- Die Venture-Capital-(VC-)Branche verändert sich, und für Gründer ist es wichtig, diese Veränderungen zu verstehen
- Hier sind sieben zentrale Punkte zu den Veränderungen im VC-Markt und ihren Auswirkungen auf Gründer zusammengefasst
1. Kapital für Ideen zu beschaffen ist einfacher als je zuvor
- Gründer leben derzeit in einer sehr vorteilhaften Zeit
- Früher war Fundraising schwierig, heute gibt es mehr als 32.000 VCs, die aktiv in Startups investieren
- Das VC-Modell breitet sich schnell nicht nur in Software aus, sondern auch in Branchen wie Verteidigung, Biotechnologie, Energie, Robotik und Raumfahrt
- 1994 war die Branche in den USA noch klein: Rund 150 VC-Investoren arbeiteten in 40 VC-Firmen
- Früher mussten Gründer ihre Unternehmen mit Kreditkarten oder Hypothekendarlehen finanzieren, heute können sie schon in frühen Phasen hohe Bewertungen erzielen
- VCs sind nicht nur Investoren, sondern unterstützen Gründer aktiv dabei, erfolgreich zu sein
- Mit dem Wachstum der VC-Branche ist ein Umfeld entstanden, in dem Gründer höhere Bewertungen verlangen können
- Heute ist die beste Zeit für Gründer, und die Chancen für Unternehmensgründungen sind weit offen
2. Die Zahl der VCs, die in dich investieren könnten, wird weiter steigen
- Viele behaupten, die VC-Branche sei überhitzt, die Renditen würden sinken, und deshalb werde die Zahl der VCs am Ende zurückgehen
- Tatsächlich passiert jedoch das Gegenteil: Die Zahl der VCs steigt weiter, und das ist eine gute Nachricht für Gründer
- Schon 1998, 2005, 2009, 2014 und 2017 hieß es, es gebe „zu viel Kapital und zu wenige gute Startups“, dennoch ist die Zahl der VCs weiter gestiegen
- 14 Gründe, warum die Zahl der VCs weiter wachsen wird
- Anhaltende Ineffizienz: VC ist weiterhin eine der ineffizientesten Asset-Klassen und kann deshalb nach wie vor hohe Renditen liefern
- Kleine Größe der Asset-Klasse: Die VC-Branche hat ein jährliches Volumen von 200 Milliarden US-Dollar, also ungefähr die Größe eines einzelnen großen Hedgefonds. Wenn bestehende LPs mehr in VC investieren, wird der Markt noch größer
- Branchenausweitung des VC-Modells: Mit dem Fortschritt der KI werden alle Branchen digitalisiert, wodurch sich VC-Chancen von Software auf Verteidigung, Healthcare, Energie und Raumfahrt ausweiten
- Internationales Wachstum: Auch außerhalb der USA, Israels und Europas ist eine stärkere Belebung der VC-Branche wahrscheinlich
- Vielfältige Investmentstrategien: Große VCs können Strategien verfolgen, die auch bei niedrigeren Renditen stabile Erträge liefern
- Beständigkeit von VC-Marken: Einige VCs haben einen so starken Ruf, dass sie trotz vorübergehend schwächerer Renditen weiter Kapital einsammeln können
- Mangel an alternativen Anlageformen: Da Alpha bei Hedgefonds, Anleihen und Aktien sinkt, sehen Investoren VC als attraktivere Option
- Neue Typen von LPs: Regierungen, Krypto-Investoren, Großunternehmen, Pensionsfonds und Kleinanleger strömen als neue Investoren in den Markt
- Undurchsichtige Berichtsstrukturen: Anders als andere Asset-Klassen bewertet VC nicht jedes Jahr den Marktwert, daher brauchen LPs länger, um die Performance zu erkennen, und Fonds können lange betrieben werden
- Attraktivität des VC-Berufs: VC bietet hohes Ansehen, intellektuelle Anregung, angemessene Vergütung und langfristig hoffnungsvolle Zukunftsaussichten und zieht damit starke Talente an
- Mehr Einsatz von KI und Daten: KI wird Deal Sourcing und Analyse effizienter machen und VC-Arbeit weiter erleichtern
- Niedrige Eintrittsbarrieren: Jeder mit Kapital kann VC werden und in bestimmten Branchen oder Regionen wirksam agieren
- Zunahme von Teilzeit-VCs: Family Offices, Hedgefonds, Crossover-Fonds, Geschäftsbanken und Krypto-Unternehmen werden zusätzlich VC-Rollen übernehmen
- Ausbreitung communitybasierter VCs: Städte, Universitäten und Länder werden wahrscheinlich eigene VC-Modelle einführen, um Wirtschaftswachstum zu fördern
- Aus diesen Gründen wird die Zahl der VCs über 32.000 hinaus weiter steigen und Gründern mehr Chancen eröffnen
3. Wir leben jetzt im Zeitalter von Venture Capital 3.0
- VC 1.0: „Kleinbranche“ (Cottage Industry)
- Vor 1994 gab es in den USA weniger als 150 GPs (General Partner)
- Sogar das Konzept des Startups war kaum verbreitet, und nur sehr wenige Kanzleien konnten VC-Investmentverträge betreuen
- Gründer konnten meist erst VC-Kapital erhalten, nachdem sie mit Eigenmitteln (Bootstrapping) gewachsen waren
- VC 2.0: „Software-zentriert“ (Software)
- Nach dem Aufkommen des Internetbrowsers wuchsen die Startup- und VC-Branche ernsthaft an
- Die Renditen aus VC-Investments explodierten, und auch der gesellschaftliche Status von VCs stieg stark
- Ab 2004 entstanden VC-Blogs, und auch Accelerator-Programme wurden aktiver
- Mit dem Aufkommen von TechCrunch (2005), A16Z (2008), AngelList (2010) und Signal.nfx.com (2018) verbreiteten sich Informationen über Startups und VC öffentlich
- Das gesamte VC-Investitionsvolumen, die Zahl der Startups und das eingesammelte Kapital nahmen explosionsartig zu
- Von 1994 bis 2022 blieb das Wesen von VC unverändert, aber der Gesamtmarkt wuchs stark
- VC 3.0: „Allgegenwart“ (Ubiquity)
- Seit 2022 verändern das Ende des Bullenmarkts und das gleichzeitige Aufkommen von KI die Arbeitsweise der VC-Branche
- VC ist nicht länger nur softwarezentriert, sondern weitet sich schnell auf Verteidigung, Healthcare, Energie, Climate Tech und Raumfahrt aus
- Mit dem Aufstieg großer Multi-Stage-VC-Fonds (Sequoia, A16Z, Greylock, Accel usw.) tritt der VC-Markt in eine Reifephase ein
- Da VC- und Private-Equity-(PE-)Modelle verschmelzen, dürften die Renditen von Late-Stage-VC sinken
- Die VC-Branche ist nicht länger auf eine bestimmte Technologie (Software) fokussiert, sondern breitet sich auf alle Branchen aus, und Gründer stehen vor einem neuen Investmentumfeld
4. Software ist eine besondere Branche
- Vor dem Aufkommen von Software existierte die VC-Branche fast gar nicht
- Das VC- und Startup-Ökosystem, wie wir es heute kennen, wuchs erst nach dem Aufkommen des Internetbrowsers 1994 wirklich an
- Software ermöglichte schnelle Wertschöpfung, weshalb sowohl Gründer als auch VCs leichter erfolgreich sein konnten
- Künftig müssen VCs jedoch stärker sein, und auch Gründer brauchen wie vor 1994 eine hohe Widerstandskraft
- In den vergangenen 60 Jahren war das VC-Modell auf Renditen von mehr als 100x ausgerichtet, und weil es seit 1994 viele solche Fälle gab, konnte die Branche florieren
- Heute sind die Bewertungen von VC-Investments in der Series-A-Phase auf rund 90 Millionen US-Dollar gestiegen, dreimal so viel wie vor zehn Jahren (etwa 30 Millionen US-Dollar), wodurch es zunehmend schwieriger wird, hohe Renditen aufrechtzuerhalten
- Die VC-Branche wird künftig unter noch härterem Wettbewerb operieren, und sowohl VCs als auch Gründer brauchen stärkere Umsetzungskraft und bessere Strategien
5. Einige Mega-VC-Fonds werden sich wie Private Equity verhalten, und Gründer werden diese Veränderung spüren
- Mit der Reifung der Softwarebranche werden große VCs wahrscheinlich Private-Equity-(PE-)ähnliche Investmentansätze übernehmen
- PE-Firmen könnten VC-finanzierte Startups übernehmen und in bestehende Unternehmen integrieren, wodurch Gründer niedrigere Übernahmeangebote erhalten könnten
- Große VCs können durch die Mischung mit dem PE-Modell verschiedene Strategien einsetzen, aber diese Investmentweise könnte weniger attraktiv sein als erwartet
- Im Wettbewerb mit PE-Firmen, die KI und Software einsetzen, müssen VCs nach neuen Überlebensstrategien suchen
- VC vs. PE: Unterschiede in Charakter und Ansatz
- VC-(Venture-Capital-)Investoren
- verfügen über eine kreative und flexible Denkweise
- sind daran gewöhnt, Gründer zu unterstützen und neue Märkte sowie Geschäftsmodelle zu erkunden
- übernehmen die Rolle der Wertschöpfung (z. B. Erschließung neuer Industrien)
- zielen auf 100x-Renditen und verfolgen eine Investmentweise, die Träume verwirklicht
- PE-(Private-Equity-)Investoren
- verfolgen einen realistischen, effizienzorientierten Ansatz
- optimieren bestehende Unternehmen und maximieren Erträge durch Kostensenkungen
- übernehmen die Rolle der Wertabschöpfung (z. B. Optimierung bestehender Geschäfte)
- beseitigen ineffiziente Elemente, tauschen oft das Management aus und haben Gewinnmaximierung als Ziel
- Gründer sollten den Unterschied zwischen VC und PE verstehen und sorgfältig wählen, mit welchem Typ Investor sie zusammenarbeiten wollen
6. KI wird die Art verändern, wie VCs und Gründer interagieren
- Zu den Hauptaufgaben von VCs gehören Informationssammlung, Zusammenfassung, Analyse und Bewertung. KI beherrscht diese Aufgaben gut und wird die VC-Branche in den kommenden zehn Jahren stark verändern
- Sourcing: Veränderung bei der Art, wie VCs Gründer finden
- Durch KI-gestützte Datenanalyse nimmt das „Outbound Sourcing“ zu, bei dem VCs Gründer direkt finden
- Bisher dominierte „Inbound Sourcing“ über Netzwerke, doch da KI Startup-Informationen analysiert, verändert sich dies hin zu einer aktiven Suche nach Gründern selbst in frühen Phasen (Seed, Pre-Seed)
- Wenn man zum Beispiel den LinkedIn-Status auf „an einem neuen Projekt arbeitend“ ändert, könnten sich innerhalb von 48 Stunden 10 bis 30 VCs melden
- Analyse: KI wertet die digitalen Daten von Gründern umfassend aus
- KI kann die digitalen Spuren von Gründern, Teams, Produkten, Kunden und Marktreaktionen analysieren und so präzisere Bewertungen ermöglichen
- Das wird VCs helfen, mehr Startups effektiv zu bewerten
- Entscheidung: KI unterstützt oder beeinflusst Investmententscheidungen direkt
- KI unterstützt Investitionsentscheidungen, und künftig könnte sie diese sogar selbst treffen
- Schon früher gab es Fälle, in denen Google Ventures KI für Investmententscheidungen nutzte, und es ist zu erwarten, dass künftig mehr VCs KI einsetzen werden
- Unterstützung: KI verändert, wie VCs das Wachstum von Gründern fördern
- Mit KI können VCs den Fortschritt von Gründern genauer und in Echtzeit überwachen
- VCs werden Gründern wirksamere Ratschläge und bessere Netzwerkverbindungen bieten können
- Da KI die VC-Branche effizienter macht, ist es wahrscheinlich, dass Gründer die Aufmerksamkeit von noch mehr VCs erhalten
7. Der pessimistische Ausblick auf Venture Capital (Bear Case)
- Einige Experten argumentieren, dass die VC-Branche in eine Krise geraten könnte
- Es gibt zu viele VCs, der Wettbewerb ist überhitzt
- Mit mehr als 32.000 VCs gibt es mehr Investoren als gute Startups
- Die Bewertungen sind zu stark gestiegen, sodass es für VCs schwierig wird, Renditen von 3x bis 8x zu erzielen
- Neue Technologiefenster sind nicht so VC-freundlich wie Software
- In den vergangenen 30 Jahren hat die Softwarebranche VCs hohe Renditen geliefert, doch künftige Technologien (z. B. KI, Biotech) liefern womöglich nicht mehr dieselben hohen Renditen
- KI beseitigt Informationsineffizienzen und verschärft dadurch den Wettbewerb unter VCs
- KI sorgt dafür, dass alle VCs über dieselben Informationen verfügen, was Investmentchancen verwässern und Renditen senken könnte
- KI senkt die Kosten von Startups und damit den Bedarf an VC-Kapital
- Da KI die Gründungskosten senkt, brauchen manche Gründer womöglich weniger VC-Finanzierung oder verkaufen weniger Anteile
- KI könnte VC-Personal ersetzen
- Wenn KI Due Diligence und Analyse automatisiert, könnte viel VC-Personal überflüssig werden
- Krypto könnte das traditionelle VC-Modell ersetzen
- Durch Blockchain und Tokenization könnte ein Umfeld entstehen, in dem Gründer auch ohne VC Kapital aufnehmen können
- Die Gewinne der KI-Branche könnten sich bei bestehenden Großkonzernen (Big Tech) konzentrieren
- Ein Großteil der KI-Innovation könnte von bestehenden Großunternehmen wie Apple, Amazon, Google und Meta monopolisiert werden, sodass für Startups und VCs weniger übrig bleibt
- Wenn die Renditen von VC unter den S&P 500 fallen, könnten LPs abspringen
- Wenn VC-Fonds schwache Renditen erzielen, investieren institutionelle Anleger (LPs) womöglich lieber wieder in den traditionellen Aktienmarkt
- Es könnten nur 20 große VCs überleben, während der Rest zu Angel-Investoren schrumpft
- Große VCs überleben, aber kleine VCs könnten verdrängt werden, sodass Startup-Investments auf ein hobbyartiges Angel-Investing zusammenschrumpfen
- Die VC-Branche könnte nicht länger „cool“ sein
- VC und Startups könnten nicht mehr dieselbe starke Aufmerksamkeit wie früher erhalten
- Die VC-Branche könnte schrumpfen und innerhalb des Finanzsektors nur noch ein kleiner Bereich sein
- Am Ende könnte der VC-Markt auf eine realistischere Größe zurückgehen und innerhalb der gesamten Finanzbranche an Bedeutung verlieren
- Diese Argumente haben ihre Berechtigung, doch die zuvor genannten 14 Gründe (die Ausweitungstreiber der VC-Branche) dürften noch stärker wirken
- VC ist ein zentraler Wachstumsmotor der westlichen Wirtschaft und wird sich auch künftig weiterentwickeln
Auswirkungen auf Gründer
- Die pessimistische Sicht auf die VC-Branche bedeutet nicht das Ende von VC
- Doch da sich der Wettbewerb unter VCs verschärft, wird das auch vielfältige Auswirkungen auf Gründer haben
- Positive Auswirkungen:
- Durch den Wettbewerb unter VCs steigt die Wahrscheinlichkeit, hohe Bewertungen zu erhalten
- VCs werden Gründern zur Differenzierung bessere Unterstützung bieten
- VCs werden über Blogs, X (ehemals Twitter) und LinkedIn mehr Business-Insights kostenlos teilen
- Selbst radikale Ideen, die früher schwer finanzierbar waren, könnten das Interesse von Hunderten VCs wecken
- Negative Auswirkungen:
- Es werden mehr konkurrierende Startups entstehen, die von noch mehr VCs noch stärker finanziert werden, wodurch der Wettbewerb im Markt härter wird
- Einige VCs könnten sich kalt und wenig kooperativ wie PE-Investoren verhalten
- Unklare Auswirkungen:
- Mit mehr Kapital von Venture Capital (VC) und Private Equity (PE) steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Startups länger privat bleiben
- Das kann zwar den Druck eines Börsengangs verringern, könnte aber auch das persönliche Wachstum und die Unternehmenskultur negativ beeinflussen
- Außerdem könnte die politische Einflussnahme im Board zunehmen
- Das Maß der Verwässerung (Dilution) bleibt bestehen
- Auch wenn Bewertungen steigen, dürfte der von VCs geforderte Eigentumsanteil (Ownership Percentage) ähnlich bleiben
- Dadurch lässt sich zwar mehr Kapital aufnehmen, der Anteil der Gründer dürfte aber ähnlich bleiben wie früher
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