- Für Datensouveränität und eine vereinfachte GDPR-Compliance wurde ein Startup vollständig auf europäischer Infrastruktur aufgebaut, in der Praxis gab es jedoch mehr Reibung und Einschränkungen als erwartet
- Die zentrale Infrastruktur besteht aus Hetzner, Scaleway, Bunny.net, Nebius und Hanko, die jeweils Compute-, Storage-, CDN-, AI- und Authentifizierungsfunktionen übernehmen
- Für Self-Hosting werden Gitea, Plausible, Twenty CRM, Infisical und Bugsink mit Kubernetes und Rancher betrieben, um die Datenkontrolle zu sichern
- Schwierig waren vor allem Services für transaktionale E-Mails, GitHub-Alternativen und Preise für Domain-TLDs, da Ökosystem und Support im Vergleich zu US-Diensten schwächer sind
- In einigen Bereichen bleibt die Abhängigkeit von den USA unvermeidlich, etwa bei Google Ads, dem Apple Developer Program, Social Login und AI-Modellen; „Made in EU“ erfordert also weiterhin eine bewusste Entscheidung
Hintergrund zum Aufbau eines Startups auf europäischer Infrastruktur
- Das Ziel war, sich von US-Hyperscalern wie AWS zu lösen und Datensouveränität zu gewinnen
- Motivation waren eine einfachere GDPR-Compliance und Vertrauen in das europäische Tech-Ökosystem
- Dazu kam der Anspruch zu zeigen, dass „es auch in Europa gut möglich ist“
- Europäische Infrastrukturunternehmen bieten reale Produkte und wettbewerbsfähige Services an
Verwendeter Tech-Stack
- Hetzner: zentrale Compute-Infrastruktur mit Load Balancern, VMs und S3-kompatiblem Object Storage
- Preislich sehr wettbewerbsfähig gegenüber AWS, bei stabiler Performance
- Scaleway: ergänzt Bereiche, die Hetzner nicht abdeckt
- Bietet integriert transaktionale E-Mails, Container Registry, zusätzliche S3-Buckets, Monitoring und Domain-Registrierung
- Bunny.net: ein in Slowenien ansässiges Unternehmen, das CDN, DNS, Bildoptimierung, WAF und DDoS-Schutz bereitstellt
- Ähnliche Nutzungserfahrung wie Cloudflare, mit sehr gutem Dashboard
- Nebius: bietet in Europa GPU-basierte AI-Inferenzdienste an
- Hanko: deutscher Dienst für Authentifizierung und Identity Management mit Unterstützung für Passkeys, Social Login und User Management
Self-Hosting-Umgebung
- Betrieb eines Kubernetes-Clusters mit Rancher als Zentrum
- Gitea (Source Code Management), Plausible (Analytics), Twenty CRM, Infisical (Secret Management) und Bugsink (Error Tracking) werden selbst gehostet
- Der Verwaltungsaufwand ist höher als bei SaaS, dafür sind Kontrolle über den Datenstandort und die Vermeidung von Preis- und Übernahmerisiken möglich
- Für E-Mail wird Tutanota, für Monitoring UptimeRobot genutzt
Bereiche, die schwieriger waren als erwartet
- Services für transaktionale E-Mails: Gegenüber Sendgrid, Postmark und Mailgun fallen europäische Alternativen bei Preis, Zustellrate und Developer Experience zurück
- Scaleway TEM ist nutzbar, aber Templates, Integrationen und Community-Support sind begrenzt
- Weg von GitHub: Die Git-Funktionen von Gitea sind stark, aber das fehlende Ökosystem rund um Actions, Issues und CI/CD-Integration erfordert Umstellungen
- Man verliert dabei GitHub-Workflows und das soziale Netzwerk rund um die Plattform
- Preise für Domain-TLDs: Einige TLDs sind bei europäischen Registraren 2- bis 3-mal teurer, ohne klaren Grund
Unvermeidbare Abhängigkeiten von den USA
- Google Ads, Apple Developer Program: Für User-Akquise und App-Distribution unverzichtbar
- In Europa fehlen Alternativen bei App Stores und Werbenetzwerken
- Social Login: „Sign in with Google/Apple“ ist eine Erwartung der Nutzer, und ohne diese Option sinken die Conversion-Raten
- Mit Hanko kann die Authentifizierungsschicht in Europa bleiben, aber OAuth-Flows laufen dennoch über US-Server
- AI-Modelle: Aktuelle Spitzenmodelle wie Claude gehören US-Unternehmen wie Anthropic
- Open-Weight-Modelle lassen sich in Europa betreiben, Frontier-Modelle erfordern aber weiterhin US-APIs
Fazit: Wertvoll, aber eine schwierige Entscheidung
- Gegenüber AWS gibt es Kostenvorteile und mehr Klarheit über den Datenstandort
- Aufbau und Betrieb erfordern jedoch mehr Zeit und Aufwand
- Dokumentation, Community und Support-Ökosystem sind vergleichsweise schwach
- Das europäische Infrastruktur-Ökosystem wächst schnell, verlangt aber weiterhin bewusste Entscheidungen und zusätzlichen Einsatz
- „Made in EU“ ist nicht nur ein Slogan, sondern eine Realität, die technische und operative Entschlossenheit erfordert
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