Die Tyrannei der Strukturlosigkeit (1970)
(jofreeman.com)Die Tyrannei der Strukturlosigkeit
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Dieser Text begann als Rede, die 1970 auf einer von der Southern Female Rights Union veranstalteten Konferenz gehalten wurde. Danach wurde er bei mehreren Publikationen eingereicht und erschien offiziell erstmals 1972 in The Second Wave.
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Die Frauenbefreiungsbewegung hat führerlose, strukturlose Gruppen als ihre wichtigste Organisationsform betont. Das begann als Reaktion auf eine übermäßig strukturierte Gesellschaft, doch mit der Zeit wurde das Konzept der „Strukturlosigkeit“ zum Kern der Ideologie der Frauenbefreiung.
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Anfangs war Bewusstseinsbildung das Hauptziel, und „strukturlose“ Gesprächsgruppen waren dafür ein hervorragendes Mittel. Doch als im Laufe der Zeit der Wunsch nach konkretem Handeln entstand, wollten die meisten Gruppen ihre Struktur nicht verändern.
Formelle und informelle Strukturen
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Tatsächlich gibt es keine strukturlosen Gruppen. Jede Gruppe bildet im Laufe der Zeit auf natürliche Weise Strukturen aus. Das liegt daran, dass sich die Fähigkeiten, Persönlichkeiten und Hintergründe der Einzelnen unterscheiden.
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„Strukturlosigkeit“ verhindert nicht die Bildung informeller Strukturen, und diese können dazu genutzt werden, dass Stärkere oder Glücklichere Macht über andere etablieren.
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Wenn die Struktur einer Gruppe informell ist, wissen nur wenige, wie Entscheidungen zustande kommen, und das Bewusstsein für Macht ist eingeschränkt. Damit alle teilnehmen können, muss die Struktur klar sein.
Das Wesen des Elitismus
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Der Begriff „Elitismus“ wird in der Frauenbefreiungsbewegung häufig falsch verwendet. Mit Elite ist in der Regel eine kleine Gruppe gemeint, die Macht über eine größere Gruppe hat.
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Eliten sind keine Verschwörung, sondern entstehen meist als Freundeskreise, die sich an politischer Aktivität beteiligen. Solche Gruppen funktionieren als Netzwerke außerhalb offizieller Kommunikationskanäle und verfügen dadurch innerhalb der Gruppe über mehr Macht.
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Informelle Kommunikationsnetzwerke sind exklusiv, und das hat Frauen lange Zeit daran gehindert, sich zu beteiligen.
Das „Star“-System
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Die Ideologie der „Strukturlosigkeit“ erzeugt ein „Star“-System. Medien und Öffentlichkeit suchen nach jemandem, der die Position einer Gruppe vertritt, und wenn es keine offizielle Sprecherin gibt, werden Frauen, die Aufmerksamkeit erhalten, als Sprecherinnen angesehen.
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Das hat negative Folgen sowohl für die Bewegung als auch für die Frauen, die als „Stars“ markiert werden. Wenn die Bewegung keine Sprecherinnen auswählt, werden die Medien weiterhin „Stars“ als Sprecherinnen behandeln.
Politische Unfähigkeit
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Unstrukturierte Gruppen sind wirksam, wenn Frauen über ihr Leben sprechen wollen, aber sie sind nicht gut darin, tatsächlich etwas zu erreichen. Wenn es keine konkrete Aufgabe gibt, neigen Menschen dazu, innerhalb der Gruppe einander kontrollieren zu wollen.
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Unstrukturierte Gruppen können auf lokaler Ebene autonom arbeiten, aber die einzigen Gruppen, die landesweite Aktivitäten organisieren können, sind strukturierte Frauenorganisationen.
Prinzipien demokratischer Strukturierung
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Wenn die Ideologie der „Strukturlosigkeit“ aufgegeben wird, kann die Bewegung Organisationsformen entwickeln, die gesund funktionieren. Es ist nicht nötig, traditionelle Organisationsformen blind zu kopieren oder abzulehnen.
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Für eine demokratische Strukturierung können folgende Prinzipien berücksichtigt werden:
- Die Zuständigkeit für bestimmte Aufgaben wird durch demokratische Verfahren bestimmten Personen übertragen.
- Personen, denen Zuständigkeit übertragen wurde, müssen denjenigen gegenüber rechenschaftspflichtig sein, die sie ausgewählt haben.
- Zuständigkeiten werden auf möglichst viele Menschen verteilt.
- Aufgaben werden zwischen Einzelpersonen rotiert.
- Aufgaben werden nach vernünftigen Kriterien zugewiesen.
1 Kommentare
Hacker-News-Kommentare
Dieser Essay ist auch über Frauen oder Feminismus hinaus von Bedeutung. Gruppen ohne Struktur sind anfangs effektiv, stoßen aber mit der Zeit auf Probleme
Der Teil, der erklärt, unter welchen Umständen unstrukturierte Gruppen funktionieren, ist interessant
Viele Leute lesen diesen Essay nicht bis zum Ende
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