- Mit der Zulassung von Journavx (Suzetrigin) von Vertex Pharmaceuticals durch die FDA gibt es nun erstmals ein nicht-opioidbasiertes Schmerzmittel für postoperative Schmerzen
- Journavx hemmt selektiv den NaV1.8-Natriumionenkanal und blockiert damit bereits die Weiterleitung von Schmerzsignalen selbst in den peripheren Nerven statt im zentralen Nervensystem
- Das Medikament gilt als innovative Lösung, die die gesellschaftlichen Probleme von Opioiden adressieren könnte, da Nebenwirkungen wie Abhängigkeit, Toleranzentwicklung und Entzugssymptome ausbleiben
- Der Entwicklungsprozess erforderte mehrere Rückschläge und jahrzehntelange Forschungsinvestitionen, wobei umfangreiches Hochdurchsatz-Screening von Molekülen und verbesserte Selektivität eine Schlüsselrolle spielten
- Für chronische Schmerzen ist Journavx bislang noch nicht zugelassen, gilt aber bereits als wichtiger erster Schritt zur Minimierung des Opioideinsatzes
Geschichte und Probleme opioidbasierter Schmerzmittel seit dem 19. Jahrhundert
- Die Erfindung der Anästhesie revolutionierte die Medizin des 19. Jahrhunderts, doch bei der Linderung postoperativer Schmerzen blieb man lange auf Opioide angewiesen
- Opioide waren wegen ihrer schnellen, starken und breit wirksamen Schmerzlinderung anderen Medikamenten deutlich überlegen, verursachten jedoch Probleme wie Abhängigkeit und Überdosierungen
- Opioide wirken, indem sie an die Mu-Opioid-Rezeptoren im Gehirn binden und so Schmerzsignale blockieren
- Der menschliche Körper produziert zwar eigene Opioide wie Endorphine, deren Wirkung ist jedoch sehr kurzlebig und schwach
- Opioide können auch Euphorie auslösen; insbesondere bei falscher Anwendung steigt die Dopaminausschüttung im Gehirn und damit das Suchtpotenzial
- Bei langfristiger Überdosierung entsteht Toleranz, während das natürliche Opioidsystem des Körpers geschwächt wird, was einen Teufelskreis aus immer höheren Dosen erzeugt
Der Beginn der Opioidregulierung
- Ende des 19. Jahrhunderts wurden mit verschiedenen Opioiden wie Morphin, Codein und Heroin sowie der Entwicklung der Spritze entsprechende Arzneimittel breit verfügbar
- In den USA wurde die weite Verschreibung und der Missbrauch von Opioiden wie Heroin zu einem gesellschaftlichen Problem
- Daraufhin begann 1914 mit dem Harrison Narcotic Act die Regulierung von Opioiden
Periphere Lösungen: der neue Mechanismus von Journavx
- Journavx (Suzetrigin) wirkt im Unterschied zu klassischen Opioiden nicht im Gehirn, sondern in den peripheren Nerven
- Das Medikament blockiert insbesondere den NaV1.8-Natriumionenkanal und hemmt dadurch die Signalweiterleitung in peripheren Nozizeptoren
- Anders als Medikamente, die Schmerzsignale im Gehirn blockieren, unterbindet es bereits die Entstehung des Schmerzsignals, wodurch zentrale Nebenwirkungen oder euphorisierende Effekte ausbleiben
- Da NaV1.8-Kanäle im zentralen Nervensystem kaum vorkommen, verursacht Journavx weder Abhängigkeit noch Nebenwirkungen wie verlangsamte Atmung oder Herzfrequenz
Warum die Entwicklung nicht-opioider Schmerzmittel so schwierig ist
- Schmerz ist keine Erkrankung mit nur einer Ursache, sondern ein komplexer Signalweg, der mit vielen Körperfunktionen wie Blutdruck, Immunsystem und Atmung verknüpft ist
- Frühere Entwicklungsansätze mit anderen Wirkstoffen, etwa TRPV1-Hemmern oder Nerve-Growth-Factor-Hemmern, führten entgegen den Erwartungen zu negativen Effekten wie gestörter Temperaturregulation oder beschleunigten Gelenkschäden
- Da Schmerz selbst ein Schutzsignal des Körpers ist, ist es in der Praxis schwierig, nur ganz bestimmte Signale selektiv zu blockieren
Entdeckung der NaV-Kanäle und genetische Forschung
- Vertex und andere Unternehmen verfügen über viel Erfahrung in der Entwicklung von Medikamenten auf Basis von Ionenkanälen und entdeckten so, dass verschiedene Natriumkanäle wie NaV1.7 und NaV1.8 mit Schmerzsignalen zusammenhängen
- Bei Patienten mit NaV1.7-Defekten zeigen sich entweder extreme Schmerzen (Man-on-Fire-Syndrom) oder angeborene Schmerzunempfindlichkeit, was die Rolle des Kanals genetisch belegte
- Dennoch scheiterten Medikamente zur vollständigen Hemmung von NaV1.7 in klinischen Studien. Später zeigte sich, dass der Mangel dieses Kanals vielmehr mit einer erhöhten Produktion körpereigener Schmerzmittel (Enkephaline) zusammenhängt
Die Rolle von NaV1.8 und die Sicherung der Selektivität
- Auch der NaV1.8-Kanal wurde durch Studien zu Genmutationen als wichtiger Signalweg für die Schmerzübertragung bestätigt
- Er kommt vor allem in peripheren Nerven vor und erschien deshalb als Zielstruktur, die sich ohne Sorge vor zentralen Nebenwirkungen ansteuern lässt
- In Mausversuchen zeigte sich bei einem Mangel an NaV1.8 eine deutlich verringerte Aktivität schmerzleitender Nerven
Hochdurchsatz-Screening und Wirkstoffentdeckung bei Vertex
- Mit Technologien wie E-VIPR konnte Vertex mehr als 50.000 Verbindungen pro Tag analysieren und durchsuchte Millionen von Molekülen, um Kandidaten zu finden, die unter neun wichtigen Natriumkanälen selektiv nur auf NaV1.8 wirken
- Klinische Kandidaten der dritten Generation (VX-150, VX-128, VX-961) scheiterten wiederholt oder wurden wegen Nebenwirkungen und Toleranzproblemen eingestellt
- Am Ende zeigte VX-548 (Suzetrigin) eine herausragende Selektivität und Wirksamkeit und belegte in klinischen Phase-2- und Phase-3-Studien eine Wirkung bei akuten Schmerzen bei minimalen Nebenwirkungen
- Von der FDA erhielt das Mittel Einstufungen für beschleunigte Prüfverfahren wie Fast Track und Breakthrough Therapy
- Im Januar 2025 erfolgte mit der endgültigen FDA-Zulassung die Markteinführung des ersten nicht-opioiden Medikaments gegen akute Schmerzen
Grenzen und künftige Richtung
- Für die Indikation chronische Schmerzen ist Journavx bislang weder zugelassen noch ausreichend validiert
- Die Wirksamkeit wurde vor allem in Studien zu akuten postoperativen Schmerzen nachgewiesen, überwiegend bei Frauen, etwa nach Operationen am großen Zeh oder Bauchdeckenstraffungen
- Im US-Versicherungssystem ist die Kostenübernahme unklar, und im Vergleich zu bestehenden günstigen Opioid-Acetaminophen-Kombinationen sind die Kosten höher
- Bei Wirkdauer und Wirksamkeit übertrifft es bestehende Opioid-Kombinationspräparate nicht
- Vertex erforscht nun noch stärkere und selektivere NaV1.8-Blocker der nächsten Generation sowie Upgrades in Kombination mit NaV1.7
- Journavx wurde über 27 Jahre Forschung und Entwicklung, mehrere Milliarden Dollar, Millionen von Verbindungen und Daten von Tausenden Patienten hinweg entwickelt und ist damit ein komprimiertes Ergebnis moderner Pharmaforschung
Fazit
- Journavx (Suzetrigin) gilt als das erste nicht-opioide Schmerzmittel, das die gesellschaftlichen Nebenfolgen von Opioiden ersetzen könnte
- Trotz bestehender Grenzen dürfte es als Auftakt zu einem grundlegenden Wandel für Schmerzpatienten und das Gesundheitswesen dienen
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