Das Funktionsmodell der Stanford Encyclopedia of Philosophy (Übersetzung)
(starlakim.wordpress.com)-Die Stanford Encyclopedia of Philosophy (SEP) ist eine Online-Enzyklopädie, die 1995 vom Philosophen Edward Zalta ins Leben gerufen wurde.
-SEP ist ein Projekt, das das Problem lösen will, wie man Leserinnen und Lesern glaubwürdige, umfassende und aktuelle Informationen bereitstellen kann.
Schwächen anderer Enzyklopädien
-Bücher sind glaubwürdig, aber es ist schwer, wirklich umfassende Inhalte vollständig in Buchform unterzubringen, und mit der Zeit veralten die Informationen.
-Beim Wikipedia-artigen Modell der Nutzerbeteiligung sind die Informationen aktuell, aber die Glaubwürdigkeit ist geringer und die Inhalte bleiben oft oberflächlich.
-Nutzerabstimmungsmodelle wie bei Stack Overflow oder Quora sind etwas verlässlicher als klassische Beteiligungsmodelle, aber es bleibt die Unsicherheit, dass sich die Identität der Antwortenden nicht verifizieren lässt.
Die Lösung von SEP
-Um Autorität zu gewährleisten, setzt SEP themenspezifische Herausgeber ein, die breite Bereiche wie „Antike Philosophie“ oder „Formale Erkenntnistheorie“ betreuen und qualifizierte Philosophinnen und Philosophen mit dem Verfassen der Einträge beauftragen.
-Damit SEP umfassend ist, bittet die Redaktion darum, dass die einzelnen Texte in sich geschlossen sind, sodass man zum Verständnis eines bestimmten Themas nicht endlos Seiten mit Definitionen verwandter Begriffe nacheinander öffnen muss.
-Außerdem achtet sie nicht nur bei den einzelnen Artikeln, sondern auch mit Blick auf die Enzyklopädie als Ganzes darauf, ob es Einträge gibt, die wegen ihrer Länge aufgeteilt werden sollten, oder solche, die besser zusammengeführt würden.
-Um aktuelle Informationen zu gewährleisten, müssen Autorinnen und Autoren vier Jahre nach Abgabe eines Textes eine neue Fassung einreichen, die den neuesten Stand zum Thema enthält. Auf der Seite mit den Neuigkeiten von SEP wird täglich angezeigt, was überarbeitet oder neu hinzugefügt wurde.
-Im Ansatz von SEP spiegelt sich auch die Individualität der Autorinnen und Autoren in den Texten wider. Während nutzergetriebene Modelle wie Wikipedia oft so schreiben, dass Kontroversen vermieden werden, hat SEP eine klar erkennbare Stimme der Verfassenden und macht mehr Minderheitenpositionen sichtbar.
Wie SEP betrieben wird
-Bei SEP gibt es nur drei bezahlte Mitarbeitende, dazu fünf Stanford-Beschäftigte, die 20 % ihrer Arbeitszeit für technischen Support aufwenden. Die Dutzenden themenspezifischen Herausgeberinnen und Herausgeber sowie die einzelnen Autorinnen und Autoren erhalten keinen Cent.
-Durch die Arbeit an SEP-Artikeln können Herausgebende und Beitragende interessante Entwicklungen in ihrem Fachgebiet weiterverfolgen, und diese Arbeit macht ihnen Freude.
-Außerdem verschafft SEP akademischen Philosophinnen und Philosophen Zugang zu einem größeren Publikum. So gewinnen sie Sichtbarkeit und können Menschen auch außerhalb von Universitäten oder Fachgesellschaften Konzepte näherbringen, die sie für wichtig halten.
-Letztlich geht es darum, durch Beiträge zu SEP das Unternehmen Philosophie voranzubringen.
-Um Betriebsmittel zu beschaffen, bittet SEP Universitätsbibliotheken um einmalige Spenden. Als „Mitgliedschaftsvorteile“ können die Bibliotheken etwa das Branding ihrer Hochschule an die Enzyklopädie anbringen oder das vollständige Archiv speichern.
-Die Spenden der Bibliotheken fließen in den von Stanford verwalteten Stiftungsfonds; sollte SEP eingestellt werden, wird den Bibliotheken das Kapital zuzüglich Zinsen zurückerstattet. Auf diese Weise wurden 2 Millionen US-Dollar eingeworben.
-Zusätzlich dazu hat die Stanford University 1 Million US-Dollar beigesteuert.
-Ein Teil der Fördergelder stammt außerdem von privaten Unterstützern. Diese können SEP-Einträge als sauber formatierte PDF-Dateien herunterladen und archivieren.
-Durch diese Struktur konnte SEP mehr als 20 Jahre lang bestehen.
-„Was wir hatten, waren einige wenige Menschen, die sich mit ganzer Hingabe dieser Aufgabe verschrieben hatten. Wenn man nur die richtigen Leute hat, denke ich, dass sich unser Modell auch anderswo reproduzieren ließe.“
4 Kommentare
Ich habe die Zusammenfassung gesehen und dann den Übersetzungslink geöffnet; hat sich gut lesen lassen. Interessant.
Hm … wenn überhaupt, dann kommt dem wohl am ehesten MDN in mancher Hinsicht nahe?
Im SEP gibt es nicht nur Philosophie, sondern auch zahlreiche Einträge zu Themen wie Turing-Maschinen, Quantenmechanik und Berechnungskomplexität, die mit der menschlichen Kognition zusammenhängen. Es gilt als so verlässliches Medium, dass es sogar in preprints zitiert werden kann.
Es kam mir wie eine Art Vorfahr des von Unternehmen geförderten Open-Source-Modells vor, deshalb habe ich es einmal zusammengefasst.
Ihre Zusammenfassung ist sogar deutlich leichter zu verstehen als der Originaltext. Vielen Dank! Dadurch habe ich ein spannendes Projekt kennengelernt.