2 Punkte von GN⁺ 2025-11-22 | 1 Kommentare | Auf WhatsApp teilen
  • Der Richter des Internationalen Strafgerichtshofs (ICC) Nicolas Guillou ist nach US-Sanktionen in eine Lage geraten, in der er aus seinem gesamten digitalen Alltag ausgeschlossen ist
  • Die Sanktionen begannen, nachdem das US-Finanzministerium sechs ICC-Richter und drei Ankläger sanktioniert hatte, nachdem Haftbefehle wegen des Verdachts auf Kriegsverbrechen gegen Israels Premierminister Netanjahu und Verteidigungsminister Gallant erlassen worden waren
  • Seine Konten bei Amazon, Airbnb, PayPal und anderen US-Unternehmen wurden sofort geschlossen, und auch über Expedia gebuchte Reservierungen wurden automatisch storniert, wodurch E-Commerce faktisch unmöglich wurde
  • Da Visa, Mastercard und American Express als US-Zahlungsnetzwerke in Europa de facto eine Monopolstellung haben, wurden auch Bankgeschäfte und Dollar-Zahlungen blockiert
  • Guillou sagt, der Fall zeige den technologischen und finanziellen Einfluss der USA, und fordert die Sicherung digitaler und finanzieller Souveränität der EU sowie die Aktivierung der Blocking Regulation gegen Sanktionen

US-Sanktionen und ihr Hintergrund

  • Die USA verurteilten die Entscheidung des ICC, israelische Führungspersonen wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Zusammenhang mit der Zerstörung des Gazastreifens anzuklagen
    • Daraufhin setzte das US-Finanzministerium sechs ICC-Richter und drei Ankläger auf die Sanktionsliste
  • Der sanktionierte Richter Nicolas Guillou beschrieb seine Lage als eine „digitale Zeitreise zurück in die 1990er vor dem Internet

Ausschluss von digitalen Diensten

  • In einem Interview mit Le Monde sagte Guillou, dass nach den Sanktionen alle mit US-Unternehmen verbundenen Konten geschlossen worden seien
    • Amazon-, Airbnb- und PayPal-Konten wurden sofort geschlossen, Expedia-Buchungen automatisch storniert
    • Da sämtlicher E-Commerce mit Beteiligung von US-Unternehmen untersagt sei, seien Online-Käufe und Reservierungen unmöglich
  • Er erklärte, er sei von den meisten alltäglichen digitalen Aktivitäten ausgeschlossen, und es sei schwer, Transaktionen zu finden, an denen keine US-Unternehmen beteiligt seien

Ausschluss aus dem Finanzsystem

  • Da US-Zahlungsanbieter wie American Express, Visa und Mastercard die europäischen Zahlungsnetzwerke dominieren, ist die Nutzung des Zahlungssystems vollständig blockiert
  • Einige Bankkonten bei Nicht-US-Banken wurden ebenfalls geschlossen, und durch das Verbot von Dollar-Transaktionen und Währungsumtausch ist der Zugang zu Finanzdienstleistungen eingeschränkt

Debatte über digitale Souveränität und die Notwendigkeit einer europäischen Reaktion

  • Der Fall zeigt, wie hoch die Abhängigkeit von US-Technologie- und Finanzinfrastruktur ist
  • Guillou warnt, dass ohne digitale und finanzielle Souveränität Europas auch die Gewährleistung der Rechtsstaatlichkeit schwierig werde
  • Er fordert, dass die EU die Verordnung (EG) Nr. 2271/96, also die „Blocking Regulation“, auf den ICC anwenden solle
    • damit Sanktionen von Drittstaaten wie den USA innerhalb der EU keine Wirkung entfalten können
    • Wenn die Verordnung aktiviert wird, dürfen EU-Unternehmen die US-Sanktionen nicht befolgen und haften bei Verstößen auf Schadensersatz

Kontext der Debatte über digitale Souveränität in Europa

  • Auch beim jüngsten deutsch-französischen Gipfeltreffen war die digitale Souveränität ein zentrales Thema
  • Der Fall Guillou wird in dieser Debatte als konkretes Beispiel für die realen Risiken der Abhängigkeit von den USA genannt

1 Kommentare

 
GN⁺ 2025-11-22
Hacker-News-Kommentare
  • Je häufiger die USA solche Sanktionshebel (leverage) einsetzen, desto eher werden sie am Ende wohl ihre Wirkung verlieren.
    Wie bei den Sanktionen gegen Chinas Halbleitersektor: Anfangs haben sie zwar geschadet, letztlich waren sie aber ein Auslöser dafür, dass China eine eigene Halbleiterindustrie aufgebaut hat.
    Am Ende wird wohl auch die EU denselben Weg gehen.

    • Chinas fortschrittlichster Prozess liegt auf dem Niveau von „7-nm“-Fabs, die international wenig wettbewerbsfähig sind.
      Solange China keine EUV-Anlagen selbst herstellen kann, bleibt die amerikanische EUV-Blockade wirksam.
      Dass China im Westen Meinungskampagnen fährt, wirkt eher wie ein Beleg dafür, dass es technologisch zurückliegt.
    • Chinas Exportbeschränkungen sind ein ähnlicher Fall.
      Kritische Mineralien wie Seltene Erden sind eigentlich nicht selten, doch als China sie zur Waffe machte, schossen weltweit neue Bergbauprojekte aus dem Boden.
      Solche Macht ist letztlich eine Illusion, die verschwindet, sobald man sie einmal einsetzt.
    • Technologiemärkte folgen oft dem Prinzip Winner takes all, aber sobald es um nationale Sicherheit geht, bricht diese Logik zusammen.
    • Es wird angemerkt, dass „leaver“ ein Tippfehler war und „lever“ gemeint ist.
    • Das prägnanteste Beispiel aus China ist die Seltene-Erden-Diplomatie (rare earth diplomacy).
      Damit hat man einen Hebel, der eine entscheidende Waffe hätte sein können, letztlich selbst entwertet.
  • Laut Artikel könnte die EU als Reaktion auf die US-Sanktionen im Zusammenhang mit dem Internationalen Strafgerichtshof (ICC) die bestehende Blocking Regulation (Verordnung (EG) Nr. 2271/96) aktivieren.
    Wenn diese Verordnung greift, dürften EU-Unternehmen die US-Sanktionen nicht befolgen und wären bei Verstößen schadensersatzpflichtig.

    • Die EU steckt derzeit wirtschaftlich und sicherheitspolitisch in einer Zwickmühle.
      Sie steht zwischen dem Druck aus den USA und China, während im Osten Russlands Invasion weitergeht.
      In so einer Lage wären Vergeltungsmaßnahmen riskant, wenn dadurch die Unterstützung der USA verloren gehen könnte.
      Am Ende steigt damit die Wahrscheinlichkeit, dass Russland schnell siegt.
    • Andere reagieren darauf, dass sie nicht ganz verstehen, worauf das hinauswill.
    • Es wird als unwahrscheinlich eingeschätzt, dass die EU diese Verordnung tatsächlich aktiviert.
      Schon beim Iran-Atomabkommen (JCPOA) gab es ähnliche Gesetze, die ebenfalls nicht genutzt wurden.
      Eher dürfte die EU sich wieder für eine Zeitspiel-Strategie entscheiden, zumal sie selbst Journalisten sanktioniert.
      Verwandter Artikel: EU travel ban on three journalists
  • Originalartikel: Le-Monde-Artikel
    Archiv: archive.is/TleMk

  • Das Problem sei, dass die EU-Führung in der Praxis keine bedeutungsvollen Maßnahmen ergreift.
    Wenn sie digitale Souveränität wolle, müsste sie Cloud-Dienste in ausländischem Besitz und Closed-Source-Software verbieten und auf eigene Technologie umsteigen.
    Stattdessen arbeitet sie weiter mit Unternehmen wie IBM und Microsoft zusammen.
    Wie schon bei Safe Harbour oder den Cookie-Regeln werde eher die Sprache geändert als tatsächlich gehandelt.

    • Der Wandel gehe zwar langsam, aber die Skepsis gegenüber der Abhängigkeit von den USA wachse bereits.
      Das zeige sich etwa beim Waffenkauf, und das Vertrauen in die USA erodiere langfristig.
    • Um digitale Souveränität zu erreichen, brauche es wirtschaftlichen Protektionismus, doch das kollidiert mit einem Kernwert der EU, nämlich dem Abbau von Handelsbarrieren.
      Werte-Dokument der EU: EU aims and values
    • Die EU-Führung sei korrupt und den Interessen amerikanischer Unternehmen untergeordnet.
      Selbst Kartellstrafen würden nur als bloße „Kosten des Geschäfts“ betrachtet.
      Am Ende sei das ein System, dem das Wohlergehen der Bürger gleichgültig ist.
  • Die USA haben diese Strategie der Instrumentalisierung von Wirtschaftssanktionen über lange Zeit verfeinert.
    Die meisten globalen Unternehmen haben Vermögenswerte oder Geschäftsgrundlagen in den USA, sodass Verstöße gegen Sanktionen mit massiven Bußgeldern geahndet werden.

    • Auch die EU bereite als Gegenmaßnahme Gegensanktionen vor.
      Falls sie wirklich in Kraft treten, könnten Unternehmen am Ende auf beiden Seiten Bußgelder zahlen müssen.
      Realistisch passiert wahrscheinlich gar nichts, aber es könnte ein Signal für eine Entkopplung der EU- und US-Märkte sein.
    • Auch die scherzhafte Reaktion „Jetzt weiß ich endlich, warum Cloudflare ausgefallen ist“ taucht auf.
  • Beim Beispiel „Amazon-, Airbnb- und PayPal-Konten wurden alle geschlossen, und die Expedia-Buchung wurde storniert“ wird infrage gestellt, ob solche Maßnahmen rechtmäßig sind.

    • Nach US-Recht müssen Unternehmen das tun, wenn eine Regierungsanordnung vorliegt.
      Moralisch ungerecht, aber rechtlich zulässig.
    • Unternehmen haben das Recht, frei zu entscheiden, mit wem sie Geschäfte machen.
    • So wie US-Unternehmen frei sind, ausländische Kunden zu sperren, sind auch ausländische Regierungen frei, US-Unternehmen zu verbieten.
    • Die meisten Dienstkonten basieren auf nicht garantierten Vertragsverhältnissen und können daher ohne Vorankündigung gekündigt werden.
      Ausnahmen sind nur teure Enterprise-Konten.
  • Dass alle Dollar-Transaktionen der US-Regulierung unterliegen, ist nichts Neues.
    Das wurde im Bankensektor schon Anfang der 1990er Jahre so vermittelt.
    Wenn etwa in der Schweiz ein äthiopischer Waffenhändler russische Produkte in Dollar handelt, können die USA eingreifen.

  • Von der extraterritorialen Zuständigkeit einer Institution sanktioniert zu werden, die man selbst nicht anerkennt, dürfte sich wirklich unerquicklich anfühlen.

    • Im aktuellen ICC-Fall geht es allerdings um Verbrechen in einem Vertragsstaat des Römischen Statuts, also nicht um extraterritoriale Zuständigkeit.
      Außerdem ist die eine Seite Kriegsverbrechen, die andere eher Verwaltungssanktionen — das lässt sich nur schwer vergleichen.
    • Man könne es als Frage lesen, wer hier stärker im Unrecht behandelt wird
      (1) der israelische Premierminister und Minister, die von einem französischen Richter untersucht werden, oder
      (2) der Richter, der mit US-Sanktionen belegt wird.
    • Israel war tatsächlich einmal Unterzeichner des Römischen Statuts, zog die Unterschrift aber 2002 zurück.
      Deshalb ist die einfache Analogie mit „extraterritorialer Zuständigkeit“ unzutreffend.
    • Es gibt auch einen scherzhaften Einwurf, dass die DSGVO ebenfalls nervig sei.
  • Im Artikel wird nur der Fall des französischen Richters Nicolas Guillou erwähnt, tatsächlich betreffen die Sanktionen aber sechs Richter und drei Staatsanwälte.
    Für die Betroffenen aus anderen Ländern als Frankreich könnte das sogar im eigenen Land bedeuten, dass Kartenzahlungen oder Bargeldabhebungen kaum noch möglich sind.

  • Der Ton in diesem Thread unterscheidet sich deutlich von der Stimmung in der Diskussion über Ofcoms Geldstrafe gegen 4chan.