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  • 1862 besuchte eine japanische Gesandtschaft erstmals Europa und war von Zivilisation und Technik tief beeindruckt
  • Im Studio von Nadar blieben Porträtfotografien zahlreicher bedeutender Persönlichkeiten des kulturellen Lebens erhalten
  • Von Baudelaire, Manet, Dumas, Victor Hugo, Sarah Bernhardt und vielen anderen fing er deren Menschlichkeit in Fotografien ein
  • Nadar betonte die Bedeutung von Fotokunst und dem Erfassen von Menschlichkeit
  • Über die Fotografie hinterließ er den bedeutungsvollen Satz: „Es gibt Menschen, die sehen können, und Menschen, die nicht einmal hinsehen können“

Der Europabesuch der japanischen Gesandtschaft und die ersten Erfahrungen

  • 1862 reiste nach 240 Jahren erstmals wieder eine japanische Gesandtschaft nach Europa
  • Japan, das lange Zeit von der Welt isoliert gewesen war, begann nach dem Auftauchen der amerikanischen Flotte gezwungenermaßen, sich nach außen zu öffnen
  • Ein großer Teil der 40 Gesandten waren Samurai; ihre Aufgabe bestand darin, die ausländische Zivilisation zu studieren und das Tempo der erzwungenen Öffnung ihres Landes zu steuern
  • In Europa wurden sie mit den Technologien der industriellen Revolution konfrontiert, die dem damaligen Japan weit voraus waren
  • Vor allem in Frankreich waren sie von der Telegrafentechnik tief beeindruckt und erlebten staunend, wie Textnachrichten innerhalb weniger Minuten einen ganzen Kontinent überqueren konnten

Nadars Atelier und die japanische Gesandtschaft

  • Die nach Frankreich gereisten japanischen Gesandten besuchten das Studio des berühmten Fotografen Nadar
  • Nadar hielt sie mit seiner Kamera fest
  • In seinem Atelier wurden mit modernster Ausrüstung Porträts aufgenommen, und diese Erfahrung hatte für die Gesandten eine besondere Bedeutung
  • Als prominente Besucher von Paris ließen sie Porträts von sich anfertigen
  • Durch Nadars Handschrift wurde das Besondere der Personen eingefangen

Modernität und Charles Baudelaire

  • Charles Baudelaire bezeichnete das fremdartige Zeitgefühl der Mitte des 19. Jahrhunderts als „Modernität“
  • Seine Gedichte lösten häufig gesellschaftliche Kontroversen aus und wurden teils sogar verboten
  • Während einer schweren Phase, geprägt von gesundheitlichem Verfall, Sucht und Armut, besuchte Baudelaire Nadars Atelier
  • Nadar fotografierte Baudelaires Porträt in einem Stil, der vor schlichtem Hintergrund den Charakter und das Innere der Person einfing
  • In seinem Blick tritt eine unverblümte Direktheit hervor

Verbindungen zu Persönlichkeiten der Kunstwelt

  • Nadar fotografierte auch die größten Künstler seiner Zeit, darunter Edouard Manet, Alexander Dumas, George Sand, Victor Hugo
  • Manet war mit Nadar befreundet und malte ein Bild mit seinem Freund als Modell, das er ihm widmete
  • Dumas war ein Idol aus Nadars Kindheit und erscheint auf den Bildern in heiterer Stimmung
  • George Sand war eine langjährige Freundin Nadars und wurde mehrfach von ihm fotografiert
  • Von Victor Hugo blieben Porträts aus seinem Alter bis kurz vor seinem Tod erhalten

Spätere Persönlichkeiten und Nadars fotografische Kunst

  • Auch andere Berühmtheiten der Kulturwelt wie Franz Liszt wurden von Nadar festgehalten
  • Selbst im Alter lag in Liszts Augen noch Lebendigkeit
  • Von der erstaunlichen Ausstrahlung des aufstrebenden Stars Sarah Bernhardt kehrte Nadar immer wieder ins Atelier zurück, um ihr Bild wiederholt festzuhalten
  • Bernhardt führte auch gesellschaftlich ein provokantes Leben, unter anderem mit einem Kind außerhalb der Ehe

Herrscher und Denker im Bild

  • Nadar fotografierte auch den belgischen König Leopold II
  • Auf den Fotografien scheint sich ein Unterschied in der Menschlichkeit ablesen zu lassen
  • Auch Sozialisten und Anarchisten wie Proudhon hielt er fest

Nadars Gedanken über das Wesen der Fotografie

  • Nadar bewertete die Fotografie als große Entdeckung und zugleich als etwas, das zwar jeder ausüben könne, für das Auffinden wirklich bedeutungsvoller Bilder jedoch ein besonderes Talent nötig sei
  • Nadars Porträts vermitteln uns noch heute die Individualität und Menschlichkeit von Menschen, die vor zwei Jahrhunderten lebten
  • Er wusste selbst, dass er unter ihnen ein Mensch von außergewöhnlichem Talent war
  • Abschließend hinterließ Nadar die Worte: „In der Fotografie – und eigentlich in allem – gibt es Menschen, die sehen können, und Menschen, die nicht einmal hinsehen können.“

1 Kommentare

 
GN⁺ 2025-05-20
Hacker-News-Kommentare
  • Empfehlung einer begleitenden Videoserie, die verschiedene Orte auf der Welt in den 1900er Jahren zeigt
    Hervorgehoben wird, wie faszinierend es ist, eine Zeit vor der Massenkommerzialisierung von Produkten und Mode sowie vor geplanter Obsoleszenz zu sehen
    Die Gesichtsausdrücke der Menschen auf den Fotos wirken nicht wie inszenierte Lächeln und sie weichen dem Blick nicht aus; sie erscheinen steif und ernst, aber gelegentlich entdeckt man auch scherzhafte Posen
    Gezeigt wird eine heitere Szene, in der Männer in ihren Vierzigern herumalbern und Spaß haben – etwas, das man heute nur noch selten sieht

    • Das falsche Lächeln und das Ausweichen des Blicks seien womöglich eine kulturelle Besonderheit Nordamerikas
      In der Schweiz gebe es ein besonderes direktes Anstarren, das als "Swiss stare" bezeichnet werde
      Hinweis auf einen passenden Blog-Link

    • In Asien bewahre man selbst auf Familienfotos noch immer einen strengen Gesichtsausdruck, doch nach der Einwanderung in die USA hätten plötzlich alle auf Fotos zu lächeln begonnen
      Zustimmung zur Sichtweise der Eltern
      In den USA sei das Leben vergleichsweise leichter und die Menschen wirkten glücklicher, weshalb sich eine soziale Atmosphäre bilde, in der man ganz natürlich lächelt
      Im Herkunftsland wirke häufiges Lächeln auffällig und ziehe Spott nach sich, deshalb lache man nicht
      In den USA setze man sogar ein erzwungenes Lächeln auf, um sich gesellschaftlich anzupassen
      Auch auf alten Fotos spiegeln sich die Härten des Lebens in den Gesichtern wider, und das erscheine nur natürlich

    • Heute wächst man von klein auf mit Fotos und Videoaufnahmen auf und übt den "richtigen Gesichtsausdruck", der vor der Kamera erwartet wird
      Erwähnt wird, dass Kamera-KI im Selfie-Modus inzwischen Gesichtsausdrücke automatisch korrigiert

    • Früher waren die Belichtungszeiten bei Fotos lang, sodass Menschen ihren Ausdruck fast eine Minute lang halten mussten
      Daraus wird gefolgert, dass ein natürliches Lächeln über so lange Zeit wirklich schwer aufrechtzuerhalten ist

    • Als Beispiel wird eine Parodieszene aus dem Film "A Million Ways to Die in the West" geteilt, in der strenge Gesichtsausdrücke parodiert werden

  • Zur Erklärung im Originaltext, man könne im Blick einer Person auf dem Foto bereits die späteren Gräueltaten im Kongo vorausahnen, wird angemerkt,
    dass diese Wahrnehmung auch daraus resultieren könne, was wir heute bereits über diese Person wissen

    • Es wird erläutert, dass sich alle dieses Vorurteils bewusst seien und der Originaltext deshalb auch einen entsprechenden Disclaimer eingefügt habe
  • Unter Verweis auf die Einschätzung, ein berühmter Maler wirke auf Fotos intelligent,
    wird die Ansicht geäußert, dass es grundsätzlich falsch sei, Intelligenz allein aus dem Aussehen abzuleiten
    Skepsis gegenüber dem Versuch, das Innere eines Menschen aus einer kurzen Begegnung oder einem einzigen Foto herauslesen zu wollen
    Kritische Haltung gegenüber dem romantischen Glauben, ein Foto verrate viel über eine Person

    • Die Lehre "Beurteile andere nicht nach dem Äußeren" sei in den USA weithin verbreitet gewesen,
      und man sei beim Aufwachsen in häufigen Public-Service-Anzeigen, im Fernsehen und in Filmen immer wieder damit konfrontiert worden
      Es habe eine Stimmung gegeben, in der man zumindest ein Mindestmaß an Heuchelei in Bezug auf diese gesellschaftliche Tugend wahrte,
      und es wird die Frage gestellt, ob sich diese Sichtweise inzwischen verändert habe

    • Es wird darauf hingewiesen, dass es auch Fälle gibt, in denen Fotos Menschen absichtlich klüger erscheinen lassen
      Betont wird, dass es dabei um künstlerische Inszenierung geht

    • Da Manet tatsächlich ein intelligenter Mensch gewesen sei, sei es unproblematisch, wenn ein Foto dieses Wesen gut eingefangen habe
      Auch ein Essensfoto werde als gelungen bewertet, wenn es so appetitlich aussieht wie das reale Gericht
      Zudem die interessante Vermutung, dass sich Intelligenz im menschlichen Gesicht durchaus bis zu einem gewissen Grad zeigen könne und ein trainiertes neuronales Netz entsprechende Signale finden könnte
      Der Mensch habe sich evolutionär eher dahin entwickelt, Intelligenz zu zeigen als sie zu verbergen

    • Erklärung der Bedeutung von groady/grody und grotty
      Ergänzend der Hinweis, dass grotty in Australien und anderswo auch als Substantiv verwendet werden könne

    • Persönliche Ansicht, dass Vorhersagen anhand des Eindrucks zwar nicht perfekt seien, aber besser als Zufall
      Wenn stärkere Daten vorlägen, sollte man sich daraus allerdings nicht auf äußere Erscheinung verlassen

  • Auf HN gebe es normalerweise viele Beiträge über neue Tools und Programmierung,
    doch inzwischen sei es wichtiger geworden zu entscheiden, was man programmieren solle, nicht nur mit welchen Tools oder Methoden
    Die Antwort darauf liege, so die Ansicht, in der Fähigkeit, aus Sicht der Nutzer auf Wert und auf die Welt zu blicken
    Beim Anblick von Nadars Fotos richte sich die Aufmerksamkeit darauf, wie er seine Motive sah und wie er Menschen betrachtete, die einen Moment der Geschichte hinterließen
    Produktdesign bedeute, sich mit den Augen anderer eine andere Welt vorzustellen,
    und zeige, wie stark das Potenzial von Technologie und Kontext im Lauf der Zeit ein Produkt prägen kann
    Die Erfindung der Fotografie habe die Menschheit länger beeinflusst als das Schwert der Samurai
    und Wissenschaft, Medizin und vielen anderen Bereichen die mächtige Fähigkeit geschenkt, Licht festzuhalten
    Die Hoffnung wird geäußert, dass dieser Text jemanden dazu motiviert, die nächste "Fotografie" zu hinterlassen

    • Die Frage "Was soll man bauen?" sei schon immer wichtig gewesen; als Beispiel werde Dropbox genannt

    • Es wird darauf hingewiesen, dass die technischen Fähigkeiten, die man zum Bauen eines Produkts braucht, andere sind als die Kompetenzen, die man für eine Anstellung in einem Unternehmen benötigt,
      was bei der Entscheidung, was man tatsächlich bauen soll, zusätzliche Verwirrung stifte

  • Das Foto-Reisetagebuch eines Mannes durch das Frankreich des 19. Jahrhunderts sei wirklich faszinierend gewesen,
    und habe einen weit stärkeren Eindruck hinterlassen als aktuelle Artikel über AI-Startups

    • Es wird gefragt, ob sich der Effekt quantifizieren lasse, dass Werke menschlicher Maler semantisch mehr "Reichtum" vermitteln können als AI
      Als nächster Schritt wird die Möglichkeit angesprochen, dass AI sich über menschliche Kunst legen könnte
  • Beobachtung, wie unterschiedlich Gestik und Mimik je nach Kultur sind
    Aus eigener Erfahrung auf Weltreisen: Manche Gesellschaften sind offen und ausdrucksstark, andere zurückhaltender und neutraler
    Schon Nicken oder ein kleines Lächeln bedeuten je nach Gesellschaft etwas anderes,
    und es wird gefragt, ob Normen für Gesichtsausdrücke und Blickkontakt aus tieferen sozialen Strukturen wie Kollektivismus/Individualismus oder dem Lebenstempo hervorgehen
    Ob kleine Verhaltensweisen größere kulturelle Haltungen widerspiegeln können, wird als Frage aufgeworfen

  • Der Artikel und die Fotos seien mit großem Interesse gelesen und betrachtet worden,
    aber die Bedeutung des Ausdrucks "cannot even look" sei nicht ganz klar, was Neugier auslöse
    Selbstironische Frage, ob man vielleicht zu genau dem Typ Mensch gehöre, den man selbst nicht verstehe

    • Es wird als jemand interpretiert, der nicht einmal versucht zu "sehen" und nicht weiß, was ihm entgeht
      Zugleich wird eingeräumt, dass es verschiedene Deutungen gebe, und bescheiden hinzugefügt, man sei ja nur ein einfacher Programmierer

    • Eine weitere Deutung lautet, dass zwar jeder Fotos machen könne, ein echter Fotograf jedoch etwas ganz anderes sei

  • Für US-Passfotos sei es inzwischen vorgeschrieben, nicht zu lächeln,
    und bei Visafotos für Hongkong oder China sei ein Lächelverbot schon seit sehr langer Zeit üblich gewesen
    Auch Regeln für Lächeln oder strenge Gesichtsausdrücke seien ein Beispiel für Vorschriften, die sich über Zeiten und Regionen hinweg unterscheiden

  • Eindruck, dass Porträtfotos aus dem 19. Jahrhundert das Wesen einer Person besser einfangen als moderne Farbfotos

    • Damals seien Fotos viel teurer und seltener gewesen und meist von professionellen Fotografen aufgenommen worden, weshalb sie im Durchschnitt ansprechender wirkten
      Natürlich gebe es auch heute viele hervorragende Farbfotos

    • Die Vorstellung, ein Porträtist sei wie ein Foto mit langer Belichtungszeit: jemand, der eine Person lange beobachtet und den entscheidenden Moment einfängt

  • Mit Bewunderung wird der Satz zitiert: "[Die Fotografie] ist eine Wissenschaft, die die großen Geister anzieht, eine Kunst, die die wachen Köpfe anregt, und ein Gebiet, das selbst ein Narr betreiben kann"

    • Reaktion, dass das auch perfekt auf Software Engineering passe und gerade deshalb amüsant sei