D&D ist nicht mittelalterlich
Nicht mittelalterlich
- OD&D (Original Dungeons & Dragons) kann als mittelalterliches europäisches Fantasy-Spiel angesehen werden
- Im eigentlichen Spiel gibt es jedoch fast keine Elemente wie Feudalismus, Europa, Rittertum, das dunkle Zeitalter des Imperiums oder Monarchie
- Die kulturellen Details von OD&D deuten auf Gygax' originelle Gesellschaft hin; für mittelalterliche Fantasy wirkt das unlogisch, als amerikanische Fantasy ist es jedoch konsistent und eindrucksvoll
Nicht feudal
- In einer feudalen Gesellschaft erringt man Ruhm im Kampf und erhält vom Lehnsherrn Land
- In D&D wird Land kostenlos vergeben, und Reichtum wird hauptsächlich in Form von Münzen und Edelsteinen angehäuft
- Um eine Burg zu bauen, müssen die umliegenden Monster beseitigt werden; es gibt keine Notwendigkeit, mit anderen Herrschern zu konkurrieren oder Steuern zu zahlen
Keine Ritter
- In OD&D taucht das Wort Ritter nicht auf
- Es gibt Krieger, Magier und Kleriker mit Burgen; sie verhalten sich wie Ritter, werden aber nicht so genannt
- Krieger mit Burgen treten ebenso selten auf wie es dem Anteil in einer Abenteuergruppe entspricht
Keine Vasallen
- In einer feudalen Gesellschaft werden Menschen im Austausch für Schutz zu Vasallen
- In D&D wird statt Vasallentum ein Anstellungsmodell verwendet, bei dem Loyalität mit Lohn erkauft wird
Keine Könige
- Es gibt keine Hinweise auf Monarchie
- Die Spieler müssen niemandem Treue schwören
- Monsterkönige wie der Goblin-König sind lediglich lokale Bosse
Kein verlorenes Reich
- In der Welt von OD&D gibt es ein Machtvakuum, das die Spieler ausnutzen können
- Die Schätze in den Dungeons passen zur gegenwärtigen Wirtschaft und deuten nicht auf ein vergangenes wohlhabendes Zeitalter hin
Kaum europäische Details
- In den Monsterbeschreibungen finden sich fast keine Spuren europäischer Kultur
- Die Waffenliste von D&D vermittelt zwar ein mittelalterliches Gefühl, doch die meisten Waffen und Rüstungen gab es auch im antiken Europa und in Asien
Wenn nicht mittelalterlich, was dann?
- Die Regeln von D&D schließen das feudale Modell ausdrücklich aus und legen eine bargeldbasierte Wirtschaft sowie eine Gesellschaft im Zustand der Anarchie nahe
- OD&D ist vom Sammeln von Geld besessen und deutet auf Kapitalismus oder Kommerz hin
- Gygax entwickelte das Spiel auf Grundlage amerikanischer Erfahrungen; damit ist es ein wichtiger Meilenstein amerikanischer Fantasy
Zusammenfassung von GN⁺
- OD&D spiegelt eher amerikanische Fantasy als mittelalterliche europäische Fantasy wider
- Statt Feudalismus oder Monarchie legt es eine bargeldbasierte Wirtschaft und eine Gesellschaft im Zustand der Anarchie nahe
- Gygax entwickelte das Spiel auf Grundlage amerikanischer Erfahrungen; damit ist es ein wichtiger Meilenstein amerikanischer Fantasy
- Das Setting von OD&D bietet eine Welt, in der Spieler frei erkunden und zu Helden werden können
- Andere Projekte mit ähnlicher Funktion sind "Greyhawk" und "Empire of the Petal Throne"
3 Kommentare
Ich war überrascht darüber, dass es keine Lehnsherren gibt ...
Hacker-News-Meinungen
Erste Meinung: Der Kommentator weist auf den Fehler hin, anzunehmen, der Autor des Buches sei die Autorität des Spiels. Tatsächlich sprudelt der Dungeon Master vor Ideen, und das Buch ist nur Referenzmaterial.
Zweite Meinung: Feudalismus ist nicht einfach nur der Tausch von Land gegen militärischen Ruhm. Tatsächlich ist ein "overlord" schwächer, als wir denken.
Dritte Meinung: D&D spiegelt den amerikanischen Traum wider. "Paranoia" und "Call of Cthulhu" sind Rollenspiele, die als Gegenreaktion auf D&D entstanden.
Vierte Meinung: Der Begriff "Medieval" spiegelt in D&D das technische Niveau wider. Mit sozialen oder kulturellen Elementen hat er nichts zu tun.
Fünfte Meinung: Die moderne "baristacore"-Fantasy spiegelt das heutige städtische Leben in den USA wider.
Sechste Meinung: Gary Gygax beschrieb die ursprünglichen D&D-Bücher als "fantastische mittelalterliche Kriegsspielregeln".
Siebte Meinung: Der demokratische Charakter von D&D erschwert das Rollenspiel innerhalb einer strengen sozialen Hierarchie.
Achte Meinung: D&D sollte nicht als mittelalterlich, sondern als post-postindustrielle Gesellschaft der fernen Zukunft interpretiert werden.
Neunte Meinung: D&D ist das Ergebnis davon, Pulp-Romane in einen Ideen-Kollider zu werfen.
Zehnte Meinung: Nach dem Maßstab von D&D 3. Edition wird der DM zu einem Regelvollstrecker und Erschaffer von NPCs.
Als ich diesen Beitrag zeigte,
erklärte man mir ganz klar: D&D ist ein Western.