1 Punkte von GN⁺ 2026-01-10 | 1 Kommentare | Auf WhatsApp teilen
  • Die Europäische Kommission hat ein Verfahren zur Sammlung von Stellungnahmen (Call for Evidence) zu Open Source eingeleitet, um eine „European Open Digital Ecosystem Strategy“ auszuarbeiten
  • Zentrales Ziel ist es, die Abhängigkeit von Software aus Nicht-EU-Staaten zu verringern und digitale Souveränität sowie Sicherheit der Lieferketten zu stärken
  • Es wird betont, dass Open Source durch Offenheit, Sicherheit und Vielfalt als öffentliches Gut eine Alternative zu proprietärer Software sein kann
  • Rückmeldungen werden bis zum 3. Februar 2026 (Mitternacht Brüsseler Zeit) entgegengenommen; Entwickler, Unternehmen, Wissenschaft und öffentliche Einrichtungen sowie alle anderen Stakeholder können teilnehmen
  • Das Verfahren wird als wichtiger Schritt bei der Gestaltung von Politik für das Wachstum des Open-Source-Ökosystems und technologische Eigenständigkeit in Europa bewertet

Aufruf der Europäischen Kommission zur Einreichung von Stellungnahmen zu Open Source

  • Die Europäische Kommission hat offiziell einen Call for Evidence zur Ausarbeitung der European Open Digital Ecosystem Strategy veröffentlicht
    • Ziel ist es, die Abhängigkeit von Software aus Nicht-EU-Staaten zu verringern und die Wettbewerbsfähigkeit von EU-Unternehmen sowie die Kontrolle über die digitale Infrastruktur zu stärken
    • Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Open Source als öffentliches Gut frei genutzt, verändert und weiterverbreitet werden kann und eine sichere sowie qualitativ hochwertige alternative technologische Grundlage bieten kann
  • Die Kommission erklärt, dass Open Source zur Stärkung der Handlungsmacht der Nutzer und zur Erhöhung der Resilienz von Infrastrukturen beitragen kann
  • Rückmeldungen werden bis zum 3. Februar 2026 entgegengenommen; die Kommission bittet um Beteiligung aus Open-Source-Community, öffentlichen Einrichtungen, Industrie und Wissenschaft

Detaillierte Fragen der „Consultation strategy“

  • Die Kommission bittet Stakeholder um Stellungnahmen zu den folgenden fünf Fragen
    1. Was sind die Stärken und Schwächen des EU-Open-Source-Sektors, und welche wesentlichen Hürden behindern Einführung, Wartung und nachhaltige Beiträge?
    2. Welchen Mehrwert bietet Open Source für den öffentlichen und privaten Sektor, und wie sind Faktoren wie Kosten, Risiko, Sicherheit und Innovation zu bewerten?
    3. Welche Maßnahmen sind auf EU-Ebene erforderlich, um technologische Souveränität und Cybersicherheit zu stärken, und welche Politiken und Maßnahmen wären wirksam?
    4. Welche Technologiebereiche sollten priorisiert werden, und warum?
    5. In welchen Industriebereichen kann eine stärkere Nutzung von Open Source Wettbewerbsfähigkeit und Cyber-Resilienz erhöhen?
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  • Das Verfahren läuft vier Wochen und wird über offizielle Kanäle der Kommission und Social Media beworben

Reaktionen und Vorschläge aus der Community

  • Mehrere Entwickler sehen das Verfahren als „Gelegenheit, eine Wunschliste einzureichen“ und schlagen verschiedene Unterstützungsmaßnahmen vor
    • Beispiele: Buildbot-Dienste für CI, Support-Teams für technische Dokumentation, Websites zur Projektvermarktung, Finanzierung zum Schließen von Funktionslücken, Zuschüsse für Wartungspersonal usw.
    • Diese Vorschläge zielen auf eine Verbesserung von Qualität und Nachhaltigkeit im gesamten FOSS-Ökosystem ab
  • Einige Teilnehmer argumentieren, bestehende Modelle wie die NLnet Foundation oder der Sovereign Tech Fund sollten ausgebaut werden, um einen groß angelegten Fonds auf EU-Ebene aufzulegen
  • Andere kritisieren dagegen, bestehende Fonds seien zu stark zielorientiert und für wartungszentrierte Projekte ungeeignet, und fordern Unterstützung mit garantierter Projektautonomie

Diskussion über die Form der Förderung

  • Viele Beiträge drehen sich um den Unterschied zwischen „spendenartiger Förderung“ und „vertragsbasierter Förderung“
    • Einige vertreten die Ansicht, die EU solle Projekt-Maintainer direkt finanzieren
    • Andere betonen, dass für Transparenz und Rechenschaft beim Einsatz von Steuergeldern Erfolgskriterien und vertragliche Bedingungen nötig seien
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  • Die Position „Fördermittel sind kein Dienstleistungsvertrag, sondern Unterhalt für das Ökosystem“ steht der Ansicht gegenüber, dass „öffentliche Gelder eine klar definierte Gegenleistung erfordern“
  • In der Debatte wird auch die Anwendung des Cyber Resilience Act (CRA) erwähnt; je nachdem, ob ein kommerzieller Vertrag vorliegt, könne sich die rechtliche Verantwortung unterscheiden

Politische und institutionelle Vorschläge

  • Einige Teilnehmer schlagen die Einrichtung eines „European Open Source Sovereignty Fund“, eine Open-Source-First-Politik in der öffentlichen Beschaffung und die Öffnung technischer Standards vor
  • Andere betonen, dass durch Bildungs-, Trainings- und Zertifizierungsprogramme Open-Source-Fachkräfte ausgebildet und die Kompetenz öffentlicher Einrichtungen bei der Einführung von Open Source gestärkt werden sollten
  • Auch eine European Open Source Investment Platform (EOSIP), eine Branding-Strategie und gemeinsame Forschungs-Konsortien von Staat und Privatwirtschaft gehören zu den Vorschlägen

Kritik und alternative Perspektiven

  • Einige Entwickler kritisieren, die EU erkenne FOSS erst jetzt nach früheren politischen Fehlschlägen an und verlange nun unbezahlte Arbeit von der Community
  • Andere entgegnen, dass öffentliche Konsultationen im Politikgestaltungsprozess ein notwendiges Verfahren seien und verschiedene Perspektiven dadurch berücksichtigt werden könnten
  • In einer weiteren Diskussion wird darauf hingewiesen, dass ein Ungleichgewicht bei politischer Lobbykraft die Verbreitung von Open Source behindere; dabei wird auch die Rolle von Unternehmen wie Red Hat und SUSE erwähnt
  • Einige argumentieren, wichtiger als reine Finanzierung sei die Verbesserung des rechtlichen und politischen Umfelds, also etwa der Schutz von Verschlüsselung, Sicherheitsforschung und Reverse Engineering, um freie Zusammenarbeit zu ermöglichen

Gesamtkontext

  • Dieser Call for Evidence ist der erste Schritt, mit dem die EU systematisch Meinungen einholt, um digitale Souveränität zu stärken und das Open-Source-Ökosystem auszubauen
  • Innerhalb der Community werden unterschiedliche Forderungen erhoben, darunter direkte Unterstützung, garantierte Autonomie und geringere Verwaltungsbelastung;
    diese Debatten könnten die konkrete Ausgestaltung der künftigen European Open Digital Ecosystem Strategy direkt beeinflussen

1 Kommentare

 
GN⁺ 2026-01-10
Hacker-News-Kommentare
  • Sich nur auf die „Nutzung“ von Open Source zu konzentrieren, betrachtet nur einen Teil des Problems
    Was Entwickler in Europa fordern, ist, dass mit öffentlichen Geldern entwickelte Software vollständig offengelegt werden sollte, etwa wie bei Universitäten oder öffentlichen Einrichtungen. Einschließlich des Rechts, sie zu verändern
    Open Source als kostenloses Bonbon zur Budgeteinsparung zu betrachten, ist die falsche Haltung. Wenn Regierungen sie nutzen, sollten sie auch dafür bezahlen
    Natürlich bin ich sehr dafür, dass europäische Regierungen in Open Source investieren. Wenn sie bezahlen, bin ich auch gern bereit zu arbeiten
    • Die Aussage „als öffentliches Gut frei nutzbar, veränderbar und weiterverteilbar“ bedeutet nicht ‚frei wie Freibier‘, sondern ‚frei wie Meinungsfreiheit‘. Auch wenn man dafür bezahlt, bleibt diese Freiheit erhalten
    • Viele mit staatlichen Mitteln geschaffene Projekte werden unter der EUPL-Lizenz veröffentlicht, sind aber oft gar nicht herunterladbar. Das ist seltsam
    • 2025 habe ich viele Fälle gesehen, in denen kleine Open-Source-Projekte, die kritische Infrastruktur tragen, unter Finanzierungsproblemen leiden. Schon geringe Investitionen der EU könnten Nachhaltigkeit und Ausrichtung stark beeinflussen
    • Wer der Aussage zustimmt, dass mit öffentlichen Geldern entwickelte Software öffentlich sein sollte, sollte die Petition der Free Software Foundation Europe unterschreiben
    • Zu den frühen Slogans von OSS gehörten „free as in speech“ und „free as in beer“
  • Subsidiarität ist ein Kernprinzip der EU, hat hier aber unbeabsichtigt versagt
    Einzelne staatliche Stellen in den Mitgliedsländern haben sich jeweils für Azure entschieden, wodurch die EU als Ganzes fragmentiert wurde. In so einer Struktur kann ein eigenes Cloud-Ökosystem der EU (Eurostack) nur schwer wachsen. Die öffentliche Beschaffung sollte helfen, das wiederzubeleben
  • Es fühlt sich an, als sei jetzt genau der richtige Zeitpunkt, damit der Umstieg der EU auf Open Source gelingt
    Linux-Desktops sind viel besser als Windows, und OpenOffice ist ebenfalls gut genug. Es gibt viele qualitativ hochwertige Open-Source-Produkte mit kommerziellem Support
    Solche Veränderungen würden monopolartige Strukturen aufbrechen und nicht nur Europa, sondern allen nützen
    Ich habe das in meinem Blog zusammengefasst
  • Falls die US-Regierung Druck auf Microsoft ausübt und EU-Nutzern den Zugang zu Copilot oder 365 sperrt, könnten Behörden den Zugriff auf ihre Daten verlieren und handlungsunfähig werden
    Deshalb ist es unerlässlich, Alternativen vorzubereiten. Hoffentlich belebt diese Bewegung das europäische Tech-Ökosystem
    • Können Techniker, die tief in Open Source involviert sind, die Regierung überzeugen? Gegen die Vertriebsmacht und Anreize von Microsoft, Amazon und Google anzukommen, ist nicht leicht. Wahrscheinlich läuft es eher auf eine „Backup-Option für den Notfall“ hinaus als auf eine vollständige Umstellung
    • Aus Sicht von jemandem, der seit langem Linux nutzt, ist es selbstzerstörerisch, alles auf den Microsoft-Stack zu setzen. Später wieder herauszukommen ist mühsam
    • Bei begrenzten Ressourcen kann man sich nicht gegen jedes Risiko absichern. Europa sollte sich auf den Ausbau eigener technologischer Fähigkeiten konzentrieren. Dinge wie der Zugang zu Word sind kein großes Problem
    • Trump beschleunigt den Wechsel weg von US-Technologie. Auch in meinem Umfeld ist „nicht US-amerikanisches Unternehmen“ ein großer Pluspunkt bei Kaufentscheidungen
    • Tatsächlich ist die Lage viel ernster. Wenn Trump sagt: „Schaltet Azure ID ab“, ist Europa machtlos. Diese digitale Abhängigkeit ist Realität
  • Das deutsche Bundesland Schleswig-Holstein ist ein gutes Beispiel für die Umstellung von Office und E-Mail auf Open Source
    Aber bei Politikern, die die Haltung haben „Open Source ist ein öffentliches Gut, also kann man es kostenlos nutzen“, verspüre ich wenig Motivation zu helfen. Die USA und China verstehen das viel besser. Es braucht mehr Eigeninitiative bei der Suche nach Antworten
    • Die EU holt tatsächlich oft die Meinung der Bürger ein. Wer solche Prozesse ignoriert, hat später kein Recht, sich über unliebsame Politik zu beschweren
    • Auch München in Deutschland war einmal auf Open Source umgestiegen und ist später wieder zurückgerudert. Der Versuch in Schleswig-Holstein ist noch in einer frühen Phase
  • Europa braucht nicht mehr Open Source, sondern eine gesunde Softwareindustrie
    Es ist egal, welche E-Mail-Plattform der Staat nutzt, aber es sollte eine lokale Alternative zur Auswahl geben. Open Source passt für manches, ist aber nicht die Lösung für jede Art von Software. Eine blinde Bevorzugung kann lokalen Unternehmen schaden
    • Nur weil es schwer ist, mit US-Monopolen zu konkurrieren, heißt das nicht, dass Europa keine Industrie hat. Das Problem ist, dass bei jedem Versuch von Kartellregulierung Druck aus den USA kommt
      Mit Steuergeldern entwickelte Software sollte als Open Source veröffentlicht werden, um Vertrauen zu schaffen
    • Europa ist kein einzelnes Land, sondern ein Verbund vieler Staaten. Open Source ist die logische Lösung, um zusammenzuarbeiten, ohne einen neuen ‚Software-Diktator‘ zu schaffen
      Es ist wichtig, um Kontrolle und Transparenz zu sichern und das Risiko ausländischer Überwachung oder Abschaltung zu verringern
    • Was die EU eigentlich will, ist faktisch ein „Open-Source-Ökosystem mit Schwerpunkt auf Gemeinnützigkeit“. Dann sollte sie demokratisch geführte Non-Profit-Organisationen finanzieren
      Beispiele wären Organisationen wie Framasoft, Igalia, Deuxfleurs, Chatons
    • Im öffentlichen Sektor ist Open Source am sinnvollsten. Standardisierung, Änderbarkeit und geringe Kosten werden alle erfüllt. Das ist effizienter, als wenn jedes Land eigene Lösungen entwickelt
    • Der digitale ID-Dienst der niederländischen Regierung hängt von einem kommerziellen Unternehmen ab, und dieses Unternehmen soll nun von US-Kapital übernommen werden. Solche Fälle zeigen das Risiko
  • In Software gibt es allgemeine Standardbereiche (Commodity) und Spezialbereiche (Niche)
    Open Source ist besonders stark bei Standardsoftware. Viele Projekte werden bereits durch Beiträge von Einzelpersonen und Unternehmen innerhalb der EU getragen
    Die EU sollte kritische Bereiche identifizieren, die von kommerzieller Software außerhalb der EU abhängen (Kommunikation, IoT, Finanzen usw.), und Open-Source-Alternativen unterstützen
    Selbst bei ausländischer Open Source lohnt sich Unterstützung, wenn die Governance transparent ist. Wenn EU-Unternehmen solche Projekte mittragen, könnte am Ende sogar die Welt von in der EU entwickelter Software abhängig werden
  • Wenn das Ziel „digitale Souveränität“ ist, dann ist Open Source eine gute Strategie, aber keine hinreichende Bedingung
    Wenn man zum Beispiel von Windows Server auf RHEL umstellt, bleibt man immer noch von den USA abhängig
    Für echte Souveränität braucht es ein Ökosystem, das innerhalb der EU unabhängig gepflegt und distribuiert werden kann
    • Meinst du damit so etwas wie ein „europäisches GitHub“? (Ich habe den Artikel nicht gelesen, aber so fühlt es sich an)
  • Ich werde beobachten, was aus diesem Versuch wird
    Wenn man wieder keine bestehenden Projekte unterstützt und stattdessen nur eigene Forks baut, wäre das ein Scheitern
    Trotzdem hoffe ich, dass die EU Open-Source-Entwicklung ernsthaft finanziert
    • Solche Programme gibt es bereits. Beispielsweise fördern Einrichtungen wie EU-STF oder die NLnet Foundation Open Source
    • Aber wenn „Souveränität“ das Ziel ist, dann ist der Aufbau eines vollständig lokalen Ökosystems ohne externe Abhängigkeiten unerlässlich. Die Frage ist, ob die EU zu so viel öffentlichen Investitionen bereit ist
    • Die EU hat bereits Projekte wie VLC und LibreOffice finanziert. Es ist also kein völlig neuer Ansatz
  • Aus der Sicht eines Südamerikaners haben die politischen Maßnahmen der US-Regierung den einzelnen Ländern die Gefahr einer fehlenden eigenen Infrastruktur vor Augen geführt
    Was, wenn die USA morgen den Export des iPhone verbieten oder Backdoors bzw. Kill-Switches erzwingen?
    Solche Szenarien könnten letztlich dazu führen, dass Großmächte wie die USA, die EU, China und Indien eigene Technologie-Stacks neu aufbauen.
    Das könnte das Ende der Globalisierung sein
    • Das US-amerikanische CALEA-Gesetz erlaubt dem FBI bereits seit 30 Jahren Zugriff auf Kommunikations-Backdoors (Wiki-Artikel)
    • Diese Entwicklung ist genau das, was Nationalisten anstreben. Sie wollen globale Zusammenarbeit aufgeben, selbst um den Preis von Wohlstand und Freiheit
    • Hoffentlich kommt es nicht zu einer vollständigen Abkopplung, sondern zu einer multipolaren Welt mit redundanten Produktionsketten
    • China bewegt sich bereits in diese Richtung. Die EU und Indien dürften ähnliche Überlegungen anstellen
      Die USA sind kein verlässlicher Partner mehr