Lasst uns idiomatisches Design wiederbeleben
(essays.johnloeber.com)- Designkonventionen, die für Nutzer sofort verständlich sind, verringern den Lernaufwand und ermöglichen konsistente Interaktionen
- Im Zeitalter der Desktop-Software waren Oberflächen dank Betriebssystemen und Richtlinien vereinheitlicht, etwa bei Menüstrukturen und Tastenkürzeln
- Im Zeitalter browserbasierter Software ist diese Konsistenz durch die Verbreitung von Frameworks und Custom-Implementierungen zerbrochen
- Apple und Substack zeigen mit begrenzter Anpassbarkeit und einheitlichen Designsystemen erfolgreiche Beispiele moderner Konventionen
- Produktdesigner sollten bestehenden Konventionen folgen und Klarheit und Konsistenz priorisieren, um zu einer standardisierten User Experience im Web zu gelangen
Designkonventionen
- Die Checkbox wird als typisches Beispiel für eine Designkonvention genannt, die Nutzer ohne zusätzliches Lernen sofort verstehen
- Auf die Frage, ob man eingeloggt bleiben möchte, wären viele Eingabeformen möglich, in der Praxis wird aber stets eine Checkbox verwendet
- Sie fungiert sowohl für Nutzer als auch für Entwickler als vertrautes standardisiertes Interaktionsmuster
Homogene Oberflächen
- Eine Oberfläche ist das Mittel, mit dem Nutzer mit einem System interagieren, und je weniger man darüber nachdenken muss, desto besser ist die Oberfläche
- Zum Beispiel sollte die Kopierfunktion per Command+C überall gleich funktionieren
- In der heutigen Web-Software-Umgebung ist die Konsistenz von Oberflächen jedoch verschwunden
- Selbst grundlegende Funktionen wie Datumsauswahl oder Eingabe von Kartennummern sind von Website zu Website unterschiedlich umgesetzt
- Da Tastenkürzel und Interaktionsweisen je nach App variieren, müssen Nutzer jedes Mal neu lernen, „wo sie was anklicken müssen“
Das Zeitalter der Desktop-Software
- Desktop-Software in der Windows-95-bis-7-Ära bewahrte eine hohe Konsistenz der Benutzeroberflächen
- Die Menüstruktur „File, Edit, View“ war in allen Programmen identisch vorhanden
- Unterstrichene Buchstaben in Menüpunkten signalisierten Tastenkürzel und konnten etwa mit ALT+F, N bedient werden
- Die Statusleiste (status bar) am unteren Rand zeigte den aktuellen Zustand klar an, etwa Seite, Wortzahl oder Modus
- Der Schwerpunkt lag auf textbasierten Menüs, Icons wurden nur verwendet, wenn ihre Bedeutung eindeutig war
- Diese Konventionen waren nicht nur in Microsoft Word, sondern im gesamten Windows-Ökosystem vereinheitlicht
- Selbst auf dem Abmeldebildschirm von Windows XP wurde visuell klar gemacht, dass alle Elemente Buttons sind, und die Tastenkürzel wurden angezeigt
- Diese Konsistenz war durch die Beschränkungen des Betriebssystems und der GUI-Bibliotheken möglich, zudem verteilte Microsoft Hunderte Seiten umfassende Designrichtlinien, damit Entwickler ihnen folgten
Das Zeitalter browserbasierter Software
- Das heutige Zeitalter der Webanwendungen wird als Ära heterogener Oberflächen beschrieben
- Selbst gute Web-Apps wie Figma und Linear haben keine gemeinsamen Icons oder Tastenkürzel
- Jede App ist für sich gut gestaltet, hat aber andere Interaktionsmuster
- Sogar innerhalb desselben Unternehmens unterscheiden sich Gmail, GSuite und Google Docs in ihrem Nutzungserlebnis
- In der Folge verbringen Nutzer ihre Zeit nicht im produktiven Flow, sondern damit, die Bedienelemente zu suchen
-
Einfluss des mobilen Wandels
- Mit dem Aufkommen von Touchscreens wurden maus- und tastaturzentrierte Designmuster neu erfunden
- Weil mobile und Desktop-Systeme gleichzeitig unterstützt werden müssen, verbreiteten sich unvollständige Zwischenformen von UI
- Beispiel: Hamburger-Menüs für Mobilgeräte werden unverändert auch auf dem Desktop verwendet
- Eine Kultur der Wiederverwendung modularer Komponenten vervielfältigt fehlerhafte Muster und verschlechtert die Qualität
- Als Ergebnis von mehr als zehn Jahren hat sich eine generationenübergreifende Erosion der UI/UX-Qualität angesammelt
-
Mangel an Konventionen jenseits von HTML
- Im frühen Web gab es klare Konventionen wie den blau unterstrichenen Link, heute unterscheidet sich das Styling jedoch von Website zu Website
- Die HTML/CSS-Standards sind streng, tatsächlich verwenden die meisten aber React- und TypeScript-basierte Build-Systeme
- Dadurch verbreiten sich Custom-Implementierungen anstelle standardisierter HTML-Elemente, was sogar Barrierefreiheitsprobleme verursacht
- Beispiel: Wird statt
<a>ein<span>mitonclickverwendet, funktionieren Screenreader nicht mehr korrekt - Es gibt auch Apps wie Figma, die mit WebAssembly arbeiten und HTML vollständig verlassen
- Grundfunktionen des Browsers wie Zurück-Button, Tastenkürzel und Ähnliches werden ignoriert, und ein neues Paradigma der Mensch-Computer-Interaktion wird aufgebaut
- Da sich Frontend-Entwicklung vor allem um Geschwindigkeit und Möglichkeiten weiterentwickelt hat, ist es schwierig, konsistente Konventionen zu etablieren
- Die Vielzahl an Frameworks und Interaktionsformen schafft strukturell ein Umfeld, in dem ein einheitlicher Standard schwer durchsetzbar ist
Erfolgsbeispiele für idiomatisches Design
- Apple gilt heute als repräsentatives Beispiel dafür, starke Designkonventionen aufrechtzuerhalten
- Schriften, Buttons, Farben und das gesamte Designsystem sind vereinheitlicht und bieten eine konsistente Interaktionserfahrung in ganz iOS
- Diese Konsistenz erzeugt das Vertrauen von „it just works“
- Substack bietet ebenfalls durch begrenzte Anpassbarkeit und vordefinierte ästhetische Standardwerte ein stabiles Nutzungserlebnis
- Die Designprinzipien von Apple und Substack verbreiten sich durch ihren Erfolg als Branchenstandard und werden schließlich zu neuen Konventionen
Prinzipien, denen Produktdesigner folgen sollten
- Für Produktentwickler wird vorgeschlagen, soweit wie möglich bestehenden Designkonventionen zu folgen, um Nutzbarkeit und Kompatibilität zu erhöhen
- Den Grundkonventionen von HTML/CSS folgen: Links mit Unterstreichung, Farbe, Pointer-Cursor und dem
<a>-Tag umsetzen - Standard-HTML-Elemente nicht mit JavaScript nachbauen, z. B. statt eines React Button lieber
<button>verwenden - Browser-Konventionen einhalten: Zurück-Button muss funktionieren, dieselbe Oberfläche muss über kopierte URL erreichbar sein, CTRL+Klick muss einen neuen Tab öffnen
- Wenn man von allgemeinen Konventionen abweicht, sollte man zumindest innerhalb der Organisation konsistente Regeln beibehalten
- Text zuerst, Icons sparsam, und Icons nur verwenden, wenn sie allgemein verständlich sind
- Bei visuellen Elementen sollte Klarheit wichtiger sein als ästhetische Schönheit
- Wenn die Entscheidung schwerfällt, sollte man sich an guten Websites und an älteren Büchern zum Interface-Design orientieren
- Den Grundkonventionen von HTML/CSS folgen: Links mit Unterstreichung, Farbe, Pointer-Cursor und dem
- Letztlich wird eine Zukunft angestrebt, in der Datumswähler oder Formulare zur Karteneingabe im gesamten Web gleich funktionieren, mit dem Ziel einer Web-Umgebung, die nach jahrzehntelanger Wiederholung und Verbesserung zu optimalen Konventionen konvergiert
1 Kommentare
Hacker-News-Kommentare
In manchen Apps sendet Enter die Eingabe und Ctrl+Enter erzeugt einen Zeilenumbruch, z. B. in Slack; anderswo ist es genau umgekehrt, z. B. auf GitHub.
Diese mangelnde Konsistenz ist aus Nutzersicht ziemlich verwirrend. Man sagt zwar gern „Lasst uns idiomatisches Design zurückbringen“, aber das eigentliche Problem ist, dass es kaum noch gemeinsame Konventionen gibt.
Heute wurden sie zu einer Taste zusammengelegt, daher gilt üblicherweise: In mehrzeiligen Eingabefeldern erzeugt Enter einen Zeilenumbruch und Ctrl+Enter sendet ab.
Chat-Apps funktionieren dagegen oft genau andersherum, weil dort meist kurze Nachrichten eingegeben werden. Gute Apps lassen das per Einstellung ändern.
Es wird zwar angezeigt, welche Tastenkombination den Zeilenumbruch erzeugt, trotzdem ist es verwirrend.
Die Absicht ist nachvollziehbar, aber die Usability ist miserabel.
Heutige Software wird nicht mehr wie früher von durchdachten Gestaltern gemacht.
Stattdessen geben hastig beförderte PMs oder Product-Verantwortliche den Ton an, und sogar Dark Patterns zur Monetarisierung werden gefördert.
Man muss die Bedeutung von konsistenter UX und Informationsarchitektur (IA) betonen. Man sollte nicht vergessen, dass Designer ebenfalls Problemlöser sind.
Bei einem Kreditkartenformular gibt es zum Beispiel unzählige Variablen: Copy-and-paste erlauben oder nicht, Unterstützung alter Browser, das Gleichgewicht zwischen Barrierefreiheit und Sicherheit und vieles mehr.
Nebenbei erklärt auch Steve Yegges Plattform-Text diese Komplexität sehr gut.
System-Frameworks waren die Grundlage dafür, idiomatische UIs zu schaffen.
Win32, AppKit und UIKit kümmerten sich selbst um Details, sodass Entwickler ganz natürlich zu konsistenter UX geführt wurden.
Im Web fehlt so etwas, deshalb muss alles von Hand implementiert werden, und entsprechend gibt es viele halbfertige UIs.
Das Web war von Anfang an dokumentenzentriert und hatte keinen vergleichbaren Standardansatz; erst später entstand mit Dingen wie Bootstrap zeitweise eine Art Standard.
Tatsächlich sollte man für Datumswähler oder Karteneingabe die nativen HTML-Controls verwenden.
Dann kann der Browser Sicherheit und Komfort auf OS-Ebene bereitstellen, etwa mit Apple Wallet in Safari oder Google Pay auf Android.
Web und Mobile sind jedoch völlig andere kastenförmige Umgebungen, und dadurch ist diese Konsistenz zerbrochen.
Es gab zum Beispiel die Chance, den Rechtsklick auf dem Desktop mit Long Press auf Mobile zu vereinheitlichen, aber das wurde nie konsequent verfolgt.
Wenn man App-UIs bauen will, muss man sie über eine Dokument-UI stülpen, was zu Konflikten führt.
Browser haben das etwas abgemildert, aber grundlegend gelöst ist es nicht.
Datumswähler sind wirklich ein UX-Albtraum.
Oft verhindern sie, dass Nutzer ein Datum direkt eingeben, und zwingen sie stattdessen zum Klicken.
Es würde reichen, Fehleingaben abzufangen, stattdessen wird alles unnötig umständlich gemacht.
Analoge Uhren-Selektoren wirken viel intuitiver; schön wäre es, wenn so etwas zum Standard würde.
Für internationale Nutzer ist das Format YYYY-MM-DD am sichersten.
Man scrollt 50 Jahre zurück und bekommt dabei nur noch deutlicher sein Alter vor Augen geführt.
Der Qualitätsverlust bei UX ist inzwischen massiv, besonders auf Bank-Websites.
Versteckte Scrollbars, verschwendeter Leerraum, flache Buttons und verwirrende Icons machen vieles deutlich unbequemer als frühere Desktop-UIs.
GCP und Google-Tools sind unnötig komplex geworden und haben mit Dingen wie rahmenlosen Eingabefeldern die UX verschlechtert.
Immerhin gilt dieser Stil inzwischen zunehmend als veraltet.
Eines der Konzepte vom klassischen Mac war, dass Auslassungspunkte (…) am Ende eines Button-Texts bedeuten, dass noch weitere Eingaben nötig sind.
Ein Button ohne Auslassungspunkte führt die Aktion dagegen sofort aus.
Ich stimme der Aussage zu: „Bevorzuge Wörter statt Icons.“
Die meisten Menschen erkennen Wörter schneller als Icons.
Ohne Textbeschreibung ist es wie Russisches Roulette: Man muss klicken, um herauszufinden, was sie bedeuten.
Ich habe kürzlich eine neue Technologie namens CSS entdeckt: Damit kann man Layouts deklarativ definieren und hierarchische Styles auf Basis des DOM anwenden.
Das reduziert Client- und Serverlast, erleichtert das Teilen von Stylesheets und macht benutzerdefinierte Themes einfach.
Ich würde das gern das „no-framework“-UI-Paradigma nennen.
Beispielbild
Außerdem ist „minimale Clientlast“ nichts weiter als ein Mythos. In Wirklichkeit ist es langsamer.
Gemeinsame Funktionen, die wir verloren haben:
Undo/Redo, Hilfe (F1), Mouseover-Hinweise, anpassbare Tastenkürzel, Hauptmenü, Dateien/Verzeichnisse, mit ESC schließen, Drag-and-drop usw.
Funktionen, die einst innovativ waren, sind auf Mobile und im Web inzwischen fast verschwunden.
Viele Probleme sind das Ergebnis davon, dass visuelle Designer in die Produktgestaltung gewechselt sind.
Die Verwirrung über die Rollen in Design-Berufen ist bis heute nicht gelöst, und in der Praxis werden selbst in Projekten, die eigentlich gar keine „Designer“ brauchen, zu viele davon eingesetzt.