- Während Smartphone- und Gaming-Sucht meist als Problem von Jugendlichen wahrgenommen werden, rückt der jüngste starke Anstieg der Bildschirmnutzung unter älteren Menschen als neues gesellschaftliches Phänomen in den Fokus
- Da die Generation ab den 60ern bereits mit digitaler Technik vertraut in den Ruhestand eintritt, nimmt die Nutzung von Smartphones, Tablets und Smart-TVs sprunghaft zu
- Besonders die Online-Aktivitäten älterer Menschen kommen zusätzlich zur bisherigen Fernsehnutzung hinzu, sodass die gesamte Bildschirmzeit höher ist als bei Jüngeren
- In Korea, Japan und China ist das Risiko einer Smartphone-Sucht im Alter bereits zu einem gesellschaftlichen Thema geworden; Nebenwirkungen wie Schlafmangel und weniger körperliche Aktivität wurden gemeldet
- Fachleute betonen jedoch auch die positiven Seiten: Online-Aktivitäten können soziale Verbundenheit und den Erhalt kognitiver Fähigkeiten fördern; zudem wird künftig auch ein Potenzial von VR zur Verbesserung der psychischen Gesundheit gesehen
Eine neue digitale Generation im Alter
- Die Verbreitung digitaler Technologien dringt nicht nur tief in den Alltag der jungen Generation ein, sondern auch in den der Älteren
- Bis Anfang der 2010er Jahre besaßen nur 20 % der US-Amerikaner über 65 ein Smartphone, heute sind die meisten mit Internet und Apps vertraut
- Laut dem Marktforschungsinstitut GWI ist bei den Über-65-Jährigen der Besitz von Tablets, Smart-TVs, E-Readern und Desktop-PCs höher als bei den Unter-25-Jährigen
- Mehr Freizeit nach dem Ruhestand und soziale Isolation verstärken die Abhängigkeit von digitalen Geräten
- In Großbritannien sehen Menschen über 75 im Schnitt 5,5 Stunden täglich fern, 5 Stunden mehr als die 16- bis 24-Jährigen
Der Seniorenmarkt als neues Ziel der Tech-Unternehmen
- Große Unternehmen wie Apple entwickeln aktiv Produkte mit erweiterten Funktionen für ältere Menschen
- Beispiele sind Ohrhörer mit Hörgerätefunktion oder Apple-Watch-ECG-Modelle mit automatischer Meldung bei Stürzen
- Derzeit besitzen rund 17 % der Über-65-Jährigen eine Smartwatch
- Rund 20 % der 55- bis 64-Jährigen besitzen eine Spielkonsole; die Zeit wandelt sich von „Golf im Ruhestand“ zu „GTA im Ruhestand“
Der sprunghafte Anstieg der Bildschirmzeit
- Während die Nutzungszeit für TV und Radio stabil bleibt, kommen Social Media, Games und Streaming zusätzlich hinzu, wodurch die gesamte Bildschirmzeit steigt
- Menschen über 65 in Großbritannien verbringen täglich mehr als 3 Stunden online mit Smartphone, PC oder Tablet
- Einschließlich TV ist ihre gesamte Screen-Time höher als die der Jüngeren
- Eine Studie aus Korea zeigt, dass 15 % der 60- bis 69-Jährigen zur Risikogruppe für Smartphone-Sucht gehören; in China wurde ein Zusammenhang mit schlechterer Schlafqualität festgestellt
Verletzlichkeit älterer Menschen und neue Risiken
- Ältere Menschen nutzen Geräte, die mit Finanzkonten verknüpft sind, und sind daher Betrug und Käufen in Spielen ausgesetzt
- Messenger wie WhatsApp gelten als wichtige Kanäle, auf die Betrüger es abgesehen haben
- Zudem fehlt es an Systemen zur Überwachung und Begrenzung, wodurch Probleme oft spät erkannt werden
- Anders als Jugendliche, die von Lehrkräften oder Eltern kontrolliert werden, müssen ältere Menschen ihre Nutzungszeit selbst regulieren
- Bei einigen Patienten wurden Schlaflosigkeit und Angstzustände auf die Furcht vor Online-Betrug oder Social-Media-„Doomscrolling“ zurückgeführt
Positive Seiten und Effekte auf die psychische Gesundheit
- Online-Aktivitäten tragen dazu bei, soziale Isolation zu lindern
- Zoom-Gottesdienste, Online-Yoga und Lesekreise bieten älteren Menschen, denen das Ausgehen schwerfällt, psychischen Trost und ein Gemeinschaftsgefühl
- Musik- und Videoplattformen helfen beim Erinnern an frühere Zeiten und bei emotionaler Stabilisierung
- Da diese Generation bereits gefestigte Beziehungen hat, stärkt das Smartphone Beziehungen eher, als dass es sie stört
- Einige Studien beobachten, dass die Nutzung digitaler Geräte den kognitiven Abbau verlangsamen kann
- Eine Metaanalyse mit mehr als 400.000 Teilnehmenden zeigte bei Geräte-Nutzern über 50 eine geringere Rate des kognitiven Abbaus
Der nächste Schritt: Ausweitung auf Virtual Reality
- Fachleute bewerten, dass VR-Erfahrungen älteren Menschen bei der emotionalen Erholung helfen können
- Eine 85-jährige Patientin mit Depressionen erlebte emotionale Heilung durch eine VR-Rekonstruktion ihres Elternhauses und ihrer Schule aus der Kindheit
- Solche Fälle zeigen das Potenzial als neues Werkzeug für die Behandlung psychischer Gesundheit im Alter
- Letztlich deutet der Anstieg der Bildschirmnutzung unter älteren Menschen über die bloße Sorge vor Sucht hinaus auf das Aufkommen einer digitalen Alterskultur hin
5 Kommentare
Das ist Black Mirror.
Heutzutage gibt es sogar so viele Deepfake-Fake-News, dass ich es für noch gefährlicher halte.
Ich denke, das Problem ist eher, was man anschaut; wie lange man auf einen Bildschirm schaut, ist wohl kein großes Problem.
Es fühlt sich so an, als seien Dinge wie Zeitungen, Radio und Anschlagtafeln von früher einfach durch das Smartphone ersetzt worden.
Hacker-News-Kommentare
Link zur Archivkopie dieses Artikels
Mein Vater hat früher die Ethernet-Kabel unserer Familie zusammengebunden und im Schrank versteckt.
Der Knoten war auf eine besondere Weise gemacht, die nur er binden konnte, also haben wir uns nicht getraut, ihn anzurühren, aus Angst, dass er merkt, wenn wir alles wieder anschließen.
Damit wollte er verhindern, dass wir den ganzen Sommer lang in Spielen wie Runescape oder Miniclip versinken.
Wenn ich ihn heute den ganzen Tag durch soziale Medien scrollen sehe, ist das ziemlich ironisch.
Es überrascht mich umso mehr, weil er früher intellektuell sehr anregende Arbeit gemacht hat.
Ich glaube, bei den meisten Eltern dieser Generation ist es ähnlich, und deshalb hasse ich YouTube und Kurzvideos inzwischen noch mehr.
Alte Menschen, Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind alle bildschirmsüchtig.
Ich halte das für die größte Pandemie der Menschheitsgeschichte.
Dazu kommt, dass Großkonzerne jeden Monat Milliarden Dollar ausgeben, um es noch süchtig machender zu machen.
In den 1970ern nannte man es die „plug-in drug“, und Hausfrauen schauten den ganzen Tag Gameshows und Seifenopern.
Letztlich ist es wohl nur ein Mittel gegen Langeweile.
Die heutigen OLED-Bildschirme, kabellosen Kopfhörer und personalisierten Inhalte sind der Höhepunkt der vom Menschen geschaffenen Informationsumgebung.
So wie Fettleibigkeit ein Nebenprodukt des Überflusses ist, ist Bildschirmsucht einfach ein Produkt des Überflusses.
Meine Eltern sind auch völlig am iPad hängen geblieben.
Früher haben sie kaum Computer benutzt, aber seit ihren späten 60ern scrollen sie den ganzen Tag.
Es überrascht mich immer wieder, wenn sie mitten im Gespräch plötzlich das iPad hervorholen und aus der Realität aussteigen.
Es fühlt sich an, als würden sie ganz unbewusst den Bildschirm einschalten, so wie jemand einen Zug an der Zigarette nimmt.
Mitten im Gespräch schaut die Person aufs Handy und kommt dann zurück und bittet uns, die verpassten Stellen noch einmal zu erklären.
Ich bräuchte Rat, wie man mit so einer Situation umgehen sollte.
Link zum Business-Times-Artikel
Ich debugge gerade, weil die Archivseite in Safari nicht funktioniert.
Ich bin selbst ein Senior und höre, wenn es mir gesundheitlich nicht gut geht, Radio oder klassische Musik oder lese Hacker News.
Meine Neugier auf Technik und Informationen ist immer noch groß.
Gestern war ich wandern, aber an manchen Tagen verbringe ich den Tag einfach damit, auf einen Bildschirm zu schauen.
Das iPad auf dem Klavier, das Kameradisplay, das Foto des Sonnenaufgangs am Morgen — Bildschirme sind Teil meines Alltags geworden.
Dass die Generation unserer Eltern wegen viel freier Zeit und weniger Alternativen den Bildschirmen verfällt, ist nur natürlich.
Ich habe meiner Mutter ein Tablet gekauft und ReVanced YouTube, Twitter und VLC installiert.
Jetzt nutzt sie in unserem Haus das NAS am meisten, liest Bücher auf dem Kindle und ist über Signal immer erreichbar.
Ich finde das besser, als nur fernzusehen und Papierbücher zu lesen.
Letztlich ist die Freizeit eben so verlaufen. Statt der von Keynes vorhergesagten 15-Stunden-Woche sind es nun Kinder und alte Menschen, die nicht arbeiten.
Meine Eltern haben mir früher auch Vorwürfe gemacht, weil ich so lange vor dem Computer saß,
und jetzt kleben sie nach der Rente den ganzen Tag am Smartphone.
Inzwischen hat YouTube den Platz des Fernsehens vollständig übernommen.
Ich bin gerade aus Reno zurückgekommen, und dort saßen Hunderte ältere Menschen den ganzen Tag an Video-Spielautomaten.
Ich bin in Vegas aufgewachsen, also überrascht mich das nicht, aber es ist die pure Realität.
In schlimmen Fällen gehen sie nicht einmal zur Toilette und erledigen es direkt dort.
Ich sehe jeden Tag, wie alte Menschen auf YouTube KI-generierte Fake-Videos anschauen und ihr Gehirn verrottet.
Irgendwann müssen YouTube und Big Tech dafür Verantwortung übernehmen.
Die meisten Menschen sind einfach zu bequem zum Denken und geben sich lieber mit Bildschirmen zufrieden.
Technik hat dieses Bedürfnis nur effizienter gemacht.
Vielleicht, weil sie stimulierender ist als Nachrichten oder Dramen.
warum sollte es bei YouTube anders sein?
Mir gefällt an diesem Artikel, dass er den Generationenkonflikt-Frame vermeidet.
Aber die Generation, die jetzt in Rente geht, ist faktisch die frühe Gen X.
Wer 1965 geboren wurde, wird dieses Jahr 60 und gehört zu einer Generation, die schon als Teenager Spielkonsolen und PCs erlebt hat.
Letztlich ist die Gruppe der „Alten“ nichts Starres, sondern nur der Prozess, in dem eine digitale Generation altert.
Auch wir werden irgendwann dort stehen.
Trotzdem haben sie mir schon Anfang der 80er einen Atari gekauft und früh Internet angeschlossen, also waren sie technikfreundlich.
Vielleicht sind sie Boomer, die eher wie Gen X gelebt haben.
Meine Eltern kleben auch am Smartphone, und Social-Media-Algorithmen machen unabhängig vom Alter süchtig.
Gen X ist eher eine Übergangsgeneration, die sowohl die Welt vor als auch nach dem Internet erlebt hat.
„Ältere Menschen, Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind alle bildschirmabhängig“ schluchz