- Spar-Reue wird stärker davon bestimmt, wie gut ein Staat wirtschaftliche Schocks abfedern kann, als von der Neigung des Einzelnen zum Aufschieben
- Eine Studie zum Vergleich von 60- bis 74-Jährigen in den USA und Singapur zeigt, dass die Erfahrung negativer finanzieller Schocks der stärkste Prädiktor für Spar-Reue ist
- US-Amerikaner erleben Schocks wie Arbeitslosigkeit, Gesundheitskosten und vorzeitigen Ruhestand häufiger und weisen deshalb eine höhere Reuequote auf
- Singapur mildert Schocks durch den Central Provident Fund (CPF), ein obligatorisches Sparsystem und Wiedereinstellungspolitiken, während die USA bei der Zugänglichkeit der Arbeitslosenversicherung und der Struktur der Krankenversicherung Schwächen haben
- Die Studie beschreibt unzureichendes Sparen nicht als Mangel an Willenskraft, sondern als Versagen des Risikomanagements und betont die zentrale Bedeutung eines stärkeren Sozialversicherungssystems
Zusammenhang zwischen Spar-Reue und wirtschaftlichen Schocks
- Anhand von 12 psychologischen Messgrößen wurde der Zusammenhang zwischen Aufschiebeverhalten und Spar-Reue untersucht, jedoch ohne signifikanten Zusammenhang
- Bei einigen Indikatoren zeigten sogar Menschen mit geringerem Aufschiebeverhalten stärkere Reue
- Auch eine erneute Prüfung mit anderen Skalen ergab dasselbe Ergebnis
- Dagegen erwiesen sich negative finanzielle Schocks als starker Prädiktor
- 69 % der US-Befragten hatten solche Schocks erlebt, in Singapur 46 %
- Die Spar-Reuequote unter Personen mit Schockerfahrung lag in den USA bei 61 %, ohne Schockerfahrung bei 42 %
- Mit zunehmender Zahl an Schocks stieg die Reuequote in den USA auf bis zu 76 %, während sie in Singapur bei rund 50 % nahezu unverändert blieb
- Ohne Schocks war die Reuequote in beiden Ländern nahezu identisch (USA 42 %, Singapur 40 %)
Arten der Schocks und Unterschiede zwischen den Ländern
- Arbeitsmarktschocks machen vier Fünftel aller Fälle aus, wobei die USA in allen Kategorien höhere Werte aufweisen
- Erfahrung von Arbeitslosigkeit: USA 18 %, Singapur 11 %
- Arbeitseinschränkung durch Gesundheitsprobleme: USA 20 %, Singapur 14 %
- Einkommen unter den Erwartungen: USA 16 %, Singapur 12 %
- Erzwungener vorzeitiger Ruhestand: USA 13 %, Singapur 8 %
- Selbst bei derselben Arbeitslosigkeit ist der finanzielle Schaden in den USA größer
- Reuequote unter Menschen mit Arbeitslosigkeitserfahrung: USA 62 %, Singapur 54 %
- Schocks durch Gesundheitskosten liegen in beiden Ländern bei 10–11 %, doch der Anstieg der Reue ist in den USA mit 24 Prozentpunkten deutlich größer als in Singapur mit 10 Prozentpunkten
- Singapur federt dies durch MediSave und Zuschüsse im öffentlichen Gesundheitswesen ab
- In den USA machen Gesundheitsausgaben 17 % des BIP aus, in Singapur 4 %
Unterschiede im institutionellen Design
- Der Central Provident Fund (CPF) in Singapur spart etwa 37 % des Lohns verpflichtend an
- Er ist in drei Konten aufgeteilt — Ordinary, Special, MediSave — und dient der Vorsorge für Wohnen, Ruhestand und Gesundheitskosten
- Weil Mittel schon vor dem Eintreten von Schocks getrennt bereitgestellt werden, übernimmt das System eine Risikopufferfunktion
- Die Arbeitsmarktpolitik ist eher auf Wiedereinstellung als auf direkte Geldtransfers ausgerichtet
- Das 2007 eingeführte Re-employment Act verpflichtet zur Vertragsverlängerung älterer Beschäftigter
- Die Beschäftigungsquote von Männern im Alter von 60 bis 64 Jahren stieg von 53 % im Jahr 2005 auf 77 % im Jahr 2019
- Das 2025 eingeführte SkillsFuture Jobseeker Support zahlt Arbeitslosen mit einem Monatseinkommen von höchstens S$5.000 bis zu S$6.000
- Voraussetzung ist die Teilnahme an der Arbeitssuche; Zielgruppe sind rund 60.000 Menschen
- Die Arbeitslosenversicherung (UI) in den USA erreicht nur 27 % der Betroffenen
- Extreme Unterschiede zwischen den Bundesstaaten: Minnesota 55 %, Kentucky 10 %
- Leistungsdauer 12 bis 26 Wochen, wöchentlich maximal $235 bis $823
- Durch den Verlust der arbeitgeberfinanzierten Krankenversicherung entstehen gleichzeitig Einkommens- und Gesundheitsschocks
- 42 % der Beschäftigten haben überhaupt keinen Zugang zu einer Altersvorsorge über den Arbeitgeber
Grenzen verhaltensökonomischer Eingriffe
- Verhaltensökonomische „Nudges“ wie automatische Anmeldung oder höhere Standardsparraten sind wirksam, aber keine grundlegende Lösung
- Das Kernproblem sind nicht versicherte Risiken
- Die Studie definiert unzureichendes Sparen als institutionelles Versagen im Risikomanagement, nicht als Mangel an Willenskraft
- Singapur verfügt dank verpflichtendem Sparen über einen Puffermechanismus
- In den USA werden Schocks direkt an die Haushalte weitergereicht
- Als Alternativen werden stärkere Sozialversicherung, Notfall-Sparkonten und integrierte Sparsysteme für Gesundheit und Ruhestand genannt
- Reine Selbstversicherung ist wegen mangelnder Risikostreuung ineffizient
Weitere Erkenntnis: Wahrscheinlichkeitsverständnis und weniger Reue
- Menschen mit hoher probability numeracy haben niedrigere Spar-Reuequoten
- Befragte mit 100 % richtigen Antworten lagen in den USA um 14 Prozentpunkte und in Singapur um 19 Prozentpunkte niedriger
- Financial literacy zeigte dagegen keinen konsistenten Zusammenhang
- Wahrscheinlichkeitsverständnis bedeutet die Fähigkeit, Unsicherheit und Risiken zu erkennen
- Wer zukünftige Unsicherheit kalkulieren und sich darauf vorbereiten kann, empfindet weniger Reue
- Langfristige Finanzplanung (10 Jahre oder mehr) und hohe Vermögensniveaus stehen ebenfalls mit geringerer Reue in Zusammenhang
- USA: oberste Vermögensgruppe 36 %, unterste 60 %
- Singapur: 40 % vs. 46 %
Weitere Statistiken und Umfragedesign
- 54 % der 60- bis 74-Jährigen in den USA und 45 % in Singapur antworteten, sie „hätten mehr sparen sollen“
- Dies sind bereinigte Werte auf Basis der Frage, ob sie „den Konsum hätten senken und das Sparen erhöhen können“
- Vor dieser Bereinigung lagen die Werte bei 66 % bzw. 53 %
- Personen mit Scheidungserfahrung: USA 19 % (63 % Reue), Singapur 1,5 % (40 %)
- Schocks durch Studienkosten: USA 9 % (67 %), Singapur 4 % (46 %)
- Positive Schocks (z. B. längeres Arbeiten, Unterstützung durch die Familie) standen in vielen Fällen tatsächlich mit negativen Schocks in Verbindung
- Datenquellen
- USA: RAND American Life Panel (2016–2018, 2.618 Personen)
- Singapur: Singapore Life Panel (2018, 4.309 Personen)
Fazit
- Der Unterschied bei der Spar-Reue zwischen den USA und Singapur ergibt sich aus der Häufigkeit von Schocks und der institutionellen Pufferkraft
- Für finanzielle Stabilität im Alter ist entscheidend, wie Institutionen Risiken verteilen, mehr als die menschliche Neigung zum Aufschieben
- Zusammengefasst lautet die Schlussfolgerung: „Menschen scheitern nicht deshalb am Sparen, weil sie schwach sind, sondern weil die Welt rau ist und Institutionen sie nicht ausreichend schützen“
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