ArVid: Die Technik, mit der Russen in den 90ern vier Festplatten auf ein einziges VHS-Band komprimierten
(jacobfilipp.com)Wie Russen in den 90ern vier Festplatten auf ein einziges VHS-Band bekamen
- 1995 war eine chaotische Zeit: Die Preise für Konsumgüter hatten sich im Vergleich zum Vorjahr verdreifacht, und manche Menschen wurden mit Eiern bezahlt.
- Westliche Technik wie Computer, Fernseher und Videorekorder überschwemmte Russland, ein starker Kontrast zur technologisch eingeschränkten Lage von 1989.
- Die Glücklichen mit einem Computer hatten 500-MB-Festplatten, die mit Software, Spielen und Dokumenten voll waren, und brauchten daher eine günstige Speicherlösung.
Einstieg mit diesem Gerät
- Die ArVid-ISA-Karte wird in ein „386“-PC-Mainboard eingebaut und enthält ein Kabel zum Anschluss an einen Videorekorder sowie eine glänzende Diode zum Empfang von Infrarotsignalen.
- Zum Paket gehörten 3½-Zoll-Disketten mit Software, Treibern und Dokumentation sowie gedruckte Unterlagen.
- Ebenfalls enthalten war ein spezielles Kabel zur Verbindung von Videorekorder und Computer; außerdem konnten handelsübliche VHS-Kassetten zur Datenspeicherung verwendet werden.
Den VCR-Fernbediener nachahmen
- Nach dem Einbau der ArVid-Karte in den PC und dem Anschluss des Videokabels musste die Karte so eingerichtet werden, dass sie den heimischen Videorekorder steuern konnte.
- ArVid steuert den Videorekorder, indem es dessen Fernbedienung nachahmt. Nutzer mussten der Karte die Infrarot-Fernbedienungssignale für Befehle wie „play“, „stop“ und „rewind“ „beibringen“.
Daten auf Band schreiben
- ArVid schreibt Datensegmente auf das Band und liest sie wieder ein, um das „tracking alignment“ des Videorekorders zu finden, und empfiehlt die optimale Spurposition.
- Wählt man Dateien am Computer aus und schreibt sie auf eine VHS-Kassette, wandelt die ArVid-Karte die Dateidaten in ein Videosignal um und sendet über den Infrarotsender den Befehl „Aufnahme starten“ an den Videorekorder.
- Nach Abschluss der Aufzeichnung spult ArVid das Band zurück und liest die Daten erneut ein, um sicherzustellen, dass kein wesentlicher Datenverlust aufgetreten ist.
Daten vom Band lesen
- Um Daten von einer VHS-Kassette auf den Computer zu übertragen, braucht man das Band und eine spezielle „Inhaltsverzeichnis“-Datei.
- Führt man die ArVid-Software im Lesemodus aus und wählt die vom Band herunterzuladenden Dateien aus, sendet das Gerät die Befehle „schneller Vorlauf“, „Rückspulen“ und „Wiedergabe“ an den Videorekorder und wandelt das Videosignal in digitale Daten um.
Verbesserte Backup-Qualität
- Das ArVid-Gerät und die Software sind sehr zuverlässig, doch für eine langfristig sichere Datenspeicherung auf VHS-Kassetten sind die Art des Videorekorders und die Qualität des Bandes entscheidend.
- Empfohlen werden Videorekorder mit schwererem Metallgehäuse, und VHS-Kassetten mit 180 Minuten Laufzeit gelten als die beste Wahl.
Technische Details
- Um Daten zuverlässig auf Band zu speichern, nutzt das Gerät nur den Helligkeitsanteil des Videosignals; Änderungen von Farbe und Ton werden für die Datenaufzeichnung nicht verwendet.
- ArVid verwendet den Fehlerkorrekturalgorithmus „Reed-Solomon with Interleaving“, um Fehler auf dem Band zu erkennen und zu korrigieren.
ArVid im praktischen Einsatz
Kapazität und Kosten – Vergleich mit anderen Optionen
- Auf einer einzelnen VHS-Kassette ließ sich eine enorme Datenmenge aufzeichnen, und das ArVid-System kostete etwa 80 US-Dollar.
- Im Vergleich zu anderen Speicheroptionen der damaligen Zeit bot ArVid ein erstaunliches Preis-Leistungs-Verhältnis.
Wie lange Daten auf Band halten
- VHS-Kassetten haben im Durchschnitt eine Lebensdauer von 10 bis 30 Jahren.
- Nutzer konnten Dateien, die 1994/1995 gespeichert worden waren, selbst 16 Jahre später noch fehlerfrei wiederherstellen.
Konkrete Einsatzfälle
- Das ArVid-Gerät wurde als Backup-Lösung für Daten verkauft und hauptsächlich genau dafür verwendet.
- VHS-Kassetten eignen sich nicht für wiederholtes Lesen und Schreiben; der ideale Einsatzfall ist „einmal schreiben und selten lesen“.
Produktverbesserungen im Lauf der Zeit
- Die ArVid-Karten wurden von 1993 bis zum Sommer 1998 produziert; in dieser Zeit wurde das Produkt deutlich verbessert.
- Hersteller von ArVid war „PO KSI“ mit Sitz in Selenograd, einem Zentrum der Mikroelektronikproduktion.
Software
- Die ArVid-Software konnte unter DOS, Windows (3.1, 3.11, 95, NT) und OS/2 laufen; außerdem gab es inoffizielle Ports für Linux und FreeBSD.
- Die Hauptbenutzeroberfläche ähnelt „Norton Commander“ und macht das Lesen und Schreiben von Dateien auf VHS-Kassetten einfach.
ArVid-Software-Repository
- Enthalten sind verschiedene ausführbare Dateien und Dokumentationen, mit denen Programmierer eigene Anwendungen auf Basis des Geräts entwickeln konnten.
GN⁺-Meinung:
- ArVid war eine innovative Lösung, die die technischen und wirtschaftlichen Einschränkungen der damaligen Zeit überwand und die Speicherung großer Datenmengen ermöglichte.
- Im Vergleich zu heutigen Cloud-Speichern wirkt diese Technik sehr primitiv, war unter den damaligen Bedingungen jedoch eine äußerst effiziente und wirtschaftliche Methode.
- Der Fall ArVid ist ein interessantes historisches Beispiel dafür, wie die Kreativität und Anpassungsfähigkeit der Nutzer mit der technischen Entwicklung Schritt hielten.
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