- Die Verbreitung von GLP-1-basierten Medikamenten zur Gewichtsreduktion erhöht das Verlustrisiko für Lebensversicherer, weil bestehende Risikomodelle nicht mehr korrekt greifen
- Bei GLP-1-Anwendern verbessern sich zentrale Gesundheitskennzahlen wie BMI, Blutdruck, Blutzucker und Cholesterin kurzfristig, sodass sie beim Versicherungsabschluss häufig als risikoarm und gesünder als tatsächlich eingestuft werden
- Rund 65 % setzen GLP-1 innerhalb eines Jahres wieder ab, und bei den meisten kehren Gewicht und Gesundheitswerte auf das Ausgangsniveau zurück, wodurch sich das Problem des „Mortality Slippage“ (Unterschätzung des Risikos) verschärft
- Versicherer reagieren mit strengeren Fragen zur Gesundheitshistorie, Nachweisen über langfristig gehaltene Gewichtsabnahme und BMI-Korrekturen, stoßen damit aber an grundsätzliche Grenzen
- Unternehmen, die Langzeittherapie und Adherence-Management erfolgreich umsetzen, werden sich große Partnerschaften mit Versicherern sichern; wichtig sind konkrete Lösungen wie die einfache Verschreibung bzw. Wiederaufnahme im 3-Monats-Rhythmus
Eindrücke von der Konferenz und Problemwahrnehmung
- Auf der HLTH in Amsterdam nahmen die Diskussionen über GLP-1-Medikamente und ihre Auswirkungen auf die Versicherungsbranche stark zu
- In der Versicherungsbranche verbreitet sich die grundlegende Frage: „Wie reagieren wir auf die Ausbreitung dieser Medikamente?“
Die Struktur der Risikobewertung bei Lebensversicherern
- Lebensversicherer stützen sich auf über Jahrzehnte gesammelte Sterblichkeitsdaten; die Genauigkeit bei Prämienkalkulation und Ergebnisprognosen liegt bei 98 %
- Im Underwriting werden Risiken anhand zentraler Gesundheitswerte wie HbA1c, Cholesterin, Blutdruck und BMI beurteilt
- Genau diese vier Kennzahlen werden durch GLP-1-Medikamente am schnellsten verbessert, sodass sich das Risikoprofil innerhalb von 6 Monaten vollständig verändern kann
Die von GLP-1 erzeugte „Gesundheitsillusion“ und das Risiko für Versicherer
- Beispiel: Ein 42-jähriger Antragsteller hat einen BMI von 25 (normal), unauffällige Gesundheitschecks und keine Verschreibungshistorie → der Versicherer stuft ihn als risikoarm ein
- Tatsächlich lag sein BMI ein Jahr zuvor bei 32 (adipös), er hat mit GLP-1-Medikamenten 14 kg abgenommen und weist ein metabolisches Syndrom als Grunderkrankung auf
- Mehr als 65 % setzen die Einnahme innerhalb eines Jahres ab → bei den meisten kehren Gewicht und Gesundheitswerte zurück
- Innerhalb von 2 Jahren normalisieren sich bei den meisten wieder BMI, Blutdruck, Blutzucker und Cholesterin
- Dadurch verkaufen Versicherer 30-jährige Policen für Niedrigrisiko-Kunden faktisch an Hochrisiko-Kunden
- In der Versicherungsbranche wird das „Mortality Slippage“ genannt
- Seit 2019 ist die Quote des Mortality Slippage von 5,8 % auf 15,3 % gestiegen (etwa 1 von 6 Fällen ist falsch bepreist)
Strategien der Versicherer
- Änderung der Fragestellung:
- Bisher: „Gab es in den letzten 12 Monaten Gewichtsveränderungen?“ →
„Hat sich Ihr Gewicht in den letzten 12 Monaten durch Medikamente zur Gewichtsreduktion um mehr als 10 kg verändert?“
- Durch die konkrete Angabe (10 kg) sollen präzisere Antworten erreicht werden
- Je nach Antwort:
- sofortige Ablehnung des Antrags
- Anforderung eines Nachweises, dass das Gewicht mindestens 1 Jahr gehalten wurde
- Risikokorrektur (zusätzliche Berücksichtigung von BMI +2 bis +3)
- Doch auch dieser Ansatz ist keine grundlegende Lösung, sondern nur ein Provisorium
Versicherung und Adherence als Geschäftschance
- Versicherer betrachten GLP-1 derzeit als kurzfristiges Werkzeug zur Gewichtsreduktion
- Tatsächlich gibt es belastbare Daten, dass langfristige Einnahme Adipositas, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Sterblichkeit verbessert
- Unternehmen, die Adherence-Management erfolgreich umsetzen (z. B. langfristige Einnahme, geringere Abbruchraten), dürften sich über große Partnerschaften mit Versicherern einen Markt im Umfang von mehreren Millionen Dollar sichern
- Mit sinkenden Medikamentenpreisen und dem Auftreten von Generika könnten künftig Kunden im Umfang von Hunderttausenden gewonnen werden
Wrap-around Care und praktische Lösungen
- Versicherer setzen Hoffnungen in „Wrap-around Care“ (personalisierte Gesundheitsservices), doch es gibt bislang nur wenige verifizierte Umsetzungsbeispiele oder belastbare Daten
- Blick auf frühere Verschreibungsfälle bei Statinen:
- Die Vereinfachung von 30-Tage- auf 90-Tage-Verschreibungen ließ die Adherence stark ansteigen
- Einfache Maßnahmen wie Verschreibungen im 3-Monats-Rhythmus, vereinfachte Wiederaufnahme nach Therapieabbruch oder SMS-Erinnerungen sind kosteneffizient und wirksam
Fazit
- Für Versicherer steigt das Verlustrisiko durch die von GLP-1-Medikamenten erzeugte „Gesundheitsillusion“
- Unternehmen, die Adherence-Management und Nutzerfreundlichkeit so verbessern, dass echte Gesundheitsverbesserungen entstehen, können einen Markt besetzen, von dem Versicherer, Patienten und Unternehmen gleichermaßen profitieren
- Auch Versicherer führen zunehmend strengere Fragen und Systeme zur Risikoerkennung ein; Unternehmen, die vor einer Standardisierung des Marktes zuerst handeln, dürften sich eine quasi-exklusive Position sichern
1 Kommentare
Hacker-News-Kommentare