- Kommunikationskanäle zwischen Menschen haben sich nach und nach in Netzwerke zur Inhaltsverteilung verwandelt, sodass Konsumierbarkeit Vorrang vor Verbundenheit erhält
- Protokolle wie ActivityPub sind als Spezifikationen mit Fokus auf ‚Inhaltsübertragung‘ entworfen, wodurch Effizienz beim Entertainment-Konsum wichtiger wird als Nachrichtenzuverlässigkeit
- Soziale Netzwerke traten zwar mit dem Anspruch der Kommunikation auf, funktionierten in der Praxis jedoch als Mediensysteme, die Aufmerksamkeit und Zeit binden
- Zuverlässige asynchrone Kommunikationsmittel wie E-Mail, RSS und XMPP werden wegen ihrer „Langeweile“ und fehlenden Profitabilität zunehmend gemieden
- Nutzer halten mehrere Plattformkonten für selbstverständlich und akzeptieren eher plattformabhängige Erlebnisse als Interoperabilität zwischen Plattformen
- Ausgehend von dieser Realitätswahrnehmung gelangt der Autor zu dem Schluss, große Plattformen zu verlassen und bewusst andere Kommunikationswege zu wählen
Der Wandel von Kommunikation zu Entertainment
- Alle Kommunikationskanäle wurden zu Content-Verteilnetzen, sodass Menschen mehr Unterhaltung haben, aber weniger verbunden sind
- Anlässlich der Debatte um Pixelfed und das Fediverse wurde der Wahrnehmungsunterschied zwischen Kommunikationsprotokollen und Protokollen für Content-Konsum sichtbar
- Einige sehen ActivityPub als Mittel zur zwischenmenschlichen Kommunikation, andere als Plattform für den Konsum von Inhalten
- Die offizielle Definition von ActivityPub lautet „ein Social-Networking-Protokoll zur Übermittlung von Inhalten“ und legt den Schwerpunkt eher auf die Übertragung von Posts als auf Kommunikation
Ausdifferenzierung von Konten und Plattformabhängigkeit
- Das Ziel von Interoperabilität ist eine Umgebung, in der man nicht mehrere Konten anlegen muss, doch die Realität entwickelt sich in die entgegengesetzte Richtung
- Große Plattformen verstärken die Vorstellung, dass „für jede Plattform ein eigenes Konto nötig“ sei, und fördern so Nutzerbindung
- Viele Nutzer behalten selbst im Fediverse die Philosophie „eine Plattform = ein Konto“ bei, wodurch das Konzept föderierter Kommunikation nach Art der E-Mail geschwächt wird
Der grundlegende Wandel sozialer Netzwerke
- Soziale Netzwerke sind keine Kommunikationsnetzwerke mehr, sondern funktionieren als Entertainment-Plattformen
- Die Illusion aus der Zeit des Arabischen Frühlings, es handle sich um Kommunikationswerkzeuge, war falsch; der eigentliche Zweck war die Maximierung von Verweildauer und Content-Konsum
- Selbst dezentrale Netzwerke funktionieren eher als „Fernsehen 2.0“ statt „E-Mail 2.0“
- Nutzer produzieren Inhalte zwar selbst, strukturell ähnelt das System jedoch einem zentralisierten Medienkonsum-System
Der Zerfall des Nachrichtenvertrauens
- Nutzer, die an algorithmusbasierte Plattformen gewöhnt sind, nehmen Nachrichtenverlust nicht als Problem wahr
- Es verbreitet sich eine von Unmittelbarkeit geprägte Kommunikationskultur, in der man ohne sofortige Antwort nicht einmal mehr glaubt, dass eine Nachricht angekommen ist
- Untersuchungen zufolge vergisst man die meisten in sozialen Medien gesehenen Inhalte innerhalb weniger Sekunden, weshalb sie nicht als zuverlässiges Kommunikationsmittel funktionieren
- Bei einigen Fediverse-Werkzeugen wie Pixelfed und PeerTube kommt es zu ausbleibender Anzeige von Nachrichten, was als strukturelle Grenze kritisiert wird
- Pixelfed will künftig eine Option gegen das Auslassen von Textnachrichten hinzufügen
Der Niedergang von E-Mail und asynchroner Kommunikation
- E-Mail ist ein asynchrones und zuverlässiges Kommunikationsmittel, doch jüngere Generationen nehmen sie als „altmodisch“ oder „formal“ wahr
- Die Postfächer vieler Nutzer haben sich in feedartige Strukturen voller Werbung und Spam verwandelt
- Einige Nutzer halten dagegen an der Inbox-Zero-Strategie fest und nutzen E-Mail weiterhin als Werkzeug für bewusste Kommunikation
Die Ökonomie von „Langeweile“ und Suchtwirkung
- Bestehende Kommunikationsprotokolle wie E-Mail, RSS, IRC und XMPP sind ausgereift, aber nicht profitabel
- Sie liefern keine Dopaminreize und keine Suchtwirkung und sind daher für die Werbeindustrie unattraktiv
- Nicht Kommunikation selbst, sondern „entertainmentisierte Interaktion“ schafft größeren wirtschaftlichen Wert
- Manche Menschen wollten von Anfang an eher Aufmerksamkeit und Konsum als Austausch, und so konnten Big-Tech-Unternehmen gewaltigen Reichtum anhäufen
Zurück zur „echten Kommunikation“
- Persönlich lehnt der Autor den „Mythos der kritischen Masse“ ab, nach dem man mit möglichst vielen verbunden sein müsse
- Statt Verbindung mit allen zu suchen, entscheidet er sich für vertrauenswürdige Kommunikation mit wenigen, aber bedeutungsvollen Menschen
- Er kehrt zu bewusst langweiligen, aber stabilen Mitteln wie E-Mail, RSS, Mailinglisten und Offline-Werkzeugen zurück
- Er nutzt den offlinezentrierten Browser Offpunk, um asynchrone Kommunikation fortzusetzen
- Es gibt Schutzräume für die kleine Zahl von Menschen, die echten Austausch statt vollständiger Vernetzung wollen, und deren Erhalt sieht er als seinen Weg an
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