Erfahrungsbericht: Fliegen und Überleben bei der staatlichen Fluggesellschaft des Jemen
(pprune.org)- Der Beitrag bietet auf Basis der Erfahrungen eines ausländischen Piloten unter Vertrag bei der staatlichen Fluggesellschaft des Jemen einen tiefgehenden Einblick in Arbeit und Alltag im Jemen.
- Das Vertragsverfahren ist ungewöhnlich vereinfacht; Training und Einsatz beginnen ohne konkreten schriftlichen Vertrag oder wesentliche Einweisungen.
- Im Mittelpunkt steht der Prozess des Überlebens angesichts der gefährlichen Kriegslage im Jemen als Einsatzort, mangelhafter Infrastruktur sowie schlechter Lebens- und Sicherheitsbedingungen.
- Hervorgehoben werden die großen Unterschiede zwischen Werbung und Realität bei Lohn, Zulagen und vertraglichen Zusagen sowie das chaotische lokale Betriebsumfeld.
- Außerdem werden besondere Risiken wie persönliche Sicherheit, eingeschränkte Bewegungsfreiheit und das Fehlen diplomatischer Unterstützung ausführlich beschrieben.
Erfahrungsbericht eines ausländischen Piloten bei der staatlichen Fluggesellschaft des Jemen (Yemenia)
Hintergrund
- Während wiederholter Jobwechsel als befristet beschäftigter Vertragspilot und nach Verlust des Arbeitsplatzes erhielt der Autor ein Angebot von Yemenia für einen gut bezahlten Kurzzeitvertrag über sechs Monate.
- Zugesagt wurden Leistungen wie Unterkunft, Einstiegsbonus und verschiedene Zulagen.
- Der Vertragsprozess, das Training und der spätere lokale Einsatz verliefen allesamt in einer spontanen und informellen Form, die deutlich von normalen Verfahren abwich.
Bewerbung und Einstellungsverfahren
- Nach Einreichung einfacher Unterlagen fand ein Videointerview statt, dessen Inhalte wegen ausgeschalteter Kamera und schlechter Audioqualität kaum verständlich waren.
- Im Interview ging es weniger um Fachkompetenz als nur um die Frage, „ab wann man arbeiten könne“; Konkurrenz und Prüfverfahren wirkten unzureichend.
- Danach reiste der Autor nach Kairo für einen Simulator-Test, doch die Prüfer zeigten kaum Interesse, sodass letztlich alle bestanden.
- Anschließend wurde ohne tatsächliche Unterzeichnung eines Vertrags lediglich der Schulungsplan mitgeteilt, während immer mehr Unterlagen und persönliche Daten angefordert wurden.
Trainingsprozess
- Während des Trainings entstand der Eindruck, dass die mangelhafte Ausbildung, die 2009 zum Yemenia-Absturz beigetragen hatte, weiterhin ein Problem war.
- Die interne Ausbildung bestand aus formalen Abläufen, englischen Unterlagen, die mehrfach durch Google Translate gelaufen wirkten, und ineffizienten PowerPoint-Präsentationen.
- Einige Pflichtschulungen wurden wegen Sicherheitsproblemen nicht vor Ort, sondern online absolviert.
- Tatsächlich brachte die Ausbildung kaum Lerneffekt, vielmehr hatte der Autor das Gefühl, sogar bereits selbst erarbeitete Kenntnisse wieder einzubüßen.
- Nach Ende der Schulung ging es an den tatsächlichen Einsatzort Aden, weiterhin ohne unterschriebenen Vertrag.
Anreise zum Einsatzort
- Wegen des sich wiederholenden Problems des nicht unterschriebenen Vertrags musste der Autor ohne von der Firma ausgestelltes Ticket auf eigene Kosten nach Aden reisen.
- Dort machte er erste Erfahrungen mit einem chaotischen Umfeld, darunter ein alter A320 mit Überbuchung, irregulärer Sitzplatzvergabe und fünf Stunden Verspätung.
- Nach der Ankunft vor Ort wurde ohne offizielles Fahrzeug ein inoffizielles Taxi genutzt; besondere Begrüßung oder Einweisung gab es nicht, bevor die Unterkunft erreicht wurde.
Unterkunft und Lebensumfeld
- Die versprochene „Luxusunterkunft“ erwies sich als gemeinsamer Compound für zehn Ausländer am Stadtrand, mit einfachem Bett, CRT-Fernseher, nur einer Steckdose im Zimmer sowie gemeinschaftlichem Bad und Küche in dürftigen Verhältnissen.
- In der Umgebung gibt es fast nichts; der nächste Hauch von Zivilisation ist eine Tankstelle in 20 Minuten Fußweg Entfernung.
- Auch die für die Sicherheit zuständigen Wachleute waren keine professionellen privaten Militärdienstleister, sondern Einheimische in Alltagskleidung mit AK47.
- Es gibt zwar einen Pool, aber ohne Wasser; einige alkoholische Getränke gelangen inoffiziell hinein.
- Wohnform und Ausstattung entsprechen eher einem provisorischen Lager in einem Kriegsrisikogebiet.
Vertrag und Bezahlung
- Nach dem Besuch der Unterkunft wurden individuell Vertrag und Kugelschreiber überreicht; trotz holprigem Englisch wurde wegen der in Dollar angegebenen Wochenlöhne und Zulagen sofort unterschrieben.
- Der Einstiegsbonus betrug 13.500 Jemen-Rial (etwa 50 US-Dollar) und fiel damit entgegen den Erwartungen äußerst gering aus.
- Der einzige wirkliche Vorteil waren letztlich Gehalt und Einsatzzulagen.
Operative Realität der jemenitischen Airline
- Es gibt zwar Basen in Aden, Seiyun und Sana’a, doch eine offizielle Piloten-Community und Unterstützung existieren nur in Aden.
- Der Hauptsitz befindet sich in Sana’a, ist wegen des Bürgerkriegs jedoch für tatsächliche Arbeit und Unterstützung praktisch unbrauchbar.
- Internet und Post sind unzuverlässig; sogar die Übermittlung realer Dokumente erfolgt oft auf dem Landweg und ist mit Risiken wie Drohnenangriffen verbunden.
- Finanzlage und Systeme sind chaotisch und kaum aktualisiert, was im operativen Alltag zu erheblichen Problemen führt.
Dienstplan und Arbeitsumfeld
- Der Roster (Dienstplan) wird per App verwaltet und trotz instabiler Kommunikationsumgebung planmäßig veröffentlicht.
- Für Ausländer gilt ein 5/2/5/3-Muster, doch Dienstverlängerungen und Eingriffe in freie Tage kommen häufig vor, ohne zusätzliche Zulage oder Ausgleich.
- Durch Defekte, Verspätungen und mangelhafte Kommunikation kommt es im realen Betrieb immer wieder zu Verwirrung.
- Änderungen im Dienstplan und dienstliche Kontakte erfolgen häufig über inoffizielle Mittel wie SMS.
- Flüge nur unter Ausländern sind strikt eingeschränkt; bei Krankheit oder Notfällen organisieren die Betroffenen den Tausch mit Kollegen selbst.
Leben in Aden
- Aden gilt als die sicherste Stadt im Jemen, doch Sicherheitsrisiken, Checkpoints bewaffneter Gruppen und Schusswaffenvorfälle gehören weiterhin zum Alltag.
- Mitarbeiter von Yemenia können einige Kontrollpunkte umgehen, doch die Kennzeichnung als Regierungsmitarbeiter kann umgekehrt selbst zur Bedrohung werden.
- Ausländische Vertretungen haben die Stadt vollständig verlassen; bei Passverlust oder Notfällen gibt es keinerlei staatliche Unterstützung.
Alltag außerhalb des Fliegens
- Aktivitäten außerhalb sind nahezu unmöglich; das Leben spielt sich fast ausschließlich innerhalb des Compounds ab, die Freizeit mit eingeschränktem Internet.
- Der Austausch unter ausländischen Crew-Mitgliedern ist frei, doch Bewegungen sind stark eingeschränkt.
- Die Ausreise aus Aden ist sehr schwierig; selbst ein von der Firma ausgestelltes Ticket zu bekommen ist schwer, und die nötigen Abläufe ähneln eher einer Flucht und sind mit Risiken verbunden.
- Ein Ausreisevisum ist vergleichsweise leicht zu erhalten, doch die Verwaltungsverfahren dauern lange.
Diese Zusammenfassung basiert auf einem am 14. Juni 2023 veröffentlichten Beitrag (Endfassung).
1 Kommentare
Hacker-News-Kommentare
Ich möchte auch die Geschichte empfehlen, wie der OP später einen Vertrag mit Kam Air (einer afghanischen Fluggesellschaft) abgeschlossen hat; lesenswert ist dieser Link. Besonders eindrucksvoll: Bei einem Flugzeug mit dem Kennzeichen YA-KME ertönt beim Umschalten in den CLB-Modus plötzlich die Warnung "ENG 3 FIRE", obwohl tatsächlich kein Feuer ausgebrochen ist. Alle akzeptieren diese Eigenheit einfach, und das Flugzeug trägt sogar den Spitznamen "Kill Me". Es treten viele zufällige Probleme auf, aber das scheint zum Alltag zu gehören
Eine weitere interessante Information war, dass Kam-Air-Piloten im Gegensatz zu anderen europäischen Airlines die APU (Hilfstriebwerk) offenbar immer funktionsfähig nutzen. Bei europäischen Airlines gab es dagegen auch Fälle, in denen bewusst ohne APU operiert wurde. Gerade bei Airbus, wo Elektronik wichtig ist, habe ich mich gefragt, ob es üblich ist, ohne APU zu fliegen; ich hatte die APU eher als unverzichtbare redundante Sicherheitsabsicherung gesehen
Ich war ehrlich beeindruckt von der Art, wie Kam Air operiert. Ich erinnere mich, dass die Airline mit Dubai als Basis ziemlich „normal“ wirkte
Manche hätten wohl erwartet, dass auf solche Berichte über Airlines harte Kritik einprasselt, aber insgesamt würde ich die Rezension eher als unerwartet positiv bewerten
Selbst wenn verschiedene Airlines weltweit ihre Flugpläne pünktlich veröffentlichen, ist es beeindruckend, in einer Umgebung wie im Jemen mit Raketenangriffen, Autobomben, Mörserbeschuss sowie instabilem Strom und WLAN trotzdem immer den Flugplan einzuhalten. In diesem Punkt wirken europäische Airlines fast eher unterlegen
Die Rezension war sehr interessant. Es hat mich überrascht, dass der Autor oder seine Vorgesetzten offenbar keine Warnungen vor den Risiken solcher Erfahrungen ausgesprochen haben. Ich denke, solche Berichte sind nun wichtiges Referenzmaterial für künftige Bewerber. Zwar ist Krieg eine besondere Situation, aber man sollte auch berücksichtigen, wie schnell sich die Lage vor Ort verändern kann
Vielleicht hielt es einfach jeder für so offensichtlich gefährlich, dass niemand die Notwendigkeit sah, es extra auszusprechen
Ich habe mit Menschen gearbeitet, die in den 1940er- und 1950er-Jahren aus dem Jemen weggegangen sind, und nie hat jemand davon gesprochen, seine Heimat zu vermissen
Ich war neugierig auf die Yemenia-Routen und habe auf der offiziellen Website nachgesehen, dort wurde jedoch "No Flights Available" angezeigt
Vielleicht sind die Routen auf seltsame Weise versteckt; man kann sie auf dieser Kairo-Seite oder dieser Mumbai-Seite finden
Für Informationen zu tatsächlich bedienten Strecken halte ich die Wikipedia-Seite der Airline oder die Seiten der einzelnen Flughäfen für einfachere und zuverlässigere Quellen
Der Text selbst ist so fesselnd, dass man sofort ein Buch voller solcher Geschichten lesen möchte
Als jemand, der im indischen „Kaschmir“ lebt, möchte ich betonen, dass es dort etwa 10 Millionen Menschen gibt, die diesen Ort trotz Reisewarnungen der britischen und US-Regierung als ihre Heimat betrachten. Wenn ein Reisender den Ort vor einem Monat besucht hätte, hätte er vermutlich ebenso spektakuläre Fluchtgeschichten zu erzählen. Es gibt auch Terror-Tourismus, aber in letzter Zeit sind die Flugpreise um bis zu 30 % gefallen, und viele Hotels stehen leer und machen drastische Angebote. Siehe britische Reisewarnung und US-Reisewarnung
Ich habe mich gefragt, warum man nicht sofort wieder geflohen ist, sobald man in Kairo gelandet war
Ich habe mich gefragt, ob der Pilot vor dem Flug überhaupt mit dem Copiloten gesprochen hat
Unerwartet wirkte der Bericht wirklich realistisch und zugleich unterhaltsam, wie von jemandem, der es tatsächlich erlebt hat
Eindrucksvoll war der enttäuschte Pilot nach der Übungsnavigation, als er hörte, dass am Ende der Computer die Landung übernommen hat