2 Punkte von GN⁺ 2025-05-21 | 1 Kommentare | Auf WhatsApp teilen
  • Die finnische Regierung plant, die Bahnspur auf die europäische Standardspur (1.435 mm) umzustellen
  • Hauptziele sind die Stärkung von militärischer Mobilität, Sicherheit der Lieferketten und grenzüberschreitender Konnektivität
  • Gemäß der TEN-T-Verordnung der Europäischen Union besteht die Pflicht, einen Umstellungsplan auszuarbeiten
  • Von den Gesamtkosten des Projekts könnte die EU die Hälfte der Planungskosten und 30 % der eigentlichen Baukosten fördern
  • Der Projektbeginn ist frühestens Anfang der 2030er Jahre möglich, größere Bauarbeiten werden um 2032 erwartet

Überblick

Finnlands Verkehrsministerin Lulu Ranne kündigte auf einem informellen Treffen der nordischen Verkehrsminister in Helsinki am 13. an, dass Finnland plant, seine Spurweite (die Breite der Gleise) von der derzeit verwendeten russischen Spurweite (1.524 mm) auf den europäischen Standard (1.435 mm) zu ändern

Diese Spurweite entspricht derjenigen Russlands aus dem 19. Jahrhundert und ist 89 mm breiter als der europäische Standard

Hintergrund und Notwendigkeit der Änderung

  • Die finnische Regierung plant, bis Juli 2027 zu entscheiden, ob die Spurweitenumstellung umgesetzt wird
  • Ziele der Umstellung sind die Verbesserung der Sicherheit der Lieferketten, der militärischen Mobilität sowie die stärkere grenzüberschreitende Bahnverbindung mit Schweden und Norwegen
  • Ministerin Ranne betonte, dass es sich dabei nicht nur um ein finnisches Thema handelt, sondern um ein gemeinsames Projekt mit Europa und der NATO

Konkrete Inhalte des Vorhabens

  • Die Anpassung der Spurweite soll zunächst nördlich von Oulu, einer Küstenstadt im Nordwesten Finnlands, beginnen
  • Finnland prüft derzeit Investitionen in den Bau einer Bahnverbindung zum Seeweg nach Norwegen. In diesem Zusammenhang tritt die Notwendigkeit einer Umstellung auf europäische Standardspur noch deutlicher hervor
  • Die EU-TEN-T-Verordnung, die im Sommer 2024 in Kraft treten soll, verpflichtet Mitgliedstaaten mit abweichender Spurweite dazu, einen Plan für die Umstellung auf 1.435 mm auszuarbeiten
  • Noch vor zwei Jahren hatte die Regierung die Umstellung wegen Fragen der Kosteneffizienz aufgeschoben, doch jüngste geopolitische Veränderungen und internationaler Druck haben zu einem Kurswechsel geführt

Kosten und Zeitplan

  • Ministerin Ranne erklärte, jetzt sei der richtige Zeitpunkt, mit der Spurweitenumstellung zu beginnen
  • Die EU könnte die Kosten für Planung und Bau teilweise fördern: Genannt wurden 50 % der Planungskosten und 30 % der eigentlichen Baukosten
  • Eine konkrete Umsetzung des Projekts ist frühestens Anfang der 2030er Jahre absehbar; ein Baubeginn um 2032 gilt als realistisch
  • Es wurde betont, dass es sich um ein Großprojekt handelt, das nicht innerhalb von nur fünf Jahren abgeschlossen werden kann

Gemeinsame Erklärung der nordischen Verkehrsminister und weitere Diskussionen

  • Die nordischen Minister veröffentlichten eine gemeinsame Erklärung, in der sie die Bedeutung reibungsloser grenzüberschreitender Mobilität für militärische Mobilität, Vorsorge in Lieferketten und die Strategie nationaler Verkehrssysteme hervorhoben
  • Am 15. soll über maritime Sicherheit diskutiert werden, darunter auch über die „Shadow Fleet“ in der Ostseeregion
  • Den Vorsitz im Nordischen Ministerrat 2024 haben Finnland und Åland inne; auch dieses informelle Treffen ist Teil dieses Programms

1 Kommentare

 
GN⁺ 2025-05-21
Hacker-News-Kommentare
  • Hier ist ein Link zu einem deutlich besseren Artikel des finnischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit zusätzlichem Kontext. Wichtig ist, dass es sich derzeit nur um eine politische Geste und eine Willensbekundung handelt. Einen konkreten technischen Umsetzungsplan gibt es überhaupt nicht. Ich erwarte nicht, dass tatsächlich mit dem Bau begonnen wird. Sobald Kostenschätzungen und die Auswirkungen auf den bestehenden Bahnverkehr vorliegen, wird der Baubeginn vermutlich auf ewig ausbleiben

    • Erwähnung des Falls von 1886, als die Eisenbahnen im Süden der USA unterschiedliche Spurweiten in nur zwei Tagen auf Standardspur umstellten. Beschrieben wird dieser historische Kraftakt, bei dem Zehntausende Arbeiter innerhalb von 36 Stunden die westliche Schiene um 76 mm nach Osten versetzten und so das gesamte Netz nahezu auf Standardspur brachten. Die Spikes für die neue Spurweite waren im Voraus gesetzt worden, und auch die Fahrzeuge wurden in den Werkstätten entsprechend umgebaut

    • Bereits 2023 wurde eine Kostenstudie durchgeführt, die zu dem Schluss kam, dass das Vorhaben wirtschaftlich nicht tragfähig ist. Im Bericht werden drei Hauptszenarien (VE1, VE2, VE3) sowie zusätzliche Alternativen beschrieben. Die Kosten liegen bei 10 bis 15 Milliarden Euro, die Bauzeit wird mit 15 bis über 20 Jahren angesetzt

    • Ein positiver Aspekt ist, dass sich das finnische Schienennetz in keinem besonders guten Zustand befindet und ohnehin umfassende Modernisierungen nötig sind. Durch die Spurweitenumstellung könnten für Projekte, die man sowieso durchführen muss, zusätzlich EU-Mittel eingeworben werden. Ich kann mir vorstellen, dass die berüchtigten Projekte Suomi-rata und ELSA zusammen mit der Umspurung wieder vorangetrieben werden

    • Falls dieses Projekt tatsächlich umgesetzt wird, könnte es anfangs auch fast genauso aussehen wie heute

    • Finnland wird historisch gesehen oft in seiner Fähigkeit unterschätzt, Dinge tatsächlich umzusetzen

  • Ich denke, es gibt Gründe, bei diesem Projekt optimistisch zu sein. Das Land ist bereits vollständig erworben, man müsste also "nur" die Gleise neu verlegen. Es gibt auch bereits Maschinen namens Ballast cleaner, die den Rückbau und den Neuaufbau der Gleise gleichzeitig erledigen können. Man kann sich zudem riesige Maschinen vorstellen, die die Spurweite mechanisch anpassen; siehe den Link mit der Gerätebeschreibung

    • Ein Ballast cleaner allein reicht nicht. Auch die Schwellen (sleeper) müssen ersetzt werden, daher braucht es einen kompletten Gleiserneuerungszug. Vor allem Weichen und Kreuzungen lassen sich nicht allein durch den Austausch der vorhandenen Schwellen umbauen, dort sind traditionelle Bauverfahren nötig

    • Tatsächlich wird man wahrscheinlich neben den bestehenden Gleisen zusätzlich neue Gleise bauen müssen. Auf den Hauptstrecken gibt es Platzprobleme. Außerdem ist es gut möglich, dass man Hochgeschwindigkeitszüge einführen möchte, und dafür ist die bestehende Trassierung voraussichtlich ineffizient

  • Das Projekt sieht in der Theorie gut aus, ist in der Praxis aber kaum realistisch. Kaum jemand zieht die Umsetzung ernsthaft in Betracht. Es gibt ohnehin nur sehr wenige Bahnverbindungen nach Osten Richtung Russland, und falls nötig könnte man diese Abschnitte zerstören, um eine Wiederanbindung Russlands zu verhindern. Tatsächlich ist Finnland aus Sicht des europäischen Bahnnetzes eher eine Insel. Eine Standardisierung mag "cool" sein, aber praktisch würde sich nicht viel ändern

    • Kürzlich sagte Trump, die USA hätten Interesse an umfangreichem Handel mit Russland. Als relevante Region kämen Konigsberg (Königsberg) und die Suwalki-Lücke infrage
  • Auf openrailwaymap kann man die Gleisstruktur ansehen; Link geteilt

    • Beschwerde, dass die Legende zu klein sei, um etwas zu unterscheiden, plus beigefügtes Screenshot-Bild

    • Bewertung als interessante Karte. Die Schmalspurbahnen in der Schweiz seien zunächst kaum zu sehen gewesen, aber beim Hineinzoomen erschienen sie alle, was beeindruckend sei

    • Die Karte zeigt nur die Hauptstrecken, viele Nebenstrecken sind in Wirklichkeit nicht eingezeichnet

    • Interessante Karte, und die Frage, warum Spanien im Gegensatz zum übrigen europäischen Festland eine andere Spurweite hat. Dass Inseln wie Irland ihre alte Spurweite beibehalten, sei noch nachvollziehbar

  • Strategisch würde dies den Transport von Waffen innerhalb Europas erleichtern und die Verteidigung im Fall einer russischen Invasion vereinfachen. Im Idealfall brauche es solche Änderungen in ganz Europa

    • Der Großteil Europas nutzt bereits dieselbe Spurweite. Allerdings sind Dinge wie das Lichtraumprofil (also etwa die maximale Fahrzeuggröße unter Brücken) nicht überall standardisiert, weshalb es beispielsweise in Großbritannien schwierig ist, Doppelstockzüge einzuführen

    • Nicht nur zur Verteidigung gegen Russland, sondern auch wirtschaftlich ist das logisch. Züge könnten ohne Spurweitenwechsel direkt bis in den letzten Winkel Europas fahren. Die drei baltischen Staaten planen ebenfalls die Einführung auf diese Weise

    • Der tatsächliche Effekt ist begrenzt. Auf dem Schienenweg kommt man in den Norden nur über Norwegen und Schweden, und selbst die Verbindung nach Schweden gibt es nur ein einziges Mal. Im Kriegsfall könnte sie jederzeit zerstört werden, sodass der praktische Unterschied gering wäre

    • Aus solchen Gründen ist das ein absurder Ansatz und eine verrückte Kostenlast

    • Wenn eine Invasion Finnland geholfen hätte, hätte die Sowjetunion das Land schon 1945 besetzt, aber das ist nicht passiert. Allein die Vorstellung, Russland wolle Finnland, sei unrealistisch

  • Nach dem Zitat aus dem Artikel — "Milliarden Euro, mehr als 9.200 km Strecke, mehrere Jahrzehnte" — die Frage, wie man in einem solchen Umfang überhaupt eine Spurweitenumstellung durchführen kann. Ob man manche Abschnitte parallel betreibt oder nur ausgewählte Strecken umstellt und Fahrgäste umsteigen lässt, und ob es ähnliche Beispiele aus anderen Ländern gibt

    • In Spanien läuft seit 1992 sehr langsam eine Umstellung, seit die grenzüberschreitenden Hochgeschwindigkeitsstrecken in Standardspur eingeführt wurden. Als Beispiel: In meiner Region gibt es noch die alte Spurweite, deshalb dauert der Spurwechsel bei Zügen aus Madrid während der Umstellung etwa 10 Minuten. Das wird nur von genau einem Hochgeschwindigkeitszugmodell unterstützt, was enorme Unannehmlichkeiten und politische Konflikte verursacht. Ich hoffe, dass alle Strecken umgestellt werden, damit eine direkte Verbindung nach Frankreich möglich wird und überall dieselben Zugmodelle eingesetzt werden können, aber es geht sehr langsam voran

    • In Finnland gilt derzeit als wahrscheinlich, dass man zusätzlich zu den alten Gleisen neue, reine Standardspurstrecken baut. So könnten die bestehenden Züge weiterfahren. Ob das wirtschaftlich sinnvoll ist, bleibt jedoch fraglich. Eine direkte Anbindung des finnischen Netzes an Europa gibt es ohnehin nur über Norwegen/Schweden, daher ist der reale Vernetzungseffekt gering. Ohne einen Tunnel Helsinki–Tallinn wäre der Nutzen minimal

    • Heute gibt es verschiedene Optionen. Unternehmen wie das spanische Talgo halten viele Patente auf Radsätze mit automatischer Spurweitenänderung, die sich bei Großprojekten nutzen ließen. Link mit ausführlicher Erklärung

    • In Finnland (oder Schweden) gab es früher bereits den Fall einer landesweiten Umstellung vom Links- auf den Rechtsverkehr, bei der mitten in der Nacht sämtliche Straßenschilder versetzt wurden — ein weiteres Beispiel für tiefgreifende Änderungen an der Verkehrsinfrastruktur

    • 1886 gab es im Süden der USA einen großangelegten Wechsel auf Standardspur. Das meiste war in zwei Tagen erledigt. Heute ist so etwas allerdings viel komplexer

  • Die Umstellung Finnlands auf Standardspur ist zu begrüßen, weil sie Integration und Interoperabilität verbessert. Falls Russland (ruzzia) einmarschieren sollte, könnte das — anders als im Fall der Ukraine — logistische Schwierigkeiten verursachen. Russland ist wegen seiner schlechten Straßeninfrastruktur ein Land, das den Großteil seiner Truppen- und Materialbewegungen per Bahn abwickelt. An den wichtigsten Frontabschnitten in der Ukraine wurde um Bahnlinien gekämpft, und dort, wo der Zugang zur Bahn schlecht war, erlitt Russland große Niederlagen

  • Auch die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen führen Standardspurstrecken ein. Meine Frage ist, welches Kupplungssystem verwendet werden soll. Vom russischen automatischen Kuppler auf das europäische Kette-und-Puffer-System umzusteigen, wäre eher ein Rückschritt. Die EU ist bei der Standardisierung von Güterzugkupplungen zögerlich, und zuletzt wurde sogar über digitale automatische Kupplungen diskutiert

  • Skeptische Sicht auf den Einsatz von EU-Geldern. Technisch interessant, aber ohne größere geopolitische Strategie oder langfristigen Plan lässt sich der Aufwand schwer rechtfertigen. In Spanien funktioniert der Mischbetrieb zweier Spurweiten dank Systemen zur automatischen Spurweitenänderung, etwa bei Talgo-Zügen, ohne größere Probleme. Spanien hat das zweitgrößte Hochgeschwindigkeitsnetz der Welt. Was die EU eher brauche, sei Unterstützung für kleine innovative Unternehmen und Freiberufler, die Innovation vorantreiben, doch stattdessen profitierten wegen hoher Steuern und komplexer Regulierung vor allem Großunternehmen

    • Das eigentliche Ziel ist die Verteidigung, damit Russland sein logistisches Netz nicht leicht anbinden kann
  • Zum Glück ist die russische Spurweite breiter als die europäische. Wäre es umgekehrt und die europäische Spurweite breiter, wären die Kosten enorm; insofern lohnt sich Finnlands Einsatz. Hoffentlich lassen sich die dabei gewonnenen Erfahrungen eines Tages auch bei einer Standardisierung in der Ukraine und auf der Iberischen Halbinsel nutzen

    • Tatsächlich müsste man in beiden Fällen neue Gleise bauen, daher führt die Richtung der Spurweitenänderung nicht wirklich zu einem praktischen Kostenunterschied