Können auch Zellen sich erinnern?
(quantamagazine.org)Können auch Zellen sich erinnern?
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Kernaussagen
- Auch einzelne Zellen könnten Erfahrungen aufzeichnen sowie lernen und erinnern.
- Frühere Experimente (von Jennings, Gelber u. a.) und neuere Studien stützen diese Annahme.
- Zellgedächtnis ist für das Überleben vorteilhaft und tritt auch außerhalb des Nervensystems auf.
- Die Forschung wurde wegen früherer wissenschaftlicher Vorurteile zurückgewiesen, erlebt aber eine Wiederbelebung.
Einleitung: Wiederbelebung der Zellgedächtnisforschung
- Barbara McClintock stellte in ihrer Nobelpreisrede von 1983 die Frage: „Wisst eine Zelle etwas über sich selbst?“
- Neue Studien untersuchen, ob einzelne Zellen Erfahrungen aufzeichnen und nutzen können.
- Die klassische Neurowissenschaft begrenzte Gedächtnis auf „synaptische Plastizität“ und vielzellige neuronale Netze, doch neue Belege erweitern diesen Rahmen.
Hauptteil
1. Frühe Beispiele für Lernen in Einzellern
- 1906, Jennings: Der einzellige Wimperntierchenorganismus Stentor roeselii passte sein Verhalten bei wiederholter Stimulation an (Biegen → Ausstoßen von Wasser → Kontraktion).
- Nach wiederholter Stimulation wurden erfahrungsabhängige Änderungen beobachtet, etwa das Überspringen oder Umgehen einzelner Verhaltensschritte.
- Gelber: Experimente, in denen einzellige Protozoen das Verknüpfen von Nahrung mit einem Reiz erlernten.
- Die Arbeiten wurden damals abgelehnt, da sie der vorherrschenden Theorie der „biologischen automatischen Reaktion“ widersprachen.
2. Moderne Forschung und Reproduzierbarkeit
- Das NYU-Team um Kukushkin zeigte, dass menschliche Nierenzellen und unreife Nervenzellen chemische Signalabstände als Muster „erinnern“.
- Bei Reizen in festen Abständen blieb die Antwort länger aktiv als bei kontinuierlicher Reizung – ähnlich dem Spacing-Effekt im tierischen Gedächtnis.
- Evolutionär betrachtet wäre es vorteilhaft, wenn Zellen ohne Gehirn Erfahrungen speichern könnten, um das Überleben zu verbessern.
- Ähnliche Tendenzen wurden auch bei Schleimpilzen und Bakterien beobachtet.
3. Erweiterung von Konzept und Definition des Zellgedächtnisses
- Zellgedächtnis = eine verkörperte Reaktion auf Umweltveränderungen.
- Grenzen einer verhaltensbasierten Definition: Ohne äußeres Verhalten wird etwas nicht als Gedächtnis anerkannt.
- Erweiterte Definition als „materielle Spur der Erfahrung“: Impfreaktionen, Narbenbildung sowie molekulare und epigenetische Veränderungen sind einbezogen.
4. Wissenschaftliche Vorurteile und soziale Faktoren
- Frühere Arbeiten wurden ignoriert, weil sie nicht zur dominierenden Theorie passten (Tropismus, Behaviorismus).
- Wahrnehmung, Terminologie und Messmethoden der Scientific Community beeinflussen maßgeblich die Forschungsrichtung.
- Heute erlebt die Zellgedächtnisforschung eine Renaissance, und die Anwendbarkeit auf unterschiedliche Organismen und Zelltypen wird zunehmend berücksichtigt.
Fazit: Bedeutung der Spuren, die Zellen hinterlassen
- Zellgedächtnis ist der Prozess, Umweltdaten zu speichern und sie für das Überleben zu nutzen.
- Ähnlich wie beim menschlichen Gedächtnis bleiben Erfahrungen als unterschiedliche Arten von „Spuren“ erhalten.
- Eine vormals von Vorurteilen verdeckte Forschung wird wiederbelebt und der Erinnerungsbegriff wird ausgeweitet.
- Das Verständnis auf zellulärer Ebene könnte die Grundprinzipien biologischer Erinnerung grundlegend neu definieren.
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