- Verborgene Bedienelemente verschlechtern die Usability von Benutzeroberflächen
- Früher waren sichtbare Menüs auf dem Bildschirm ein entscheidender Wendepunkt für deutlich bessere Usability
- In letzter Zeit ist auf Mobilgeräten und diversen anderen Geräten wieder eine Rückkehr zu gedächtnisbasierten Bedienkonzepten zu beobachten
- Die Komplexität des Interface-Designs und ästhetische Aspekte sind die Hauptursachen für die Zunahme verborgener Controls
- Designer müssen nun die Struktur überdenken, damit alle zentralen Funktionen sichtbar sind und von Nutzern erkundet werden können
Einleitung: Wo Wissen liegt und wie Interfaces funktionieren
- In den 1960er-Jahren formulierte Douglas Engelbart das Konzept, ob „Wissen in der Welt oder im Kopf“ liegt
- „Knowledge in the world“ bedeutet, dass Bedien-Controls im Interface sichtbar sind und Nutzer sie ohne Auswendiglernen direkt finden und verwenden können
- Beispiel: eine grafische Oberfläche mit Dropdown-Menüs
- „Knowledge in the head“ bezeichnet eine Umgebung, in der Nutzer sich alle Controls und Befehle merken müssen
- Beispiel: In der DOS-Eingabeaufforderung kann man ohne Kenntnis von Befehlen (
DIR usw.) praktisch nichts tun
Warum versteckte Controls zunehmen und welche Nebenwirkungen sie haben
- Mit steigender Komplexität von Interfaces werden immer mehr Controls visuell verborgen
- Auf den ersten Blick wirkt das zwar aufgeräumter, für Einsteiger wird die Bedienung jedoch deutlich schwieriger
- Mit dem Aufkommen sichtbarer Controls wie früher Dropdown-Menüs stiegen die Verbreitung von Computern und die Produktivität massiv an
- Auf Mobilgeräten und neueren elektronischen Geräten breitet sich jedoch erneut eine Bedienlogik aus, die auf Wissen und Erinnerung basiert
- Beispiel: Für die Taschenlampe des iPhones, die Anzeige von Benachrichtigungen oder das Starten von Apple Pay muss man ohne passende Hinweise oft verborgene Aktionen oder bestimmte Gesten kennen
Beispiele für versteckte Controls im Alltag
- Auch bei Auto-Funkschlüsseln oder Türgriffen gibt es versteckte Controls, sodass ohne Kenntnis der Bedienung sogar der grundlegende Zugang erschwert sein kann
- Beispiel: ein innen liegender Schlüssel, ein verstecktes Schlüsselloch oder bestimmte Tastensequenzen
- Auch Fahrzeug-Navigationssysteme (wie Apple Maps auf CarPlay) neigen dazu, essenzielle Controls zu verbergen, um mehr Karte anzuzeigen; bestimmte Funktionen sind dann nur über das Wissen um eine bestimmte Berührungsfläche nutzbar
- Zeitbasierte Controls funktionieren ebenfalls als versteckte Form von Bedienung
- Beispiel: Der Power-Button eines Computers führt nur bei langem Drücken ein reguläres Ausschalten aus; bei elektronischen Türschlössern erfordern das Verriegeln oder andere Funktionen oft eine separate Taste oder langes Drücken
Allgemeine Probleme durch versteckte Controls und ihre Auswirkungen auf Profis
- Selbst wenn die Lautstärke auf 0 steht, geben Apps mitunter trotzdem Töne aus; solche „versteckten Einstellungen“ überschreiben direkte Nutzerbefehle
- Auch fortgeschrittene Nutzer erleben bei befehlsorientierten Interfaces (z. B. R oder DOS-Fenster) eine starke Abhängigkeit von „Knowledge in the head“
- Insgesamt zeigt sich eine Tendenz zur Rückkehr zu primitiveren Interfaces
Warum versteckte Controls zunehmen
- Es gibt zu viele Funktionen, um alles auf dem Bildschirm anzuzeigen, was die Sichtbarkeit senkt
- Wechselwirkungen zwischen Systemmodi, zunehmende Komplexität sowie ästhetische Vorlieben oder Implementierungsbequemlichkeit auf Seiten der Designer führen häufig zur Verbergung von Controls
- Tatsächlich stehen oft Designziele (etwa ästhetische Wirkung) über der Rücksicht auf Nutzer
Erfolgreiche Beispiele und der Unterschied zu mission-kritischen Systemen
- Einige Systeme wie die General-Motors-Navigation zeigen alle nötigen Controls dauerhaft gut sichtbar an, sodass auch Einsteiger sich leicht zurechtfinden
- Beispiel: Zoom per physischem Drehregler im Buick LaCrosse
- In mission-kritischen Systemen (Flugzeuge, Fabriken usw.) wird fast immer mit dauerhaft sichtbaren Controls gearbeitet
- Niemand würde das Risiko eingehen, dass schnelle Bedienung durch versteckte Controls behindert wird
Die Verteidigung versteckter Interfaces und ihre Grenzen
- Versteckte Controls sind kein bloßes Generationenthema, sondern ein reales Usability-Problem
- Manche preisen das Entdecken versteckter Funktionen als Vorteil an, tatsächlich sinkt die Zugänglichkeit jedoch klar
- Aus Nutzersicht gilt: Ein Control, das man nicht finden kann, existiert praktisch nicht
Ubiquitous Computing und die Automatisierung/Transparenz von Controls
- Mark Weiser und Donald Norman sagten eine Zukunft voraus, in der Technik transparent in den Hintergrund tritt
- Beispiel: Die Motorsteuerung im Auto wird vollständig automatisch im Hintergrund angepasst, ohne dass Nutzer eingreifen müssen
- Wenn Controls durch Automatisierung vollständig verborgen werden, ist deren Notwendigkeit und Kontext klar
- Wo jedoch Nutzerinteraktion erforderlich ist, braucht es zwingend explizite Controls
Fazit und Orientierung für Interface-Designer
- Interface-Designer sollten den Einsatz versteckter Controls vermeiden und Funktionen möglichst in „Knowledge in the world“ überführen
- Discoverability von Controls bleibt ein zentrales Designprinzip
- Sinkende Auffindbarkeit in modernen Interfaces ist letztlich ein Rückschritt in die Frühzeit der Computer
Literaturhinweise
- Zentrale Literatur wie Engelbart, D.C. (1962) u. a.
- Verweise auf Apple Macintosh, The Psychology of Everyday Things, The Invisible Computer und weitere einschlägige Bücher und Arbeiten
Informationen zum Autor
- Philip Kortum: Professor am Department of Psychological Sciences der Rice University; forscht zur Entwicklung nutzerzentrierter Systeme in Bereichen wie Usability und Vertrauensbewertung, globale Gesundheit und mobile Systeme
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