1 Punkte von GN⁺ 2026-02-26 | 1 Kommentare | Auf WhatsApp teilen
  • Kaliforniens Generalstaatsanwalt Rob Bonta beantragt beim Gericht eine sofortige Unterlassungsverfügung mit der Begründung, Amazon habe sich mit Online-Händlern abgesprochen, um Preise künstlich zu erhöhen
  • Amazon soll Verkäufer dazu gezwungen haben, auf konkurrierenden Websites die Preise zu erhöhen oder Produkte zurückzuziehen, und so die eigenen Gewinne gesichert haben
  • Es wird erläutert, wie Amazon mithilfe des Prime-Programms und des Buy-Box-Algorithmus kontrollierte, dass Verkäufer außerhalb von Amazon keine niedrigeren Preise anbieten konnten
  • Auch die Federal Trade Commission (FTC) hat wegen des Vorwurfs einer Preissteuerung durch den Algorithmus „Project Nessie“ eine separate Klage eingereicht; zudem steht der Verdacht im Raum, führende Manager hätten Beweismittel gelöscht
  • Der Fall legt Monopol- und Preisabsprachenprobleme im US-E-Commerce-Markt offen und gilt als möglicher Wendepunkt für eine stärkere Durchsetzung des Kartellrechts

Klage des Generalstaatsanwalts von Kalifornien

  • Generalstaatsanwalt Rob Bonta behauptet, Amazon habe seine Stellung als größter Online-Händler der USA genutzt, um Preisabsprachen anzuführen
    • Amazon habe von Lieferanten „Preise zur Sicherung der eigenen Profitabilität“ verlangt und in Zusammenarbeit mit Wettbewerbern Preise erhöht
    • Lieferanten seien dem aus Angst vor Vergeltung gefolgt und hätten auf konkurrierenden Websites Preise erhöht oder Produkte zurückgezogen
  • Bonta beantragt beim Gericht eine sofortige Unterlassungsverfügung, um Amazons Verhalten noch vor dem formellen Prozess (vorgesehen für 2027) zu stoppen
    • Damit das Gericht zustimmt, müsste es zu dem Schluss kommen, dass Amazon den Prozess voraussichtlich verlieren wird, was auf starke Beweise auf Seiten Bontas hindeutet

Amazons Marktstruktur und der Mechanismus der Preiserhöhung

  • Amazon hat mehr als 200 Millionen Prime-Mitglieder, ein großer Teil der US-Haushalte ist angemeldet
    • Prime-Mitglieder vergleichen wegen des Vorteils des kostenlosen Versands kaum Preise und kaufen direkt beim im „Buy Box“ angezeigten Verkäufer
  • Die „Buy Box“ wird unter anderem danach vergeben, ob ein Angebot Prime-berechtigt ist und Fulfillment by Amazon (FBA) nutzt
    • Um Prime-Kunden zu erreichen, muss FBA genutzt werden, wodurch Verkäufer faktisch zum Einsatz von Amazons Logistikdiensten gezwungen werden
  • Zwischen 2014 und 2020 stiegen die Gebühren für Drittanbieter von 11,7 Milliarden US-Dollar auf über 80 Milliarden US-Dollar; das entspricht 21 % von Amazons Gesamtumsatz
  • Amazon schloss Verkäufer aus der Buy Box aus, wenn sie außerhalb der eigenen Plattform niedrigere Preise anboten, und blockierte damit faktisch ihre Verkaufsmöglichkeiten
    • Das führte letztlich dazu, dass die Preise im gesamten Online-Markt stiegen

Weitere Klagen auf Bundes- und Landesebene

  • Nachdem Bonta 2022 eine umfassende Klage eingereicht hatte, erhob 2023 auch FTC-Vorsitzende Lina Khan in einem ähnlichen Vorwurfskomplex eine separate Klage
    • Die FTC erklärte, Amazon habe mithilfe des Algorithmus „Project Nessie“ Preiserhöhungen auf konkurrierenden Websites angestoßen
    • Alle zugehörigen Verfahren sind inzwischen in die Prozessphase eingetreten, wirksame Abhilfemaßnahmen dürften jedoch erst in einigen Jahren möglich sein
  • Bonta führt aus, Amazon habe auf drei Arten Preise erhöht
    1. Bei Preiswettbewerb mit Konkurrenten verlangte Amazon von Lieferanten höhere Lieferpreise für die Konkurrenz
    2. Wenn Wettbewerber Rabatte gaben, verlangte Amazon über die Lieferanten ein Ende dieser Rabatte
    3. Wenn niedrigere Preise auf externen Websites beendet wurden, erhöhte Amazon anschließend die eigenen Preise

Rechtliche Streitpunkte und Verdacht der Beweisvernichtung

  • Bonta stuft Amazons Verhalten als vertikale Preisabsprache nach dem „hub-and-spoke“-Modell ein
    • Eine Struktur, in der Preisabstimmung zwischen Wettbewerbern über Lieferanten als Vermittler erfolgt
  • Zu den beantragten Abhilfemaßnahmen gehören ein Verbot von Preisabsprachen für nicht zu Amazon gehörende Vertriebskanäle, die Unterbindung preisbezogener Kommunikation sowie die Einsetzung eines externen Aufsehers
  • Die FTC teilte dem Gericht in einer separaten Klage mit, Jeff Bezos und andere Top-Manager hätten über die App Signal Nachrichten automatisch löschen lassen
    • Dies werde als Verstoß gegen gesetzliche Aufbewahrungspflichten und als Vernichtung von Beweismitteln gewertet

Verschärfte Kartellrechtsdurchsetzung und Stimmungswandel in der Öffentlichkeit

  • Neben Bontas Vorgehen machen auch Kartellverfahren wie der Fall Agri-Stats zu Preisabsprachen bei Agrar- und Viehprodukten sowie Urteile zum Robinson-Patman Act Fortschritte
  • Amazon, früher als innovatives Unternehmen angesehen, wird heute eher als bürokratischer und einschüchternder Konzern wahrgenommen
  • In den USA wächst die Empörung darüber, dass Rechtsverstöße großer Konzerne mit Inflation zusammenhängen, worauf Politik und Strafverfolgungsbehörden reagieren
  • Der Artikel bewertet diese Entwicklungen als Wendepunkt für die Wiederherstellung von fairem Wettbewerb und Demokratie

1 Kommentare

 
GN⁺ 2026-02-26
Hacker-News-Kommentare
  • Ich habe über 10 Jahre lang als Amazon-Verkäufer/Händler/Agentur gearbeitet
    Amazon funktioniert im Kern wie eine Produktsuchmaschine. Die Plattform will immer das Ziel mit dem niedrigsten Preis sein, und wenn dasselbe Produkt auf einer anderen Website günstiger verkauft wird, blendet Amazon es in den Suchergebnissen aus. Die Struktur soll bei Verbrauchern den Eindruck erzeugen: „Bei Amazon ist es immer am billigsten“
    Das Problem ist, dass Amazon über Vendor Central, wo das Unternehmen rund 40 % aller Produkte selbst einkauft und verkauft, selbst als Händler auftritt. Diese Abteilung verlangt je nach internen Zielen bestimmte Margen, und aus Sicht der Verkäufer sind die Konditionen dort besser als bei Walmart oder Target, sodass man die Geschäftsbeziehung kaum abbrechen kann. Am Ende bleibt Verkäufern oft nichts anderes übrig, als die Preise in anderen Kanälen anzuheben, um Amazons Bestellungen zu halten
    Diese Struktur als „Preissteigerungsverschwörung“ zu bezeichnen, mag überzogen sein. Allerdings lief VC zu Jeffs Zeiten fast auf Break-even-Niveau, während sich unter Andy die Lage geändert hat, weil jede Abteilung eigene Rentabilitätsziele bekommen hat. Diese Politik betrifft vor allem große Marken mit einem Jahresumsatz im achtstelligen Bereich

    • Das ist nicht verbraucherfreundlich, sondern eine Bestrafung von Verkäufern. Wenn Amazon wirklich eine Suchmaschine wäre, müsste es anzeigen, dass man anderswo günstiger kaufen kann. Eigentlich könnte es für Amazon strategisch sogar vorteilhaft sein, Konkurrenzpreise anzuzeigen
    • Das klingt einfach wie ein Werbespruch. Wenn man wirklich den Verbraucher in den Mittelpunkt stellen würde, müsste man auf günstigere Angebote anderswo hinweisen
    • Die Erklärung passt nicht. Auf AliExpress kostet dasselbe Produkt ein Drittel, und trotzdem erscheint es bei Amazon ganz oben in den Suchergebnissen. In der Praxis werden billige chinesische Verkäufer eher bevorzugt platziert
    • Solche Meistbegünstigungsklauseln (MFN) werden oft als wettbewerbswidrig angesehen
    • Am Ende führt diese Politik zu höheren Preisen im gesamten Markt. Verkäufer können wegen der Amazon-Gebühren die Preise nicht senken und müssen stattdessen die Preise in anderen Kanälen erhöhen. Amazon behauptet zwar, der „niedrigste Preis“ zu sein, tatsächlich macht die Struktur aber den gesamten Markt teurer. Das ist verbraucherfeindlich und könnte auch als illegal eingestuft werden
  • Ich fand es erstaunlich, dass der durchschnittliche Amerikaner pro Jahr 3.000 Dollar bei Amazon ausgibt. Und noch schockierender ist, dass der Prozess erst im Januar 2027 beginnen soll. Ich halte solche Verzögerungen für das größte Hindernis für die Durchsetzung von Gerechtigkeit

    • Faktisch kaufen die meisten Amerikaner Alltagswaren bei einer der fünf Megakonzerne wie Amazon, Walmart oder Target. Klassische Einzelhändler vor Ort sind fast verschwunden, und weil Amazon billig und bequem ist, ist man in dieser Struktur praktisch gefangen
    • 3.000 Dollar sind auf Haushaltsebene gar nicht so extrem. Das entspricht in etwa 200 bis 300 Dollar pro Monat bei Costco oder Walmart
    • Die Rechnung, einfach den Umsatz durch die Zahl der Haushalte zu teilen, ist eine fehlerhafte Statistik. Amazon hat auch AWS und das Werbegeschäft, deshalb ist ein direkter Vergleich nicht möglich
    • Ich habe mir über die Amazon-Seite für Datenanfragen meine Kaufhistorie geholt und kam auf etwa 5.000 Dollar im Jahr. Nachdem ich Prime gekündigt hatte, fiel das auf rund 300 Dollar im Jahr, stattdessen gebe ich bei Costco etwa 100 Dollar mehr pro Monat aus. Dadurch habe ich zu Hause weniger unnötige Dinge
    • Bei uns zu Hause war es ähnlich, etwa 2.700 Dollar im Jahr. Das meiste davon ist einfach die Summe vieler kleiner Käufe
  • Amazon zwingt Verkäufer faktisch zur Preisbindung. Man darf nicht günstiger als bei Amazon verkaufen. Dazu kommen noch hohe Gebühren, deshalb sollte die Verbraucherschutzbehörde (CFPB) eingreifen

    • Die CFPB ist faktisch außer Funktion, also schwer, darauf zu hoffen
    • Das Problem ist, dass Amazon und Walmart gleichzeitig Verkäufer und Plattformbetreiber sind. Das ist, als würde der Betreiber eines Einkaufszentrums gleichzeitig seinen eigenen Laden betreiben. Das Ergebnis sind gefälschte Produkte und ein massiver Vertrauensverlust bei Marken
    • Bei Audible ist es ähnlich. Wenn man am Abo-Service teilnimmt, kann man das Werk weder anderswo verkaufen noch Bibliotheken zur Verfügung stellen. Siehe dazu den Artikel über die Änderungen bei den Audible-Royalties
    • Solche Meistbegünstigungsklauseln sind branchenweit übliche Verträge. Amazon hat auch die Freiheit, Produkte nicht einzukaufen, also ist das nicht illegal. Statt staatlicher Eingriffe sollte man mit Boykott reagieren
    • Wie im Forbes-Artikel könnte diese Klage, wenn dabei Dokumente offengelegt werden, auch zu Sammelklagen führen
  • Solche Klagen kommen viel zu spät und sind viel zu schwach. Schon die bloße Existenz von Konzernen wie Amazon ist das Problem. Mit bloßen Geldstrafen oder Auflagen ist das nicht zu lösen, es braucht Maßnahmen auf dem Niveau einer Unternehmenszerschlagung

    • Kartellgesetze gibt es bereits, aber weil ihre Durchsetzung zum Stillstand gekommen ist, konnte das Zeitalter der Megakonzerne beginnen. Früher wurde sogar AT&T zerschlagen, und die heutigen Big-Tech-Konzerne sind viel mächtiger als damals. Letztlich blockiert Lobbyarbeit der Reichen jede Reform
  • Amazons Politik, externe Rabatte zu verbieten, ist seit Langem gängige Praxis. Hersteller halten in ihren eigenen Shops denselben Preis wie bei Amazon ein, umgehen das aber mit 20–25-%-Coupons. Deshalb könnte der tatsächliche Effekt auf Preissteigerungen begrenzt sein. Solche Preisvereinbarungen sind jedoch in der ganzen Branche üblich, daher wäre es fairer, sie generell zu verbieten, statt nur Amazon zu regulieren

    • Tatsächlich werden aber oft 30 % aufgeschlagen und dann 25 % Rabatt gegeben, sodass die Preise am Ende doch steigen
    • Diese Struktur hat den Effekt, den Markteintritt von Wettbewerbern zu verhindern
    • Dass es sich um eine alte Politik handelt, ist nicht der Kernpunkt
  • Meine jüngsten Erfahrungen mit Amazon waren so schlecht, dass ich Prime gekündigt habe. Wiederversand von Retouren, Lieferverzögerungen, eine Flut von Werbung, Fake-Marken und sogar KI-generierte Bewertungen – das Vertrauen ist weg

    • Früher waren es wenigstens klar erkennbare White-Label-Produkte, heute wimmelt es von erfundenen Markennamen. Auch die Installation von Apps ist chaotisch, und wenn man eine Erstattung will, sind Verkäufer und Produkt oft schon verschwunden
  • Ich nutze inzwischen oft Rakuten. Der Versand ist etwas langsamer, aber in anderen Stores kann man günstiger kaufen. Wenn man Gemini die Suche nach dem niedrigsten Preis machen lässt, liefert es ziemlich brauchbare Ergebnisse. Bei kleinen Produkten ist Amazon aber immer noch bequem

  • Im Einzelhandel machen Versandkosten einen großen Anteil aus. Amazons Fulfilled-by-Amazon-Gebühren (etwa $3.5–5.18) sind viel günstiger als FedEx. Amazon hat die Logistikkosten durch Skaleneffekte revolutioniert. Die Frage ist, ob man diese Effizienz auch als öffentliche Plattform umsetzen könnte

    • In anderen Ländern ist kostenloser Versand ab einem bestimmten Bestellwert üblich. Das ist kein exklusives Privileg von Amazon
  • Ich habe schon vor vier Jahren den Prime-Betrug erkannt und gekündigt. Gefälschte Produkte, wiederverkaufte Retouren, Lieferverzögerungen und steigende Preise waren gravierend. Jetzt nutze ich Walmart. Perfekt ist das auch nicht, aber dort kann ich die Ware direkt sehen

    • Ein Produkt im Regal bei Walmart bietet eine verlässlichere Qualitätsgarantie als Amazon-Bewertungen
  • Früher ging Amazon bei der Preisgestaltung für Bücher lockerer vor. Wenn Verkäufer auf anderen Websites niedrigere Preise ansetzten, zog Amazon automatisch nach, zahlte die Royalties aber auf Basis des Listenpreises aus. Manche Verkäufer missbrauchten diese Struktur, um überhöhte Gewinne zu erzielen. Die aktuelle Politik dient zum Teil auch dazu, solchen Systemmissbrauch zu verhindern