestehende Industrie ersetzen musste, aber in 20 bis 30 Jahren könnten sie vor demselben Problem stehen
    • Ich denke, das Problem liegt in der konservativen Denkweise nach dem Motto „Das haben wir schon immer so gemacht“ innerhalb Deutschlands
      Auch die Politik scheue Veränderungen, und mit so einer Haltung sehe die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands düster aus
    • Nachdem ich den Artikel von The Economist aus dem Jahr 2020 gelesen hatte, änderte ich meine Meinung
      Die wahre Markteintrittsbarriere in der Autoindustrie sei die Beherrschung der Verbrennungsmotor-Technologie gewesen
      EVs hätten diese komplexe Technologie umgangen, und nun seien Batterien und Fertigungskompetenz die entscheidenden Wettbewerbsvorteile
      China habe dank seiner Elektronikindustrie in beiden Bereichen einen Vorsprung
      Als Bosch, Europas einzige Hoffnung, 2018 die Produktion von Batteriezellen aufgab, sei die Lage irreversibel geworden
  • Die deutsche Regierung unterstützt Unternehmen mit weniger Aufträgen über das Kurzarbeitergeld mit einem Teil der Löhne
    Bei der Autofirma, in der ein Freund arbeitet, wurden wegen geringer Bestellungen die Arbeitszeiten reduziert, und der Staat gleiche 60 % des Lohns aus
    Es wirkte ineffizient, dass man bei sinkendem Marktanteil weniger statt mehr arbeitet

    • Unter Verweis auf ein Beispiel aus der argentinischen Bildungspolitik wird erklärt, dass eine Anreizstruktur, die Leistung senkt, ähnlich funktioniere
      Problematisch sei ein System, in dem alle profitieren, wenn sie weniger arbeiten oder sich weniger anstrengen
    • Der Staat zahlt nicht 60 % des gesamten Lohns, sondern 60 % des durch Arbeitszeitverkürzung entgangenen Lohns
    • Deutschland sei bei EVs und Solarindustrie einmal vorne gewesen, habe aber wegen konservativer Lobbyisten beide Branchen an China verloren
    • Das Kurzarbeitsmodell sei eine temporäre Maßnahme zur Vermeidung von Entlassungen, nicht ein Instrument gegen langfristigen industriellen Niedergang
    • Aus Sicht von Fließbandarbeitern ergebe es keinen Sinn, mehr zu arbeiten, wenn keine Nachfrage da ist, und das System sei für vorübergehende Konjunktureinbrüche gedacht gewesen
  • Es sei eine falsche Diagnose, die Krise der deutschen Autoindustrie der grünen EU-Politik anzulasten
    Tatsächlich sei ein größerer Faktor gewesen, dass die chinesische Regierung die Importe deutscher Autos zurückgefahren habe, um die heimische Autoindustrie aufzubauen
    Diese Fehldiagnose habe dazu geführt, dass man statt auf industrielle Diversifizierung weiter an veralteten Geschäftsmodellen festhalte

    • China ist der größte Automarkt der Welt, größer als EU und USA zusammen
      Allerdings sei auch China exportabhängig und könnte bei einer Abschwächung der Binnennachfrage ähnliche Schwierigkeiten bekommen
    • Ich frage mich, wie groß die staatliche Autonachfrage in China eigentlich ist
    • Ich frage mich, welche Ersatzstrategie man nach dem Wegfall des chinesischen Marktes hätte entwickeln sollen
      Verbrenner verkaufen sich weltweit immer noch in großen Stückzahlen
    • Ich denke, problematisch ist die Illusion deutscher Führerschaft bei Umwelttechnologien
      Dass Porsche den Macan nur noch als Elektroauto herausgebracht hat, erscheint mir als typisches Fehlurteil
  • China ist in Schlüsselindustrien wie Fertigung, Maschinenbau und Chemie auf das Fünffache Deutschlands gewachsen
    Deutschland habe die Innovation verpasst, und China habe inzwischen auch bei der Qualität aufgeholt
    Eine deutsche Strickmaschine koste 60.000 Euro, eine chinesische bei gleicher Qualität 20.000 Euro
    Um mit China zu konkurrieren, bräuchte es lockerere Arbeitsgesetze, niedrigere Löhne und Automatisierung, aber das erscheine praktisch kaum umsetzbar
    In Bayern werde dank BMW noch immer Maschinenbau bevorzugt, während IT gemieden werde

    • China importiere weiterhin Präzisionsbearbeitungsmaschinen aus Deutschland, Japan und Italien
      Das Niveau eigener Konstruktionen reiche noch nicht aus
    • Um wettbewerbsfähiger zu werden, müsse die Bürokratie reduziert werden
    • Man müsse wie ASML hochkomplexe, nicht kopierbare Technologien entwickeln
  • Die Aussage „Ideen sind schwer und teuer, also lasst uns lobbyieren“ sei meiner Meinung nach ein logischer Sprung
    Das Lobbybudget von VW liege bei etwa 0,05 % der R&D-Ausgaben, weshalb ich VW eher als R&D-orientiertes Unternehmen sehen würde
    Tatsächlich hätten die Politiker am Verbrenner festgehalten, während die Branche bereits den Umstieg auf Elektroautos gewollt habe
    Diesmal sei es aus meiner Sicht kein Lobbyproblem

    • VW sei im europäischen EV-Markt bereits Verkaufsführer, und auch Mercedes und BMW hätten wettbewerbsfähige Plattformen
      Tesla stagniere technologisch, liege in Europa bereits hinter VW und werde wohl auch in China bald Probleme bekommen
  • Die Einmischung der USA in den Iran-Konflikt habe Europa, insbesondere Deutschland, stark geschadet
    Nachdem russische Gaslieferungen weggebrochen seien, sollte Katar zum Ersatzlieferanten werden, doch dieser Plan sei gescheitert
    Die weiterhin fossilfreundlichen Kräfte in Süddeutschland bauten noch immer Erdgaskraftwerke und trieben so die Strompreise nach oben

    • Europa hätte meiner Meinung nach statt auf Atomausstieg eher auf Kernkraft setzen sollen
      Auch dass JCPOA (das Iran-Atomabkommen) nicht eingehalten wurde, sei ein Fehler gewesen
      Die USA sagten seit 20 Jahren, dass sie ihren Schwerpunkt nach Asien verlagern würden, aber Europa habe sich nicht darauf vorbereitet
      Nur Frankreich versuche noch, mit militärischer Stärke seine Interessen im Ausland zu schützen
  • Dänemark verzeichnete das stärkste Wachstum im verarbeitenden Gewerbe, doch die deutsche Regierung gebe immer noch nur den Löhnen die Schuld

    • Tatsächlich sei das Wachstum Dänemarks vor allem auf die Ozempic-Produktion von Novo Nordisk zurückzuführen
      Die Lehre daraus sei: Stelle ein Produkt her, das alle wollen
    • Auch Polen seien überrascht gewesen, als sie im Diagramm das Land auf Platz zwei sahen
      Mit Blick auf die regionale Industriesituation erscheine das aber durchaus plausibel
    • Vielleicht sei eher das Problem gewesen, dass die Löhne zu niedrig waren und dadurch kein Innovationsdruck entstand
      Hohe Löhne wie in Dänemark oder der Schweiz förderten Innovation
      Die Einführung des Euro könnte ein Fluch gewesen sein, weil sie Lohnsteigerungen in Deutschland gebremst habe
    • Ich frage mich, was die dänische Industrie tatsächlich produziert
      Ozempic mache einen großen Anteil aus, aber die zentrale Lehre sei, einen Riesenerfolg aus R&D hervorzubringen
    • In Dänemark gab es um 2016 eine öffentliche Debatte, ob man Arbeitsmarktreformen nach deutschem Vorbild vermeiden solle
  • Ich bin zu einem Großunternehmen gewechselt, und Entscheidungsfindung und Kommunikation sind extrem langsam
    Um auch nur eine Jenkins-Pipeline auszurollen, braucht man die Zustimmung von zwei Teams
    Für Meetings und Abstimmung wird viel zu viel Zeit verschwendet

    • Wenn zwei Teams dieselbe Jenkins-Pipeline nutzen, ist es meiner Meinung nach selbstverständlich, dass Abstimmung nötig ist
    • Ich habe dasselbe erlebt
      Eine Deadline wurde viermal verschoben, und am Ende versucht man, es mit Wochenendarbeit zu lösen, nur damit es wieder verschoben wird
  • Seit den 1990er Jahren seien die heutigen Krisen wie Energie, Demografie und Chinas Aufstieg absehbar gewesen
    Deutschland habe mit Projekten wie „Innovation“, „Leistung“ und „Kompetenz“ reagiert, doch die Ergebnisse seien bescheiden geblieben
    Am Ende würden Deutschland und Europa wegen mangelnder Innovationskraft in wissensintensiven Branchen wohl in traditionellen Industrien stecken bleiben
    Allerdings könnte die Notwendigkeit, die Abhängigkeit von den USA zu reduzieren, dabei helfen, den Binnenmarkt in Europa zu erhalten

  • Ich stimme der Aussage „In Deutschland sind Autos ein Symbol des Wohlstands“ nicht zu
    Ich habe eher das Gefühl, dass das hier weniger stark ausgeprägt ist als in anderen Ländern

    • In Frankreich ist ein Auto einfach nur ein Fortbewegungsmittel, und verkratzte Autos sind ganz normal
      Firmenwagen sind kein üblicher Standardvorteil, aber in Polen sind sie ein wichtiges Statussymbol