- Der Gruen-Transfer bezeichnet das Phänomen, dass Verbraucher durch ein verwirrendes Ladenlayout ihre ursprüngliche Absicht vergessen und zu Impulskäufen verleitet werden
- Dieses Phänomen hat sich inzwischen auch auf das Internet ausgeweitet und zeigt sich etwa im Facebook-Newsfeed, in Link-Schleifen auf Wikipedia und in UX-Dark-Patterns
- Websites machen Nutzer absichtlich verwirrt, damit sie länger bleiben oder zu unerwünschten Handlungen verleitet werden
- Die EU hat einen rechtlichen Maßstab, nach dem Anmeldung und Kündigung denselben Grad an Komplexität haben müssen
- Der Autor findet die Idee überzeugend, digitale Komplexität zum Gegenstand von Regulierung zu machen, und wünscht sich das auch für Offline-Geschäfte
Was ist der Gruen-Transfer?
- Der Gruen-Transfer war ursprünglich ein psychologisches Phänomen in realen Geschäften wie Einkaufszentren oder Supermärkten
- Die Struktur führt dazu, dass Kunden bei der Suche nach dem ursprünglich gewünschten Produkt verwirrt werden und andere Waren impulsiv kaufen
- Der Begriff „Transfer“ bezeichnet den Moment, in dem Verbraucher ihr ursprüngliches Ziel vergessen
Der Gruen-Transfer in der digitalen Welt
Beispiele aus sozialen Medien
- Facebook bot anfangs einen einfachen Feed, der nur Updates von Freunden zeigte, doch
- heute dominieren Werbung, Memes und Influencer-Inhalte, sodass Nutzer ihr ursprüngliches Ziel verlieren und in eine „Scroll-Sucht“ geraten
- Weniger als 10 % sind Neuigkeiten von Freunden, der Rest ist mit verschiedensten Inhalten gefüllt
Auch auf anderen Websites zu finden
- Auch auf Wikipedia gehört dazu die Erfahrung, nach einem Eintrag zu suchen, dann fortlaufend auf verwandte Links zu klicken und beim Erkunden das Zeitgefühl zu verlieren
- Verwirrung stiftende User Experience (UX) kann Nutzer dazu bringen, Dinge zu tun, die sie nicht beabsichtigt haben
Verbindung zu UX-Dark-Patterns
- Bei Prozessen wie Kontolöschung, Kündigung von Abos oder Auflösung von Versicherungen gibt es bewusst kompliziert gestaltete UIs
- Sie sollen Nutzer dazu bringen, statt zu löschen oder zu kündigen lieber zu bleiben
- Auch das kann als eine Form des digitalen Gruen-Transfers gesehen werden
Die mögliche „Laffer-Kurve“ des Webdesigns
- Zu viel Verwirrung und Komplexität kann die User Experience ruinieren und zum Absprung von Nutzern führen
- Ähnlich wie bei der „Laffer Curve“, bei der zu hohe Steuern die Einnahmen senken, tritt auch bei digitaler Komplexität ein Gegeneffekt auf, wenn der optimale Punkt überschritten wird
Der Regulierungsansatz der EU
- In der EU gibt es ein Gesetz, nach dem Anmeldung und Kündigung gleich komplex sein müssen
- Wenn eine Anmeldung in 10 Sekunden möglich ist, eine Kündigung aber 10 Schritte erfordert, ist das rechtswidrig
- Bedeutsam ist hier, dass es einen Maßstab zur Messung und Begrenzung von Komplexität gibt
Abschließende Gedanken
- Der Autor wünscht sich, dass Regulierung digitaler Komplexität auch auf Offline-Geschäfte (z. B. Boots) angewendet wird
- Die Qualität des Konsumentenerlebnisses entspringt einem einfachen und intuitiven Design
- Zum Schluss beendet er den Text scherzhaft mit dem Versprechen eines Biers für die Leser
1 Kommentare
Hacker-News-Kommentare
Die Suchfunktion von Amazon ist sehr schlecht. Falsche Ergebnisse werden in die Suchresultate eingemischt. Das geschieht absichtlich, damit Nutzer Dinge sehen, die sie interessieren könnten
Dieser Kommentar ist mit vielen Beispielen anregend und im Kern zutreffend. Das Wikipedia-Beispiel passt jedoch nicht, weil ich nicht glaube, dass es absichtlich ist
Es ist seltsam, dass der Artikel Victor Gruen nicht erwähnt. Er ist bekanntlich der Erfinder des Indoor-Einkaufszentrums, wie wir es kennen, und hat es später selbst kritisiert
Ironischerweise hat es bei mir genau den gegenteiligen Effekt. Inzwischen ist so vieles zu schwer zu bedienen, dass ich es fast gar nicht mehr nutze. Überraschenderweise ist der verlorene Wert nahezu null
Das Wikipedia-Beispiel ist überhaupt nicht relevant. Es gibt dort keinerlei Design, das einen absichtlich verwirren soll, sondern einfach eine normale interessante Website mit Links zwischen Seiten
Ich nenne das immer das „IKEA-Labyrinth“
Wenn ich eine Stack-Exchange-Seite in einem neuen Browser zum ersten Mal besuche, füge ich den DOM-Knoten „Hot network questions“ zur uBO-Sperrliste hinzu und passe sie so an, dass sie auf alle Websites angewendet wird
Das wird wahrscheinlich 1) nicht aus rein praktischen Gründen verwendet, und 2) ist in Systemen unvermeidlich, in denen Nutzer nach Neuheit verlangen
Das Design von Wikipedia hat keinerlei Ähnlichkeit mit dem Gruen Transfer
Das passiert mir auch oft