Wenn man Ihnen sagt, dass es Ihnen an Empathie fehlt, liegt das eigentliche Problem vielleicht nicht bei der Empathie, sondern bei der „Angst“.
(online.kru.community)Die meisten amerikanischen Gründer-CEOs, die ich in den vergangenen 13 Jahren als CEO-Coach begleitet habe, waren „Nerds“ mit Abschlüssen von Eliteuniversitäten.
Viele von ihnen sagten mir Folgendes: „Ich glaube, mir fehlt Empathie.“
Wenn ich fragte, warum sie das denken, kamen meist eine von zwei Antworten zurück.
Weil ein Mitgründer oder der Lebenspartner (oder eine Freundin bzw. ein Freund) das so beurteilt hatte,
oder weil das Ergebnis eines bestimmten Tests wie etwa MBTI das so bewertet hatte.
Ich bin selbst auch ein „Nerd“.
Und auch ich habe einmal gehört, dass es mir an Empathie fehle.
Damals gab es für mich jedoch eine Sache, die mir seltsam vorkam.
Gerade wenn ich versuchte, für die andere Person zu handeln, bekam ich oft zu hören, dass mir Empathie fehle.
So kam es, dass ich eigentlich für die andere Person handelte, diese das aber nicht wertschätzte und mir stattdessen sogar vorwarf, ich hätte zu wenig Empathie. Das löste in mir Verwunderung und Frustration aus, und wenn sich solche Situationen wiederholten, führte das in manchen Beziehungen am Ende sogar zu Groll.
Es war wirklich quälend.
Eines Tages stieß ich dann auf Forschungsergebnisse, nach denen die Empathiefähigkeit ganz natürlich sinkt, solange man Angst oder Unsicherheit empfindet.
Und ich erkannte drei wichtige Dinge.
- Im Rückblick stellte ich fest, dass viele meiner Handlungen, die ich für die andere Person tat, in Wirklichkeit aus meiner damaligen Angst heraus entstanden waren. (Beispiel: Ich versuche hastig, das Problem der anderen Person zu lösen, weil ich Angst habe, dass sie sonst weiter leiden muss.)
- Ich bin nicht ein Mensch, dem es grundsätzlich an Empathie fehlt. Vielmehr kann meine Empathiefähigkeit je nach Situation vorübergehend nachlassen, und das kann nicht nur mir, sondern jedem passieren.
- Selbst wenn ein Verhalten noch so sehr „für“ die andere Person gedacht ist, kann es ihr dennoch nicht helfen, wenn dieses Verhalten aus meiner Angst entsteht, weil ich dann ganz natürlich in einem Zustand verringerter Empathie handle.
Die zweite Erkenntnis löste die Selbstvorwürfe, die ich damals empfand, und gab mir die Freiheit, statt Selbstanklage Schuldgefühl zu wählen.
Und als ich die Selbstvorwürfe loslassen und mich für Schuldgefühl entscheiden konnte, fand ich auf Basis der dritten Erkenntnis auch wieder die innere Ruhe und Flexibilität, nach anderen Wegen zu suchen, wie ich der anderen Person wirklich helfen kann.
Wenn ein Mitgründer, ein Lebenspartner oder eine Freundin bzw. ein Freund Sie als jemanden beurteilt, dem es an Empathie fehlt, dann hoffe ich, dass Sie das nicht einfach glauben. Wenn man das glaubt, gerät man leicht in einen Teufelskreis aus Selbstvorwürfen. Schauen Sie stattdessen ehrlich und gründlich darauf, aus welchem Gefühl Ihr damaliges Verhalten entstanden ist. Das führt mit höherer Wahrscheinlichkeit zu konstruktiveren Ergebnissen, als die Bewertung anderer einfach zu übernehmen.
Weil es vielleicht hilfreich ist, habe ich die Forschungsergebnisse übersetzt, auf die ich damals gestoßen bin.
Wie Angst die Empathiefähigkeit verringert / Jeremy Adam Smith
Wussten Sie, dass in dem Moment, in dem wir unter Stress stehen, unsere Fähigkeit, die Gefühle anderer nachzuvollziehen, abrupt sinkt? Dieses Phänomen entsteht, weil Angst uns extrem selbstbezogen macht.
- Warum Empathie bei Angst nachlässt
- Wenn die Angst zunimmt, richten sich unsere Gedanken fast vollständig auf uns selbst.
- Das ist so, als würde man am Flughafen hektisch umherrennen, weil man fürchtet, den Flug zu verpassen, und dabei weder auf die Mimik noch auf die Stimmung der Menschen um sich herum achtet.
- Das bedeutet, dass unsere Fähigkeit schwächer wird, eine Situation aus der Perspektive anderer zu sehen.
- In einem solchen Zustand wird es schlagartig viel schwieriger, die Sichtweise anderer präzise zu verstehen.
- Vergleich der Auswirkungen von Angst auf Empathie
- Das Forschungsteam versetzte die Teilnehmenden in Gefühlszustände wie Angst, Wut, Ekel, Verlegenheit und Stolz.
- Im Ergebnis zeigten sie bei Angst oder Verlegenheit mehr egozentrische Antworten als in anderen emotionalen Zuständen.
- Wenn sie wütend waren oder Stolz empfanden, war die Empathiefähigkeit vergleichsweise weniger beeinträchtigt.
- Die Forschenden stellten fest, dass all diese Emotionen mit Unsicherheit zusammenhängen.
- Wut gibt das Gefühl, im Recht zu sein, während Angst und Verlegenheit das Gefühl auslösen, dass vielleicht das Schlimmste passieren könnte, weil man nicht weiß, was als Nächstes geschieht.
- Wie lief der Perspektivwechsel-Test ab?
- Die Forschenden ließen die Teilnehmenden verschiedene Tests zum Perspektivwechsel (perspective taking) durchführen.
- In einem Test ging es darum, in einer Situation mit einem Tisch voller Gegenstände zu erkennen, dass links und rechts für mich anders aussehen als für eine andere Person.
- In einem weiteren Experiment sollte man aus Sicht des Empfängers beurteilen, ob eine an jemanden gesendete E-Mail sarkastisch gemeint war oder nicht.
- Der bekannteste Test ist die Geschichte von der „Lasagne in der blauen Schüssel“; dabei geht es um die Frage: „Weiß die andere Person, was ich weiß?“
- Ängstliche Menschen neigten eher zu dem Irrtum: „Ich weiß ja, dass es Spaghetti sind, also wird Anna das auch wissen.“
- Je stärker die Angst, desto stärker die Egozentrik
- Je höher das Angstniveau war, desto stärker war auch die egozentrische Tendenz der Teilnehmenden.
- Interessanterweise gab es bei gewöhnlichen Aufgaben ohne Perspektivwechsel keinen Unterschied zwischen der ängstlichen und der nicht ängstlichen Gruppe.
- Das bedeutet, dass Angst nicht einfach nur Intelligenz oder Konzentration verschlechtert, sondern die Fähigkeit selbst stört, die Sichtweise anderer zu berücksichtigen.
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