Der bipolare LISP-Programmierer
(marktarver.com)- Lisp ist technisch herausragend, wurde aber nie Mainstream und ist damit ein „großartiger Fehlschlag“.
- Der Autor sucht den Grund dafür weniger in der Sprache selbst als in den Neigungen der Menschen, die sich zu Lisp hingezogen fühlten.
- Diese Menschen besitzen oft außergewöhnliche Intelligenz und Originalität, neigen aber dazu, langweilige Abschlussarbeiten, Zusammenarbeit, Kompromisse und Ausdauer nicht zu ertragen.
- Lisp verstärkte ihre Kreativität, dehnte zugleich aber auch ihre Schwächen auf das gesamte Ökosystem aus.
Wie großartige Fehlschläger entstehen
- Lehrkräften mit langer Unterrichtserfahrung bleiben besonders die sehr brillanten oder die sehr schlechten Schüler im Gedächtnis.
- Manche Schüler gehören jedoch gleichzeitig in beide Kategorien.
- Bis zur Highschool gilt für sie meist:
- Sie erzielen mit wenig Aufwand Bestnoten,
- sie fangen erst im letzten Moment an und schaffen es trotzdem gut,
- und sie machen sich über Regeln und Formalitäten in der Schule lustig.
- Tatsächlich sind viele Regeln bloß formal, daher ist ihr Zynismus nicht völlig unbegründet.
- Das Problem ist, dass sie sich an leichte Erfolge gewöhnen und dadurch weder Beständigkeit noch das saubere Zu-Ende-Bringen lernen.
Der Kreislauf aus Vertiefung und Lähmung
- Wenn etwas ihr Interesse weckt, können sie sich für kurze Zeit erstaunlich intensiv hineinsteigern.
- Bald jedoch langweilen sie sich und geben die Arbeit auf, bevor sie sie beenden.
- Auf phasenweise manische Aktivität folgen Antriebslosigkeit und Rückzug.
- Der Autor nennt diese Neigung BBM (brilliant bipolar mind).
- „Bipolar“ ist hier weniger als strenge Diagnose zu verstehen, sondern eher als Metapher für den wiederkehrenden Wechsel zwischen Hochphasen und Einbrüchen.
Warum sie an der Universität scheitern
- Die Universität gibt zugleich mehr Freiheit und einen höheren Schwierigkeitsgrad.
- Sie glauben, wie in der Schulzeit allein mit Talent durchzukommen, doch ab einem bestimmten Punkt lassen sich Ergebnisse ohne stetige Anstrengung nicht mehr halten.
- Die Noten fallen, sie empfinden sich selbst als gescheitert und schaffen es dennoch nicht, ihre Gewohnheiten zu ändern.
- Statt des regulären Studiums verlieren sie sich mitunter in interessanten Nebenwegen.
- Gibt man ihnen allerdings die Freiheit, Projekte zu ihren eigenen Themen zu machen, leben sie plötzlich auf und liefern originelle Ergebnisse.
- Das Problem ist nur, dass diese Originalität wegen ihrer sonstigen Noten und ihres Rufs womöglich nicht angemessen gewürdigt wird.
Warum Lisp solche Menschen anzieht
- Lisp ist ein Werkzeug, das die intellektuellen Fähigkeiten des Einzelnen massiv verstärkt.
- Es erlaubt einer einzelnen Person, Ideen in einer Größenordnung schnell umzusetzen, die in anderen Sprachen kaum zu bewältigen wäre.
- Darum zieht es Menschen mit großen Visionen besonders stark an, Menschen, die die Absurditäten bestehender Vorgehensweisen hassen und auch allein viel erschaffen wollen.
- Dass die Lisp-Community in Bereichen wie Garbage Collection, Listenverarbeitung, Personal Computing und Windowing Pionierarbeit geleistet hat, hängt ebenfalls mit dieser Neigung zusammen.
Die Schwächen der Lisp-Community
- Lisp macht es zu leicht, Ideen zu implementieren.
- Dadurch entstehen leicht Haltungen wie:
- „Bei mir funktioniert es.“
- „Ich verstehe es, also reicht das.“
- „Dokumentation und Aufräumen sind ein Problem für später.“
- Tatsächlich gab es im Lisp-Ökosystem viele ähnliche Werkzeuge, aber
- es fehlte an Dokumentation,
- es gab viele Bugs,
- und die Wartung brach oft irgendwann ab.
- Jeder entwickelte seine eigene Lösung, doch darin, daraus eine gemeinsame stabile Grundlage zu machen, war man schwach.
Der Kontrast zum C/C++-Lager
- In C/C++ ist es schwierig, große Systeme im Alleingang zu bauen.
- Dadurch werden ganz natürlich
- Zusammenarbeit,
- Arbeitsteilung,
- Dokumentation,
- Wartung
notwendig.
- Paradoxerweise fördert gerade die Umständlichkeit der Sprache organisierte Kooperation.
- Aus Sicht von Arbeitgebern ist ein Team durchschnittlicher Entwickler, die kommunizieren und Wissen übergeben können, sicherer als ein einzelnes instabiles Genie.
Der Zusammenprall von Idealismus und Realität
- BBM erkennt die Verlogenheit, Irrationalität und Kompromisshaftigkeit von Institutionen und Märkten sehr schnell.
- Das Problem ist, dass diese Menschen nicht darauf vorbereitet sind, das auszuhalten oder produktiv zu nutzen.
- Die Lisp-Maschine wollte technisch das „Richtige“ bauen, ignorierte dabei jedoch die Realität von Markt und Plattformen.
- So führte technische Reinheit letztlich zu ökosystemischer Isolation.
- Der Autor sieht darin das zentrale Beispiel für das Scheitern von Lisp.
Depression und Selbstverneinung
- In der Lisp-Community existieren starkes Selbstbewusstsein und tiefer Pessimismus nebeneinander.
- Man ist überzeugt davon, wie überlegen Lisp ist, verzweifelt aber zugleich daran, dass sich in der Realität am Ende doch einfachere und schlechtere Technologien durchsetzen werden.
- Richard Gabriels „Lisp: Good News, Bad News, How to Win Big“ und „Worse is Better“ zeigen diese Ambivalenz sehr deutlich.
- Obwohl die Probleme lösbar wären, wirkt in Phasen des Niedergangs plötzlich alles so, als sei es bereits vorbei.
Fazit
- Das Problem von Lisp liegt weniger in Lisp selbst als in der Denkweise und Kultur, die es umgeben.
- Mit außergewöhnlicher Vision und Originalität allein lässt sich kein Erfolg erzielen.
- Um daraus reale Ergebnisse zu machen, braucht es
- Abschlussfähigkeit
- Dokumentation
- Zusammenarbeit
- Wartung
- Kompromisse mit der Realität
- Letztlich ist Lisp also weniger eine Sprache, die wegen ihrer Mängel scheiterte, als ein Beispiel dafür, dass herausragende Menschen ihre Stärken nicht in eine nachhaltige Form organisieren konnten.
- Deshalb ist die letzte Antwort des Autors paradox: Mit Lisp ist nichts falsch. Das Problem ist, was die Menschen daraus machen.
Noch keine Kommentare.