- Die LIGO-Virgo-KAGRA-Kollaboration hat die bislang massereichste per Gravitationswellen beobachtete Verschmelzung Schwarzer Löcher entdeckt
- Durch diese Verschmelzung entstand ein Schwarzes Loch mit etwa der 225-fachen Sonnenmasse
- Die Verschmelzung weist eine hohe Masse auf, die sich mit der Standardtheorie der Sternentwicklung nicht erklären lässt, und testet damit die Grenzen von Theorie und Beobachtung
- Beteiligte Wissenschaftler erwarten durch die extrem schnelle Rotation und die komplexe Signalanalyse Fortschritte in der Forschung zu Schwarzen Löchern und bei der Entwicklung von Algorithmen
- Die Beobachtung markiert einen neuen Wendepunkt für Datenanalyse, Instrumententechnik und Theorieentwicklung in der Gravitationswellenastronomie
LIGO, Virgo und KAGRA entdecken die massereichste Verschmelzung Schwarzer Löcher aller Zeiten
Die LIGO-Virgo-KAGRA-(LVK)-Kollaboration hat mithilfe der von der US National Science Foundation (NSF) geförderten LIGO-Observatorien die bislang massereichste per Gravitationswellen beobachtete Verschmelzung Schwarzer Löcher entdeckt. Das bei dieser Kollision entstandene finale Schwarze Loch hat nach Angaben der Forscher etwa die 225-fache Sonnenmasse. Das Gravitationswellensignal erhielt die Bezeichnung GW231123 und wurde am 23. November 2023 während des vierten Beobachtungslaufs des LVK-Netzwerks detektiert.
Geschichte und Entwicklung von LIGO
LIGO erregte 2015 große Aufmerksamkeit, als dort die erste direkte Beobachtung von Gravitationswellen gelang. Damals wurde nach einer Kollision Schwarzer Löcher auch ein Schwarzes Loch mit der 62-fachen Sonnenmasse nachgewiesen. Die beiden LIGO-Detektoren in Livingston, Louisiana, und Hanford, Washington, erfassten das Signal gemeinsam. Später schloss sich LIGO mit Virgo in Italien und KAGRA in Japan zur LVK-Kollaboration zusammen. Seit 2015 wurden in vier Beobachtungsläufen mehr als 300 Verschmelzungen Schwarzer Löcher beobachtet.
Jüngster Rekordfall einer Verschmelzung
Zuvor galt das Ereignis GW190521 aus dem Jahr 2021 als die massereichste beobachtete Verschmelzung Schwarzer Löcher, mit einer Gesamtmasse vom 140-Fachen der Sonne. Beim aktuellen Ereignis GW231123 verschmolzen zwei Schwarze Löcher mit etwa der 100- beziehungsweise 140-fachen Sonnenmasse zu einem Schwarzen Loch mit der 225-fachen Sonnenmasse. Es wird vermutet, dass sich diese Schwarzen Löcher extrem schnell drehen.
Mark Hannam von der LVK-Kollaboration sagte, „dieses beobachtete Doppel aus Schwarzen Löchern lässt sich mit bestehenden Theorien der Sternentwicklung nur schwer erklären und deutet möglicherweise auf wiederholte Verschmelzungen kleinerer Schwarzer Löcher hin“. Dave Reitze von LIGO erklärte, „die Beobachtung von Gravitationswellen hat große Fortschritte dabei ermöglicht, das Wesen Schwarzer Löcher und die ungewöhnlichen Eigenschaften des Universums aufzudecken“.
Neuer Rekord und wissenschaftliche Herausforderung
Die bei GW231123 beobachtete hohe Masse und extrem schnelle Rotation testen die Grenzen heutiger Technologien zur Gravitationswellendetektion und theoretischer Modelle. Durch die schnelle Rotation, die sich dem von Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie erlaubten Grenzwert nähert, werden Interpretation und Modellierung des Signals besonders schwierig. Charlie Hoy von der University of Portsmouth bewertete dies mit den Worten, „dieser Fall bietet eine bedeutende Chance für Fortschritte bei theoretischen Werkzeugen und der Entwicklung von Algorithmen“.
Die Forschenden gehen davon aus, dass es Jahre dauern könnte, die Muster und die Bedeutung dieses Signals vollständig zu entschlüsseln. Gregorio Carullo von der University of Birmingham analysierte, „die Verschmelzung selbst ist zwar die wahrscheinlichste Erklärung, doch da es sich um ein komplexes Phänomen handelt, das mit bestehenden Theorien nicht erklärt werden kann, könnten sich auch Hinweise auf neue Interpretationen ergeben“.
Erweiterung der Grenzen der Gravitationswellenastronomie
Gravitationswellendetektoren wie LIGO, Virgo und KAGRA messen winzige Verzerrungen der Raumzeit, die durch gewaltige physikalische Ereignisse im Universum entstehen. Der vierte Beobachtungslauf begann im Mai 2023; weitere Daten sollen im Sommer 2024 veröffentlicht werden. Sophie Bini vom Caltech erklärte, „dieses Ereignis ist ein praktisches Beispiel dafür, wie die derzeitigen Grenzen von Datenanalyse und Instrumententechnik überwunden werden können, und deutet auf viele Möglichkeiten für die künftige Forschung in der Gravitationswellenastronomie hin“.
Die Ergebnisse zu GW231123 sollen auf der GR24/Amaldi-Konferenz vorgestellt werden, die vom 14. bis 18. Juli 2025 im schottischen Glasgow stattfindet. Die für GW231123 verwendeten kalibrierten Daten werden über das Gravitational Wave Open Science Center (GWOSC) veröffentlicht, sodass Wissenschaftler im In- und Ausland sie für weitere Forschung nutzen können.
Vorstellung der LIGO-Virgo-KAGRA-Kollaboration
- LIGO wird mit Unterstützung der US-amerikanischen NSF von Caltech und MIT betrieben und erhält wichtige Förderung aus Deutschland (Max Planck Society), dem Vereinigten Königreich (Science and Technology Facilities Council) und Australien (Australian Research Council). Mehr als 1.600 Wissenschaftler aus aller Welt sind beteiligt
- Die Virgo Collaboration besteht aus rund 880 Personen aus 152 Institutionen in 17 europäischen Ländern. Der Virgo-Detektor nahe Pisa in Italien wird gemeinsam von EGO (Europäische Gravitationswellenwarte), CNRS (Französisches Nationales Zentrum für wissenschaftliche Forschung), INFN (Italienisches Nationalinstitut für Kernphysik) und Nikhef (Niederländisches Nationalinstitut für subatomare Physik) unterstützt
- KAGRA befindet sich in Kamioka in der japanischen Präfektur Gifu und verfügt über ein 3 km langes Laserinterferometer im Untergrund. Es wird gemeinsam von ICRR der Universität Tokio, dem National Astronomical Observatory of Japan (NAOJ) und der High Energy Accelerator Research Organization (KEK) getragen. Mehr als 400 Personen aus 128 Institutionen in 17 Ländern und Regionen sind beteiligt
Weitere Informationen oder Forschungsmaterialien sind auf den offiziellen Websites der jeweiligen Institutionen verfügbar.
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