Warum Kinder durch falsche Leseförderung das Lesen schwer lernen
(apmreports.org)- Die in den US-öffentlichen Schulen eingeführte Three-Cueing-Theorie ist eine Ursache dafür, dass Schülerinnen und Schüler das Lesen schwer erlernen.
- Die Theorie steht im Widerspruch zu wissenschaftlich nachgewiesenen Leseansätzen, ist aber dennoch in der Lehrerfortbildung und in Lehrmaterialien verankert.
- Lernende trainieren ineffiziente Strategien wie Wortauswendiglernen, Kontextschlussfolgerungen und das Überspringen unbekannter Wörter, was zu lebenslangen Leseschwierigkeiten führen kann.
- Die kognitionswissenschaftliche Forschung zeigt, dass die regelmäßige Erkennung von Buchstaben-Laut-Zuordnungen (Phonics) der Kern flüssigen Lesens ist.
- Viele Schulen haben Millionenbeträge in die alte Theorie investiert, weshalb der Bedarf an Veränderung und Überprüfung des Unterrichts deutlich wird.
Einleitung: Kinder, die beim Lesen kämpfen
- Molly Woodworth war eine leistungsstarke Schülerin, hatte aber von klein auf Mühe beim Lesen.
- Sie kam darüber hinweg, indem sie Wörter auswendig lernte, Bedeutungen aus dem Kontext erschloss oder unbekannte Wörter übersprang – also mit diesen drei Strategien.
- Niemand erkannte das Leseproblem von Woodworth, und entscheidend ist: Viele Kinder in den USA machen dieselbe Erfahrung.
- In amerikanischen Grundschulen hat sich über Jahrzehnte eine wissenschaftlich nachweislich fehlerhafte Lesemethode als Standard etabliert.
- Dadurch gelingt es vielen Lernenden nicht, richtig lesen zu lernen, und selbst bis zum Schulabschluss bleiben sie keine sicheren Leserinnen und Leser.
Entstehung und Wirkung der Three-Cueing-Theorie
- Die 1967 von Ken Goodman vorgestellte Three-Cueing-Theorie geht davon aus, dass Kinder Wörter anhand von drei Hinweisen lesen: Buchstaben, Satzstruktur, Bedeutung.
- Goodman und sein Kollege Marie Clay leiteten ihre Theorie aus der Beobachtung typischer Fehler beim Lesen bei Kindern ab und betonten dabei stärker das Verstehen der Bedeutung als die exakte Worterkennung.
- Dieser Ansatz wurde zur Grundlage international verbreiteter Lesemethoden wie "Whole Language" und "Reading Recovery".
- Seit den 1980er-Jahren wurde er über Unterrichtsmaterialien und Lehrerausbildung in Schulen in den USA flächendeckend eingeführt.
Gegenposition aus der Kognitionswissenschaft
- Kognitionswissenschaftler*innen wie Keith Stanovich zeigten, dass versierte Leser Wörter schneller und genauer erkennen.
- In Studien zeigte sich, dass unerfahrene Leser stärker auf den Kontext angewiesen sind, während geübte Leser Wörter sofort über Buchstabenmuster und Laute identifizieren.
- Eine schwache Worterkennungsfähigkeit wurde wiederholt als Hauptursache für Leseschwierigkeiten bestätigt.
- Trotzdem wird der Three-Cueing-Ansatz nach wie vor in vielen Klassenzimmern breit eingesetzt.
In der Praxis: Wiederholung falscher Strategien
- In zahlreichen Lehrmaterialien und Klassenräumen werden weiterhin Strategien wie Bilder anschauen, Erster-Buchstabe-Laut, Kontextschluss im Sinne des Three Cueing propagiert.
- Lernende gewöhnen sich mehr daran, Buchstaben und Laute auswendig zu lernen und auf Muster oder Bilder zu raten, statt die Verknüpfung von Schrift und Laut systematisch zu beherrschen.
- Bekannte Materialien wie "Guided Reading", "Leveled Literacy Intervention" und "Units of Study for Teaching Reading" stützen sich ebenfalls auf den Three-Cueing-Ansatz.
- Kinder, die so unterwiesen werden, entwickeln eher "Scheingelesen"-Gewohnheiten als echte Lesekompetenz.
Vergleichsstudie: Was wirkt tatsächlich im Unterricht?
- Goldberg, Lehrkraft im Oakland Unified School District, verglich den Three-Cueing-Ansatz mit einem strukturierten Phonics-Programm (SIPPS).
- Bei Lernenden mit Phonics-orientiertem Unterricht wurde beobachtet, dass sie Wörter präziser lesen und Probleme eher selbstständig lösen konnten.
- Schüler, die Three Cueing gelernt hatten, verließen sich auf Fotos, Satzmuster und Kontext und hatten weiterhin Schwierigkeiten beim Lesen echter Wörter.
- Goldberg sah die Notwendigkeit, Unterrichtsmethoden einzusetzen, die auf wissenschaftlicher Evidenz beruhen.
Probleme der sogenannten "Balanced Literacy"
- "Balanced Literacy" beansprucht eine Mischung aus Phonics und vielfältigen Leseerfahrungen, kombiniert in der Praxis jedoch häufig Three Cueing mit älteren Methoden.
- Offizielle Berichte (USA 2000, Großbritannien, Australien u. a.) betonen die Notwendigkeit eines systematischen Phonics-Unterrichts, doch in vielen Materialien bleibt Three Cueing dennoch präsent.
- Die Three-Cueing-Haltung behindert den Prozess des Orthographic Mapping, bei dem Kinder Grapheme, Laute und Bedeutung zu festen Gedächtnisstrukturen verknüpfen.
- Können Kinder Phonics nicht beherrschen, besteht ein großes Risiko, dass sie nach der dritten Klasse beim Lesen zurückfallen, wenn visuelle Stützung durch Bilder sinkt und die Anzahl der Wörter steigt.
Schulische Umbrüche und praktische Hürden
- In einigen Bezirken wie Oakland wurden neue Materialien und Unterrichtskonzepte getestet, die Three Cueing bewusst ausschließen.
- Im Mittelpunkt standen expliziter Phonics-Unterricht, Ausbau des oralen Wortschatzes und intensive Lesepraxis.
- Mangelndes Verständnis bei Lehrkräften, fehlende Auswahlfreiheit bei Unterrichtsmaterialien, Marktstrukturen und weitere Faktoren machen Veränderungen schwierig.
- Große Verlage (u. a. Heinemann) und bekannte Autorinnen und Autoren, die entsprechende Materialien liefern, nehmen wissenschaftliche Kritik nicht an oder ignorieren sie.
- Lehrkräfte vor Ort vertrauen stark auf bestehende Systeme und Materialien, wodurch die Notwendigkeit struktureller Veränderungen spürbar bleibt.
Fazit und Empfehlungen
- Die Three-Cueing-Theorie wurde aus Beobachtungen und theoretischen Annahmen entwickelt, entspricht aber nicht den experimentellen Befunden der Kognitionswissenschaft.
- Die wissenschaftliche Forschung belegt, dass das präzise Erlernen der korrekten Buchstaben-Laut-Beziehung (phonologische Dekodierung) der Kern flüssigen Lesens ist.
- Es bedarf einer Neuausrichtung des gesamten Bildungssystems, der Materialprüfung und der Lehrerausbildung.
- Schulen und Lehrkräfte sollten prüfen, ob ihre Materialien noch Spuren von Three Cueing aufweisen, und dafür sorgen, dass Kinder beim Lesen nicht benachteiligt werden.
- Wirksame Veränderungen im Lesenlernen sind entscheidend für den langfristigen Lernerfolg, den Bildungsweg und die Lebensqualität von Kindern.
Hinweis: Redaktion und Projekt
- Diese Dokumentation wurde von APM Reports produziert und als Teil des Educate-Podcasts bereitgestellt.
- Sie ist Teil einer Dokumentarserienreihe zu Bildung, Chancen und Lernmethoden.
- Detaillierte Angaben zu Redaktion, Recherche, Produktion und Förderstiftungen sind im Beitrag enthalten.
- Es wird betont, dass Eltern, Lehrkräfte und Bildungsexpert*innen ein vertieftes Verständnis der Leseförderung brauchen und darüber diskutieren sollten.
Anhang und Ressourcen
- Neben diesem Beitrag werden auch Feedback-Möglichkeiten, Newsletter-Abonnement und zusätzliche Ressourcen angeboten.
- Leserinnen und Leser werden ermuntert, Meinungen und eigene Erfahrungen zu teilen.
1 Kommentare
Hacker-News-Kommentare
Ich erinnere mich an meinen ersten Musikunterricht zum Notenlesen. Da standen Sätze auf Papier, und die Lehrerin hatte jedes Wort durch „titi“ oder „ta“ ersetzt. Wir sollten das nachsprechen und bekamen die ganze Woche über Hausaufgaben voller „titi“ und „ta“. Ich hatte Glück und bekam gute Noten, aber ich war so verwirrt, dass ich dachte, Musik sei viel zu schwer, und am liebsten aufgegeben hätte. In der zweiten Stunde sagte die Lehrerin dann: „Jetzt müsst ihr die schwierigen Wörter lernen. ti ist eine Viertelnote und ta eine halbe Note.“ Erst da ergab es für mich etwas Sinn. Aber dann kam wieder: „Das sind zu schwierige Wörter, versucht gar nicht erst, sie zu verstehen, lernt sie einfach auswendig und benutzt je nach Situation das Richtige.“ Sie tat weiterhin so, als seien das komplizierte Begriffe, erklärte sie nicht richtig und betonte nur das Auswendiglernen. Diese Lehrmethode ließ mich seitdem immer misstrauisch werden, und ich habe stets verlangt, dass man mir die genauen Regeln oder Begriffe erklärt. Später erinnerte mich auch ein Wirtschaftslehrer daran, der „debit“ und „credit“ nicht richtig in ihrem Zusammenspiel erklärte, sondern meinte, man solle es einfach nach Gefühl machen
Meine erste Klavierlehrerin war künstlerisch und intuitiv, ich selbst lerne aber eher logisch, deshalb hat das zwischen uns überhaupt nicht funktioniert. Wir haben fast 10 Jahre zusammengearbeitet, aber wir passten einfach nicht zusammen. Meine spätere Klavierlehrerin war Professorin für Musikpädagogik und konnte mit logisch denkenden Schülern wie mir viel besser umgehen. Musik und ein Instrument zu lernen sollte im Kern intuitiv sein, und Aufführung ist sehr ausdrucksstark, weshalb Musik auch viele kreative Menschen anzieht, die sie frei empfinden möchten. Aber Musiktheorie und das Studium klassischer Musik sind streng aufgebaute Bereiche und deshalb auch für logische Menschen attraktiv, die gern alle Fachbegriffe lernen. Theoretische Begriffe zu kennen ist fürs Spielen nicht unbedingt nötig, daher zieht Musik sehr unterschiedliche Menschen an. Tatsächlich gibt es in der Musik unvermeidlich intuitive Anteile, und die Professorin gab immer Rückmeldung zu Klang und Körpergefühl und betonte das Fühlen und Spielen. Man kann sich ihr nicht nur logisch nähern; auf mich wirkt sie eher ein wenig wie Sport. Vor Kurzem habe ich auch mit Gesangsunterricht angefangen, und das ist noch erstaunlicher als Klavier
Ich habe etwas Ähnliches auch im Lateinunterricht gesehen. Statt traditioneller Begriffe wie „nominative“, „accusative“ und „genitive“ bei Substantiven wurde nur „Fall 1“, „Fall 2“, „Fall 3“ unterrichtet. Diese Methode kappt die Verbindung zu Jahrhunderten angesammelten Wissens über lateinische Grammatik und tut so, als seien bedeutungslose Zahlen leichter. Das ist wirklich töricht
Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, was diese Aufgabe überhaupt lehren sollte. Es würde mich interessieren, ein Beispiel für einen Satz und seine Übersetzung in „titi“ und „ta“ zu sehen. Ich bin kein Experte, aber ich spiele seit meinem 13. Lebensjahr Klavier und Gitarre, und trotzdem fällt es mir schwer, mir vorzustellen, was man aus dieser Aktivität lernen soll. Vielleicht bin ich damit allein
Das wirkt wie eine passende Analogie zur aktuellen Situation mit LLMs und Context Engineering
Mein früherer Orchesterlehrer hat uns immer sofort in die Praxis geworfen. So fühlte man sich nicht überfordert und konnte sogar mehr lernen. Ich glaube, ich habe mehr gelernt als Leute, die bei freundlichere Lehrern waren
Solcher Journalismus wird teils auch von der Corporation for Public Broadcasting unterstützt, und ich möchte daran erinnern, dass diese Unterstützung unter der aktuellen Regierung gerade eingestellt wurde. Details stehen im Funders-Abschnitt
Ich habe mit Phonics lesen gelernt und dadurch ohne jedes Zögern sehr gute Lesefähigkeiten entwickelt. Später hat der Bildungsbetrieb dann versucht, eine „bessere“ Lesemethode zu erfinden, und meine jüngeren Geschwister damit völlig ruiniert. Ich freue mich, dass man offenbar wieder zu Phonics zurückkehrt
Es gibt zwar Daten, die zeigen, dass Phonics wirksam ist, aber ich habe das Gefühl, dass für mich vielleicht eine andere Methode besser gepasst hätte (in der Schule wurde bei mir Phonics verwendet). Wenn ich mich daran erinnere, womit ich bei Phonics Probleme hatte, dann erstens mit der Unregelmäßigkeit des Englischen: Phonics stößt da an Grenzen, und am Ende braucht man doch Auswendiglernen und Kontext (z. B. cough, rough, through). In den meisten Sprachen gibt es keinen Wettbewerb wie englische Buchstabierwettbewerbe, weil Aussprache und Schrift viel klarer zusammenpassen (etwa im Deutschen). Zweitens glaube ich, dass manche britischen oder amerikanischen Akzente besser zu Phonics passen als andere. Ich bin im Südosten der USA aufgewachsen, wo oft Wortteile oder Endungen verschluckt werden, sodass „ten“ und „tin“ oder „pen“ und „pin“ nicht mehr unterschieden werden. Drittens ist Phonics viel schwieriger, wenn man wie ich Probleme beim Sprechen hatte. Wenn man die richtigen Laute selbst nicht bilden kann, ist es schwer, über Laute lesen zu lernen. Ich bezweifle nicht, dass die Alternativen noch schlechter sind, und diese Debatte scheint ohnehin fast nur im Englischen aufzutauchen. Im Chinesischen gibt es zum Beispiel überhaupt keinen Phonics-Unterricht, und trotzdem können alle lesen. Vielleicht ist Englisch selbst für Muttersprachler einfach eine Sprache, die schwer präzise zu lesen und auszusprechen ist
Die Forschung scheint mir nicht so eindeutig zu sein, wie der Artikel behauptet. Man sollte beachten, dass Phonics in den 60ern aufkam, sich etwa in den 80ern weit verbreitete und wichtige Forschung dazu schon 1975 stattfand. Dadurch bildeten Kinder, die mit Whole Language unterrichtet wurden, tatsächlich eher eine kleine und meist junge neue Gruppe. Auch die Pädagogen jener Zeit hatten wenig Praxiserfahrung, daher vermute ich, dass Methodik und Materialqualität damals schwächer waren. In der Wissenschaft gibt es außerdem immer den Bias, ein Thema früh besetzen zu wollen, deshalb sollte man auch andere Studien betrachten, um Vertrauen zu gewinnen. Vor allem aber lernen Kinder unterschiedlich. Mein eigenes Kind hat Phonics lange gemacht, hatte aber Schwierigkeiten, Laute mit Buchstaben zu verbinden, und kam mit Whole Language deutlich besser zurecht
Ich, meine Geschwister und meine Kinder haben alle über das Lernen ganzer Wörter lesen gelernt und sind alle gute Leser. Weder die Erfahrungen meiner Familie noch die Ihrer Familie sind also statistisch signifikant. Unseren Kindern zuerst Wörter beizubringen war ziemlich einfach. Allerdings haben sie alle zu Hause, früh und unter der Voraussetzung gelernt, dass Lesen etwas Angenehmes ist; das ist etwas ganz anderes als Unterricht in der Schule
Das hängt wahrscheinlich von der Sprache ab, aber englisches Phonics ist ziemlich kompliziert. Ich selbst habe in einer anderen Sprache lesen gelernt, in der die Zuordnung zwischen Buchstaben und Lauten sehr eindeutig ist, sodass ich nach wenigen Wochen fast alles lesen konnte. Wenn ich Wörter hörte und sie später geschrieben sah, konnte ich die Verbindung leicht herstellen, ohne dass mir das jemand ausdrücklich erklären musste
Lesen mit Phonics zu lernen war wirklich eine tolle Erfahrung. Aber inzwischen bin ich so abhängig von Phonics, dass Sie weinen würden, wenn Sie wüssten, was ich alles an einer dunklen, heruntergekommenen Lkw-Haltestelle getan habe, nur um noch eine Zeile Phonics zu bekommen …
Eltern mit kleinen Kindern würde ich das Buch Teach Your Child to Read in 100 Easy Lessons empfehlen. Unser Kind hat im Kindergartenalter damit gearbeitet, und ich verstehe jetzt vollkommen, warum Eltern, die früh angefangen haben, es so loben. Diese Methode stand dem Erfassen von Kontext oder dem Erkennen ganzer Wörter nicht im Weg. Lesen auf Englisch ist wirklich komplex, aber Kinder sind klüger, als man denkt: Wenn man ihnen eine „langsame, aber sichere“ Methode beibringt, lernen sie von selbst auch schnellere Wege. Eine Routine mit täglich kurzen Einheiten, etwas Nachdruck und Belohnungen war wirksam, und am wichtigsten war, dass das Kind diesem Prozess zustimmen musste. Nach jeder Lektion gibt es sehr kurze Geschichten, die man sofort lesen kann, und später werden sie länger; nachdem unser Kind Phonics gelernt hatte, konnte es an Halloween sogar die Süßigkeitenverpackungen lesen. Danach war die wichtigste nächste Aufgabe, Bücher mit Geschichten zu finden, die dem Kind wirklich gefielen. Es hilft auch, nach dem Unterricht weiter gemeinsam zu lesen. Englische Rechtschreibung und Aussprache sind so vielfältig, dass auch dieses Buch ein modifiziertes Alphabet verwendet (ee, sh/ch/th als eigene Zeichen), um das Lesen zu erleichtern. Trotzdem muss man Wörter wie „is“ oder „was“ als Ausnahmen gesondert lehren. Der Autor dieses Buchs soll auch darüber nachgedacht haben, Rechnen auf dieselbe Weise in winzige Schritte zu zerlegen und gesammelt zu vermitteln, aber ich habe noch kein Rechenbuch auf diesem Niveau gefunden. Wenn es so etwas gäbe, hätte ich es sicher benutzt
Kein Buch, aber vielleicht eine Online-Plattform wie Math Academy. Dort wird Mathematik in kleine Schritte und Fertigkeiten zerlegt, regelmäßig wiederholt und schrittweise zu anspruchsvolleren Skills kombiniert. Angeblich bietet das optimierte Wiederholung passend zum Leistungsstand. Mehr zur Didaktik steht hier. Ich kann diesem Ansatz einiges abgewinnen. physicsgraph.com ist eine davon beeinflusste Physik-Version
Ich erzähle noch einen Einzelfall aus meinem eigenen Leben. Als ich klein war, hat mir meine Mutter das Lesen beigebracht, aber eigentlich hatte sie nie die ausdrückliche Absicht, mich systematisch zu unterrichten. Sie hat mir einfach sehr viele Bücher laut vorgelesen (vor allem DC-Comics), und unser Haus war immer voller Bücher. Das Lesenlernen ergab sich ganz natürlich daraus. Als ich in den Kindergarten kam, konnte ich schon lesen. Ich habe mich dafür nicht besonders angestrengt; es lag wohl vor allem an der Begeisterung meiner Mutter und an der Umgebung zu Hause. Es gab auch Belohnungsprogramme wie „Pizza Hut BOOK IT“. Lesen ist bis heute ein großer Teil meines Lebens
Die Methode, zu der dieses Buch gehört (Direct Instruction), schneidet in aktueller Forschung im Vergleich zu den wirksamsten Ansätzen eher schwach ab. Für Kinder ohne Leseschwierigkeiten ist es in Ordnung, aber für Kinder mit Leseproblemen bietet es weder das nötige Training der Lautwahrnehmung noch genügend Unterstützung für das Verständnis. Da es nicht teuer ist, kann man es ruhig ausprobieren, aber wenn Ihr Kind kein flüssiges und natürliches Lesen entwickelt, sollten Sie unbedingt nach einem Ansatz suchen, der Defizite in der Lautwahrnehmung gezielt angeht
Vor ein paar Jahren hat hier auf Hacker News jemand das Buch empfohlen, und ich habe damit meinen vierjährigen Sohn unterrichtet. Seitdem nutze ich es auch als Maßstab, wenn ich einen Chatbot bitte, Lernmaterial für andere Fächer zu erstellen. Nachdem ich mir nun auch diesen Artikel angehört habe, denke ich noch mehr, dass Schulen offenbar sogar die ganz grundlegenden Dinge beim Lesen falsch vermitteln. Deshalb will ich künftig noch stärker darauf achten, wie mein Kind lernt. Für Mathematik verwenden wir Material von Beast Academy, und mir gefällt, dass dort Problemlösungen auf verschiedene Arten ausprobiert werden. Bei meinem jüngeren Kind haben wir ebenfalls mit Teach Your Child... angefangen. Für Mathe plane ich, wieder etwas Neues zu testen. Besonders bei solchen 1:1-Intensivformaten habe ich den Eindruck, dass sie die Geschwindigkeit, mit der man bestimmte Fertigkeiten erwirbt, enorm steigern können. Schulen würden so etwas aus Effizienzgründen nie machen. Wenn Homeschooling wirklich so viel weiter wäre, müsste sich das beim Zugang zur Universität deutlich zeigen, aber diesen Eindruck habe ich bisher nicht
Für Mathematik lohnt es sich, alte Ausgaben von Saxon Math auszuprobieren. Die neueren Versionen sind in Richtung New Math abgedriftet
Ich habe nie „Leseunterricht“ bekommen. Aus meiner Kindheit ist mir vor allem in Erinnerung geblieben, dass ich einen alten Koffer voller Hunderter Comics bekam, die mir ein Cousin schenkte, der aus Vietnam zurückgekommen war. Es war 1969, und in diesen Comics war alles Mögliche: DC/Marvel, Donald Duck, europäische Comics, übergroße Hefte aus den 60ern und sogar vulgäre Underground-Comics. Als die Schule anfing, konnte ich bereits lesen und las auch schon kurze Romane für Kinder (z. B. „Mrs Frisby & the Rats of NIMN“)
Ich erinnere mich nicht daran, wie ich lesen gelernt habe oder wann ich noch nicht lesen konnte. Vielleicht habe ich damit angefangen, bevor sich mein episodisches Gedächtnis richtig entwickelt hatte. Ich habe eine ungenaue Erinnerung daran, in einem Wissenschaftsbuch für Kinder zu lesen, dass „das Universum entstand, als die Sonne explodierte“, oder so ähnlich. Ich glaube nicht, dass mir jemand solches Wissen ausdrücklich erklärt und dann eine Lücke mit einem „Aha“ gefüllt hat. Offenbar lernen wir vieles, ohne es selbst zu bemerken
Behaupten Sie wirklich, Sie hätten aus den Formen der Buchstaben auf die Laute geschlossen und sich ohne Übung das Lesen selbst beigebracht?
Ich war neugierig auf diese Debatte und habe den Artikel gelesen, war danach aber noch verwirrter. Ich habe mit Phonics lesen gelernt und wenn ich die Bedeutung eines Wortes nicht kannte, habe ich sie aus Kontext oder Rolle erschlossen oder das Wort eben übergangen. Durch diesen Artikel habe ich zum ersten Mal erfahren, dass Schülern meiner Generation teils das Phonics übersprungen und stattdessen beigebracht wurde, Wörter nur über ihre Form als Gestalt zu lesen. Da kann ich mir vorstellen, dass manche Menschen eine Abneigung gegen ungewöhnliche Typografie oder Layouts haben
Das ist der Ansatz des whole word learning. Ich und meine Kinder haben ebenfalls so lesen gelernt. Man schaut auf die Gesamtform und lernt später passend dazu Laute, Wörter oder Kombinationen. Im Englischen kann das unzuverlässig sein. Wenn jemand neue Wörter nur aus Büchern kennt, sollte man fragen, ob er ihre Aussprache wirklich korrekt weiß. Der Vorteil dieser Methode ist aber, dass man deutlich schneller und mit mehr Spaß lesen lernt. Allerdings ist 1:1-Betreuung sehr wichtig. Für Kinder, die zu Hause mit den Eltern lernen, kann es gut funktionieren, im Klassenzimmer eher nicht
Die Zusammenfassung „Phonics überspringen und direkt über Wortformen lesen“ gefällt mir. Diese Methode wirkt wie der Versuch, an Bedeutung zu kommen, ohne den Preis in Form echter Wortarbeit zu zahlen — also eher über einen Trick. Wer so eine Denkweise früh erlebt hat, versteht vielleicht auch besser, warum AI-Texte die Schulen überschwemmen und warum die Gegner davon so anders reagieren. Wer es „bequem gelernt“ hat, bemerkt womöglich nicht die feinen Unterschiede, die nur Menschen wahrnehmen, die sich Lesen mühsam erarbeitet haben
Dazu passt eine andere Geschichte. Ich hatte Mitte 20 schon etwas Programmiererfahrung, bin dann noch einmal in einen CS-Bachelor gegangen und habe als TA Einführungskurse im Programmieren betreut. Dabei fiel mir auf, dass viele Studierende kein grundlegendes Modell davon haben, wie Sourcecode tatsächlich funktioniert. Das Problem war, dass man ihnen einfach Beispielcode zeigte und sie Python-Funktionen benutzen ließ, ohne wirklich zu vermitteln, wie Code auf niedriger Ebene geparst wird und wie Struktur und Funktionsweise zusammenhängen
Ich bin der Ehemann einer Tutorin, die auf Orton-Gillingham (OG) spezialisiert ist. Ich glaube, dass normale Lehrkräfte außerhalb von OG und die ganze Branche mehr daran interessiert sind, Geld zu verdienen, als Kindern wirklich etwas beizubringen. Bei Diensten wie Ergotherapie, Sprachtherapie usw. ist die Struktur ähnlich: weniger „dem Kind helfen“, mehr „monetarisieren“
Der Satz „<i>That’s how good readers instantly know the difference between 'house' and 'horse,' for example.</i>“ ist aus meiner Sicht gerade ein typisches Beispiel dafür, dass das MSV-System mit rein grafischen, grammatischen und semantischen Hinweisen eben nicht gut funktioniert, weil sich „house“ und „horse“ so schwer unterscheiden lassen