- In westlichen Gesellschaften verschärft Wohnraummangel nicht nur das Problem steigender Immobilienpreise, sondern wirkt auch als Faktor, der verschiedene gesellschaftliche Probleme wie Ungleichheit, geringes Wachstum, Gesundheitsprobleme, sinkende Geburtenraten, Fettleibigkeit und den Klimawandel verschlimmert.
Die klaren Auswirkungen steigender Wohnkosten
- Wohnen ist ein zentraler Faktor, der beeinflusst, wo Menschen arbeiten, ihre Freizeit verbringen, Freundschaften schließen, wann und wie viele Kinder sie haben und sogar ihren Gesundheitszustand.
- In den meisten westlichen Gesellschaften sind die Wohnpreise übermäßig hoch; das ist nicht bloß eine Frage der Baukosten, sondern das Ergebnis einer Kombination aus steigender Nachfrage und begrenztem Angebot.
- In Städten, die zu wirtschaftlichen Zentren werden, erhöhen hohe Löhne die Wohnungsnachfrage, doch aufgrund regulatorischer Beschränkungen kann das Angebot nicht Schritt halten, sodass die Preise weiter steigen.
- In Städten wie New York, London und San Francisco sind die Immobilienpreise in den vergangenen Jahrzehnten um 700–2.000 % oder mehr gestiegen, und die Lücke zwischen Baukosten und Wohnpreisen wird immer größer.
- Im Gegensatz dazu sind die Preise anderer langlebiger Konsumgüter wie Fernseher, Autos und Kühlschränke durch technischen Fortschritt und Wettbewerb gesunken.
- Infolgedessen konnte früher ein einzelner Einkommensbezieher aus der Mittelschicht eine Familie ernähren, während heute in den meisten Haushalten ein Doppelverdiener-Modell nötig ist, um sich eine angemessene Wohnung leisten zu können.
Die verborgenen Auswirkungen teuren Wohnraums
Sinkende Produktivität
- Hohe Wohnkosten hindern Menschen daran, dorthin zu ziehen, wo es die Jobs gibt, die sie wollen.
- Dadurch arbeiten Menschen in weniger produktiven Regionen, was die Produktivität der Gesamtwirtschaft beeinträchtigt.
- Unternehmen in hochproduktiven Metropolen haben es schwerer, ausreichend Personal zu finden, sodass Beschäftigte Aufgaben außerhalb ihres eigentlichen Fachgebiets übernehmen müssen.
- Studien zufolge hätte das US-BIP um 8,9 % steigen können, wenn Städte wie New York und San Francisco mehr Wohnraum hätten schaffen können.
Weniger Innovation
- Die meisten Innovationen konzentrieren sich in Städten, und je höher deren Dichte, desto lebhafter ist der Austausch von Ideen.
- Das Silicon Valley bringt mehr Unicorn-Startups hervor als ganz Europa.
- Dass Städte wie London, Amsterdam, Wien und Detroit in der Vergangenheit zu Innovationszentren wurden, lag ebenfalls daran, dass in verdichteten Umgebungen kreativer Austausch stattfand.
- Doch durch Wohnraummangel wird es für kreative Talente schwieriger, in diesen Städten zu leben, was insgesamt das Innovationstempo verlangsamt.
Zunehmende Ungleichheit
- Wenn nicht genügend Wohnraum bereitgestellt wird, häufen bestehende Immobilieneigentümer durch steigende Immobilienpreise Vermögen an.
- Das verschärft die Vermögensungleichheit zwischen Menschen mit Grundbesitz und jenen ohne.
- Es gibt auch Studien, wonach die zunehmende Ungleichheit in Ländern wie Großbritannien und den USA vor allem auf steigende Wohnpreise zurückzuführen ist.
- Wenn innerstädtische Gebiete zu Räumen der Wohlhabenden werden, kommt es zu Gentrifizierung: Einheimische können sich die hohen Mieten nicht mehr leisten und werden an den Stadtrand verdrängt.
Wachsende regionale Kluft
- Früher nahm die wirtschaftliche Kluft allmählich ab, weil Menschen aus armen Bundesstaaten in wohlhabende Städte zogen.
- Heute können Niedriglohnarbeiter wegen der Wohnkosten nicht in wohlhabende Städte ziehen und konkurrieren stattdessen in armen Regionen um schlecht bezahlte Jobs, wodurch sich die Kluft weiter vertieft.
- In den 1960er-Jahren stieg das Realeinkommen um 70 %, wenn man von Alabama nach New York zog; heute kann es wegen der hohen Wohnkosten nach dem Umzug sogar sinken.
Sinkende Geburtenrate
- Je teurer Wohnraum wird, desto höher werden die Kosten für die Kindererziehung, und desto mehr Menschen verschieben Geburten oder verzichten ganz darauf.
- Für Großbritannien wird geschätzt, dass der Anstieg der Wohnpreise zwischen 1996 und 2014 zu rund 157.000 weniger Geburten geführt hat.
- Vor allem in Großstädten ist die Tendenz stark, dass junge Menschen wegen der Wohnkosten keine Kinder bekommen oder erst spät welche bekommen.
Das Problem der Fettleibigkeit
- Die Fettleibigkeitsrate in den USA ist von 10 % in den 1960er-Jahren auf heute 35 % gestiegen.
- In Japan liegt sie trotz höherer Haushaltseinkommen als in den USA bei unter 5 %.
- Das liegt daran, dass Japan über eine verdichtete Stadtstruktur verfügt, in der öffentlicher Verkehr und das Zufußgehen stark verbreitet sind, während die USA durch ausgedehnte Städte und eine autozentrierte Gesellschaft geprägt sind.
- In Tokio beträgt der Anteil der Autonutzung nur 12 %, in Los Angeles hingegen 85 %.
- New York hat in den USA die niedrigste Fettleibigkeitsrate, und in Manhattan liegt sie bei etwa 25 % des US-Durchschnitts.
- Wohnraummangel senkt die städtische Dichte und fördert eine autozentrierte Gesellschaft, wodurch sich das Problem der Fettleibigkeit verschärft.
Verschärfung des Klimawandels
- Dichte Städte verringern die Abhängigkeit vom Auto, erhöhen die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel und ermöglichen energieeffiziente Wohnformen.
- Japans CO2-Emissionen pro Kopf liegen bei 10,3 Tonnen pro Jahr, in den USA bei 17,6 Tonnen und damit 74 % höher.
- Die CO2-Emissionen durch Autonutzung betragen in Japan 1,63 Tonnen, in den USA 5,22 Tonnen, also mehr als das Dreifache.
- Obwohl Städte wie San Francisco ein klimafreundliches Umfeld bieten, ziehen Menschen wegen der hohen Wohnpreise in stärker autoabhängige Städte wie Phoenix und Dallas, wodurch die CO2-Emissionen steigen.
- Neu gebaute Wohnungen sind energieeffizienter, und Apartmentanlagen verursachen geringere Heiz- und Kühlkosten als Einfamilienhäuser, was auch für den Kampf gegen den Klimawandel vorteilhaft ist.
Lösungen und Fazit
- Das Problem des Wohnraummangels ist nicht nur ein wirtschaftliches, sondern hängt mit vielen gesellschaftlichen Fragen wie Innovation, Ungleichheit, Gesundheit und Umwelt zusammen.
- Bisherige politische Maßnahmen neigten dazu, den Erhalt zu priorisieren statt die Ausweitung des Wohnungsangebots.
- Eine mögliche Lösung ist ein Modell, bei dem über Wohnbau mit höherer Dichte per lokaler Abstimmung entschieden wird, sodass Bewohner direkt wählen können, ob entwickelt werden soll, was Widerstände verringern kann.
- Die Ausweitung des Wohnungsangebots muss als kein Nullsummenspiel, sondern als Ansatz mit Vorteilen für alle gestaltet werden.
- Wenn geeignete Lösungen umgesetzt werden, kann die Bewältigung der Wohnungsfrage wirtschaftliches Wachstum, bessere Arbeitsplätze, höhere Geburtenraten, ein gesünderes Leben und sogar Umweltschutz ermöglichen.
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Hacker-News-Kommentare
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