- Das Satzsystem Typst 0.14 wurde veröffentlicht und bringt wichtige Funktionen wie grundlegende Unterstützung für Barrierefreiheit, PDF-Bildverarbeitung und zeichenbasierte Blocksatz-Ausrichtung mit.
- Diese Version hilft mit Unterstützung für den Standard PDF/UA-1 bei der Einhaltung von Barrierefreiheitsvorgaben und ergänzt die Möglichkeit, PDFs direkt als Bilder einzubinden.
- Mit zeichenbasierter Ausrichtung (character-level justification) lässt sich ein visuell ausgewogenerer Absatzsatz umsetzen.
- Der HTML-Export wurde ausgebaut, sodass verschiedene Dokumentelemente in semantisches HTML umgewandelt werden können; außerdem wurde eine typisierte HTML-API eingeführt.
- Dieses Update stärkt automatisierte Dokumenterstellung im industriellen Einsatz und die Reaktion auf Barrierefreiheitsvorgaben und erweitert den praktischen Einsatzbereich von Typst deutlich.
Überblick über Typst 0.14
- Typst stammt aus dem akademischen Umfeld, hat sich zuletzt aber auch in industriellen Einsatzszenarien wie manueller Dokumentenerstellung, automatisierten Berichten und Pipelines zur Massen-PDF-Erzeugung ausgebreitet.
- Die Version 0.14 enthält dafür eine Vielzahl von Schlüsselfunktionen.
- Es gibt funktionsrelevante Verbesserungen für produktive Umgebungen in Bereichen wie Barrierefreiheit, PDF-Standards, zeichenbasierte Ausrichtung und HTML-Export.
- Sowohl in der Web-App als auch über die CLI lässt sich das Update leicht einspielen; außerdem steht ein Migrationsleitfaden für die neue Version bereit.
Barrierefreiheit (Accessibility)
- Typst 0.14 erzeugt standardmäßig Barrierefreiheits-Tags (tagged PDF) automatisch, sodass Hilfstechnologien wie Screenreader die Dokumentstruktur erkennen können.
- Werden eingebaute Markup- und Dokumentelemente verwendet, werden automatisch passende Tags vergeben.
- Über den neu hinzugefügten Parameter
alt lassen sich Alternativbeschreibungen (Alt-Text) für Formen oder Abbildungen angeben.
- Im Beispielcode wird einem Diagramm aus zwei Rechtecken und einem Pfeil eine Alternativbeschreibung hinzugefügt, damit auch sehbehinderte Nutzer dieselben Informationen erfassen können.
- Mit der Exportfunktion für PDF/UA-1 lässt sich die Validierung der Dokument-Barrierefreiheit automatisieren.
- Dabei werden Probleme wie ein fehlender Dokumenttitel, fehlerhafte Überschriftenhierarchien oder fehlende Alternativbeschreibungen erkannt.
- PDF/UA-1 unterstützt die Einhaltung internationaler Barrierefreiheitsvorgaben wie dem European Accessibility Act (EAA) der EU und ADA Title II in den USA.
- In der EU gilt dies ab dem 28. Juni 2025, in den USA ab dem 24. April 2026.
- Für Unternehmen, die Dokumente für Kunden oder Behörden erstellen, wird die Einführung von Typst 0.14 empfohlen.
Erweiterte Unterstützung für PDF-Standards
- Statt wie bisher nur PDF 1.7 zu unterstützen, können nun Versionen von PDF 1.4 bis 2.0 ausgewählt werden.
- Auch der PDF/A-Standard wurde erweitert: Statt zweier Unterstandards werden nun alle vier Teile und Konformitätsstufen unterstützt.
- Durch die Wahl eines bestimmten Standards lassen sich Kompatibilität, Archivierungseignung und regulatorische Eignung eines Dokuments gezielt optimieren.
- Weitere Details finden sich im Referenzabschnitt zu PDF-Standards in der Typst-Dokumentation.
PDFs als Bilder verwenden
- Typst 0.14 unterstützt PDFs nativ als Bildformat.
- Beim PDF-Export werden sie unverändert eingebettet, beim Export nach HTML/SVG in SVG konvertiert, und für PNG oder Web-Vorschauen werden sie gerastert.
- Alle Konvertierungsschritte werden innerhalb des Typst-Compilers ausgeführt, ohne Abhängigkeiten von externen Systemen.
- Möglich wird dies durch die neue, in Rust geschriebene PDF-Verarbeitungsbibliothek
hayro.
hayro ist eine vollständig in Rust entwickelte Bibliothek des Typst-Community-Mitwirkenden @LaurenzV und bietet hohe Portabilität und Leistung.
Zeichenbasierte Ausrichtung (Character-level Justification)
- Zur visuellen Ausgewogenheit von Absätzen wurde eine Funktion eingeführt, die nicht nur Wortabstände, sondern auch Zeichenabstände anpasst.
- Die meiste bestehende Software verändert nur Wortabstände, Typst erlaubt nun auch eine feinere Steuerung der Zeichenabstände.
- Künftig sollen auch Breitenanpassungen mit variablen Schriftarten (variable fonts) sowie etwa das Einfügen von Kashida im Arabischen untersucht werden.
- Typst verwendet denselben Grundalgorithmus wie LaTeX, ergänzt aber die in LaTeX nicht vorhandene zeichenbasierte Ausrichtung.
- Eine übermäßige Nutzung kann unnatürlich wirken, doch mit geeigneten Grenzwerten und Algorithmuskombinationen lässt sich die Satzqualität im Detail verbessern.
- Das Ergebnis ist ein gleichmäßigeres Graubild des Absatzes (grayness) und eine Satzqualität auf professionellem Veröffentlichungsniveau.
Verbesserter HTML-Export
- Der in Typst 0.13 experimentell eingeführte HTML-Export wurde in 0.14 deutlich verbessert.
- Für verschiedene eingebaute Elemente wie Fußnoten, Gliederungen und Zitate wurden semantische HTML-Zuordnungen (show rules) ergänzt.
- Durch Verbesserungen bei der Textverarbeitung werden nun die meisten Elemente der Model category korrekt in HTML umgewandelt.
- Neu hinzugekommen ist außerdem eine Typed HTML Interface.
- Damit lassen sich wie in
#html.video(autoplay: true, width: 1280, …) typgesicherte Attribute angeben.
- Das ist sicherer und intuitiver als der bisherige stringbasierte Ansatz mit
html.elem.
- Der HTML-Export bleibt weiterhin eine experimentelle Funktion; in der CLI wird er mit der Option
--features html oder der Umgebungsvariable TYPST_FEATURES=html aktiviert.
- Auch in der Web-App muss er projektweise separat aktiviert werden.
- Künftig soll der HTML-Export auch in der Typst-Web-App offiziell unterstützt werden.
Migration auf Typst 0.14
- Dieses Release ist ein stabiles Update mit kaum breaking changes.
- Einige Validierungen wurden jedoch verschärft, sodass Labels, Link-URLs und Schriftlisten nicht leer sein dürfen.
- Wichtige Änderungen
pdf.embed → pdf.attach ersetzt
- Zwei Namen von Literaturstil-Definitionen wurden geändert
- Das CLI-Flag
--make-deps wurde durch --deps --deps-format make ersetzt
- Einige Symbole (
symbols) wurden eingestellt; der Compiler zeigt automatisch Warnungen an
- In der Web-App wurde außerdem das Versions-Upgrade-Erlebnis verbessert.
- Bisher wurde immer die neueste Version verwendet; jetzt wird bei Erkennung einer neuen Version automatisch ein Upgrade vorgeschlagen und eine Kompatibilitätsprüfung ausgeführt.
- Nach dem Kompilieren mit der neuen Version werden Fehler und Warnungen verglichen und das Ergebnis angezeigt.
Community und Ausblick
- Typst 0.14 ist das Ergebnis von acht Monaten Entwicklung und Zusammenarbeit mit der Community.
- Zur Veröffentlichung ist für den 7. November ein Discord-Community-Call geplant.
- Ziel ist es, Nutzungserfahrungen auszutauschen und Feedback zu sammeln.
- Das Typst-Team will künftig die Qualität des HTML-Exports weiter erhöhen, die Barrierefreiheit ausbauen und die Satzqualität verbessern.
1 Kommentare
Hacker-News-Kommentare
Zur Vermeidung häufiger Missverständnisse über Typst vorab eine Klarstellung
Der Online-Editor (typst.app) ist kommerzielle Software, der Compiler/die CLI (github.com/typst/typst) ist Open Source.
Ich habe nur die CLI verwendet, war mit den Ergebnissen aber sehr zufrieden. Ursprünglich habe ich damit als PowerPoint-Ersatz angefangen, aber es eignet sich auch gut für Poster oder einfache Dokumente. Mir gefällt, dass man sich anders als bei LaTeX keine Sorgen machen muss, eine komplizierte Syntax zu vergessen, und dass die Syntax leicht wieder aufzugreifen ist.
Die Kombination aus TinyMist und VS Code bot eine hervorragende Developer Experience. Ich konnte sogar innerhalb eines Tages ein Template anpassen, was mit LaTeX immer ein Albtraum war.
Offizielle TinyMist-Seite
Ich habe zusammengefasst, was mir bei der Nutzung von Typst jedes Mal auffällt
Ich freue mich besonders auf die Funktionen für barrierefreie PDFs und HTML-Export in Typst 0.14.
Viele nutzen auch Weboberflächen wie Overleaf. Deshalb stechen für mich an Typst vor allem Kompilierungsgeschwindigkeit und Qualität der Diagnosen hervor.
Pandoc unterstützt Typst gut, daher sind auch Konvertierungen nach docx oder epub einfach. Die entsprechenden Issues wurden ebenfalls schnell gelöst.
Beeindruckend ist die Funktion, PDFs in SVG zu konvertieren und direkt in HTML, PNG und Web-Vorschauen zu rendern.
All diese PDF-Verarbeitungsfunktionen sind in den Typst-Compiler eingebaut, dank der vollständig in Rust implementierten Bibliothek hayro.
GitHub-Link, Demo-Seite
Auch wenn ich Typst nicht direkt nutze, würde ich es gern per Abo unterstützen.
Als jemand, der LaTeX zugleich liebt und hasst, freue ich mich über eine Alternative. Besonders gefällt mir, dass dort Mikrotypografie wichtig genommen wird.
Wenn es ein Bounty-System für HTML-Unterstützung gäbe, würde ich noch mehr fördern.
Typst wurde auf Basis dieser Erfahrungen als saubere 45-MB-Binärdatei fertiggestellt.
Es ist ein hervorragendes Werkzeug, das JSON und CSV direkt verarbeitet und sich für Bücher, Broschüren und Karten eignet.
Der Grund, warum man in der Wissenschaft LaTeX nicht aufgeben kann, sind Beamer, TikZ und Overleaf.
Beamer bietet viele Stile und Schriften, TikZ ermöglicht das Zeichnen von Formen ohne GUI.
Overleaf ist bei der Zusammenarbeit besser als Typst Cloud. Hoffentlich erreicht Typst dieses Niveau irgendwann.
Auch die Einführung von Versionsverwaltung ist einen Blick wert.
Es ist nicht auf Beamer-Niveau, aber auch typst-presentate ist ziemlich brauchbar.
Touying Unistra Pristine Theme
Es gibt viele Werkzeuge als TikZ-Ersatz, aber noch keines ist perfekt.
Ich habe meinen seit über 10 Jahren gepflegten .docx-Lebenslauf komplett in Typst neu geschrieben.
Mit einer TOML-Datendatei habe ich Laufbahn und Stil getrennt und eine Struktur gebaut, die automatisch in das gewünschte Template eingefügt wird.
Es war ein übertriebenes Projekt, hat aber wirklich Spaß gemacht, und die Typst-Syntax war so intuitiv, dass es auch ohne Tutorial ging.
Mein größter Kritikpunkt an Typst ist, dass lokalisierte Dezimaltrennzeichen noch nicht unterstützt werden.
Siehe Issue-Link.
Wenn sprachspezifische Zahlenformate nicht bald gelöst werden, könnte es später zu Syntaxkonflikten kommen.
Insgesamt bin ich mit Typst aber sehr zufrieden, weil es schnell und einfach ist.
Dass man PDF als natives Bildformat verwenden kann, ist ein großer Fortschritt für LaTeX-Alternativen.
Vielen Dank an das Typst-Team. Anfangs habe ich meinen Lebenslauf in Typst erstellt, um Git zu lernen,
und irgendwann würde ich gern ein Kreuzworträtsel-Dokument mit Typst erstellen. Ich weiß noch nicht, wie man Tabellen quadratisch macht, aber irgendwann probiere ich es aus.
Früher habe ich Finanzmodell-Dokumente mit GitHub/Azure Markdown + Mermaid + MathJax erstellt, aber je komplexer es wurde, desto schwieriger wurde es.
Jetzt nutze ich Typst; durch den Rust-basierten Compiler ist die Installation einfach, und aus Sicherheitsgründen wird nichts nach außen übertragen.
Das Design wirkt modern genug, dass man den Unterschied von 40 Jahren deutlich spürt.