Die „unsichtbare Arbeit“ im Open-Source-Ökosystem — die Hälfte wird nicht erfasst
Autoren: John Meluso (Cornell Univ.), Amanda Casari & Katie McLaughlin (Google LLC), Milo Z. Trujillo (Northeastern Univ.)
Veröffentlicht: Januar 2024, Vorabveröffentlichung eines ACM-Papers
Original: arXiv:2401.06889v2
Zusammenfassung
Open-Source-Software (OSS) besteht nicht einfach nur aus dem Schreiben von Code. Community-Management, Dokumentation, Veranstaltungsorganisation, Finanzverwaltung, Bug-Reports, Content-Moderation und zahlreiche weitere Nicht-Coding-Aktivitäten ermöglichen erst den Erhalt und die Weiterentwicklung von Projekten. Doch diese Tätigkeiten bleiben meist als „unsichtbare Arbeit“ (invisible labor) zurück.
Die gemeinsame Studie von Forschenden aus Cornell, Google und Northeastern zeigt, dass etwa die Hälfte (50 %) der Arbeit in Open Source unsichtbar ist und zwei Drittel der Aufgaben (rund 66 %) anderen nicht bekannt werden. Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, dass ein erheblicher Teil ihrer Arbeit weder anerkannt noch vergütet wird.
Überblick über die Studie
- Untersuchungsmethode: Befragung von 142 OSS-Entwicklerinnen und -Entwicklern weltweit zwischen Januar und Juni 2022
- Vorgehensweise: Anwendung der kognitiven Technik des „Anchoring“, sodass die Teilnehmenden selbst einschätzen sollten, wie „sichtbar“ oder „anerkannt“ ihre Arbeit ist
- Kernfragen:
- Wie verbreitet ist unsichtbare Arbeit im Open-Source-Ökosystem?
- Welche Faktoren verstärken diese „Unsichtbarkeit“?
Zentrale Ergebnisse
- Vergütung (Compensation): Nur die Hälfte der Befragten sagte, dass sie für ihre Arbeit „Credit“ erhalten habe.
- Sichtbarkeit (Visibility): Etwa 2/3 der Arbeit ist unsichtbar oder nur wenigen bekannt.
- Faktoren der Unsichtbarkeit:
- Aktivitäten außerhalb des Codes werden systemseitig nicht automatisch erfasst (z. B. bilden GitHub-Grafiken nur Coding ab)
- Soziale Faktoren (Geschlecht, Region, Organisationsstruktur usw.) führen zu Unterschieden bei der Anerkennung
- Ungleichgewicht im Belohnungssystem — es gibt zwar „Dank“, aber keine realen Chancen oder Vergütung
Kognitiver Effekt: Wer zuerst über „Sichtbarkeit“ spricht, sieht weniger Unsichtbarkeit
Interessanterweise fielen die Antworten je nach Reihenfolge der Fragen unterschiedlich aus — also danach, ob zunächst an „Sichtbarkeit“ oder zuerst an „Unsichtbarkeit“ gedacht wurde.
Teilnehmende, die zuerst an „Sichtbarkeit“ erinnert wurden, bewerteten ihre Arbeit als stärker „sichtbar“ und stuften die „Wichtigkeit von Credit“ niedriger ein.
Umgekehrt antworteten Teilnehmende, die zuerst an „Unsichtbarkeit“ dachten, dass ihre Arbeit weniger bekannt sei, und bewerteten die Bedeutung von Anerkennung höher.
Das deutet darauf hin, dass der Anchoring-Effekt auch die Bewertung von Arbeit in Open Source beeinflusst.
Eindrückliche Stimmen der Teilnehmenden
„Code-Reviews oder Dokumentation nimmt niemand wahr.“
„Namen werden oft falsch geschrieben oder ganz weggelassen.“
„Community-Beiträge werden nicht anerkannt, nur Code-Commits gelten als ‚Beitrag‘.“
„Die Statistiken automatisierter Tools verzerren den tatsächlichen Aufwand.“
Die Forschenden bezeichnen solche Reaktionen als „cross-purpose attribution“ und erklären, dass sich „unsichtbare Arbeit“ verschärft, wenn die individuellen Motivationen einer Person (Spaß, Anerkennung, Zugehörigkeit, Karriere usw.) mit dem Belohnungssystem der Community kollidieren.
Implikationen der Studie
-
„Open“ bedeutet nicht automatisch „sichtbar“.
Selbst bei offen zugänglichem Code geraten die Menschen und Prozesse dahinter leicht in Vergessenheit. -
Belohnung ist nicht nur Geld.
Auch die Nennung des Namens oder die Erfassung von Beiträgen ist eine wichtige Form von „Belohnung“. -
Verantwortung des Plattformdesigns.
Wichtige Plattformen wie GitHub sollten Aktivitäten außerhalb des Codes (Issue-Management, Übersetzung, Community-Management usw.) quantitativ sichtbar machen. -
Es braucht Sichtbarkeit für vielfältige Beiträge.
Mit Klassifikationssystemen für Beiträge wie CRediT (Standard zur Erfassung von Forschungsbeiträgen) sollten auch Beiträge in nicht-entwicklungsbezogenen Bereichen wie technischer Dokumentation oder Community-Management klar anerkannt werden.
Fazit
Diese Studie holt bei der Diskussion über die Nachhaltigkeit von Open Source die Arbeit außerhalb des Codes an die Oberfläche.
„Offenheit“ garantiert keine „Fairness“. Sie erinnert daran, dass echtes „Open“ in Open Source nicht nur auf Code beruhen darf, sondern auf sozialer Transparenz, in der alle Beiträge sichtbar sind.
4 Kommentare
Sogar im Unternehmen ... T^T
Es gibt als persönliche Nebenarbeit viel zu viele zusätzliche, unsichtbare Aufgaben, die in der eigentlichen Arbeitsverteilung nicht vorgesehen sind
(wenn es so viele oder so oft wiederkehrende Kleinstaufgaben gibt, dass man sich fragt: „Ist das überhaupt Arbeit?“)
Natürlich wird für solche Aufgaben auch kein zusätzliches Personal eingestellt, daher hat die Nutzung von KI für solche Kleinteiligkeiten zugenommen
Ich denke, einer der Gründe, warum koreanische Angestellte KI so viel nutzen, ist der starke Wunsch, neben den offiziell beschriebenen Aufgaben auch diese unsichtbare Arbeit zu bewältigen (im Ausland werden Stellenbeschreibungen immerhin etwas konkreter formuliert und man bemüht sich eher, sie einzuhalten)
Mittlerweile habe ich das Gefühl, dass selbst dann, wenn man unzählige Stunden Arbeit leistet, das als KI wahrgenommen wird.
Dieses Problem scheint mir eigentlich weniger ein Open-Source-Problem zu sein als eines, das auf alle Organisationen zutrifft. Es gibt viele Beiträge, die untergehen.