- Prognosemarkt-Plattformen wie Polymarket verschmelzen mit den Nachrichten, und es verbreitet sich eine Struktur, in der auf nahezu jedes Ereignis aus Politik, Wirtschaft und Unterhaltung Geld gesetzt werden kann
- Große Medienunternehmen wie CNN, Dow Jones und CNBC kooperieren mit Kalshi und Polymarket und integrieren Wettwahrscheinlichkeiten in Sendungen und Artikel
- Solche Märkte sind kaum als präzise Prognoseinstrumente zu betrachten, manipulationsanfällig und bergen das Risiko, reale öffentliche Meinung oder Wahlen zu beeinflussen
- Wie schon im früheren Fall Intrade können große Geldsummen durch Wetten die öffentliche Meinung verzerren, und bei künftigen Präsidentschaftswahlen könnte sich Ähnliches wiederholen
- Wenn Nachrichten zum Glücksspiel werden, können öffentliches Vertrauen und die Objektivität von Informationen beschädigt werden, und schon die Idee, „jede Meinungsverschiedenheit in einen handelbaren Vermögenswert zu verwandeln“, ist riskant
Die Verbindung von Prognosemärkten und Medien
- Ein Datenanalyst von CNN stellte im Fernsehen Wettungsdaten vor, darunter eine 36%ige Wahrscheinlichkeit für die Annexion Grönlands durch Donald Trump
- Auf Websites wie Kalshi und Polymarket setzen Nutzer echtes Geld darauf, mit welcher Wahrscheinlichkeit Ereignisse eintreten
- Durch die Partnerschaft mit Kalshi bindet CNN Wahrscheinlichkeitsdaten zu Wahlen, Zinsen und dem Vorsitz der US-Notenbank in Sendungen ein
- Dow Jones arbeitet mit Polymarket zusammen und integriert Wettwahrscheinlichkeiten in eigene Medien wie das Wall Street Journal
- CNBC, Yahoo Finance, Sports Illustrated und Time haben ähnliche Partnerschaften geschlossen
- Auch bei der Verleihung der Golden Globes wurden Prognosen von Polymarket während der Übertragung eingeblendet
- Die Medienbranche nutzt Prognosemärkte angesichts sinkender Einnahmen als neue Datenquelle
- CNN erklärte, dies habe „keinen Einfluss auf redaktionelle Entscheidungen“, Kalshi sprach von einem „Zweck der öffentlichen Information“
Die Ausbreitung von Prognosemärkten und ihre Probleme
- Prognosemärkte machen Politik, Krieg, Unterhaltung und persönliche Ereignisse aller Art zu handelbaren Themen
- Beispiele: die Geburt eines Kindes von Elon Musk, die Wiederkehr Jesu oder die Frage, ob Israel Luftangriffe auf Gaza durchführt
- Wenn solche Märkte mit Nachrichten verschmelzen, droht eine vom Glücksspiel geprägte Berichterstattungskultur
- Das ähnelt der Entwicklung, bei der Wettbegriffe in der Sportberichterstattung alltäglich geworden sind
- Die Prognosegenauigkeit von Polymarket bei den Golden Globes war mit 26 von 28 zwar hoch, doch Forschungen zeigen, dass die Wahlprognosen für 2024 nicht über Wahrscheinlichkeitsniveau hinausgehen
Manipulationsmöglichkeiten und politischer Missbrauch
- Bei Intrade kam es 2012 zu einem Fall, in dem ein Investor in großem Umfang auf einen Sieg von Mitt Romney setzte und so die öffentliche Wahrnehmung verzerrte
- Forschende vermuteten, dass diese Geschäfte Spenden anregen oder die Moral der Kampagne stärken sollten
- Der betreffende Investor verlor zwar mehr als 4 Millionen Dollar, zog damit aber die Aufmerksamkeit der Medien auf sich
- Auch eine Image-Manipulation über Polymarket-Wetten ist möglich
- Beispiel: Ein Kandidat platziert selbst große Wetten auf den eigenen Sieg und treibt damit die Siegchance künstlich nach oben
- Andrew Hall von Stanford skizzierte ein Szenario, in dem ein sprunghafter Anstieg der Wetten bei der Präsidentschaftswahl 2028 durch mediale Berichterstattung verstärkt wird und Verwirrung auslöst
- Trump Media bereitet eine eigene Plattform namens Truth Predict vor, und Donald Trump Jr. ist Berater sowohl bei Kalshi als auch bei Polymarket
Vertrauensverlust und das Problem mit Insiderinformationen
- Auf Polymarket wurde ein Fall beobachtet, bei dem kurz vor der Festnahme von Venezuelas Maduro durch eine Wette 400.000 Dollar Gewinn erzielt wurden
- Es wurde die Möglichkeit von Insiderinformationen aufgeworfen, bestätigt wurde dies jedoch nicht
- Weil ein Briefing des Pressesprechers des Weißen Hauses 65 Minuten vor dem erwarteten Zeitpunkt endete und dadurch Wettverluste entstanden, äußerten einige Nutzer Manipulationsverdacht
- Das Weiße Haus wies dies als „100%ige Fake News“ zurück
- Diese Fälle zeigen den Zusammenbruch von Vertrauen, der entstehen kann, wenn Nachrichten selbst zum Handelsobjekt werden
Die Gefahr, „alle Meinungen zu finanzialisieren“
- Kalshi-CEO Tarek Mansour sagte langfristig, er wolle „jede Meinungsverschiedenheit in einen handelbaren Vermögenswert verwandeln“
- Kalshi bedeutet auf Arabisch „alles“
- Online kursieren bereits Witze wie: „Wenn es einen Weltkrieg gibt, verdiene ich 390 Dollar“ – reale Ereignisse verkommen damit zum Wettobjekt
- Prognosemärkte verwandeln sich nicht in ein Werkzeug zur Vorhersage von Informationen, sondern in eine Struktur, die gesellschaftliches Vertrauen zerlegt
1 Kommentare
Hacker-News-Kommentare
Der Originaltext kann über den archive.is-Link eingesehen werden
Ich möchte betonen, dass das kein Problem nur der USA ist, sondern ein weltweites Phänomen
An den Aktienmärkten gibt es Mechanismen, um Insiderhandel oder Marktmanipulation zu verhindern, aber bei Prognosemärkten ist das fast unmöglich
Besonders in Kombination mit Kryptowährungen wird die Nachverfolgung schwierig, Zuständigkeiten werden unklar und der Nachweis wird kompliziert
Wenn ich aus freiem Willen entscheide, wie ich handeln werde, und jemand setzt einen großen Betrag genau auf dieses Verhalten, dann ist schwer zu beweisen, ob das Insiderhandel ist oder nicht
Letztlich trägt es zwar das Etikett „Prognose“, ist im Kern aber Glücksspiel. Es wurde nur mit dem Anstrich „intelligenter und gut informierter Investoren“ versehen
Gefährlich wird es aber, wenn Informationen einen Anreiz zum Handeln schaffen, etwa bei Märkten, auf denen auf das Todesdatum einer bestimmten Person gewettet wird
Solche Märkte unterscheiden sich faktisch kaum von einem Assassination Market
Auf eine Schachpartie zu wetten ist kein Glücksspiel, weil Können eingreift; bei Roulette, das von reiner Wahrscheinlichkeit abhängt, ist es Glücksspiel
Rechtlich hängt das davon ab, wie die jeweilige Gerichtsbarkeit es definiert
2012 gab es bei Intrade einen Fall, in dem ein Investor enorme Summen auf Mitt Romney setzte, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen
Forscher kamen zu dem Schluss, dass es ihm eher um die Manipulation der medialen Wahrnehmung als um finanziellen Gewinn ging
Ähnlich wie in Paul Grahams Essay „Submarine“ wirkt das wie eine PR-Strategie, die künstlich Glaubwürdigkeit erzeugen soll
Match-Fixing ist eindeutig eine Straftat
Wenn ein Spieler auf die Niederlage seines eigenen Teams setzt, kann er das Ergebnis direkt manipulieren
So wie jemand für Versicherungsbetrug absichtlich sein Auto anzündet, sollte es auch in Prognosemärkten illegal sein, ein Ergebnis direkt herbeizuführen
Aber in diesen Märkten steht Geld auf Wahlen oder Kriege, also auf wesentlich gravierenderen Themen
Die moralischen Probleme von Prognosemärkten sind eindeutig vorhanden
Sie können Insidern Anreize geben, schlechte Ergebnisse herbeizuführen, oder Spielsucht verschärfen
Schade ist nur, dass sich der Artikel eher auf eine Kritik ihres epistemischen Werts konzentriert als auf diese praktischen Probleme
Prognosemärkte könnten auch als Crowdsourcing-Plattform für Verbrechen missbraucht werden
Jemand wettet darauf, dass ein bestimmtes Ereignis nicht eintreten wird, und andere sorgen dann real dafür, dass es doch eintritt, um Geld zu verdienen
Falls sie bereits auf diese Weise genutzt werden, wäre das äußerst gefährlich
Der Fall des sprunghaften Anstiegs von Wetten kurz vor der Festnahme von Nicolás Maduro auf Polymarket zeigt meiner Meinung nach eher den eigentlichen Zweck von Prognosemärkten
Denn dabei handelt es sich um einen Mechanismus, durch den jemand mit Insiderwissen per Wette die Zukunft sichtbar macht
Wenn jemand meine Ermordung planen würde, könnte eine plötzliche Marktbewegung sogar ein Warnsignal sein
Dann wäre es kein Prognosemarkt mehr, sondern praktisch eine Plattform für Auftragsmorde
Dass Unternehmen wie Kalshi oder Polymarket ein auf Glücksspiel fokussiertes Marketing gewählt haben, verstärkt dieses Missverständnis zusätzlich
Im Fall Maduro war der finanzielle Anreiz klein, aber in einem Assassination Market wäre der Anreiz groß genug
In diesem Fall wäre die Prognose kein Warnsignal mehr, sondern ein unmittelbares Ausführungssignal
Das Polymarket-Meme „Ich verdiene Geld, wenn der Dritte Weltkrieg ausbricht“ zeigt eine zynische Seite der menschlichen Natur
Manche fanden die Aussage des Artikels, „die USA steuerten auf eine Katastrophe zu“, übertrieben
Die mangelnde Verlässlichkeit und Manipulierbarkeit von Polymarket erkennen sie an, aber für eine Katastrophe halten sie es nicht
Wenn Insider politische Entscheidungen in ein Instrument zum Geldverdienen verwandeln, gerät die ganze Gesellschaft in Gefahr
Prognosemärkte sind komplexe Systeme, aber die Medien behandeln sie nur in Form einfacher klickträchtiger Narrative
Wer eine ernsthafte Analyse will, muss ein neues Analysesystem aufbauen
Prognosemärkte sind ein negatives Signal für das geschwächte Vertrauen in der Gesellschaft
Andererseits könnten sie aber auch Menschen hervorbringen, die weniger leicht auf Fake News hereinfallen
Politisch aufgeladene Wetten bergen jedoch ein hohes Risiko, extreme Spaltung weiter zu verschärfen
Menschen haben den Instinkt, selbst in Zufall Muster finden zu wollen