Warum VCs Recruiting-Startups nicht mögen
(linkedin.com)- Recruiting-Startups haben aufgrund von starker Zyklizität und unvorhersehbaren Umsätzen eine für VC-Investments ungeeignete Struktur
- Der Erfolg lässt sich nur schwer messen, und Kunden (Startups) sind im Hiring oft unerfahren, wodurch sich die Produktwirkung nur schwer belegen lässt
- Nutzer bevorzugen Tools, bei denen eher „Aufwand“ als tatsächliche Ergebnisse sichtbar werden, und Automatisierung stößt eher auf Widerstand
- Zwischen den Tools gibt es wenig Differenzierung, bei gleichzeitig hartem Wettbewerb, und exklusive Beziehungen lassen sich fast nie aufbauen
- Mit zunehmendem Wachstum entsteht eine inverse Korrelation zwischen Nutzer- und Kandidatenqualität (negative Netzwerkeffekte)
Warum Venture Capital Recruiting-Startups meidet
- Als Dover 2019 gegründet wurde, schien die Einführung von Automatisierung und Algorithmen im Recruiting-Markt eine klare Chance zu sein
- Investoren waren jedoch emotional skeptisch, und die gescheiterten Beispiele der letzten 10 bis 20 Jahre stützten diese Sicht
- Dover erhielt zwar Investments von Founders Fund und Tiger, doch dabei wurde deutlich, wie schwer es ist, auf Venture-Scale zu wachsen
1. Recruiting ist eine extrem zyklische Branche
- In makroökonomischen Abschwungphasen ist Hiring eines der ersten Budgets, das gekürzt wird
- 2022 fiel der Umsatz von Dover gegenüber dem Höchststand um 70 %
- Auch große Recruiting-Plattformen verzeichnen in Abschwüngen Umsatzrückgänge von 30 bis 50 %
- VCs erwarten zinseszinsartiges Wachstum, doch der Recruiting-Markt ist von wiederkehrenden Einbrüchen und Erholungen geprägt
- Startup-Kunden stellen nach einer Finanzierung oft drei Monate lang intensiv ein und pausieren dann neun Monate
- Dadurch lassen sich nur schwer stabile Umsätze aufbauen
- Es braucht Strategien zur Absicherung über langfristige Verträge wie bei LinkedIn oder Greenhouse
2. Recruiting-Erfolg ist fast unmöglich zu messen
- Kennzahlen wie Hires pro Stunde oder Hiring-Geschwindigkeit existieren zwar, sind aber meist wenig aussagekräftig
- Jede Einstellung hat je nach Situation zu viele Variablen
- Rolle, Unternehmensphase, Marktlage, Flexibilität bei der Vergütung, Einbindung des Hiring-Teams usw.
- Kunden sind skeptisch und denken oft: „Das passt wahrscheinlich nicht zu unserer Situation.“
- Dadurch ist es schwierig, einen Erfolgsweg zu messen oder zu wiederholen, und vieles stützt sich auf Intuition
3. Kunden (Startups) sind besonders schlecht im Hiring
- Startups haben:
- wenig Budget
- überzogen hohe Ansprüche an Talente
- unrealistische Zeitpläne
- Prozesse sind chaotisch, und einmalige bzw. spontane Vorgehensweisen werden bevorzugt
- Hiring-Entscheidungen hängen von den Gründern ab, sodass bei geänderten Prioritäten die Einstellung sofort stoppt
- Häufig gilt: Je stärker eine Organisation beim Hiring scheitert, desto eher verlässt sie sich auf externe Services (adverse Selektion)
4. Man muss Schaufenster-Kennzahlen bedienen
- Statt echter Ergebnisse zählen oft Kennzahlen, die nur wie Erfolg aussehen
- Beispiele: wiederholter Wechsel des ATS oder rotierender Einsatz von E-Mail-Automatisierungstools
- Nutzeranforderungen führen oft zu Feature-Wünschen mit minimalem Einfluss
- z. B. A/B-Tests für die dritte E-Mail
- Am Ende wird das Produkt mit Funktionen überladen und schwerfällig, Nutzer ermüden und wandern ab
5. Es ist schwer, exklusive Beziehungen aufzubauen
- Startups nutzen mehrere Tools und mehrere Agenturen gleichzeitig
- Entscheidend ist allein, wer zuerst gute Kandidaten liefert
- Langfristige Produktqualität und User Experience spielen kaum eine Rolle
- Wenn Hiring erfolgreich ist, lässt sich die Ursache schwer zuordnen, daher ist schon der Nachweis des eigenen Beitrags schwierig
6. Der Widerstand gegen Automatisierung ist stark
- Selbst grundlegende Aufgaben werden ungern automatisiert (z. B. Terminierungs-E-Mails)
- Gründe dafür sind unter anderem:
- Angst vor Ersetzung
- der Wunsch nach Kontrolle über jeden Schritt
- „sichtbarer Einsatz“ durch manuelle Arbeit
- die Sorge, dass bei besseren Ergebnissen durch Automatisierung Personal oder Budget gekürzt werden könnten
- Dadurch entsteht eine Kultur, in der zeitlicher Aufwand überzeugender wirkt als Effizienz, unabhängig vom Ergebnis
7. Recruiting-Produkte haben „negative Netzwerkeffekte“
- Je stärker eine Plattform wächst, desto schlechter wird die Qualität der Kandidaten
- Beispiel: früher Erfolg von Triplebyte → Massenadaption → sinkende Kandidatenqualität → Abwanderung der Nutzer
- Wenn alle im selben Pool konkurrieren, sinkt die Attraktivität des Angebots
- Für Wettbewerbsvorteile braucht es differenzierte Kandidaten oder Ansätze, doch mit zunehmender Verbreitung wird genau das unmöglich
Aufgrund dieser strukturellen Probleme sind VCs Recruiting-Startups gegenüber instinktiv skeptisch
Wer ein Recruiting-Startup gründen will, muss nicht nur gegen Wettbewerber, sondern gegen die Marktstruktur selbst kämpfen
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