1 Punkte von GN⁺ 2024-10-30 | 1 Kommentare | Auf WhatsApp teilen
  • Für Chris Ware war Richard Scarrys Best Word Book Ever ein Buch, das Alltagsgegenstände und Handlungen in Bildern ordnete und einem Kind die Welt als sicheren, verständlichen Ort erscheinen ließ
  • Weil statt Menschen Tierfiguren wie Kaninchen, Bären, Schweine und Katzen die Alltagsszenen bevölkerten, wirkte Scarrys Welt realistischer und einladender
  • Das 1974 erschienene Cars and Trucks and Things That Go feierte 2024 sein 50-jähriges Jubiläum; die neue Jubiläumsausgabe von Penguin Random House enthält klare Linien, warme Aquarellfarben und ein Nachwort seines Sohnes Huck
  • Die Arbeit an den Little Golden Books und der Erfolg von Best Word Book Ever führten zu Busytown; bis 1975 verkaufte sich das Buch 7 Millionen Mal und wurde zum Inbegriff von Scarrys Bild-Sprache
  • Scarrys Bücher sind weniger Werke, bei denen Text mit Bildern versehen wurde, sondern eher Geschichten, die mit Bildern geschrieben sind; sie zeigen die Kraft von Bildern als Sprache, mit der Kinder die Welt zuerst verstehen

Scarrys Welt in der Kindheit

  • Der Erzähler fühlte sich als Kind verpflichtet, Autos und Lastwagen zu mögen, hatte tatsächlich aber nur zu einem einzigen Auto eine besondere Bindung: dem blauen Volkswagen Ghia seiner Mutter
  • Im Gästezimmer im zweiten Stock des Hauses der Großeltern standen im Bücherregal neben Oz-Originalausgaben, Ferdinand the Bull, Manners Can Be Fun und Little Golden Books aus den 1950er- und 1960er-Jahren auch Richard Scarrys Best Word Book Ever
  • Best Word Book Ever funktioniert wie ein visueller Index, der die Puzzleteile des Alltags als kolorierte Strichzeichnungen zeigt
    • Es zeigt Alltagsszenen wie Zuhause, Schlafen, Essen, Spielen und Arbeit aus Blickwinkeln, die ein Kind interessieren könnten
    • Es kommen keine Menschen vor; Kaninchen, Bären, Schweine, Katzen, Füchse, Hunde, Waschbären, Löwen, Mäuse und andere füllen die Welt

Lebensnähe durch Tierfiguren

  • Scarrys Tierfiguren lassen Alltagsszenen als realistische und warme Welt erscheinen
  • Der Querschnitt durch das Haus der Kaninchenfamilie wurde nicht als bloße Aufzählung von Dingen wahrgenommen, sondern als das Leben selbst: gemeinsam kochen und sich anziehen
  • Die Szene, in der der Bär Kenny aufsteht, sich wäscht, anzieht und frühstückt, veränderte sogar das Verhalten des Erzählers
    • Im Haus der Großeltern wusch sich der Erzähler nach Kennys Vorbild, putzte die Zähne, zog sich an und machte das Bett
    • Die Großmutter versuchte, Kennys Frühstück mit Pfannkuchen, warmem Getreidebrei, Orangensaft, Speck, Toast und anderem so gut wie möglich nachzustellen
  • Der Salat aus Kopfsalat und Tomaten auf dem Tisch der Schweinefamilie in der Szene „Mealtime“ wurde im Haus der Großeltern zur festen Beilage des Erzählers

50 Jahre Cars and Trucks and Things That Go

  • Das 1974 erschienene Cars and Trucks and Things That Go feierte 2024 sein 50-jähriges Jubiläum
  • Die neue Jubiläumsausgabe von Penguin Random House ist eine Prachtausgabe, neu gedruckt mit klaren schwarzen Linien und warmen, satten Aquarellfarben
  • Die Jubiläumsausgabe enthält ein Nachwort von Scarrys Sohn Huck
    • Huck erklärt in einer Sprache, die auch Kinder verstehen können, wie sein Vater Bücher schrieb und zeichnete
    • Darin scheint auch durch, wie es war, als Sohn eines weltweit beliebten und erfolgreichen Kinderbuchautors aufzuwachsen

Richard Scarrys Jugend und frühe Karriere

  • Richard McClure Scarry wurde am 5. Juni 1919 in Dorchester, Boston, im US-Bundesstaat Massachusetts geboren
  • Als Kind schrieb er Einkaufslisten nicht mit Worten, sondern in Bildern; seine Mutter meldete ihn für Zeichenkurse am Boston Museum of Fine Arts an
  • An der Schule hatte er wenig Interesse und brauchte fünf Jahre, um seinen Highschool-Abschluss zu machen
    • Sein Vater drängte ihn, eine lokale Business School zu besuchen, doch Scarry brach bald ab und schrieb sich wieder am Museum of Fine Arts ein
    • Nach dem 7. Dezember 1941 wurde er eingezogen
  • Beim Militär wurde er wegen seines zeichnerischen Könnens als Schildermaler und als Art Director der Army in Nordafrika eingesetzt
    • Er zeichnete Propagandamaterial zur Hebung der Moral, darunter Informationshandbücher, Leitfäden und Karten der alliierten Kriegslage
    • Er diente in Casablanca, in der Nähe von Oran, in Venedig, Paris und an anderen Orten
  • Nach seiner Entlassung 1946 zog er nach New York, arbeitete als Art Director bei Vogue und in einer Werbeagentur und erhielt später Illustrationsaufträge für das Magazin Holiday
    • Die Bezahlung für diese Arbeit betrug 2.000 Dollar
    • 1948 heiratete er die Werbetexterin Patricia Murphy

Little Golden Books und Scarrys Wendepunkt

  • Western Publishing und Whitman entwickelten mit Little Golden Books eine neue Kinderbuchreihe
    • Bisherige Kinderbücher waren eher Weihnachtsgeschenke, die 1,50 Dollar oder mehr kosteten
    • Golden Books wurden günstig für 25 Cent produziert und das ganze Jahr über in Apotheken und „dime stores“ verkauft
  • Golden Books war eine Idee von Georges Duplaix und Lucille Ogle; sie verpflichteten europäische Künstler wie Feodor Rojankovsky, Tibor Gergely und Gustaf Tenggren
  • Bibliothekare schätzten diese Bücher gering, doch sie waren so beliebt, dass die Bestellungen in die Millionen gingen
  • Scarry wurde für eine vierseitige Werbebroschüre engagiert, mit der Golden Books in Supermärkte gelangen sollte; später produzierte er im Rahmen eines einjährigen Vertrags über Illustrationen für vier Bücher sechs Bücher
  • 1951 veröffentlichte er sein erstes allein geschriebenes und illustriertes Buch, The Great Big Car and Truck Book
    • Dieses Buch ist der Keim von Cars and Trucks and Things That Go, folgt aber noch der detailreichen Aquarell- und Gouache-Ästhetik von Western/Little Golden Books und verwendet noch menschliche Figuren
    • Die Tierfiguren und die freie Strichzeichnung, für die Scarrys reife Arbeiten bekannt sind, treten noch nicht in den Vordergrund

Vertragsänderungen und Best Word Book Ever

  • Golden Books zahlte, abgesehen von Ausnahmen, keine Tantiemen, und nach der Geburt seines Sohnes Huck 1953 achtete Scarry stärker auf Vertragsfragen
  • 1955 bat er Lucille Ogle um einen Vertrag mit Tantiemen und Vorschuss, und Ogle stimmte sofort zu
    • Als Scarry fragte, warum sie es nicht früher angeboten habe, antwortete Ogle: „Weil Sie nicht gefragt haben“
  • Als Golden Scarry danach weniger Aufträge schickte, suchte er auch bei Doubleday Arbeit
  • Scarry entwickelte den Vorschlag für ein Bilderbuch in einem freien Bleistiftstil, der sich von der sorgfältigen malerischen Arbeitsweise löste, doch Golden und andere Verlage lehnten ab
  • 1963 veröffentlichte er I Am a Bunny, mit Text von Ole Risom und Bildern von Scarry; es wurde als stilles, elegantes Kinderbuch wahrgenommen
  • Zur selben Zeit bereitete Scarry den Vorschlag für ein neues Wortbuch im freien Bleistiftstil vor, Best Word Book Ever, und diesmal nahm Golden ihn an
    • Nach der Veröffentlichung erschien Scarrys Welt in vollendeter Form
    • Saubere Bleistiftlinien und kritzelhafte Zeichnungen vermitteln das Gefühl, als erwachten sie auf der Seite zum Leben
    • Bis 1975 verkaufte es sich 7 Millionen Mal und wurde zu einem der meistverkauften Kinderbücher der Geschichte
    • Scarrys Tantieme betrug 8 Cent pro Exemplar, und vertraglich stieg dieser Satz auch dann nicht, wenn der Buchpreis erhöht wurde

Die Erweiterung zu Busytown

  • Scarry produzierte bei Golden weitere Bücher im Format von Best Word Book Ever, darunter Busy, Busy World und Storybook Dictionary
  • Später übernahm Random House What Do People Do All Day? und wurde danach Scarrys Verlag
  • Es folgten Bücher, die in derselben Gesellschaft spielen, darunter Great Big Schoolhouse, Cars and Trucks and Things That Go und Busiest People Ever!
  • Diese Welt wurde später als Busytown bekannt
    • Wörterbuchartige visuelle Struktur
    • Leichte Slapstick-Situationen
    • Wiederkehrende Figuren wie Huckle Cat, die Pig family und Lowly Worm
  • Die Busytown-Bücher spiegeln die Alltagserfahrungen von Kindern wider und liefern bisweilen den Rahmen für diese Erfahrungen
  • Sie wirken wie eine süße, ruhige Gesellschaft, enthalten aber auch Stürze und Chaos, sodass eine Andeutung dunklerer Seiten bleibt

Aufbau von Cars and Trucks and Things That Go

  • Cars and Trucks and Things That Go gilt als das geschäftigste der Busytown-Bücher
  • Scarry hält die Bewegung des Verkehrs wie in eingefrorenen Szenen fest und setzt sie durch das Lesen und Umblättern wieder in Bewegung
  • Im Buch kommt fast alles vor, was auch nur entfernt mit motorisierter Fortbewegung zu tun hat
    • Lieferwagen für Schlagsahne
    • Fahrbibliothek
    • Kerosinlaster
    • Auto eines Bücherregalbauers
    • Ameisenbus
    • Zweisitziges Buntstiftauto
    • Krankenwagen
  • Autos in Form von Tieren, Gemüse und Obst tauchen wiederholt auf; daneben fahren präzise gezeichnete Bulldozer, große Kräne und Lastwagen vorbei
  • Die Szenen bewegen sich von links nach rechts, also in Richtung des Buchverlaufs und der Leserichtung
    • Sie führen durch die Stadt, über Baustellen, an den Strand und durch den Schnee
    • Am Ende rutschen nach einer sicheren großen Kollision kleine Autos nach links und kommen vor „Home“ zum Stehen
  • Auf fast jeder Seite ist die kleine Figur Gold Bug versteckt, sodass Kinder sie immer wieder suchen können

Die Schweiz und eine nichtamerikanische Alltagsnähe

  • Die Busytown-Bücher waren in den USA ein großer Erfolg, doch Scarry zog 1967 nach einem dreiwöchigen Skiurlaub mit seinem Sohn in die Schweiz und schrieb und zeichnete dort
  • In Scarrys Werk schwingt keine antiamerikanische, sondern eine nichtamerikanische Alltagsnähe mit
    • Es gibt ein Gefühl dafür, dass Bürger verantwortliche Mitglieder einer größeren Gemeinschaft sind
    • Häufig zu sehen sind der Alltag, zu Fuß zum nahen Laden zu gehen, kleine Geschäfte und zunftartige Zusammenschlüsse von Handwerkern
  • Scarry lebte und arbeitete später in Lausanne und Gstaad
  • Intern bei Random House wurde kurz diskutiert, ob What Do People Do All Day?, da es ausschließlich von Tieren bevölkert war, nicht What Do Animals Do All Day? heißen müsste
    • Das Ergebnis lautete „No!“, und die Debatte war schnell beendet
  • Scarry schuf in den folgenden 20 Jahren weiter Bücher, in denen sämtlich Tiere statt Menschen auftraten

Tiere, Empathie und der Kontrast zu Maus

  • In Kinderbüchern werden Tiere häufig als erstes Gefäß der Empathie genutzt, die Kinder von Natur aus mitbringen
  • In Scarrys Tiergesellschaft bleiben auch merkwürdige Fragen offen
    • Kühe und Hühner scheinen keinen Führerschein zu bekommen, Schweine treten jedoch auf
    • Es stellen sich Fragen wie die nach der Herkunft des Specks in Kennys Frühstück
  • Art Spiegelmans Maus: A Survivor’s Tale erhielt 1992 den Pulitzer Prize, wurde aber auch wegen der Darstellung der Figuren als Tiere kritisiert
    • Juden werden als Mäuse, Deutsche als Katzen, Amerikaner als Hunde, christliche Polen als Schweine und Franzosen als Frösche dargestellt
    • Es gab auch Widerstand dagegen, dass ein mit Kinderliteratur verbundenes Format, der Comic, den Suizid der Mutter und die Auschwitz-Erfahrung des Vaters behandelte
  • Maus lässt Leser auf eine Weise, die mit Worten allein nicht möglich wäre, visuell erfahren, welches Denken Menschen auf auslöschbare Objekte reduziert
  • Dieser Kontrast macht deutlich, dass auch Scarrys Arbeit eine Erzählung in Bildern war, die mit Worten allein nicht zu sagen ist

Mit Bildern geschriebene Geschichten

  • Walter Retan und Ole Risom waren der Ansicht, Scarry habe Geschichten nicht „geschrieben“, sondern „gezeichnet“
  • Scarrys bekanntestes Werk trägt zwar den Titel Best Word Book Ever, ist tatsächlich aber eher das beste Bilderbuch
  • Kinder sehen zuerst die Details, Texturen und Schönheit der Welt; wenn sie jedoch Wörter lernen, beginnen sie, Dinge zu klassifizieren und weniger genau hinzusehen
  • Bilder sind die erste Sprache, mit der wir die Welt verstehen, und sollten nicht wegen der zweiten Sprache, der Schrift, geringgeschätzt werden
  • Scarry fügte nicht Bilder hinzu, um Wörter zu erklären, sondern arbeitete so, dass er eine Bilderwelt mit Wörtern beleuchtete
  • Scarry bewahrte sich eine kindliche Wahrnehmung, weshalb er seine Bücher nicht an Kindern testete; er wusste, wo das Kind in ihm selbst zu finden war: in einem freundlichen Herzen

1 Kommentare

 
GN⁺ 2024-10-30
Hacker-News-Kommentare
  • Ich mochte Richard Scarry als Kind sehr und mag ihn immer noch. Als ich in der ersten Klasse Englisch lernte, haben seine Bücher meiner Wortschatzerweiterung, da bin ich mir sicher, enorm geholfen
    Ein Detail, das mir erst als Erwachsene:r wieder bewusst wurde, ist, dass der Metzger in seinen Büchern immer ein Schwein ist. Dass ein Schwein Schinken, Würstchen und vermutlich auch Schweinefleischstücke verkauft, ist ziemlich düster, aber auf eine Art schwarzer Humor, und so natürlich in die Welt eingebettet, dass ich das als Kind überhaupt nicht bemerkt habe
    Ich erinnere mich besonders an die Bücher, in denen in jeder Stadtszene die Gegenstände beschriftet waren; die kleinen Details und lustigen Ereignisse haben mein Interesse an Dingen und ihren Bezeichnungen geweckt und waren viel wirksamer als gewöhnliche Kinder-Wortschatzbücher
    Das Beste an Richard Scarry ist, dass er nicht auf Kinder herabschaut. Viele Kinderbuchautor:innen schreiben unter dem Vorwand, sich auf Augenhöhe mit Kindern zu begeben, übertrieben kindisch oder machen moralisierende Stücke, aber Kinder merken so etwas auch. Scarrys Werke sind zwar auf Kinder zugeschnitten, wirken dabei aber wirklich schlicht und albern, und die niedlichen, lustigen Bilder und Geschichten fühlen sich nicht wie eine Nachahmung von dem an, was Erwachsene sich als „Dinge, die Kinder mögen könnten“ vorstellen, an
    Es ist schwer, ähnliche Kinderbücher zu finden, und viele Bilderbücher, die man im Buchladen sieht, sind eher nichts. Eine Ausnahme sind die Bücher von Mac Barnett, der oft mit Jon Klassen zusammenarbeitet; sie sind auch für Erwachsene wirklich lustig und visuell ansprechend, nicht einfach nur übertrieben süß, und Kinder lieben sie ebenfalls

    • Abgesehen davon, dass der Metzger ein Schwein ist, sitzt auf jeder Vogelscheuche auch eine Krähe
    • Ich habe meiner Frau erzählt, dass „this little piggie went to market“ in Wirklichkeit bedeutet, dass der Bauer das Schwein zum Schlachten auf den Markt gebracht hat, und dass „wee wee wee all the way home“ vielleicht ein Ferkel ist, das von seiner Familie getrennt wurde, um ein Schwein zu ersetzen, das groß genug war, um verkauft zu werden, und sie war ziemlich traurig darüber
    • Siehe https://kieranhealy.org/files/misc/levimartin.pdf
      „What do animals do all day?“: The division of labor, class bodies, and totemic thinking in the popular imagination (2000)
      Ein 36-seitiger Text darüber, welche Tiere in Busytown welche Arbeit machen, im Kontrast etwa zu Babar; keine völlig ernsthafte wissenschaftliche Arbeit
    • Ich finde, die besten Kinderbücher enthalten etwas, das man erst später versteht. Man kann sie mit zunehmendem Alter erneut lesen, und in der Prosa ist das vielleicht am besten bei Lewis Carroll zu sehen
    • Falls ihr es noch nicht gelesen habt: The Dark, entstanden in Zusammenarbeit mit Lemony Snicket, ist ebenfalls großartig. Kinder mögen es sehr, die Tierstimmen aus I Want My Hat Back und die Stimme der „Dunkelheit“ in The Dark nachzuspielen
      [1] https://www.amazon.com/Dark-Bccb-Ribbon-Picture-Awards/dp/03...
  • Ich erinnere mich noch immer an den Eindruck, den diese Bücher auf mich machten, als ich fünf war, und wenn ich an den Unterschied zu der Welt denke, in die ich später tatsächlich eingetreten bin, macht mich das traurig
    Beeindruckend ist, wie viele Kinderbücher Kindern die Welt so zeigen, als könnten sie, wenn sie groß sind, unabhängig davon, welche Arbeit ihnen gefällt, ein glückliches und produktives Leben führen
    Jedes Mal, wenn ich meiner Tochter Bücher von Richard Scarry vorlese, frage ich mich, wann und wie ich ihr sagen soll, dass das Leben faktisch scheitern kann, wenn die eigenen Interessen nicht zu einer Arbeit passen, die einen existenzsichernden Lohn zahlt
    Ich stelle mir vor, wie es wäre, in einer Welt aufzuwachsen oder ein Kind großzuziehen, in der der Weg ins Erwachsenenleben so breit und glatt ist, dass man kaum in Armut, Einsamkeit oder verhasste Arbeit fallen kann. Busytown ist kein realer Ort, aber es wirkt wie ein Ort, der dafür entworfen wurde, Kindern ein Gefühl dafür zu geben, wie die Welt ist oder sein sollte

    • Das wirkt wie eine zu pessimistische Lesart von Kinderbüchern
      Ich stimme zu, dass junge Menschen in den USA Lügen hören wie „Mach, was du liebst, und das Geld folgt von selbst“. Ich habe das auch geglaubt und wollte Forscher werden, habe sogar promoviert, nur um dann festzustellen, dass der Weg zu einer unbefristeten Forschungsstelle extrem schmal ist. Das ist eine Struktur, die die Zeit vieler motivierter Menschen verschwendet, und sie sollte geändert werden
      Aber ich glaube kaum, dass Bücher von Richard Scarry die Quelle davon sind, und es ist in Ordnung, Kindern eine rosige Welt zu zeigen. Die Kindheit ist der längste und schönste Urlaub im Leben. Nur brauchen Kinder, während sie zu Jugendlichen heranwachsen, nach und nach mehr realistische Gespräche
    • Ich glaube nicht, dass alle Tiere in Busytown ihren Traumberuf haben und ihrer Leidenschaft folgen. Wie schon gesagt, sind sogar die Metzger alle Schweine
      Trotzdem scheinen die meisten eine Arbeit gefunden zu haben, die ihnen einigermaßen gefällt und mit der sie zur Gesellschaft beitragen. Ein Teil eines glücklichen und erfüllten Lebens könnte darin bestehen, Freude an dem zu finden, was erreichbar ist
    • Wir müssen für eine Wohnungsreform kämpfen
      Man sollte jeden YIMBY-Vorschlag unterstützen, der auftaucht, und mutige Zonenreformen fordern
      80 % der Lebenshaltungskostenprobleme im Westen sind Wohnkosten. Zumindest in den USA gibt es außerhalb von NYC in den meisten großen Städten noch reichlich Platz, das Wohnungsangebot massiv zu erhöhen und es wieder bezahlbar zu machen
      Die unbezahlbaren Kosten der modernen Welt sind ein selbstgemachtes Problem. Menschen wollen, dass der Wert ihres Hauses jedes Jahr um 5 % steigt, regen sich aber darüber auf, dass Restaurantpreise jedes Jahr um 10 % steigen und die Kinderbetreuung 30.000 Dollar pro Jahr kostet
      Mir wäre lieber, die Hauspreise blieben zehn Jahre lang unverändert und in der Zwischenzeit holten die Löhne die Wohnkosten ein, statt dass man 15.000 Dollar im Jahr bei der Kinderbetreuung sparen, 5.000 Dollar im Jahr weniger fürs Auswärtsessen zahlen und Eigentumsdelikte wieder auf ein vernünftiges Maß zurückgehen sehen könnte. Man muss für Veränderung stimmen
    • Fast alle Kinderbücher, die sich mit ernsten Problemen wie Rassismus befassen, erzählen abgeschlossene Geschichten, in denen das Problem gelöst ist und keines mehr darstellt. Ich glaube, das trägt stark dazu bei, dass viele Menschen denken, Probleme wie Rassismus gäbe es heute nicht mehr
      Denn sie haben über viele Jahre von klein auf gelernt, dass solche Probleme gelöst seien
      Ich verstehe den starken Impuls von Kinderbüchern, Trost zu spenden und Fragen ohne Antwort zu vermeiden, aber das Ergebnis ist eine verzerrte Sicht auf die Realität, die Eltern später korrigieren müssen
    • Wenn ich meinem Sohn manche Kinderbücher vorlese, habe ich fast den gegenteiligen Eindruck. Besonders die Bücher, die ich in meiner eigenen Kindheit gelesen habe, helfen mir, die Welt wieder auf eine kindlichere Weise zu sehen
      Als Erwachsener hat man Verantwortungen wie Rechnungen, aber gleichzeitig auch die Freiheit, albern zu sein, Zeit mit der Familie zu verbringen und kreative Dinge zu tun. An jedem beliebigen Tag kann man in der Küche ein neues Gericht ausprobieren und alles vermasseln, und wenn es nicht klappt, eben Pizza holen. Man kann Geschichten oder Gedichte schreiben, mit einem Skizzenblock an den See gehen, am Bahnhof fotografieren oder einfach dem folgen, wonach einem an dem Tag ist
      Wenn man es sich in starren Mustern bequem macht und wie auf Autopilot lebt, vergisst man diese Freiheit leicht, aber schon ein kleiner Anstoß kann helfen, sie wiederzufinden
      Ich habe später den Beruf gewechselt, als mir klar wurde, dass es schwer ist, in dem Bereich, den ich zuerst gewählt hatte, Geld zu verdienen, aber ich habe nicht das Gefühl, dass mein Leben dadurch ruiniert wurde. Im Gegenteil: Es gefällt mir inzwischen viel besser, die Dinge, die ich liebe, außerhalb der Arbeit zu tun. Kreative Arbeit ist erfüllender, wenn man nicht versucht, den Ertrag zu maximieren oder sie zu kommerzialisieren. Natürlich wäre es schön, nicht arbeiten zu müssen und nur das zu tun, was man will, aber ich habe mich einigermaßen damit versöhnt, ein erträgliches Maß an meist okayen Arbeitsstunden zu leisten und mir Zeit für Familie und Spaß zu sichern
  • Ich liebe Richard-Scarry-Bücher wirklich sehr. Ich bin erst vor ein paar Monaten darauf gestoßen, als ich nach Büchern zum Vorlesen für mein dreijähriges Kind gesucht habe, und inzwischen ist die allabendliche Lektüre von Lowlys Abenteuern und Wimmel-Suchbüchern zu einem unverzichtbaren Ritual geworden. Richard Scarry und die Grumpy-Monkey-Reihe sind wirklich ein Segen

    • Ich kann das Brettspiel Busytown Eye Found It sehr empfehlen. Kinder jeden Alters haben Spaß daran, und auch für Erwachsene ist es noch ein wenig anspruchsvoll. Wir haben es so oft gespielt, dass es fast abgenutzt ist
    • Wenn man ältere Ausgaben vor der Bereinigung finden kann, sind sie oft deutlich besser. Nicht alles, was entfernt wurde, war tatsächlich anstößig
      Ich bin jetzt Ende 40 und bewahre noch immer das Exemplar in Ehren auf, das mir meine Eltern zum Highschool-Abschluss geschenkt haben. Richard Scarry hat mein zerlesenes Cars and Trucks and Things That Go signiert, das ich als Kind völlig abgegriffen hatte
  • Als Kind hatte ich selbst keinen direkten Kontakt mit Richard Scarry; ich habe die Bücher für meine Kinder in einem Stapel kostenloser Bücher entdeckt, den jemand vor sein Haus gelegt hatte. Ich war sofort überwältigt von der Einfallsreichheit und der erstaunlichen Sorgfalt, die in jedem Detail steckt
    Die Kinder suchten auf jeder Seite von Cars and Trucks and Things That Go hartnäckig nach dem „goldbug“, aber an Wo-ist-Waldo fanden sie nie wirklich Gefallen

    • Ich „lese“ meinem zweijährigen Kind jeden Abend Cars and Trucks and Things That Go vor. Seit es vor Kurzem erfahren hat, dass auf jeder Seite ein goldbug ist, darf ich nicht umblättern, bevor er gefunden wurde. Eine wirklich liebenswerte Verantwortung
      Ich habe das Buch über Buy Nothing bekommen, es ist sehr alt, mit Klebeband zusammengehalten und voller Kritzeleien von einem Kind namens Max
    • Ich war schon sehr früh völlig fasziniert von den komplexen Zeichnungen von Richard Scarry und habe etwas später dann stapelweise Bücher mit Schnittzeichnungen aller möglichen Maschinen verschlungen. Aber von dem goldbug-Element wusste ich bis vor ein paar Wochen nichts, bis mich jemand darauf hingewiesen hat
    • Bei mir ist es ähnlich. Ich glaube, ich habe meinem Sohn Cars and Trucks and Things That Go ungefähr 200-mal vorgelesen
      Wenn wir die Strandszene erreichen, fühlt es sich jedes Mal an, als hätten wir etwas geschafft
    • Ich habe vor über 40 Jahren eine schwedische Übersetzung bekommen und viel Zeit damit verbracht, den goldbug zu suchen. Ich habe das Buch immer noch, und meine Kinder mochten es auch
  • Richard Scarrys Bücher waren beim Aufwachsen wirklich eine gemütliche Welt, und ich würde auch heute noch gern in What Do People Do All Day? leben. Ich frage mich, wie das aussehen würde, wenn er dieses Buch heute machen würde.

    • Man kann tatsächlich an so einem Ort leben, und er wäre vermutlich gar nicht so anders.
      Einer der Gründe, warum ich meine Heimat verlassen habe und in mein heutiges Land gezogen bin, war, dass es mich an What Do People Do All Day? erinnerte. Anfangs war mir das nicht bewusst, aber mein Vater wies mich auf die Ähnlichkeit hin, als wir jemanden sahen, der nicht gerade ein Schwein aus der Stadt war und mit einem kleinen Fahrzeug samt Ausrüstung herumfuhr, um Geranien zu gießen.
    • Vielleicht gefällt dir auch Business Town: https://welcometobusinesstown.tumblr.com
  • Eine eigentlich unbedeutende Kindheitssache ist seltsamerweise zu einer Schlüsselerinnerung geworden. Ich sagte meiner Lehrerin in der 2. Klasse, dass ich für die Vortragszeit ein Richard-Scarry-Buch mitbringen wolle, aber sie dachte, ich hätte „witches scary“ gesagt, und war überzeugt, das passe perfekt zu Halloween. Also wurde ich unglaublich frustriert, als ich versuchte, „Richard“ so auszusprechen, dass sie es verstand.

  • Als ich sehr klein war, habe ich seine Bücher jeden Tag gelesen. Er hat eine Welt geschaffen, die wunderbar die Fantasie anregte, und die Erklärung, dass er in die Schweiz zog, ergibt Sinn. Rückblickend wirkt seine Welt auf mich ziemlich europäisch.
    Meine inzwischen erwachsenen Kinder haben seine Bücher gar nicht erlebt, und ich frage mich, ob sie heute noch weit verbreitet verkauft werden.

    • Die Bücher werden immer noch verkauft, sind aber nicht mehr so groß wie früher. Unser Kleinkind hat auch ein paar davon.
      Es sind immer noch liebenswerte Bücher, aber heute wirken sie ein wenig aus der Zeit gefallen. Viele der Berufe gibt es nicht mehr, und es gibt kaum weibliche Tiere, die coole Jobs machen, deshalb sind sie wohl weniger beliebt.
    • Man kann sie kaufen. Ein Freund hatte als Kind Cars and Trucks and Things That Go, und wenn ich bei ihm war, habe ich stundenlang allein darin herumgeblättert.
      Als ich selbst ein Kind bekam, war das eines der ersten Bücher, die ich gekauft habe, und meine Kinder mochten es auch. Nur nicht ganz so sehr wie ich. Wenn du ein gutes Geschenk für ein kleines Kind suchst und nicht einfach eine Nintendo-Geschenkkarte verschenken willst, ist das eine hervorragende Wahl.
    • Ich habe noch ein Baby und mehrere seiner Bücher, einige davon habe ich neu gekauft.
  • Als Kind kannte ich ihn vor allem durch die DOS-Spiele. Es gab sogar einen Red-Book-Soundtrack, auf dem die Leute in der Stadt über ihre verschiedenen Berufe sangen, und damals war Häuserbauen meine Lieblingsaktivität.
    https://archive.org/details/BusytownDOS
    https://archive.org/details/busytown_dos

    • Ein Sprachclip aus einem dieser Spiele wurde in unserer Familie zu einem langlebigen Meme und wurde über Jahre hinweg zitiert, wann immer sich jemand wehtat.
      “PUT A BANDAGE ON IT”
    • Ich habe gute Erinnerungen daran, als Kind viel das Sega Pico Busytown-Spiel gespielt zu haben: https://www.youtube.com/watch?v=bm55P3ziI84
  • Richard Scarry lebte früher in Ridgefield, Connecticut, meiner alten Heimatstadt, und Maurice Sendak, Autor und Illustrator von Where the Wild Things Are, wohnte ebenfalls dort. Unsere Schulbibliothekarin empfahl seine Bücher mit besonderem Stolz.
    Wenn ich darüber nachdenke, scheinen im Westen von Connecticut oder im nördlichen Osten des Bundesstaats New York ziemlich viele Kinderbuchautorinnen und -autoren gelebt zu haben. Einige, darunter Judy Hawes und Jean Van Leeuwen, kamen sogar in die Schule und sprachen mit uns über ihre Bücher und über das Lesen allgemein.
    An der Uni nannten wir unsere Lehrbücher für Wirtschaftsinformatik „Richard-Scarry-Bücher“, weil sie voller bunter, komplexer Bilder waren, aber bei den technischen Details an der Oberfläche blieben.

  • Wenn du die auf den Büchern basierende animierte TV-Serie nie gesehen hast, entgeht dir wirklich etwas. Sie ist großartig: https://www.youtube.com/watch?v=2m76NQMJGtc&list=PL66vbXJhfF...