- Am 16. September 1979 flohen zwei Familien mit einem selbstgebauten Heißluftballon aus der DDR in die BRD – ein exemplarischer Fall dafür, wie die Grenzüberwachung im Kalten Krieg durchbrochen wurde
- Peter Strelzyk und Günter Wetzel schafften die Flucht nach drei Versuchen innerhalb von anderthalb Jahren; der erste Versuch scheiterte und machte sie zum Ziel staatlicher Ermittlungen
- Der dritte Heißluftballon wurde aus Nylon- und Taffetstoff mit einem Volumen von 4.000 m³ gebaut; mit 8 Personen an Bord flog er etwa 25 Minuten und landete in der Nähe von Naila in Bayern in der BRD
- Nach der Landung verschärfte die DDR die Grenzsicherung und kontrollierte den Kauf von Propangas sowie größeren Stoffmengen; die Familien ließen sich zunächst in Westdeutschland nieder, einige zogen später in die Schweiz
- Der Vorfall wurde durch den Disney-Film „Night Crossing“ (1982) und den deutschen Film „Balloon“ (2018) international bekannt
Überblick über den Vorfall
- Am 16. September 1979 gegen 2 Uhr morgens starteten zwei Familien mit insgesamt 8 Personen in einem selbstgebauten Heißluftballon in Oberlemnitz in der DDR und landeten in Naila in Westdeutschland
- Flugzeit etwa 25 Minuten, Höhe bis maximal 2.500 m, Geschwindigkeit rund 30 km/h
- Teilnehmende waren Peter, Doris, Frank und Andreas Strelzyk sowie Günter, Petra, Peter und Andreas Wetzel
- Das Ergebnis war eine erfolgreiche Flucht; 2 Personen wurden verletzt, jedoch nicht lebensgefährlich
- Nach dem Vorfall setzte die DDR verschärfte Grenzüberwachung und Kontrollmaßnahmen für einschlägige Materialien um
Hintergrund und Vorbereitung
- Strelzyk (ehemaliger Wartungsmechaniker der Luftwaffe) und Wetzel (Maurer) beschlossen 1978 zu fliehen und begannen mit dem Bau eines Heißluftballons
- Der Bau eines Hubschraubers wurde erwogen, aber wegen der nicht zu beschaffenden Motoren verworfen
- Die Idee kam ihnen durch eine Fernsehsendung über Heißluftballons
- Nach den ersten Berechnungen mussten 2.000 m³ Luft auf 100 °C erhitzt werden, um 8 Personen anzuheben, wofür etwa 800 m² Stoff nötig waren
- Der erste Versuch scheiterte an Luftdurchlässigkeit von Baumwollstoff, was einen Verlust von rund 2.400 Mark der DDR verursachte
- Danach fiel die Wahl auf synthetischen Taffetstoff, von dem 800 m für 4.800 Mark gekauft wurden
- Beim Kauf gaben sie als Vorwand die Herstellung von „Yachtsegeln“ an, um keinen Verdacht zu erregen
- Der zweite Versuch scheiterte an zu geringer Brennerleistung, woraufhin Wetzel das Projekt vorübergehend aufgab
Erster Fluchtversuch (3. Juli 1979)
- Nur die Familie Strelzyk war an Bord und hob um 1:30 Uhr morgens ab
- Der Ballon stieg bis auf 2.000 m, sank jedoch wegen Kondensation von Wasserdampf wieder und landete 180 m vor der Grenze
- Die Familie lief 9 Stunden lang zu Fuß nach Hause und vermied dabei ein Minenfeld
- Der zurückgelassene Heißluftballon wurde entdeckt, woraufhin Ermittlungen der Stasi begannen
- Strelzyk verbrannte Beweismaterial und entsorgte das Fahrzeug
- Danach beschlossen die beiden Familien, einen zweiten Heißluftballon zu bauen
Zweiter (erfolgreicher) Fluchtversuch
- Der neue Heißluftballon hatte einen Durchmesser von 20 m, eine Höhe von 25 m und ein Volumen von 4.000 m³
- 1.250 m² Stoff wurden über das ganze Land verteilt gekauft
- Wetzel nähte die Hülle mit 6 km Faden, Strelzyk baute einen neuen Brenner
- In der Nacht des 15. September 1979 nutzten sie einen stürmischen Abend für den Start
- Unmittelbar nach dem Abheben fing der Stoff Feuer, das jedoch gelöscht werden konnte
- Während des Flugs riss die Hülle, sodass der Brenner mehrfach neu entzündet werden musste
- Nach etwa 28 Minuten landeten sie nahe Naila in Bayern in Westdeutschland; abgesehen von Wetzels Beinbruch gab es keine größeren Schäden
- Nach der Landung wurden sie von der westdeutschen Polizei entdeckt; die Familien jubelten, als sie ihre Ankunft in Westdeutschland bestätigten
Folgen und späteres Leben
- Die DDR verschärfte sofort die Grenzsicherung, schloss kleine Flugplätze und kontrollierte den Kauf von Propangas und Stoffen
- Angehörige wie Strelzyks Bruder wurden festgenommen und zu Haftstrafen verurteilt, jedoch mit Hilfe von Amnesty International freigelassen
- Die beiden Familien ließen sich in Westdeutschland nieder; Wetzel arbeitete als Kfz-Mechaniker, Strelzyk betrieb eine Fernsehreparaturwerkstatt
- Wegen des Drucks durch die Stasi zog die Familie Strelzyk 1985 in die Schweiz und kehrte nach der Wiedervereinigung 1990 zurück
- Kurz nach dem Vorfall von 1979 kaufte das Magazin Stern die Exklusivrechte für die Berichterstattung
Kulturelle Darstellungen und Vermächtnis
- Der Vorfall wurde als Disney-Film „Night Crossing“ (1982) und als deutscher Film „Balloon“ (2018) verfilmt
- Beim letzteren führte Michael Herbig Regie, die beiden Familien wirkten an der Produktion mit
- Die Familie Strelzyk berichtete, bei einer Vorführung in New York tief bewegt gewesen zu sein
- 2017 starb Peter Strelzyk; im selben Jahr wurde der Heißluftballon dauerhaft im Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg ausgestellt
- Auch BBC, PBS und Netflix behandelten den Fall in Dokumentationen
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