1 Punkte von GN⁺ 2025-06-30 | 1 Kommentare | Auf WhatsApp teilen
  • Durch das Aufkommen von Streaming-Plattformen und den Zusammenbruch des Markts für physische Tonträger ist es für Musiker des Mittelstands schwierig geworden, ihren Lebensunterhalt zu sichern
  • Musiker versuchten, über Verträge mit Labels, Tourneen, Freelance-Arbeit, staatliche Fördergelder und andere Wege Einnahmen zu erzielen, litten jedoch unter Unsicherheit und geringen Erträgen
  • Nur große Labels und Streaming-Dienste vereinnahmen den Großteil der Erlöse, während die meisten Musiker pro Jahr weniger als einige tausend Dollar verdienen
  • Steigende Tourkosten und äußere Faktoren wie Inflation und KI-Musikgenerierung verschärfen die Lage zusätzlich und beschleunigen psychischen Stress sowie das Verschwinden von Musikern aus dem Mittelstand
  • Als Lösungen werden eine neue Bewertung des Werts durch die Künstler selbst, kontinuierliche staatliche Investitionen und die Einführung neuer Erlösmodelle diskutiert

Aufstieg und Verschwinden des Musiker-Mittelstands

Rollie Pemberton begann bereits als Teenager als Rapper und machte seine Werke über das Internet bekannt. Später trat er unter dem Künstlernamen Cadence Weapon auf und baute sich sowohl als Kritiker als auch als Musiker eine Karriere in Musikmedien wie Pitchfork auf.

2006 schloss er mit Upper Class Recordings einen 360-Deal ab und erhielt dadurch Chancen für seine künstlerische Entwicklung, etwa Albumveröffentlichungen und Tourneen. Doch wegen der ungerechten Struktur der Gewinnverteilung für Künstler strich das Label den Großteil der Einnahmen ein, während er selbst sich nur mühsam über Wasser halten konnte. Von 2006 bis 2015 brachte er dem Label mehr als 250.000 Dollar ein, erhielt selbst aber außer einem Vorschuss im Wert von rund 10.000 Dollar kaum nennenswerte Einkünfte.

Label-Strukturen und der Aufstieg des Streamings

Im späten 20. Jahrhundert ermöglichten der CD-Boom und der Verkauf physischer Medien Musikern ein Leben in der oberen Mittelschicht. Mit dem Übergang in das Zeitalter von Napster, Filesharing und Streaming veränderte sich die Branchenstruktur jedoch radikal. Große Labels wie Sony, Universal und Warner kontrollieren 70 % des Markts und erzielen enorme Gewinne durch ihre Content-Kataloge und Beteiligungen an Spotify.

Demgegenüber ist die Erlösverteilung auf Streaming-Plattformen extrem niedrig: Selbst bei mehr als einer Million Streams auf Spotify entstehen oft Einnahmen von weniger als einigen tausend Dollar. Große Labels unterstützen abgesehen von wenigen Star-Künstlern die meisten Newcomer und etablierten Musiker nicht dauerhaft.

Streaming und die Realität unabhängiger Künstler

Das Aufkommen von Streaming-Diensten brachte den Vorteil einer Demokratisierung von Musikproduktion und -vertrieb. Jeder kann selbst Songs hochladen und über soziale Netzwerke eine Fangemeinde aufbauen, doch weil täglich Zehntausende neue Tracks erscheinen, hat sich der Wettbewerb übermäßig verschärft. Die meisten Musiker stehen vor der Realität, dass selbst existenzsichernde Einnahmen kaum zu erzielen sind.

Laut Jennifer Brown, Leiterin von SOCAN, wünschen sich Künstler weniger Reichtum und Ruhm als vielmehr die Möglichkeit, ihre Familie zu ernähren und einen respektierten Lebensunterhalt zu führen. Dass sie bei einer Million Streams nur etwa 600 Dollar erhalten, sorgt für große Enttäuschung.

Die Verschlechterung des Live-Markts und die Realität des Tourens

Nach COVID-19 gibt es weniger überlebende Veranstaltungsorte, und auch die Kosten von Tourneen sind durch Inflation, Versicherungsprämien und steigende Visagebühren drastisch gestiegen. Tourneen sind damit nicht länger eine Einnahmequelle, sondern haben sich zu einem Verlustgeschäft entwickelt.

So fiel es etwa Tokyo Police Club auf ihrer Abschiedstour schwer, unter den Bedingungen von Pandemie-Folgen, stärkerem Wettbewerb, höheren Lebenshaltungskosten und stark gestiegenen US-Visagebühren noch die frühere nachhaltige Profitabilität zu erreichen.

Die Krise der psychischen Gesundheit von Musikern

Wirtschaftliche Unsicherheit, geringe berufliche Stabilität, übermäßige Arbeit und Frustration durch ausbleibende Erfolge führen bei vielen Musikern zu einer psychischen Krise mit Angstzuständen, Depressionen und Suizidgedanken. Laut der „Soundcheck“-Studie von Revelios litten 86 % unter psychischen Problemen, und 94 % fühlten sich dauerhaft instabil.

Grenzen von Fördergeldern und privatem Kapital

Musiker erhalten direkte Unterstützung über verschiedenste Kanäle wie staatliche Fördermittel, Unternehmenssponsoring, Wohltätigkeitsfonds und private Veranstaltungen. Doch durch Kürzungen öffentlicher Budgets und die Grenzen privaten Kapitals lässt sich so keine ausreichende Stabilität schaffen. Für eine echte Lösung braucht es kontinuierliche staatliche Investitionen und neue Erlösmodelle.

Der Wert von Musik und strukturelle Probleme

Obwohl Musik gesellschaftlich ein unverzichtbares Kulturgut ist, hat sie durch Digitalisierung und Streaming ihren monetären Wert verloren. Die Öffentlichkeit erwartet, dass Musik jederzeit und überall kostenlos verfügbar ist, doch daraus entsteht eine strukturelle Schieflage, die unmittelbar das Überleben der Produzenten bedroht.

Künstlergetriebene Neuschöpfung von Wert

Der Musiker Torquil Campbell schildert, wie er den Wert seiner Musik durch Direktverkauf und maßgeschneiderte Songproduktionen neu bestimmt hat. Er betont, wie wichtig unabhängige Einnahmequellen sind, etwa der direkte Verkauf von MP3s statt Plattformen wie Bandcamp und der intensivere direkte Austausch mit Fans. Doch auch dieses Modell stößt an Grenzen, solange keine ausreichend große Fangemeinde vorhanden ist.

Die Notwendigkeit institutioneller Veränderungen

Angeführt werden Möglichkeiten für künstlerische Solidarität und kollektives Handeln, etwa anhand der Vertragsfälle einflussreicher Künstler wie Taylor Swift oder durch Forderungen nach ethischen Standards für Branchenakteure. Auch die Ansicht wird vertreten, dass Streaming-Plattformen ihre Struktur so ändern sollten, dass die Abo-Gebühren einzelner Hörer tatsächlich an die Künstler verteilt werden, die diese Menschen wirklich hören.

Branchenvertreter von SOCAN, Six Shooter und anderen betonen die Bedeutung von mehr staatlichen Investitionen in Kunst und dem Aufbau von Infrastruktur, weisen jedoch darauf hin, dass eine entscheidende Lösung nur in einer gesellschaftlichen Neubewertung des Werts von Musik und einem strukturellen Wandel liegen kann.

Fazit und Ausblick

Das heutige System, das sich um große Labels und Streaming-Plattformen dreht, bedroht die Existenz des Musiker-Mittelstands und verstärkt negative Folgen in der gesamten Gesellschaft. Für eine grundlegende Lösung sind kreativer Widerstand der Künstler selbst, kollektives Handeln und eine Neudefinition von Wert ebenso unverzichtbar wie gesellschaftliches Bewusstsein und politische Unterstützung. Rollie Pembertons Kampagne #MyMerch, kleine Konzerte mit Fokus auf unabhängige Musiker und selbstbestimmte Karriereplanung werden als mögliche Alternativen diskutiert.

Wie die Musikerin Lido Pimienta sich schlicht einen stabilen Lebensunterhalt wünscht, zeigt sich, dass der Zeitpunkt gekommen ist, die Auswirkungen des Verschwindens von Künstlern aus dem Mittelstand auf die Gesellschaft insgesamt ernst zu nehmen. Für den Fortbestand von Musik und Kunst werden die Beteiligung der Fans, gesellschaftliche Unterstützung und die Neuschaffung künstlerischen Werts besonders hervorgehoben.

1 Kommentare

 
GN⁺ 2025-06-30
Hacker-News-Kommentare
  • Jemand teilt die Erfahrung, die Antwort „Die Regierung sollte ein bedingungsloses Grundeinkommen einführen“ häufiger gehört zu haben als fast jede andere. Wenn man solche Ideen einfach als „unrealistisch“ abtut, lassen sich die grundlegenden Probleme, also die allgemeine wirtschaftliche Ungleichheit, niemals lösen. Die Realität sei, dass immer mehr Menschen sogar die Chance auf einen Job verlieren, von dem man ordentlich leben kann. Es bestehe die Überzeugung, dass breit angelegte Lösungen wie Grundeinkommen, Vermögenssteuer oder die Zerschlagung großer Konzerne viel besser seien als kleinteilige Anpassungen in einzelnen Branchen

    • Zustimmung dazu, dass breite und strukturelle Lösungen wie Grundeinkommen, Vermögenssteuer und die Zerschlagung großer Konzerne nötig seien, zugleich aber der Hinweis, dass Grundeinkommen schon mehrfach erprobt worden sei und sich dabei kaum klare positive oder negative Effekte gezeigt hätten. Es schaffe auch keine neuen Musiker. Ein Vorteil sei die administrative Einfachheit und damit geringere Kosten. Eine Vermögenssteuer könne durch erzwungene Vermögensverkäufe Inflation auslösen und damit eher zu weniger Musikern führen. Tatsächlich sollte man eher funktionierende Systeme anderer Länder kopieren. Japan sei ein Beispiel für ein Land mit vielen Musikschaffenden, bedingt durch niedrige Lebenshaltungskosten, eine ausgereifte Bildungsindustrie und eine relativ niedrige Lohnstruktur. Gerade für japanische Frauen seien Jobs eingeschränkt, weshalb auch ein Debüt als Idol häufig vorkomme

    • Ich bin als Amateur auf hohem Niveau in verschiedenen Bereichen wie Sport, Musik und Kunst aktiv, zahle als Angestellter aber auch viele Steuern. Es müsse erst erklärt werden, warum andere für ihre Begabung vollständig unterstützt werden sollten. Man dürfe nicht diejenigen verwechseln, die „trotz echten Einsatzes nicht durchhalten können“, mit Menschen, die sich allein aus Leidenschaft auf Kunst stürzen. Wenn ständig noch mehr von mir verlangt werde, habe ich irgendwann keine Lust mehr, weiter beizutragen. Schon jetzt entzögen sich Superreiche und Spitzenverdiener auf allerlei Weise ihrem Anteil

    • Die Ursache des Problems liege in gesellschaftlichen und persönlichen Präferenzen. Einkommensunterschiede unter Musikern? Die Menschen bevorzugen manche Musiker und Songs eben deutlich stärker. Grundeinkommen oder Steuerpolitik hätten praktisch keinen spürbaren Einfluss auf die Kluft zwischen Mittelfeld und Spitze im Entertainment-Bereich. Dasselbe gelte für die Wohnungsnot, die letztlich aus den Präferenzen der Menschen für Raum und Lage entstehe. Man müsse zuerst die eigentliche Ursache diagnostizieren und angehen, um zu echten Lösungen zu kommen

    • Es wird die Sicht geteilt, dass es hier nicht um das Scheitern einer einzelnen Branche gehe, sondern um ein Strukturproblem, bei dem das gesamte System so ausgelegt sei, dass Wert von unten nach oben abgesaugt werde

    • Das Problem beginne mit unfairen Wirtschaftsregeln. Als Vergleich dient die Situation, in einer Monopoly-Partie erst einige Runden später einzusteigen. Auch extrem hohe Wohnkosten seien ein Beispiel dafür. Außerdem entstünde weitere Ungleichheit dadurch, dass Menschen, die durch harte Arbeit viel Geld verdient hätten, dieses Geld bewusst oder unbewusst als „Waffe“ gegen die Lebensentscheidungen anderer einsetzten. Der Ausgangspunkt sei die Anerkennung, dass das System kaputt sei

  • Jemand berichtet von der Erfahrung als gut verdienender Ingenieur mit technischem Hintergrund, der auch in Bands gespielt hat. Musik habe ihm so viel bedeutet, dass er sogar über eine Vollzeitkarriere nachgedacht habe, doch selbst bei vierstelligen Gagen liege der effektive Stundenlohn am Ende unter dem Mindestlohn. Mit Manager, Reisekosten und anderem sinke das reale Einkommen weiter. Unter der Woche gebe es schlicht keine Auftritte, sodass man davon nicht leben könne. Wenn es regional mehr Restaurants oder ähnliche Orte gäbe, in denen man die ganze Woche über live spielen könnte, könnten Musiker auch werktags arbeiten und eine Vollzeitkarriere würde realistischer. Solange sich die Wochentage nicht mit Auftritten füllen lassen, werden talentierte Musiker letztlich auf andere Wege ausweichen müssen

    • Selbst mit Auftritten die ganze Woche über am Broadway in Nashville sei der Lohn gemessen am Aufwand miserabel. Dazu komme die Begrenzung auf bestimmte Genres und ein auszehrendes Leben mit mehreren Auftritten pro Tag. Um als Musiker zu überleben, müsse man Kirchenbands, Hochzeitsbands, Session-Arbeit, Unterricht, Instrumententechnik und andere Nebentätigkeiten kombinieren, von denen mehr als die Hälfte letztlich reines Glück seien. Es sei eine wirklich harte Realität, die man sehr deutlich spüre

    • In letzter Zeit habe es seit der Pandemie recht viele Abendauftritte unter der Woche gegeben. Während der Erholung sei das deutlich lebendiger geworden, und da es noch nicht wieder verschwunden sei, werde das als positive Veränderung gesehen

    • Man sei zu dem Schluss gekommen, dass die Welt Musik einfach nicht genug wertschätze. Für die meisten Musiker wirke das, was sie tun, am Ende wie ein „Spiel“, das sie für sich selbst betreiben. Wer es zum Beruf machen wolle, müsse enorme Opfer bringen. Die Welt messe Kreativität derzeit nicht genügend Wert bei. Man wolle das ändern, aber die Realität wirke deprimierend

  • Erläuterung des im Artikel genannten Falls Rollie Pemberton und der 360-Vertragsstruktur von Labels. Da Pembertons Einnahmen nicht aus Touren oder Tonträgern stammten, sondern vor allem aus Preisgeldern und Zuschüssen, sei dies vertraglich ein ungewöhnlicher Fall, in dem Upper Class Records unnormal hohe Gewinne erzielt habe. Für die meisten Musiker gelte so ein Vertrag nicht. Tatsächlich machten Labels bei Künstlern aus dem Mittelfeld oft eher Verluste. Auch in den meisten Medien-, Startup- und Pharma-Branchen bestimmten ähnlich die „Superstars“ und eine winzige Zahl von Erfolgsfällen die gesamten Erlöse. In solchen Erlösmodellen „ernähren nicht die Verlierer, sondern allein die Gewinner das Ganze“. Auch Verträge auf mittlerem Niveau seien oft kaum mehr als Loss Leader; die Struktur sei darauf ausgelegt, sich auf wenige Erfolgreiche zu konzentrieren und dort auf bessere Chancen zu setzen. Empfohlen wird die entsprechende Kolumne von David Lowery

    • Verweis auf die Theorie der Superstar-Ökonomie (Rosen, Sherwin. "The Economics of Superstars"). Demnach könnten sehr kleine Unterschiede zwischen Individuen enorme Einkommenslücken erzeugen. Die niedrigen Einkommen von Künstlern hätten ihre Ursache sowohl in einem „Überangebot“ an Talent, das bereit sei, für das Leben mit großen Entbehrungen zu zahlen, als auch in der durch Promotion und Marketing erzeugten „wertvollen Knappheit“. Dass Labels einen größeren Anteil nähmen, sei in dieser Struktur folgerichtig. Erst wenn ein Künstler über eine bestimmte Größenordnung hinaus erfolgreich werde, steige sein Einkommen dramatisch

    • Andererseits werde leicht übersehen, wie viele Bands oder Künstler scheitern und wie viel Geld und Mühe dieser Prozess kostet. Zudem beherrschten Labels die Branche mit Marktmacht und Kapital durch allerlei intransparente Praktiken wie „Payola“ (bezahlte Promotion hinter den Kulissen). Mehr Transparenz könnte helfen, das System zu verbessern, aber gerade diese Intransparenz sei zugleich eine Voraussetzung dafür, dass das heutige System weiterfunktioniere. Wenn den Leuten klar würde, dass selbst im Erfolgsfall nicht viel übrig bleibe, würden die meisten dieses Risiko gar nicht erst eingehen wollen. Da es keine Erfolgsformel gebe, lasse sich die Branche am Ende nur als „gezinkter Münzwurf“ beschreiben

  • Es wird bedauert, dass der Artikel statt über Orchestermusiker oder Session-Spieler vor allem über Rapper spricht. Tatsächlich hätten sich Konsumenten seit dem Aufkommen aufgenommener Musik eher für Aufnahmen von Spitzenmusikern als von mittelmäßigen entschieden. Deshalb sei es sehr schwer, ein „Mittelklasse-Musiker“ mit etwas Bekanntheit zu werden. Letztlich sei es vielleicht gar nicht schlecht, über lokale Märkte, Nischen oder Straßenmusik zu leben

    • Vor 15 bis 20 Jahren habe man gehofft, dass Internet und Empfehlungssysteme das „Long-Tail-Zeitalter“ eröffnen würden, tatsächlich hätten Streaming und offene Distribution die Einkommen von Künstlern aber massiv verringert. Das Gerede davon, Künstler müssten eben neue Erlösmodelle finden, sei zu einer tröstenden Erzählung für die Masse geworden, während Künstler selbst ihren Wert aufgegeben hätten. Schon Kunst auf Minor-League-Niveau sei eine schwierige Herausforderung gewesen, doch das Spotify-System habe praktisch alle Möglichkeiten aufgefressen. Ohne grundlegenden kulturellen Wandel werde diese Struktur wohl bestehen bleiben
  • Die große Mehrheit der Musiker gehöre heute zur „Mittelklasse“: wenige Superstars auf der einen, viele verarmte Künstler auf der anderen Seite. Jemand schildert die harte Erfahrung kleiner Gagen von $20 bis $100 für Auftritte und sogar bei größeren Bühnen nach acht Stunden Vorbereitung nur $200 zu verdienen. Früher seien Musiker für alle möglichen Veranstaltungen unverzichtbar gewesen, heute könne Musik einfach per Handy abgespielt werden

    • Bands, die in kleinen Locations mit 100 bis 200 Leuten spielen, stünden eigentlich nur aus reiner Leidenschaft auf der Bühne. Genau deshalb fänden manche sie sogar interessanter. Weil man wisse, dass die Einnahmen aus Konzerten gering seien, unterstütze man zusätzlich mit Merch und Ähnlichem. So bekomme man ein „beeindruckendes Erlebnis zum kleinen Preis“ in einer Struktur, in der man auch einen Fehlgriff verschmerzen könne. In Norwegen gebe es nicht viele große Venues, weshalb diese Kultur dort noch positiver gesehen werde

    • Es wird erwähnt, dass John Philip Sousa die negativen Effekte aufgenommener Musik sehr genau vorausgesehen habe

    • Selbst wenn jemand sage, Open-Source-Musik (Straßenmusik) sei über Nacht tot gewesen, könne das Einkommen aus Straßenmusik in Wirklichkeit immer noch besser sein als das vieler Open-Source-Projekte, die von Zehntausenden genutzt werden

    • Musik über Lautsprecher abzuspielen und ein echtes Live-Konzert zu erleben, seien völlig unterschiedliche Erfahrungen

  • Kritisiert wird die Tendenz, dass Musiker zunehmend aus wohlhabenderem Hintergrund stammen. Ohne finanzielle Unterstützung sei der Schritt in die Kunst mit großen Risiken verbunden. Es wachse das Bewusstsein, dass die Zeit von Musikern aus Arbeiterklasse oder einkommensschwachen Verhältnissen zu Ende gehe

    • In Großbritannien habe früher das Arbeitslosengeldsystem („golden age of the dole“) Künstlern aus unteren und mittleren Schichten Zeit und Gelegenheit gegeben, ihre Kunst zu entfalten. Genannt wird ein entsprechender Artikel

    • Es wird darauf hingewiesen, dass es früher auch in der Wissenschaft ähnlich gewesen sei und Forschung ohne Förderung durch Wohlhabende oder das Vermögen der Familie schwer möglich war

    • Alle kreativen Industrien seien ähnlich von Menschen mit privilegiertem Hintergrund geprägt. Luxusmode, Record Labels, Kunst, Literatur – überall brauche man teure Praktika und müsse sich das Leben in Großstädten leisten können, wenn man an die Spitze wolle. Inzwischen sei selbst die Zahl der Social-Media-Follower eine Hürde

    • Der Musikerberuf sei dem Schauspiel sehr ähnlich. Netzwerke, Vermögen und Familienbeziehungen seien die wichtigsten Faktoren. Als Beispiele werden Fälle genannt, in denen Eltern als Schauspieler nur unter der Bedingung auftreten, dass ihre Kinder besetzt werden, oder in denen wohlhabende Eltern einen Film nur finanzieren, wenn ihr Kind eine Rolle bekommt (Nicolas Cage, Jeff Bridges usw.). Bei Reichen aus der Tech-Branche sei es nicht anders. Ob Schauspieler oder Musiker – entscheidend seien Kapital und Beziehungen

    • Dasselbe wiederhole sich auch in Sportarten wie Basketball. Kinder, die teurere Camps und bessere Netzwerke durchlaufen hätten, sicherten sich die guten Chancen zuerst. Mit Fällen wie Bronny James (Sohn von LeBron James) dringe das Phänomen des privilegierten Starts inzwischen sogar in den Sport vor. Bedauerlich sei, dass selbst im Sport keine wirkliche Chancengleichheit mehr herrsche

  • Es wird die Frage gestellt, wie viele Musiker es überhaupt „angemessen“ gebe, die wirtschaftlich selbstständig sein müssten. Streaming habe ihre Zahl reduziert, aber eigentlich habe schon aufgenommene Musik selbst den Markt verengt. Damit stellt sich die grundsätzliche Frage, ob Musik wieder eher als Hobbykunst statt als Beruf gesehen werden sollte. Vielleicht sei ihre eigentliche Stellung nie anders gewesen – so wie auch kaum jemand von Landschaftsmalerei lebt

    • Wer aus Liebe schafft, aber keinen Weg zur Monetarisierung findet, ist in der Zeit eingeschränkt, die in diese Kunst investiert werden kann. Dadurch könnten am Ende weder die besten Werke noch die besten schöpferischen Erfahrungen entstehen. Man solle sich vorstellen, was passieren würde, wenn auch Fachgebiete wie Engineering so wie Musik auf ein kaum existenzsicherndes „Hobby“ reduziert würden. Die praktischen Folgen vor Ort und die ausbleibende technologische Innovation wären gravierend

    • Es wird betont, dass Musik und Kunst sich nur durch ein Gleichgewicht von Vollzeit-Profis und Amateuren gut entwickeln. Es gebe Bereiche, die nur Profis leisten könnten, etwa Orchester oder qualifizierten Unterricht, während Amateure die professionelle Szene durch originelle und experimentelle Musik, Auftrittsmärkte oder Instrumente stützten. Die meisten Musikbereiche funktionierten nur dann richtig, wenn es sowohl Profis als auch Amateure gebe

    • Andererseits müsse man auch bei neuen Branchen wie Streaming oder YouTubern fragen, ob man wirklich von diesem Beruf leben müsse. Es gebe Zweifel, ob industrielle Strukturen oder stärkerer Schutz geistigen Eigentums und mehr Regulierung die Qualität von Kunst tatsächlich verbessert hätten, oder ob sie nur die Opportunitätskosten erhöht hätten

    • Aus Sicht der Musikkonsumenten sei die entscheidende Frage, wie viel musikalische Vielfalt man überhaupt wolle. Wenn es weniger professionelle Musiker gebe, schrumpfe am Ende auch das Angebot an unterschiedlichen Produkten und Dienstleistungen auf dem Markt

    • Streaming sei nur eine Stufe der Industriestruktur; tatsächlich habe sich das Winner-takes-all-Phänomen seit technischem Fortschritt wie Aufzeichnung und Rundfunk noch deutlich verschärft, sodass die meisten Künstler Mühe hätten, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Durch AI werde sich die Struktur künftig wohl wieder stärker in Richtung Mäzene und Patronage wie vor Jahrhunderten verschieben. Auch damals seien Künstler nicht reich geworden, aber sie hätten zumindest Zeit für ihre Arbeit gehabt

  • Es wird hervorgehoben, dass seit der Pandemie die Kosten fast aller Aktivitäten stark gestiegen seien. Der Ever-Given-Zwischenfall im Suezkanal und andere Störungen der Lieferketten würden als zusammenspielende Ursachen genannt. Obwohl Pandemie und Lieferkettenprobleme vorbei seien, stelle sich die Frage, warum sich die Preise nicht normalisieren und ob es außer schlichter Konzernwillkür noch tiefere Erklärungen gebe

    • Dass Preise nicht leicht wieder sinken, könne ein allgemeines Muster von Inflation sein, doch zugleich wird die Hypothese aufgestellt, dass sich während der Pandemie viele Konsumgewohnheiten und Lebensstile vollständig verändert hätten. Technologien, die harmlos wirkten – etwa Remote Work, Streaming oder Lieferbestellungen –, seien während der Pandemie massentauglich geworden, sodass die Marktstruktur nach Corona nicht mehr in ihren alten Zustand zurückkehren könne

    • Eine weitere Erklärung lautet, dass Regierungen während der Pandemie die Geldmenge übermäßig ausgeweitet hätten, weshalb die heutigen hohen Preise nicht leicht zurückgingen

  • Als weiteres Problem wird gesehen, dass die Eintrittsbarrieren extrem gesunken seien. Früher musste man Können aufbauen und einen Plattenvertrag bekommen, heute kann man ein Programm wie Logic herunterladen, mit Automatisierung und Korrekturen Musik produzieren und sie sofort bei Streaming-Diensten hochladen. Dadurch entstehe die Ironie, dass echte Könner wie MonoNeon eher Ticket-Power bekämen

  • Jemand, der früher als Musikproduzent gearbeitet und vor fünf Jahren in Data Science gewechselt hat, berichtet: Selbst mit Können und Netzwerk sei für Erfolg in der Musikbranche letztlich „Glück“ absolut entscheidend. Und das Zeitfenster für dieses Glück sei zuletzt noch schmaler geworden

    • Ein ehemaliger Software Engineer, heute Data Analyst, schildert die interessante Erfahrung, dass Data Analysis dem Musikmachen in vieler Hinsicht ähnelt. Man wolle sich in der Karriere zwar „nach oben“ bewegen, aber Data Science und Engineering seien zu stark auf Performance ausgerichtet und böten zu wenig künstlerischen Spaß. Durch die Anbindung von LLM-APIs und Ähnlichem könne man aktuell weiterhin programmieren und arbeite daher gern als „Generalist“