- Es wurde ein einzelliges Lebewesen mit extrem reduziertem Genom entdeckt, das als Fall Aufmerksamkeit erregt, der die Definition von Leben neu überdenken lässt
- Dieser Mikroorganismus hat die meisten Stoffwechselgene verloren, kann Nährstoffe nicht selbst verarbeiten oder wachsen und ist vollständig auf Wirtszellen angewiesen
- Das Forschungsteam benannte dieses Archaeon Candidatus Sukunaarchaeum mirabile; es besitzt ein zirkuläres Genom von 238.000 Basenpaaren
- Dieses Lebewesen bewahrt nur die minimal notwendigen Gene für die Selbstreplikation; grundlegende Expressionsapparate wie Ribosomen sind vorhanden, Stoffwechselfunktionen jedoch fast nicht
- Die Entdeckung erweitert die minimalen Grenzen und die Vielfalt zellulären Lebens und gibt Anlass, die Grenze zwischen Leben und Nichtleben neu zu prüfen
Die Grundstruktur des Lebens und eine neue Entdeckung
- Zellen gelten als grundlegende Einheit des Lebens; Stoffwechsel, Wachstum und Replikation des Erbguts werden als Kernfunktionen angesehen
- Die nun entdeckte Zelle weist jedoch die meisten dieser Funktionen nicht auf
- Dieses Lebewesen besitzt ein extrem kleines Genom, und stoffwechselbezogene Gene sind fast vollständig verschwunden
- Es kann Nährstoffe nicht selbst verarbeiten oder wachsen und ist auf einen Wirt oder eine Zellgemeinschaft angewiesen
- Die Forschenden bewerten dieses Lebewesen als einen Fall, der bestehende Lebensdefinitionen erschüttert
- Es zeigt, dass „auch eine Zelle ohne Stoffwechsel existieren kann“
Wie das Winz-Genom bestätigt wurde
- Das Forschungsteam sammelte im Pazifik einen Dinoflagellaten namens Citharistes regius und analysierte ihn
- Diese Alge beherbergt im Inneren symbiotische Cyanobakterien
- Bei der Genomanalyse wurde die DNA-Sequenz eines neuen Archaeons entdeckt
- Mit 238.000 Basenpaaren ist sie etwa halb so groß wie das bisher kleinste bekannte Archaeon (Nanoarchaeum equitans)
- Eine erneute Überprüfung mit mehreren Techniken und Software-Tools bestätigte, dass es sich um ein vollständiges zirkuläres Genom handelt
- Das neue Lebewesen wurde Candidatus Sukunaarchaeum mirabile genannt
- Der Name kombiniert den Zwerggott „Sukunabikona“ aus der japanischen Mythologie mit dem lateinischen Wort für „wunderlich“
Das Spektrum quasi-lebendiger Formen
- Sukunaarchaeum besitzt nur ein Minimum an Proteinen für die Replikation
- Stoffwechselgene fehlen fast vollständig
- Es gehört zur Gruppe der DPANN-Archaeen, die allgemein als Symbionten bekannt sind, die an der Oberfläche von Wirtszellen haften
- Sukunaarchaeum besitzt jedoch selbst unter ihnen das am extremsten reduzierte Genom
- Einige Forschende analysieren dieses Lebewesen als parasitär geprägt
- Es kann keine Stoffwechselprodukte bereitstellen und bezieht Ressourcen einseitig vom Wirt
- Andere ultrakleine Bakterien wie Carsonella ruddii haben zwar ein noch kleineres Genom, behalten aber Stoffwechselfunktionen für ihren Wirt bei
- Sukunaarchaeum hingegen hat nur die Replikationsfunktion bewahrt und die Stoffwechselfunktion verloren
- Anders als Viren besitzt es einen eigenen genetischen Expressionsapparat wie etwa Ribosomen
- Darin liegt ein grundlegender Unterschied zu Viren
Debatte über die Definition von Leben
- Die Forschenden bewerten Sukunaarchaeum als nicht unabhängig lebensfähig
- Da aber auch Zellorganellen wie Mitochondrien nicht unabhängig lebensfähig sind, ist die Grenze der Lebensdefinition unscharf
- Diese Entdeckung wirft die philosophische und biologische Frage auf, „ab wann etwas als Leben bezeichnet werden kann“
Unbekannte minimale Lebensformen
- Ein erheblicher Teil des Genoms von Sukunaarchaeum stimmt mit keiner bekannten Sequenz überein
- Er codiert große Proteine und könnte an der Interaktion mit dem Wirt beteiligt sein
- Ob der tatsächliche Wirt C. regius ist oder ein anderes Archaeon, ist nicht bestätigt
- Auch ob es sich um eine äußerlich anhaftende oder intern symbiotische Form handelt, ist unklar
- Einige Forschende weisen auf die Möglichkeit hin, dass Stoffwechselgene wegen schneller Evolution nicht identifizierbar geworden sein könnten
- Bestehende Analysemethoden könnten solche ultrakleinen Genome als unvollständige Daten einstufen und ausschließen
- Daher könnten ähnliche Lebewesen bereits existieren, aber übersehen worden sein
- Eine Suche in globalen Meeresdatenbanken ergab keine identische Sequenz, wohl aber zahlreiche ähnliche Sequenzen
- Sukunaarchaeum könnte nur ein Teil einer riesigen mikrobiellen Vielfalt sein
- Mikroorganismen parasitieren aufeinander und bilden komplexe ökologische Beziehungsnetze
1 Kommentare
Hacker-News-Kommentare
Diese Entdeckung ist wirklich beeindruckend. Allerdings ist das hier das kleinste archaeale Genom, nicht das kleinste unter allen Bakterien
In der Arbeit wird C. ruddii (159k Basenpaare) erwähnt, aber Nasuia deltocephalinicola scheint mit 112k Basenpaaren das kleinste bekannte bakterielle Genom zu haben
Das hier entdeckte Sukunaarchaeum stellt dagegen nur die für seine eigene Replikation nötigen Proteine her und hat fast keine Funktionen für den Wirt
Das 238-kbp-Genom kodiert also nur die minimal für die Replikation nötigen Proteine und enthält kaum stoffwechselbezogene Gene
Die 159-kbp-Bakterien besitzen dagegen Gene zur Synthese von Aminosäuren und Vitaminen für ihren Wirt
Es gibt verschiedene Hypothesen zum Ursprung des Lebens, aber es ist auch möglich, dass heutige Lebensformen diese Umwelt bereits „aufgefressen“ haben
Oder man zieht grundlegendere Szenarien wie einen panspermischen Ursprung in Betracht
Ich frage mich, ob Replikation nicht der wichtigste metabolische Vorgang eines Lebewesens ist
Sukunaarchaeum kann zwar keine Nährstoffe selbst synthetisieren oder wachsen, behält aber die für die Replikation nötigen Gene
Es kann also Energie und Material vom Wirt beziehen und damit seine eigene Replikationsassemblierung durchführen
Die zentrale Frage ist, in welcher bereits „fertigen“ Form der Wirt die Rohstoffe liefert und wie diese Archaeon sie zur Replikation nutzt
Letztlich geht es darum, wo man die Grenze der „Selbstständigkeit“ zieht
So wie Viren die Zellmaschinerie ihres Wirts „kapern“, ist auch dieses Archaeon tief vom Stoffwechsel seines Wirts abhängig
Zur Frage „Ist das nicht einfach ein Virus?“: In der eigentlichen Arbeit wird ausdrücklich erwähnt, dass Gene vorhanden sind, die tRNA und rRNA kodieren
Das ist ein biologisches Merkmal, das es klar von Viren unterscheidet
Der Originaltext ist im bioRxiv-Paper zu finden
Das Genom von Carsonella ruddii umfasst etwa 159.000 Basenpaare (etwa 40 KB) und wirkt wie eine Art „minimale Zell-Firmware-Größe“
Bei einer so einfachen Zelle fragt man sich, ob sich die Funktion jedes einzelnen Basenpaars vollständig entschlüsseln ließe
Eine interaktive Website, die das visualisiert, wäre spannend
Laut der Arbeit ist Candidatus Sukunaarchaeum mirabile ein neues Archaeon mit einem ultrakleinen 238-kbp-Genom
Das ist weniger als halb so groß wie das bislang kleinste bekannte archaeale Genom
Die Formulierung „schockierte Forschende“ im Artikel wirkt etwas übertrieben
Es fühlt sich fast wie ein YouTube-Skript von ‚Biohacker Lab‘ an
Wenn die zwei Kerneigenschaften des Lebens Homöostase und Reproduktion sind, könnte man diese Zelle, die beides verloren hat, auch als unbelebte Materie sehen
Für die Definition von Leben gibt es keinen allgemein akzeptierten Maßstab; oft beschreibt man es nur als Bündel von Eigenschaften, die die eigene Existenz erhalten und stärken
Die Reproduktion einzelliger Organismen ist viel einfacher, und hier wäre der Ausdruck „obligater Kommensalismus“ passender
Ich frage mich, woher dieses Archaeon ATP bekommt
Wenn es fast keine metabolischen Funktionen hat, ist es sehr wahrscheinlich vollständig auf die Energieversorgung durch den Wirt angewiesen
Ich denke, das Genom funktioniert wie eine Art „Konfigurationsdatei“
Die Zelle selbst verfügt bereits über eine komplexe Maschinerie, und das Genom besteht nur aus Flags und Einstellwerten, die sie steuern
Deshalb kann es irreführend sein, allein anhand der Genomgröße über die Komplexität des Lebens zu urteilen
Die Definition von Leben ist zu eng gefasst
Ich würde sagen: Alles, was sich durch Replikation und genetische Variation weiterentwickeln kann, ist Leben
Es fällt mir schwer nachzuvollziehen, warum Viren nicht als lebendig gelten sollen
Sind unfruchtbare Tiere oder rote Blutkörperchen ohne Gene dann nicht lebendig?
Und umgekehrt: genetische Algorithmen oder Manuskripte besitzen ebenfalls Replikation und Variation — sind sie dann auch Leben?
Letztlich ist „Leben“ wohl nur ein komplexes System, das mithilfe von Energieflüssen seine Form erhält und reproduziert, ohne klar definierte Grenze