- Ein interner Entwickler einer großen Liefer-App hat offengelegt, dass Priority Delivery und die Driver Benefit Fee in Wirklichkeit ausschließlich den Unternehmensumsätzen zugutekommen
- Priority Delivery fügt den Bestelldaten laut seiner Darstellung nur ein Boolesches Flag hinzu, wird in der tatsächlichen Dispositionslogik jedoch nicht berücksichtigt
- In früheren A/B-Tests wurden nicht priorisierte Bestellungen absichtlich verzögert, statt priorisierte tatsächlich zu beschleunigen, um das Geschwindigkeitsempfinden zu manipulieren
- Für Fahrer gilt eine interne Kennzahl namens Desperation Score, durch die gerade Fahrer, die vom Fahren leben, von besonders lukrativen Aufträgen ausgeschlossen werden
- Über ein Tip-Vorhersagemodell werde bei erwarteten hohen Tips die Grundvergütung gesenkt, sodass die Tips der Kunden faktisch Unternehmenskosten ausgleichen, so der Vorwurf
Überblick
- Ein Reddit-Beitrag eines Backend-Ingenieurs einer großen Plattform für Essenslieferungen legt interne Algorithmen und Umsatzstrukturen offen
- Der Verfasser veröffentlichte das interne System kurz vor seinem Ausscheiden und nahm dabei das Risiko eines NDA-Verstoßes in Kauf
Die Realität von Priority Delivery
- Gegen eine zusätzliche Gebühr wird im Bestell-JSON ein priority-Flag gesetzt
- Dieses Flag wird in der eigentlichen Dispositions- und Routenoptimierungslogik ignoriert
- Der wahrgenommene Effekt sei durch A/B-Tests erzeugt worden, bei denen nicht priorisierte Bestellungen um 5 bis 10 Minuten verzögert wurden
- Ein Beispiel dafür, wie Umsatz erzeugt wurde, indem nicht der Premium-Service verbessert, sondern der Basisdienst verschlechtert wurde
Driver Desperation Score
- Auf Basis von Online-Zeit, Geschwindigkeit bei der Auftragsannahme und Mustern bei der Annahme schlecht bezahlter Aufträge wird für Fahrer ein Index für finanzielle Dringlichkeit berechnet
- Fahrer, bei denen eine hohe Dringlichkeit angenommen wird, bekommen profitable Aufträge nur eingeschränkt angezeigt
- Fahrer mit mehr Spielraum erhalten dagegen Aufträge mit hohen Tips, um ihre Teilnahme an der Plattform zu fördern
- Ein Design, das Vollzeitfahrer wie Verschleißmaterial behandelt
Driver Benefit Fee und Lobbygelder
- Problematisch sei auch die nach jüngsten Gesetzes- und Regulierungsänderungen eingeführte Driver Benefit Fee / Regulatory Response Fee
- Diese Gelder flössen laut dem Beitrag nicht in Leistungen für Fahrer, sondern in ein internes Kostenzentrum für Gewerkschaftsabwehr und politische Lobbyarbeit
- Von Kunden in guter Absicht gezahlte Gebühren würden so zur Schwächung von Arbeitnehmerrechten eingesetzt
Anpassung der Grundvergütung auf Tip-Basis
- Das System prognostiziert im Voraus die Tip-Neigung der Kunden
- Werden hohe Tips erwartet, sinkt die Grundvergütung für die Lieferung; werden keine Tips erwartet, steigt sie, damit der Auftrag angenommen wird
- Im Ergebnis subventionieren die Tips der Kunden die Personalkosten des Unternehmens
- Ein Mechanismus, der rechtlich den Vorwurf des Tip-Diebstahls vermeidet, aber faktisch denselben Verlagerungseffekt erzeugt
Bedeutung und Implikationen
- Der Fall zeigt die Risiken, wenn Algorithmen nicht auf Effizienz, sondern auf die Optimierung menschlicher Verwundbarkeit ausgerichtet werden
- Intransparente Gebühren und interne Kennzahlen können die strukturellen Probleme von Plattformarbeit weiter verschärfen
- Der Fall kann als wichtige Referenz für Debatten über Plattformvertrauen und Regulierung dienen
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