- Gute Texte zeichnen sich dadurch aus, dass ihre Sätze gut fließen und/oder richtige Ideen transportieren
- Das Streben nach der Natürlichkeit des Satzklangs verbessert zugleich Genauigkeit und Tiefe der Ideen
- Die beim Überarbeiten entstehenden Einschränkungen verschlechtern den Inhalt nicht, sondern lenken ihn vielmehr in eine bessere Richtung
- Rhythmisch aufgebaute Sätze stehen in Verbindung mit dem Wesen der Ideen, wodurch Texte leicht zu lesen und gut zu prüfen sind
- Je höher die Übereinstimmung von Inhalt und Ausdruck, desto höher auch Kohärenz und Wahrhaftigkeit – am Ende hängen beide zusammen
Good Writing
Zwei Maßstäbe für gutes Schreiben
- Gutes Schreiben kann zwei Eigenschaften haben: gut klingende Sätze und richtige Ideen
- Auf den ersten Blick scheinen diese beiden Dinge so unabhängig zu sein wie Geschwindigkeit und Farbe eines Autos, tatsächlich sind sie aber eng miteinander verbunden
- Beim Überarbeiten von Sätzen, damit sie angenehmer klingen, werden auch die Ideen klarer und überzeugender formuliert
Der Prozess, beim Formen guter Sätze auch Ideen zu schärfen
- Bei der Arbeit am Buchlayout erlebe ich oft, dass ein Text gerade dadurch besser wird, dass ich Sätze kürzen muss, damit sie auf die Seite passen
- Das ist kein Zufall, sondern liegt daran, dass in den meisten Fällen selbst unter Einschränkungen eine Tendenz zur etwas besseren Ordnung entsteht
- Ähnlich wie sich Gegenstände in einer Schachtel durch Schütteln dichter anordnen, werden beim Glätten von Sätzen auch die Ideen verfeinert
Leicht lesbare Texte = leicht prüfbare Ideen
- Wenn Sätze natürlich fließen, wird das Lesen weniger anstrengend
- Dadurch kann der Autor den Text selbst leichter wiederholt lesen und Fehler finden
- Da man beim Schreiben viel mehr Zeit mit Lesen und Überarbeiten verbringt als mit dem eigentlichen Formulieren, führen leicht lesbare Texte zu besseren Texten
Rhythmus und die Struktur des Denkens
- Gute Texte haben in der Regel einen guten Rhythmus
- Es ist kein regelmäßiger Rhythmus wie in der Musik, sondern ein natürlicher Fluss, der zur Struktur der Gedanken passt
- Kurze Sätze eignen sich für einfache Gedanken, lange Sätze für komplexe Gedanken
- Weil sich Gedanken wie Äste verzweigen, versucht Schreiben, dies in einer linearen Struktur auszudrücken, und der Rhythmus liefert Hinweise für diese Anordnung
Guter Klang ist mit Wahrhaftigkeit verbunden
- Damit ein Text gut klingt, müssen die Gedanken geordnet sein, wodurch die innere Kohärenz steigt
- Um eine Lüge schön zu schreiben, muss man sich so stark hineinsteigern, dass man sie fast selbst glaubt – am Ende bleibt sie doch nur eine als Tatsache entworfene Fiktion
- Umgekehrt ist bei unbeholfenen und ungeordneten Texten die Wahrscheinlichkeit hoch, dass auch die zugrunde liegenden Ideen ungeordnet sind
Das Ziel des Schreibens und seine Grenzen
- Dieses Prinzip gilt nur für Texte, die im Prozess der Entwicklung von Ideen entstehen
- Bei Texten, die lediglich bereits vorhandene Experimente oder kreative Ergebnisse erklären, ist dieser Zusammenhang schwächer
- Deshalb sind guter Klang und guter Inhalt nur beim Schreiben, das Ideen entwickelt, eng miteinander verbunden
Fazit
- Bei holprig geschriebenen Texten ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass auch die Qualität der Ideen gering ist
- Satzklang und Kohärenz der Ideen sind keine zwei getrennten Achsen, sondern eher wie ein einziges Seil aufgebaut
- also eher wie ein Seil als wie eine Stange (
rod vs. rope), in dem viele Teile miteinander verflochten sind
- Wenn man an der einen Seite zieht, bewegt sich die andere mit: Wer den Ausdruck verfeinert, verfeinert auch das Denken
- Gutes Schreiben bedeutet, dass Ausdruck und Inhalt gemeinsam veredelt worden sind
Fußnoten
- Wenn man unterwegs neuen Inhalt einfügen will, kann der Fluss des Textes brechen. Das liegt an dem Unterschied zwischen der Struktur des Denkens (baumartig) und der Struktur des Schreibens (linear). In solchen Fällen helfen oft Anmerkungen
- Übermäßige äußere Zwänge (z. B. eine erzwungene Silbenzahl) können Text und Ideen im Gegenteil auch ruinieren
- Beim Überarbeiten entdeckt man mitunter, dass unbeholfene Stellen wie Wiederholungen tatsächlich mit Problemen in den Ideen selbst zusammenhängen
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