- Vodafone in Deutschland zieht sich bis Ende 2025 aus allen öffentlichen Internet Exchange Points (IXPs) zurück und stellt auf eine Struktur um, in der der gesamte Traffic über einen einzelnen Anbieter namens Inter.link geleitet wird
- Dadurch verschwindet das bisherige settlement-free peering, und es entsteht eine Struktur, in der Content-Anbieter bezahlte Interconnection nutzen müssen, um Vodafone-Kunden zu erreichen
- Nachdem Deutsche Telekom in der Vergangenheit ein ähnliches Modell eingeführt hatte, wurden Fälle massiver Service-Verschlechterung gemeldet, darunter höhere Latenz, Paketverlust und schlechtere Streaming-Qualität
- Wissenschaft und Regulierungsbehörden weisen darauf hin, dass eine solche Struktur möglicherweise „double-dipping“ darstellt und gegen die EU-Netzneutralität verstößt
- Da sich nun beide großen Telekommunikationsanbieter in Deutschland zu einem geschlossenen Paid-Peering-Modell bewegen, wachsen die Sorgen um eine Schwächung von Offenheit und Vielfalt des europäischen Internets
Vodafones Entscheidung zum Rückzug aus öffentlichem Peering
- Vodafone will sich bis Ende 2025 aus allen öffentlichen Internetknoten in Deutschland zurückziehen, darunter DE-CIX Frankfurt
- Der gesamte Traffic wird über Inter.link geleitet, was bedeutet, dass Unternehmen, die Inhalte an Vodafone-Kunden liefern wollen, Inter.link für den Zugang nutzen müssen
- Vodafone behauptet, diese Maßnahme werde „weniger Latenz, höhere Resilienz und geringere Kosten“ bringen
- Der Artikel weist jedoch darauf hin, dass sich bei Wegfall von direktem Peering die Pfade eher verlängern und die Latenz dadurch steigt
- Inter.link betreibt eine „peering-as-a-service“-Plattform und verbindet mehr als 40 Standorte in 15 Ländern mit über 300 Rechenzentren
Der Zusammenbruch des settlement-free peering
- Die bisherige Internetstruktur basierte auf settlement-free peering, bei dem Netzwerke Traffic kostenlos austauschen
- Nutzer profitierten von kurzen Pfaden und damit von schnellem Zugriff
- In den Richtlinien von Inter.link steht der Satz: „Inter.link peers not with customers“
- Das bedeutet: Wer Vodafone-Kunden erreichen will, muss die kommerziellen Dienste (FlexPeer) von Inter.link nutzen
- Beispielvergleich
- Früher: Netflix und Vodafone waren am DE-CIX direkt verbunden → monatliche Portkosten von €500, keine Zusatzgebühren
- Jetzt: Netflix erreicht Vodafone über Inter.link → zusätzlich zu den Portkosten können weitere kommerzielle Gebühren anfallen
Ähnlichkeiten mit dem Fall Deutsche Telekom
- Bei Deutsche Telekom führte eine ähnliche Struktur zu erheblichen Qualitätseinbußen bei Software-Downloads, Spielen und Streaming
- Berichtet wurden langsamere Downloads von GitHub und Python-Paketen, Spiel-Latenzen von 200–3.300 ms sowie Paketverlust von 2–30 %
- Mit VPN stellte sich die Geschwindigkeit sofort wieder her, was zeigte, dass das Problem nicht bei den Content-Servern, sondern in den Routing-Richtlinien des ISP lag
- Verbraucherverbände und Wissenschaft werfen Telekom vor, Engpässe an den Netzübergängen künstlich aufrechtzuerhalten, um von Content-Anbietern Gebühren zu verlangen
Anzeichen für Qualitätsprobleme bei Vodafone
- Seit 2019 wurden fortlaufend Peering-Probleme gemeldet; seit der Umstellung auf Inter.link Ende 2024 kam es abends zu deutlichen Qualitätseinbrüchen
- Bei wichtigen Diensten wie YouTube, Netflix und Twitch traten Buffering, niedrige Bildqualität und hohe Latenz auf
- Aus dem Raum Berlin wurden starke Qualitätseinbrüche nach dem Rückzug vom BCIX gemeldet
- Heise.de berichtete, Vodafone habe „die direkten Verbindungen zu großen Datenquellen wie YouTube eingestellt“
Technische und physikalische Widersprüche
- Forschungsergebnisse zeigen, dass direktes Peering die Latenz im Schnitt um 12–15 ms verbessert
- Wird ein Zwischenanbieter hinzugefügt, verlängern sich die Pfade und die Latenz steigt
- Vodafone spricht von „weniger Latenz“, liefert dafür jedoch keine Messdaten, Benchmarks oder Verifizierungsunterlagen
Satelliteninternet als Alternative
- Starlink ist über ein eigenes globales Backbone direkt mit Content-Anbietern verbunden
- In Deutschland werden im Schnitt 100 Mbps Download und 30–40 ms Latenz erreicht, ohne selektive Traffic-Beschränkungen
- Für Nutzer, die unter Qualitätsproblemen bei Vodafone oder Telekom leiden, rückt das Satellitennetz als Alternative in den Blick
Wandel des Wirtschaftsmodells und Regulierungsdebatte
- Vodafones Struktur entspricht einer Form des „termination monopoly“, bei der trafficbasierte Gebühren von Content-Anbietern verlangt werden
- Die Wissenschaftlerin Barbara van Schewick bewertet dies als „Frontalangriff auf das offene Internet“
- Die Schweizer Regulierungsbehörde ComCom urteilte 2024, ein ähnliches Modell sei „als double-dipping rechtswidrig“
- Im Fall Meta vs Deutsche Telekom aus dem Jahr 2024 lehnte Meta eine verlangte Peering-Gebühr von €20 Millionen ab und beendete die direkte Verbindung
Reaktionen von Regulierung und Branche
- Im April 2025 reichten der deutsche Verbraucherzentrale Bundesverband, Epicenter.works und Stanford-Forschende gegen Telekom Klage wegen Verstoßes gegen die EU-Netzneutralität ein
- Ein Bericht von BEREC stuft das Verhalten von ISPs, Engpässe an Netzübergängen zu nutzen, um Online-Dienste zur Zahlung zu bewegen, als potenziellen Verstoß ein
- CISPE berichtet, dass europäische Cloud-Anbieter seit 2015 mit „unfairen Gebührenforderungen durch künstliche Qualitätsverschlechterung“ konfrontiert seien
Auswirkungen auf Nutzer
- Vodafone-Kunden könnten abends Streaming-Buffering, Spiel-Latenzen und schlechtere Qualität bei Videokonferenzen erleben
- Kleinere Content-Anbieter können sich die Gebühren von Inter.link möglicherweise nicht leisten, was zu Unterschieden bei der Zugangsqualität führt
- Da Geschwindigkeitstests des Kundendienstes auf dem internen Vodafone-Netz basieren, ist die Ursache des Problems schwer zu erkennen
Struktureller Wandel des europäischen Internets
- DE-CIX-CTO Thomas King warnt vor einer „Tendenz großer Anbieter, selbst die Interconnection zu monetarisieren“
- IT-Administrator analysiert, dass Vodafones Modell zu weniger Transparenz und höheren Markteintrittsbarrieren führen könnte
- In der Tech-Community wird dies als „Peering Extortion Policy“ bezeichnet
- Falls Regulierung ausbleibt, droht eine Ausweitung auf ganz Europa
Fazit
- Die Umstellung von Vodafone auf Inter.link zerlegt die kooperative Peering-Struktur, die das Fundament des offenen Internets bildet
- Kunden zahlen weiterhin, während sich die Verbindungsqualität verschlechtert
- Auch Content-Anbieter müssen zusätzliche Kosten tragen, was einen strukturellen Wendepunkt darstellt, der die Prinzipien der Netzneutralität erschüttert
- Der Fall Deutschland ist ein wichtiger Test für die künftige Struktur des europäischen Internets
1 Kommentare
Hacker-News-Kommentare
Ich bin kürzlich in ein Gebiet gezogen, das von einem gemeinnützigen lokalen ISP in den Niederlanden versorgt wird
Ich nutze eine von der Stadt direkt installierte symmetrische 1-Gbps-Glasfaserleitung mit statischer IP für 40 Euro im Monat
Es gibt keinerlei Upselling oder Traffic-Drosselung, und selbst Hosting von zu Hause funktioniert problemlos
Ich denke, dass dieses gemeinwohlorientierte, von Kommunen getragene ISP-Modell eine Alternative sein kann, um Monopolstrukturen abzuschwächen und Fairness zu erhöhen
Ich finde es gut, dass solche gemeinnützigen ISPs existieren, aber auf staatlicher Ebene halte ich eine starke gesetzliche Verankerung der Netzneutralität für wichtiger
Das ist nicht nur ein Problem von Vodafone. Google zieht sich ebenfalls zunehmend von IX (Internet Exchange) zurück und wechselt stattdessen zu PNI oder Verified Peering Provider (VPP)
Dadurch wird es für kleine Netzwerke immer schwieriger, sich im Internet Sichtbarkeit zu verschaffen, und das wirkt wettbewerbsfeindlich
Gleichzeitig wird auch die Teilnahme an IX immer schwieriger — steigende Portgebühren, der Abzug wichtiger Netzwerke und mehr Teilnehmer mit geringer Qualität; es scheint kein gutes Jahr für das „offene Internet“ gewesen zu sein
Kleine ISPs verursachten an IXs oft Probleme, und aus Sicht großer Anbieter war es belastend, Hunderte bis Tausende Peers zu verwalten
Bell Canada verweigert seit Langem IX-Peering
Direktes Peering gibt es nur mit anderen Backbone-Anbietern oder großen Netzwerken wie Google und Cloudflare
Das führt dazu, dass Traffic innerhalb von Toronto oft über Chicago geleitet wird, also zu ineffizientem Routing
IPv6 wird außerhalb des Mobilfunknetzes ebenfalls kaum unterstützt
Andererseits habe ich gehört, dass es alternative ISPs wie Teksavvy gibt, die Bells Infrastruktur nutzen und IPv6 unterstützen
Die Lösung ist immer mehr Regulierung
ISPs machen bereits enorme Gewinne dank monopolartiger Stellung, hoher Eintrittsbarrieren und fehlender Tarifkontrolle
Trotzdem bauen sie für zusätzliche Erlöse mehrstufige Abrechnungsmodelle auf
Regierung und Verbraucher sollten empört sein, aber die Bedeutung des „offenen Internets“ wurde der Öffentlichkeit nie richtig vermittelt
Die Bedrohung für das Internet sind nicht nur ISPs, sondern auch die Zentralisierung selbst
Der Großteil des Traffics läuft über drei Cloud-Anbieter, und der Einfluss von Cloudflare ist global
Ohne staatliche Eingriffe verfestigt sich das Internet letztlich bereits zu einer geschlossenen Struktur
Mehr Regulierung ist die einzige Antwort — große Anbieter müssen gezwungen werden, Offenheit zu bewahren, auch wenn das ihre Gewinne schmälert
Südkorea hat dieses Modell bereits 2016 eingeführt, und wegen der überhöhten Gebühren hat sich Twitch 2024 zurückgezogen
Kommunikation sollte wie Straßen, Bahn und Post als öffentliche Infrastruktur behandelt werden
Auch die USA haben in der Vergangenheit das Monopol von Ma Bell erlebt, scheinen diese Lehre aber vergessen zu haben
So wie die Verstaatlichung der Eisenbahnen in den 1970er Jahren sollte es auch bei Kommunikationsnetzen eine Vergesellschaftung geben
Unternehmen verkaufen Fusionen mit Wettbewerbern als Effizienzsteigerung, tatsächlich zentralisieren sie den Markt aber übermäßig
Dadurch landen die Effizienzgewinne nicht bei den Kunden, sondern als Erträge großer Konzerne
Regulierungsbehörden erlauben das immer wieder, beeinflusst durch Lobbying und PR aus der Branche
Ich denke, Unternehmen, die mehr als 50 % Marktanteil oder länger als drei Jahre einen Unternehmenswert von über 500 Millionen Dollar halten, sollten zwangsweise aufgespalten werden
Solche Maßnahmen wären grob, würden den Markt aber in eine dynamischere und innovativere Struktur überführen
Für Startups würde der Wettbewerb härter, aber die Eintrittsbarrieren würden sinken und auch die Mobilität am Arbeitsmarkt steigen
Einige Branchen haben zwar den Charakter natürlicher Monopole, aber mit einer modularen, dezentralen Struktur nach Funktionen ließe sich Wettbewerb fördern
Ich wohne mitten in Berlin und kann trotzdem nur Vodafone-Kabel nutzen
Selbst wenn die Deutsche Telekom Glasfaser verlegen will, macht der Vermieter die Kellertür nicht auf
Er will wohl Mieter loswerden und danach die Miete erhöhen. Wirklich merkwürdige Zeiten
Link zum Artikel
trotzdem werden weiterhin absurde Preise wie 5000 Euro pro 1 Gbps je nach Region verlangt
Selbst ohne Kostenübernahme würde das reichen, um exklusive Vertragspraktiken aufzubrechen
Ich frage mich, ob Kunden rechtlich gegen Vodafone vorgehen können, wenn die vertraglich zugesicherte Geschwindigkeit nicht eingehalten wird
Wenn man für einen 1-Gbps-Tarif zahlt, aber Netflix nur mit 0,93 Mbps läuft, ist das dann kein Vertragsbruch?
Ich glaube, Cory Doctorow hat einmal einen Begriff verwendet, der so etwas beschreibt
Das wirkt tatsächlich, aber das Verfahren ist langwierig und kompliziert
Wenn es zwischen ISPs in Deutschland keine vernünftige Interconnection gibt, ist Hosting in Polen oder Frankreich manchmal sogar schneller
Die Deutsche Telekom zeigt im Grunde schon seit Langem dasselbe Verhalten
Ich mag diese Maßnahmen nicht, aber neu ist das nicht
während in manchen Gebäuden nur Vodafone verfügbar ist und dadurch ein vollständiges Monopol entsteht
Ich war überrascht, wie sehr der Artikel wie von einer KI geschrieben wirkte
Bei Sätzen wie „Es geht nicht um Effizienz, sondern um Ausbeutung“ fragt man sich, ob das wirklich redaktionell geprüft wurde
Der aktuelle Vodafone-Vorfall ist faktisch ein „privates fair-share“-Modell
Europäische Telekommunikationsanbieter versuchen, dasselbe Modell über den Digital Networks Act gesetzlich zu verankern
Hintergrundlink, Kampagne dagegen
Südkorea hat dieses Modell bereits 2016 eingeführt, und wegen der überhöhten Gebühren hat sich Twitch 2024 zurückgezogen