- Der Deathbed Fallacy ist ein Irrtum, nämlich das Missverständnis, dass Reue kurz vor dem Tod als Leitfaden für das gesamte Leben dienen könne
- Gefühle oder Gedanken im Moment des Todes besitzen keine Repräsentativität
- Obwohl das frühere und das gegenwärtige Selbst unterschiedlich sind, liegt der Irrtum darin, das Selbst im Todesmoment so zu behandeln, als habe es das ganze Leben vollständig durchdrungen
- Wegen zeitgeschichtlichem Hintergrund und Generationenunterschieden gelten Ratschläge aus dem Todesmoment nicht uneingeschränkt für alle Menschen von heute
- Wer besser leben möchte, sollte durch objektive Glücksforschung und Selbstreflexion nach einer zur Realität passenden Richtung suchen
“Lord Byron on his Death-bed” by Joseph Denis Odevaere
Einführung in das Thema
- Vorstellung der persönlichen Motivation und des Hintergrunds, die dazu führten, das Konzept des Deathbed Fallacy vorzuschlagen
- Ein Artikel von Wait But Why und ein oder zwei Gläser Bourbon lieferten die Inspiration, sich mit diesem Thema zu befassen
- Es wird betrachtet, woher die verbreiteten Geschichten und Ratschläge über Reue kurz vor dem Tod kommen und welche Bedeutung sie haben
Was ist der Deathbed Fallacy?
- Viele Menschen äußern kurz vor dem Tod typische Reue wie „Ich hätte mehr Zeit mit der Familie verbringen sollen, mehr reisen sollen, mir weniger Sorgen machen sollen“
- Diese Liste von Reuepunkten geht auf die Zusammenstellung der Hospizpflegerin Bronnie Ware über die häufigsten Reuegefühle kurz vor dem Tod zurück
- Die folgenden fünf gelten als repräsentativ:
- Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mir selbst treu zu leben
- Ich wünschte, ich hätte nicht so hart gearbeitet
- Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meine Gefühle ehrlich auszudrücken
- Ich wünschte, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden aufrechterhalten
- Ich wünschte, ich hätte mir selbst mehr Glück erlaubt
- Diese Ratschläge klingen positiv, enthalten aber ein Problem
The Fallacy (das Wesen des Irrtums)
- Der Irrtum entsteht aus der Täuschung, dass das Selbst im Todesmoment automatisch der beste Ratgeber für das heutige Selbst sei
- Man sollte das Leben nicht als ein einziges durchgehendes Selbst betrachten, sondern als eine fortlaufende Linie aus mehreren verschiedenen Personen mit unterschiedlichen Prioritäten
- Ob das Selbst am Ende dieser Linie, also im Todesmoment, wirklich als weiser Ratgeber gelten kann, wirft drei Fragen auf
Grund 1: fehlende Repräsentativität
- Der Todesmoment ist kein repräsentativer Zustand für das gesamte Leben, und die Reue oder Gefühle in diesem Moment stimmen nicht zwingend mit der befriedigendsten und sinnvollsten Lebensweise überein
- Das dem Tod nahe Selbst hat keine Zukunft mehr. Es hat nur die Gegenwart und Erinnerungen an die Vergangenheit
- Es glaubt fälschlich, das frühere Selbst zu kennen, kennt es aber in Wirklichkeit nicht besonders gut
- Auch dieses momentane Selbst ist nur an eine bestimmte Zeit, einen Ort und eine Situation gebunden
- Auf die von älteren Menschen geäußerte Reue wirkt auch eine Verzerrung durch jüngere Erinnerungen stark ein. Arbeitsleben im Alter oder Distanz zu Freunden wird dadurch größer empfunden
Grund 2: Missverständnis über das frühere Selbst
- Mit zunehmendem Alter glaubt man, die eigene Vergangenheit besser zu verstehen, tatsächlich interpretiert man das frühere Selbst aber oft vereinfacht nach den Maßstäben der Gegenwart
- Frühere Entscheidungen oder Handlungen hatten in ihrem damaligen Kontext Sinn und waren legitime Entscheidungen
- Zum Beispiel kann das frühere Selbst, für das es in der Jugend wichtig war, mit anderen dazuzugehören, aus heutiger Sicht falsch erscheinen. Damals war es jedoch eine wichtige Phase für den Aufbau von Beziehungen und die Entwicklung der Identität
- Das gegenwärtige Selbst neigt dazu, das frühere Selbst unnötig negativ zu bewerten
- Auch heutige Ziele (z. B. Karriere, Geld, Einfluss) unterscheiden sich vielleicht vom Selbst im Todesmoment, beruhen aber auf den heutigen Bedürfnissen und Werten
Grund 3: Unterschiede zwischen Generationen und veränderte Umstände
- Man könnte denken, die Kriterien für Glück seien unveränderlich, tatsächlich verändern sie sich je nach Zeitumständen stark
- Für ältere Generationen war es selbstverständlicher, nach den Erwartungen anderer zu leben, weshalb sie Reue wie „Ich war mir selbst nicht treu“ stärker nachvollziehen können
- Moderne Menschen laufen eher Gefahr, ein übersteigertes „authentisches Selbst“ in den Vordergrund zu stellen und dadurch gemeinschaftliche Verantwortung oder Balance zu verlieren
- Auch Beziehungsaufbau mit Freunden, berufliche Stabilität und Familiengründung finden heute unter völlig anderen Bedingungen statt
- Daten oder Ratschläge von vor 50 Jahren auf Menschen in ihren Zwanzigern von heute anzuwenden, birgt eine große situative Kluft
Wer ist für diesen Irrtum am anfälligsten?
- Menschen, die das Gefühl haben, den Sinn und Zweck des Lebens erkannt zu haben, befinden sich meist weit oben in Maslows Bedürfnishierarchie
- Sie verfügen bereits über genügend Ressourcen, Zeit und Autonomie, um sich mit dem Wesen des Lebens zu beschäftigen
- Gerade dann neigen sie dazu, frühere Mühen und Erfolge abzuwerten und die gegenwärtige Einsicht zu betonen
- Umgekehrt erleben Menschen, die ein zu leichtes, sorglos freies Leben anstreben, wegen fehlender realistischer Grundlagen eher Scheitern und Frustration
- Menschen, die bereits vieles besitzen, erliegen leicht der Täuschung, sie wären genauso glücklich, wenn sie von Anfang an nicht nach Erfolg, Anstrengung und Leistung gestrebt hätten
Was ist also die Alternative?
- Die Liste der Reue im Todesmoment hat durchaus Bedeutung und Nutzen, in der Realität hat es aber Grenzen, subjektiver Reue die volle Verantwortung zuzuschieben
- Manchmal bilden vorübergehendes Unglück und Mühsal langfristig die Grundlage für größeres Glück oder bessere Chancen
- Objektive und wissenschaftlich überprüfte Glücksforschung (z. B. stabiles Einkommen, bedeutungsvolle Beziehungen, ein erfahrungsorientiertes Leben) ist ein praktischerer Leitfaden
- Es ist wichtig, die Elemente des Glücks in der eigenen Vergangenheit zu prüfen und auch in Gegenwart und Zukunft nach sinnvoller Erfüllung und Glück zu streben
- Wichtiger als die Meinung des „Ichs im Todesmoment“ ist es, das heutige Selbst und seine realen Grundlagen ernst zu nehmen und langfristig ein Leben zu entwerfen, mit dem alle Versionen des eigenen Selbst zufrieden sein können
Schluss
- Dieser Text ist eine kürzlich stark überarbeitete und ergänzte Version eines ursprünglich 2016 geschriebenen, damals jedoch unvollendeten Artikels
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