Der Zusammenhang zwischen Berufserfahrung und dem Werden zum Besserwisser
In jungen Jahren bekam ich verschiedenste Formen von Feedback, auch ohne darum zu bitten (z. B. Ärger von den Eltern oder Noten in Schulprüfungen). Doch je älter man wird, je mehr Berufserfahrung man sammelt und je höher die eigene Position ist, desto weniger Feedback bekommt man ganz automatisch.
Wenn man es aus der Perspektive derjenigen betrachtet, die Feedback geben, ist das eine ganz natürliche Veränderung. Denn es ist keineswegs leicht, jemandem Feedback zu geben, der älter ist als man selbst, mehr Erfahrung hat und in einer höheren Position steht. So wie es mehr Kraft kostet, einen Stein nach oben zu werfen, ist es nur natürlich, dass Feedback von unten weniger und schwächer wird, je weiter ich auf der Karriereleiter nach oben steige.
Plötzlich kam mir der Gedanke, dass Menschen, die diese Veränderung nicht wahrnehmen und ein bestimmtes Alter, Erfahrungsniveau oder eine bestimmte Position überschritten haben, mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem Besserwisser werden. Das Ausbleiben von negativem Feedback ist kein Garant dafür, dass man etwas gut macht, und doch verfällt man leicht – verbunden mit wachsendem Selbstvertrauen – der Illusion, alles richtig zu machen. Selbst wenn gelegentlich Feedback kommt, reagiert man defensiv, wodurch noch weniger Feedback zurückkommt. So versinkt man in der eigenen Welt und wird zum „Besserwisser“, ohne es selbst zu merken.
Wenn man dieses Problem erkennt, kann man dem Prozess des „Zum-Besserwisser-Werdens“ entgegenwirken. Wenn das Problem darin besteht, dass weniger Feedback bei mir ankommt, dann muss ich die Menge an Feedback eben wieder erhöhen. Mit anderen Worten: Wer sich nicht nur auf automatisch eintreffendes Feedback verlässt, sondern aktiv verschiedene Strategien zur Beschaffung von Feedback einsetzt, kann auch mit wachsender Erfahrung vermeiden, zu einem Besserwisser zu werden.
Warum wir Feedback brauchen
Letztlich holen wir uns Feedback, weil wir wichtige Probleme lösen und unsere zukünftige Leistung verbessern wollen. Wenn man den Wirkungsablauf von Feedback etwas genauer betrachtet, sieht er so aus:
- Handlung (Action): Ich sammle Meinungen zu meinem Verhalten und zu den Ergebnissen meines Handelns
- Output: Ich erstelle einen Aktionsplan für Veränderungen
- Mittel- bis kurzfristige Wirkung (Outcome): Meine Wahrnehmung und mein Verhalten verändern sich spürbar
- Langfristige Wirkung (Impact): Wichtige Probleme werden gelöst und die zukünftige Leistung verbessert sich.
So wie tägliche Überstunden nicht plötzlich die Produktzufriedenheit der Kunden steigern, garantiert eine „Veränderung von Wahrnehmung und Verhalten“ nicht zwangsläufig „Problemlösung und Leistungssteigerung“.
Aber bis zu dem Punkt, an dem ich durch Feedback meine Wahrnehmung und mein Verhalten verändere, liegt die Sache eindeutig in meinem Einflussbereich. Daher kann man die „Strategie, um effektiv Feedback zu erhalten“ durchaus auch als „Strategie zum Design einer Feedback-Schleife verstehen, die günstige Bedingungen dafür schafft, dass sich meine Wahrnehmung und mein Verhalten bedeutsam verändern“.
Zugleich gehört das Erhalten von Feedback im weiteren Sinne zur Informationsbeschaffung. Wenn das Sammeln bestimmter Informationen hilft, die „zukünftige Leistung zu verbessern“, kann man das ebenfalls als Feedback verstehen. Deshalb helfen effektive Methoden zur Informationsbeschaffung meist auch beim Design wirksamer Feedback-Schleifen.
Die 3x3-Matrix-Strategie, um effektiv Feedback zu erhalten
Ich habe versucht, Strategien zur effektiven Beschaffung von Feedback, also Strategien zum Design von Feedback-Schleifen, in zwei Dimensionen zu denken.
Die erste Dimension betrifft das Feedback selbst.
- Strategien, um die Menge des Feedbacks zu erhöhen, das bei mir ankommt
- Strategien, um die Qualität des Feedbacks zu verbessern, das bei mir ankommt
- Strategien, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass eingegangenes Feedback zu bedeutsamen Verhaltensänderungen führt, also die Wirksamkeit des Feedbacks zu steigern
Die zweite Dimension betrifft den Zeitpunkt von Wahrnehmung und Verhalten.
- Welche Wahrnehmung bzw. welches Verhalten ist vor dem Erhalt von Feedback nötig?
- Welche Wahrnehmung bzw. welches Verhalten ist während des Erhalts von Feedback nötig?
- Welche Wahrnehmung bzw. welches Verhalten ist nach dem Erhalt von Feedback nötig?
Verknüpft man diese beiden Dimensionen, entsteht eine 3x3-Matrix.
Ich hatte das Gefühl, dass schon allein dieses Denkraster meinen Blick erweitert und mir einen deutlichen Vorteil dabei verschafft hat, effektiver Feedback zu erhalten. Im nächsten Beitrag werde ich dann ernsthaft Strategien vorstellen, die sich aus meiner Erfahrung und auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse in die einzelnen Felder eintragen lassen.
Noch keine Kommentare.