Soziale Medien als Hauptursache für die Verschlechterung der psychischen Gesundheit von Teenagern
Zwei zentrale Probleme der in Nature erschienenen Rezension
- Candice Odgers vertritt in einem kürzlich in Nature veröffentlichten Essay die Position der Skeptiker gegenüber sozialen Medien.
- Die Hauptkritik lautet, der Autor verwechsle Korrelation mit Kausalität und behaupte, soziale Medien seien nicht die Ursache der psychischen Gesundheitskrise, sondern nur ein korrelierter Faktor.
- Doch Odgers’ Rezension hat zwei wesentliche Probleme:
- Die Behauptung, es gebe keine Evidenz für Kausalität, ist falsch.
- Die von Odgers vorgeschlagene alternative Erklärung stimmt nicht mit den Fakten überein.
1. Der Irrtum der Behauptung, es gebe keine Evidenz für Kausalität
- Odgers sagt, der Autor verwechsle Korrelation und Kausalität, doch das trifft nicht zu.
- Im Jahr 2018 gab es zwar viele Korrelationsstudien, aber auch einige experimentelle Studien (z. B. Verbesserung der psychischen Gesundheit bei reduzierter Nutzung sozialer Medien).
- Seitdem wurden Korrelations-, Längsschnitt- und experimentelle Studien zusammengetragen und systematisch aufbereitet; sie sind alle online öffentlich zugänglich.
- In Korrelations- und Längsschnittstudien zeigt sich ein höheres Risiko psychischer Erkrankungen bei Jugendlichen mit übermäßiger Nutzung sozialer Medien.
- Bei 14-jährigen Mädchen ist das Depressionsrisiko dreimal so hoch, wenn sie mehr als 5 Stunden pro Tag soziale Medien nutzen.
- Eine Metaanalyse von 26 Studien ergab, dass bei Jugendlichen das Depressionsrisiko mit jeder zusätzlichen Stunde Social-Media-Nutzung um 13 % steigt.
- In 16 von 22 experimentellen Studien zeigte sich ein signifikanter negativer Effekt sozialer Medien.
- In einer randomisierten Studie mit 2.743 Erwachsenen, die für einen Monat einer Bedingung zur Deaktivierung von Facebook zugewiesen wurden, verbesserte sich das subjektive Wohlbefinden.
- In einer randomisierten Studie mit 642 Personen, die auf (1) 30 Minuten Social Media pro Tag, (2) 30 Minuten mehr körperliche Aktivität, (3) beides oder (4) eine Kontrollgruppe verteilt wurden, zeigte die Kombination aus Social-Media-Begrenzung und Bewegung den stärksten Rückgang depressiver Symptome und den größten Anstieg der Lebenszufriedenheit.
- Es gibt auch experimentelle Ergebnisse, wonach Instagram für Frauen schädlicher ist als Facebook.
- In 8 von 9 quasi-experimentellen Studien wurden negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit festgestellt, insbesondere bei Mädchen.
- Mit der Einführung von Breitbandinternet in Spanien stieg die Einweisungsrate Jugendlicher wegen psychischer Probleme; statistisch signifikant war dies nur bei Mädchen.
- Wäre die Nullhypothese der Skeptiker richtig, müssten die experimentellen Ergebnisse zufälliges Rauschen sein; stattdessen zeigen die meisten konsistent eine Verschlechterung der psychischen Gesundheit.
2. Probleme mit der von Odgers vorgeschlagenen alternativen Erklärung
- Odgers argumentiert, die eigentlichen Ursachen der psychischen Gesundheitskrise seien gesellschaftliche Missstände wie Rassismus, Sexismus und wirtschaftliche Notlagen sowie möglicherweise langfristige Folgen der Finanzkrise von 2008.
- Das passt jedoch nicht zu den Fakten:
- In den 2000er-Jahren blieben die Raten von Angststörungen und Depressionen weitgehend stabil und stiegen erst 2012 stark an; warum dies erst vier Jahre nach der Finanzkrise geschah, bleibt unerklärt.
- Es erklärt auch nicht, warum es im gleichen Zeitraum ähnliche Anstiege in anderen englischsprachigen Ländern wie Kanada, Großbritannien, Australien und Neuseeland gab.
- Auch in den nordischen Ländern gab es im gleichen Zeitraum ähnliche Anstiege, obwohl dort viele der von Odgers genannten gesellschaftlichen Pathologien nicht in dieser Form bestehen.
- Das gleiche Phänomen wurde auch in vielen Ländern Westeuropas beobachtet.
- In der gesamten англо-amerikanischen Welt liegt die Suizidrate von Mädchen der Generation Z (nicht aber von Jungen) auf einem historischen Höchststand, was sich mit Odgers’ Theorie nicht erklären lässt.
- Wenn Odgers’ Erklärung zuträfe, müsste der Anstieg psychischer Erkrankungen bei Jugendlichen aus einkommensschwachen Haushalten stärker ausgefallen sein.
- Tatsächlich wurde jedoch kein Unterschied nach Einkommensniveau beobachtet; vielmehr war der Anstieg bei Jugendlichen aus einkommensstarken Haushalten sogar größer.
- Mit anderen Worten: Odgers’ alternative Erklärung ist (A) zeitlich innerhalb der USA nicht stimmig, (B) mit den Daten nach sozialen Schichten nicht vereinbar und (C) nicht in der Lage, das internationale Phänomen zu erklären.
Was ist jetzt zu tun?
- Eltern, Lehrkräfte und Gesetzgeber können angesichts anhaltend hoher Niveaus von Angst und Leid nicht länger warten.
- Wenn man Odgers’ Kausaltheorie akzeptiert, müsste die Lösung gesellschaftlicher Probleme Vorrang haben, doch sichtbare Effekte könnten Jahrzehnte dauern.
- Wenn man dagegen meine Theorie der „großen Neuverdrahtung der Kindheit“ akzeptiert, lassen sich sofort konkrete politische Maßnahmen umsetzen:
- Bis zur Highschool möglichst kein Smartphone nutzen (als Norm, nicht per Gesetz).
- Bis zum Alter von 16 Jahren möglichst keine sozialen Medien nutzen (unterstützt durch soziale Normen sowie Reformen von COPPA und dem Child Online Safety Act).
- Verbot von Handys in Schulen (mit Schließfächern oder Aufbewahrungstaschen).
- Förderung von Unabhängigkeit, freiem Spiel und Verantwortungsgefühl im realen Leben.
- Diese Reformen sind wichtig, weil sie die Jahre in Grund- und Mittelschule schützen. Sie kosten fast nichts und können parteiübergreifende Unterstützung gewinnen.
- Selbst wenn ich falsch liege, würden sie Kindern keinen irreversiblen Schaden zufügen. Sie würden sich nur besser auf den Unterricht konzentrieren und mehr Zeit draußen beim Spielen verbringen.
Meinung von GN⁺
- Zu diesem Thema scheint es weiterhin viel Streit zu geben. Den Einfluss sozialer Medien vollständig zu verneinen, ist zwar schwierig, aber es ist auch möglich, dass mehrere andere Faktoren zusammenwirken.
- Dennoch braucht es zum jetzigen Zeitpunkt die Suche nach den überzeugendsten und praktikabelsten Alternativen. Denn dass die psychischen Gesundheitsprobleme von Kindern ein ernstes Ausmaß erreicht haben, scheint klar.
- Auf gesellschaftliche Veränderungen insgesamt zu warten, dauert zu lange. Vorrangig erscheint daher, Normen zu entwickeln, die sich sofort im Bildungsbereich und in den Familien umsetzen lassen.
- Allerdings hätte reine Regulierung allein wohl ihre Grenzen. Es braucht ein tieferes Verständnis dafür, warum Kinder der Generation Z so stark von sozialen Medien angezogen werden und welche Bedürfnisse sie damit zu erfüllen versuchen.
- Entscheidend dürfte außerdem sein, die Kommunikation mit der älteren Generation zu verbessern und die freiwillige Mitwirkung der Kinder zu fördern. Wenn man nur auf Verbote und Sanktionen setzt, erntet man womöglich nur Widerstand.
- Langfristig müssten wohl auch die Art und Weise, wie Tech-Unternehmen ihre Dienste gestalten, sowie ein breiteres gesellschaftliches Umdenken unterstützt werden. Nur mit den Bemühungen einzelner Personen und Familien wird es nicht reichen.
1 Kommentare
Hacker-News-Meinungen
Zusammengefasst sind die Kernaussagen wie folgt:
Die jüngere Schwester Mitte 20 hat sich in den letzten Jahren zunehmend isoliert, verbringt die meiste Zeit am Handy und zeigt merkwürdiges Verhalten wie Schönheitsoperationen. Frühere Erfahrungen könnten dieses Verhalten beeinflussen, aber wer wenig Selbstbewusstsein hat, lässt sich leicht von dem mitreißen, was Influencer propagieren.
Vor 30 Jahren entschied der Oberste Gerichtshof, dass Internetzensur die Meinungsfreiheit unterdrücken kann. Wenn einem FB, IG oder TikTok nicht gefallen, muss man sie nicht benutzen. Wer jedoch Zensur fordert, versucht persönliche elterliche Entscheidungen zu einer landesweiten Entscheidung zu machen.
Durch Technologie und die Verlagerung vieler Dinge ins Remote-Format wird es immer schwieriger, zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen. Aus eigener Erfahrung mit Depressionen glaubt der Kommentator, dass Zeit in der Natur gut für die psychische Gesundheit ist.
Wenn der Staat Kindern die Nutzung von Social Media verbieten will, müsste er die Anonymität im Internet vollständig zerstören, ähnlich wie bei Chinas Firewall. Halbherzige Politik wäre eher noch schlimmer. Ein Kompromiss wäre die Durchsetzung über App Stores, aber der Verlust der Möglichkeit zum Sideloading wäre bedauerlich.
In der Jugend gab es unbegrenzten Zugang zu Breitbandinternet, aber keine Vergleichshölle wie Instagram. Wenn Kinder die Smartphone-Sucht ihrer Eltern sehen, merken sie die Heuchelei.
Es gibt zu wenig Kausalzusammenhänge oder Belege dafür, dass Verbote oder Beschränkungen von Social Media die Lage verbessern. Stattdessen könnte es nur wirtschaftliche, bildungsbezogene und soziale Schäden geben.
Für süchtig machende Infinite-Scroll-Plattformen braucht es Regulierung. Eine Nachricht wie „Du befindest dich auf einer süchtig machenden Plattform und eine Pause ist gut für deine psychische Gesundheit“ ließe sich leicht gesetzlich vorschreiben und könnte wirksam sein.
Die Mall-Kultur der 80er und 90er wurde durch Smartphones verdrängt, erlebt aber heute durch die jüngere Generation wieder einen Aufschwung. Das zeigt ein hoffnungsvolles Bild davon, dass sich Jugendliche vom Handy lösen und mit Freunden Zeit verbringen.