Kantenji
(en.wikipedia.org)Brailleschrift wurde ursprünglich für das Französische entwickelt, daher sind in der englischen Brailleschrift fast alle Zeichen alphabetisch angeordnet; nur das im Französischen nicht verwendete w steht bekanntlich allein an einer merkwürdigen Stelle. Daran sieht man, dass Braille auf Alphabete optimiert ist und nichtalphabetische Schriftsysteme normalerweise zunächst in ein Alphabet umgedeutet und dann in Braille übertragen werden (in der Mitte des 20. Jahrhunderts wurden die meisten Braillesysteme unter Federführung der UNESCO so umgestellt, dass ähnliche Laute ähnlichen Braillezeichen entsprechen – was genau deshalb möglich war). Braillesysteme, bei denen das nicht so ist, sind wirklich selten; eines davon ist die koreanische Brailleschrift, ein anderes die Kanji-Brailleschrift (!).
Die japanische Brailleschrift basiert auf Kana, aber wie Sie wissen, ist Japanisch schwer lesbar, wenn es nur in Kana geschrieben wird. Kantenji (漢点字), entwickelt von Kawakami Daiichi (川上 泰一) von der Blindenschule Osaka, nutzt die Tatsache, dass die meisten Kanji phono-semantische Zeichen sind: Ein Kanji wird mit 1 bis 4 Braillezellen ausgedrückt, und das System ist den Kanji ähnlich aufgebaut (wegen starker Einschränkungen nicht identisch ...), sodass man wie bei Kanji auch ohne das ganze Zeichen zu kennen ungefähr erschließen kann, was gemeint ist. Es ist außerdem ein seltenes Beispiel für die Verwendung von 8-Punkt-Braille: Über die Braillezeichen, die einem einzelnen Kanji entsprechen, werden zwei zusätzliche Punkte (Nr. 0 und 7) gelegt, sodass im Startzeichen Punkt 0 und im Endzeichen Punkt 7 verwendet wird (besteht ein Zeichen nur aus einer Braillezelle, werden sowohl 0 als auch 7 gesetzt).
Leider sieht die Zukunft von Kantenji im 21. Jahrhundert nicht gerade rosig aus. Nicht nur Kantenji, sondern Brailleschrift insgesamt verliert weltweit gegenüber Sprach-Ein- und -Ausgabe an Nutzerinnen und Nutzern. Das National Institute of Korean Language veröffentlichte 2012 den Forschungsbericht „Grundlagenstudie zur Festlegung von Regeln für Hanja-Braille“ (ich kann die URL hier unmöglich ausschreiben; über den Titel findet man ihn), in dem die in Korea und Japan vorgeschlagenen Systeme für Kanji-/Hanja-Braille umfassend behandelt werden. Für Japan heißt es dort, dass durch die weitgehende Automatisierung der Kanji-Eingabe am Computer die Nachfrage nach Kanji-Braille einschließlich Kantenji nahezu verschwunden sei. Ob das mit dem technischen Fortschritt ein natürlicher Abgang in den Hintergrund der Geschichte ist oder ob die gesellschaftliche Unterstützung für Menschen mit Sehbehinderung noch immer unzureichend ist, bleibt dem Urteil jedes Einzelnen überlassen.
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