- Die Feeds sozialer Medien werden zunehmend mit KI- und algorithmisch optimierten Inhalten gefüllt, während echte von Menschen erstellte Inhalte immer weiter verdrängt werden
- Statt echter Verbindung stehen Konsum und auf Engagement ausgelegte Inhalte im Mittelpunkt, wodurch die Menschlichkeit verwässert wird
- Eine von Bots, Spam und KI-generierten Avataren dominierte „Bot-Girl-Ökonomie“ wächst, während die Plattformen eher zuschauen als eingreifen
- Die Nutzerbeteiligung sinkt, und das Interesse der Menschen verlagert sich auf private, geschlossene Kleingruppen-Communitys
- Digitale Kompetenz und plattformseitiges Design mit Fokus auf das Gemeinwohl sind der Schlüssel für den künftigen Wandel sozialer Medien
Der Wandel der sozialen Medien und die aktuelle Krise
- Soziale Medien starteten einst mit dem Versprechen echter menschlicher Verbindung
- Doch heute sind die Feeds voller ständig wiederkehrender Werbung, Clickbait-Inhalte und KI-generierter Beiträge, während echte menschliche Kommunikation immer weiter abnimmt
- Nutzer richten ihren Fokus zunehmend weniger auf Menschen als auf den Consumer (Konsumenten) und den Konsum.
Das Verschwinden echter menschlicher Inhalte
- KI-generierter Spam und Clickbait-Informationen überfluten große Plattformen wie Facebook und Instagram
- Algorithmen priorisieren zur Engagement-Optimierung künstlich erzeugte Texte und Bilder statt echter von Menschen erstellter Inhalte
- Die Plattformen wirken entweder unfähig, diese Entwicklung zu kontrollieren, oder scheuen bewusst vor Eingriffen zurück
- Auf TikTok, Reddit, Facebook und den meisten anderen Plattformen nehmen mit KI, Automatisierung und Bots erstellte Inhalte zu, zugleich ist ein Vertrauensverlust deutlich erkennbar
Der Aufstieg der Bot-Girl-Ökonomie
- Über einfachen Spam hinaus tritt das Phänomen KI-basierter menschlicher Avatare, der „Bot-Girls“, deutlich hervor
- In Verbindung mit Sexwork-Plattformen wie OnlyFans täuschen Avatare emotionale Bindungen zu Nutzern vor und bewegen sie zu Abonnements
- Es ist schwer zu unterscheiden, ob es sich um echte Menschen oder von KI erzeugte Figuren handelt
- Auch Content Creator wiederholen zunehmend algorithmisch optimierte Verhaltensweisen und wählen immer häufiger automatisierte Handlungen
- Sogar gewöhnliche Nutzer ändern ihre Form der Selbstdarstellung, um den Erwartungen der Algorithmen zu entsprechen
Sinkende Beteiligung in sozialen Medien und alternative Strömungen
- Die Engagement-Rate in sozialen Medien insgesamt bricht stark ein
- Facebook und X: durchschnittliche Engagement-Rate 0,15 %, bei Instagram Rückgang der Engagement-Rate um 24 % innerhalb eines Jahres
- Auch bei TikTok und anderen Diensten verlangsamt sich das Wachstum
- Menschen scrollen zwar weiter durch bedeutungsleere Feeds, doch echte Kommunikation ist fast verschwunden
- Zunehmend verlassen sie große Plattformen und wechseln zu Gruppenchats, Discord und föderierten Microblogging-Diensten – also zu „kleinen, langsamen Communitys“
- Für X wurde nach der Übernahme ein Rückgang der Nutzerzahl um 15 % gemeldet, Threads verzeichnete einen starken Rückgang der DAU, Twitch erreichte die niedrigste Watchtime seit vier Jahren
- Dienste wie Substack und Patreon mit Fokus auf echte Abonnenten und tiefere Beziehungen wachsen. Die Achse verschiebt sich von Größe → Bindung/Tiefe
- Auch große Plattformen zeigen mit der stärkeren Betonung von DMs, Circles und privaten Communitys Anzeichen einer Kurskorrektur
Erschöpfung durch soziale Medien und Gegenbewegung
- Durch übermäßige Informationsreize und klickorientierte Mechanismen erleben Nutzer Erschöpfung, Ohnmacht und Phänomene des Digital Detox
- Die Bewegung, Plattformen zu verlassen, Accounts zu deaktivieren oder die Art des Feed-Konsums zu ändern, breitet sich aus
- Auch Celebrities und Creator konkurrieren mit KI-generierten Inhalten und sind zunehmend von Erschöpfung und Burnout bedroht
Der kommende Wandel: Intentionalität, Gemeinwohlorientierung und digitale Kompetenz
- Künftige soziale Medien werden sich voraussichtlich nicht um Massenplattformen, sondern um kleine geschlossene Membership-Communitys und Messaging-Apps neu organisieren
- Beispiel: der Aufstieg von privaten, dezentralen Plattformen wie Signal
- Es braucht eine Debatte über den Gemeingut-Charakter von Algorithmen und Plattformen
- Die Forderung nach Diensten auf Basis von offener Governance, Wahlfreiheit bei Algorithmen, Transparenz und Gemeinwohlorientierung nimmt zu
- Bildung in digitaler Kompetenz und Algorithmuskompetenz wird nicht mehr als individuelle Verantwortung gesehen, sondern als Aufgabe gesellschaftlicher Infrastruktur
- Letztlich müssen sich soziale Medien zu kleinen, langsamen Netzwerken wandeln, die Verständnis und Verbindung in den Mittelpunkt stellen
Eine neue Architektur sozialer Medien: Gemeinwohl und Dezentralisierung
Plattformen als Gemeingut
- Es entsteht eine Bewegung, soziale Medien nicht nur als Dienste privater Unternehmen, sondern als Gemeingut und öffentliche Dienstleistung zu betrachten
- Gesucht werden Modelle mit bürgerlicher Charta und unabhängiger Governance statt staatlicher Kontrolle
- Beispiele: offene Algorithmen, Governance-Boards mit Nutzervertretung, Transparenzprinzipien
Dezentrale Protokolle und neue Experimente
- Auf Dezentralisierung und Interoperabilität ausgerichtete Protokolle wie Mastodon, ActivityPub bei Threads und das AT Protocol von Bluesky werden erprobt
- Technische Dezentralisierung allein reicht jedoch nicht aus; nötig sind echte öffentliche Governance und institutionelle Unterstützung
- Es braucht die Grundlage für ein neues Plattform-Ökosystem, das auf Vertrauen und Zusammenarbeit basiert
Wahlfreiheit bei Algorithmen und Customizing
- Erwartet wird eine Zukunft, in der Nutzer verschiedene Ausspielungsalgorithmen direkt wählen können, etwa chronologische Feeds, Priorisierung gegenseitiger Follows, Orts-/Sprachfilter oder Zufalls-Engines
- Die Wahl des Algorithmus muss sich als technisches Recht und öffentliches Recht etablieren
Herausforderungen der Dezentralisierung
- Dezentrale Netzwerke wie Mastodon und Bluesky zeigen Grenzen wie Personalmangel bei Betreibern, das Spannungsverhältnis zwischen Unabhängigkeit und Sicherheit sowie ideologische Isolation oder Fragmentierung
- Es braucht neue Anreize und Governance-Lösungen, damit alle einen gemeinsamen öffentlichen Diskursraum aufbauen können
Digitale Kompetenz: ein Public-Health-Ansatz
Digitale Kompetenz als kollektive Fähigkeit
- Betont wird Bildung in Algorithmuskompetenz, damit Menschen verstehen können, wie Algorithmen und Designmuster Wahrnehmung und Verhalten beeinflussen
- Im Bildungsbereich soll die Vermittlung von Verständnis für digitale Medienumgebungen in regulären Lehrplänen der Primar- und Sekundarstufe ausgeweitet werden
- Bibliotheken und öffentliche Einrichtungen sollten zu gesellschaftlichen Anlaufstellen für digitale Kompetenz werden, diese Forderung gewinnt an Unterstützung
Veränderungen im Plattformdesign und verhaltensbezogene Schutzmechanismen
- Gefordert werden Schutzmechanismen im Design, etwa standardmäßiger Privatsphärenschutz, verlangsamte Verbreitung viraler Inhalte und Folgenabschätzungen algorithmischer Wirkung
- Plattformen sollen Nutzerrechte schützen können, indem sie ihre eigenen Mechanismen zur Engagement-Steigerung offenlegen
Fazit: Neudesign für neue Verbindungen
- Soziale Medien haben bereits einen Moment des Endes erreicht, doch das ist zugleich der Beginn neuer, menschlicherer Verbindungen
- Der soziale Raum aus Übermaß an Inhalten und Mangel an Bedeutung hat seinen Höhepunkt erreicht, und eine strukturelle Verschiebung hin zu kleinen, langsamen, bewussten und verantwortungsvollen Räumen hat begonnen
- Statt Größe und Viralität braucht es neue Governance- und Designprinzipien, die sich an Verständnis, Vertrauen und Kontext orientieren
- Kleine Communitys, tiefes Vertrauen und bedeutungsvolle Gespräche müssen künftig im Zentrum stehen
- Plattformen und Algorithmen sollten so gestaltet werden, dass sie das Interesse der Gemeinschaft, Verständnis und Verbindung priorisieren
- Wir sind in der Lage, die Probleme bestehender großer Plattformen klar zu erkennen und zugleich bessere digitale Räume zu entwerfen und aufzubauen
- Entscheidend ist, passiven Konsum hinter sich zu lassen und Aufmerksamkeit, Vertrauen und Kommunikation ins Zentrum des Designs zu stellen
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