- Es wurde bestätigt, dass Starkbremsereignisse (HBE) eine statistisch signifikante positive Korrelation mit der Unfallhäufigkeit auf realen Straßenabschnitten aufweisen
- Bestehende polizeiliche Unfallstatistiken sind zwar ein spärlicher und verzögerter Indikator, HBE liefern jedoch kontinuierliche und hochdichte Daten
- Die Analyse von 10 Jahren Daten aus Kalifornien und Virginia zeigte, dass die Zahl der Straßenabschnitte, auf denen HBE beobachtet wurden, 18-mal höher ist als die der Abschnitte mit gemeldeten Unfällen
- Durch Regressionsanalyse wurde eine konsistente Korrelation zwischen HBE-Häufigkeit und Unfallrate nachgewiesen, selbst unter Kontrolle von Variablen wie Verkehrsaufkommen, Straßentyp, Steigung und Änderungen der Fahrstreifenzahl
- Die Studie wurde vom Mobility AI Team von Google Research durchgeführt. Die HBE-Daten werden in Roads Management Insights der Google Maps Platform integriert und für ein proaktives Verkehrssicherheitsmanagement genutzt
Grenzen der bisherigen Bewertung der Verkehrssicherheit
- Die Bewertung der Verkehrssicherheit stützte sich traditionell auf polizeiliche Unfallstatistiken
- Diese Daten gelten als „Goldstandard“, da sie direkt mit Todesfällen, Verletzungen und Sachschäden verknüpft sind
- Unfalldaten sind jedoch ein spärlicher und verzögerter Indikator, was ihre Eignung für prädiktive Modellierung einschränkt
- Die regionalen Meldestandards unterscheiden sich, und auf manchen Straßen tritt nur alle paar Jahre ein Unfall auf
- Daher wird ein „Frühindikator“ benötigt, der häufiger als Unfälle auftritt und dennoch mit Sicherheit korreliert
Definition und Nutzung von Starkbremsereignissen (HBE)
- HBE werden als Ausweichmanöver definiert, die auftreten, wenn die Verzögerung in Fahrtrichtung mindestens -3m/s² beträgt
- HBE werden auf Basis von Connected-Vehicle-Daten erfasst und sind dadurch skalierbarer als proximitätsbasierte Indikatoren, die feste Sensoren benötigen
- Das Forschungsteam nutzte anonymisierte und aggregierte HBE-Daten von der Android Auto-Plattform und kombinierte sie für die Analyse mit öffentlichen Unfalldaten aus Virginia und Kalifornien
- Das Ergebnis zeigte eine signifikante positive Korrelation zwischen HBE-Häufigkeit und Unfallrate über alle Schweregrade von Unfällen hinweg
Analyse der Datendichte
- Ein Vergleich von 10 Jahren öffentlicher Unfalldaten mit HBE-Daten ergab, dass die Zahl der Straßenabschnitte mit beobachteten HBE 18-mal höher ist als die Zahl der Abschnitte mit gemeldeten Unfällen
- Während es bei Unfalldaten in manchen Regionen Jahre dauern kann, überhaupt ein einzelnes Ereignis zu beobachten, liefern HBE einen kontinuierlichen, hochdichten Datenstrom
- Dadurch helfen sie, Datenlücken in Straßen-Sicherheitskarten zu schließen
Statistische Validierung
- Das Forschungsteam überprüfte die Beziehung zwischen HBE-Häufigkeit und Unfallrate mit einem Negative-Binomial-Regression-Modell
- Dieses Verfahren ist ein Standardansatz im Highway Safety Manual (HSM)
- Das Modell kontrollierte Störfaktoren wie Verkehrsaufkommen, Straßenlänge, Straßentyp, Steigung, Vorhandensein von Rampen und Änderungen der Fahrstreifenzahl
- Im Ergebnis zeigte sich in beiden Bundesstaaten: Je höher die HBE-Häufigkeit auf einem Straßenabschnitt, desto höher die Unfallrate
- Besonders Abschnitte mit Rampen wiesen in beiden Regionen ein erhöhtes Unfallrisiko auf
Fallstudie: Hochriskanter Einfädelungsabschnitt
- Analysiert wurde ein Einfädelungsabschnitt zwischen Highway 101 und 880 in Kalifornien
- Die HBE-Rate auf diesem Abschnitt war 70-mal höher als auf einer durchschnittlichen Autobahn, und es kam etwa alle sechs Wochen zu einem Unfall
- Der Abschnitt gehört nach HBE-Häufigkeit zu den obersten 1% und konnte auch ohne 10-jährige Unfallhistorie als Risikobereich identifiziert werden
- Das belegt, dass HBE ein verlässlicher Proxy-Indikator zur frühen Erkennung hochriskanter Abschnitte auch ohne langfristige Unfalldaten sind
Praktische Anwendung und Skalierung
- Durch die Validierung von HBE werden Sensordaten zu einem verlässlichen Werkzeug für Verkehrssicherheit
- Das Mobility AI Team von Google Research integriert diese Daten in Roads Management Insights der Google Maps Platform
- Verkehrsbehörden können mit anonymisierten, hochdichten Daten eine schnellere und breiter angelegte Bewertung der Straßensicherheit durchführen
- Dieser Ansatz ermöglicht es, Risikobereiche auf Basis von Frühindikatoren zu identifizieren, ohne auf Unfallhistorien angewiesen zu sein
Zukünftige Forschungsrichtungen
- Es wurde bestätigt, dass HBE ein starker Frühindikator für Unfallrisiken sind; künftig soll das Signal jedoch durch Verringerung der Datensparsamkeit und räumliche Clusterbildung weiter verfeinert werden
- Langfristig ist das Ziel der Übergang zu konkreten Infrastrukturmaßnahmen wie Anpassung von Ampelschaltungen, Verbesserung der Beschilderung und Änderungen am Design von Einfädelungsspuren
Gemeinsame Forschung und Danksagung
- Die Studie wurde als gemeinsame Arbeit von Forschenden von Google und Virginia Tech durchgeführt
- Beteiligt waren Shantanu Shahane, Shoshana Vasserman, Carolina Osorio, Yi-fan Chen, Ivan Kuznetsov, Kristin White, Justyna Swiatkowska und Feng Guo
- Aurora Cheung, Andrew Stober, Reymund Dumlao und Nick Kan trugen zur praktischen Anwendungsphase der Forschung bei
1 Kommentare
Hacker-News-Kommentare
Ich habe einen Dongle zur Erfassung des Fahrverhaltens verwendet, den mir meine Versicherung für den OBD2-Port gegeben hat.
Anfangs ging ständig der Alarm für „starkes Bremsen“ los, und ich wusste nicht warum, aber am Ende wurde mir klar, dass mich das Gerät tatsächlich trainiert hat.
Der Grund war nicht die Geschwindigkeit, sondern zu wenig Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug. Ich bin zu dicht aufgefahren, deshalb kam es häufig zu starkem Bremsen.
Während ich das Gerät installiert hatte, gewöhnte ich mir ganz natürlich an, mehr Abstand zu halten, und auch der Fahrkomfort wurde besser. Die Versicherungsprämie blieb zwar gleich, aber die Unfallwahrscheinlichkeit dürfte gesunken sein.
Wenn jemand vor einem einschert, nimmt man Tempo raus, und in die Lücke fährt gleich das nächste Auto ein … das wiederholt sich die ganze Pendelstrecke über.
Auf Stadtstraßen ist es anders, aber auf der Autobahn ist die Verkehrsdichte das Problem.
Dadurch hatte ich genug Zeit zum Abbremsen und konnte den Unfall vermeiden.
Nachdem ich dieses Diagramm gesehen hatte, hat sich meine Sicht auf das Abstandhalten komplett geändert.
Am Ende habe ich es bereut, meine Fahrdaten weitergegeben zu haben.
Forschung zu Verkehrsunfällen ist sehr wertvoll, aber selten.
Wir sehen Verkehrsunfälle meist nur als individuelles Versagen, während man bei Flugunfällen nach systemischen Ursachen sucht.
Selbst bei Pilotenfehlern wird analysiert, warum dieser Fehler passieren konnte. Auf der Straße hingegen bleibt die Umgebung oft unverändert, selbst wenn sich derselbe Unfall wiederholt.
Bei Verkehrsunfällen ist meist eine einzelne Person, die Regeln verletzt, die Ursache.
Trotzdem untersucht das NTSB gelegentlich auch Autounfälle aus systemischer Perspektive.
Was ich nach täglich anderthalb Stunden Pendeln gelernt habe, ist, dass es wichtig ist, den Verkehr möglichst „laminar“ fließend zu halten.
Starkes Bremsen wandelt Energie in Wärme um und erzeugt chaotische Wellen, die sich bis zu den nachfolgenden Autos fortpflanzen.
Deshalb versuche ich, die Geschwindigkeit so sanft wie möglich zu regeln.
Sie sehen darin etwas, das nur Platz wegnimmt und die Durchschnittsgeschwindigkeit senkt.
Tatsächlich entstehen Staus durch die Aufsummierung kleiner Fehler.
Der maximale Durchsatz einer Straße wird durch den Abstand zwischen den Fahrzeugen (in Zeit) bestimmt. Bei 2 Sekunden Abstand sind das 0,5 Fahrzeuge pro Sekunde; wenn der Abstand größer wird, sinkt der Durchsatz.
In der Versicherungsbranche gilt starkes Bremsen schon lange als starker Indikator für Unfallrisiko.
Cambridge Mobile Telematics hat eine App entwickelt, die beim starken Bremsen während der Fahrt einen Signalton ausgibt. Schon allein diese Benachrichtigung führt zu Verhaltensänderungen.
Die Ursachen sind verschieden, aber beides lässt sich nutzen.
Letztlich könnte das Entscheidende sein, sich defensives Fahren insgesamt anzugewöhnen.
An Googles aktueller Forschung ist interessant, dass sie einen Wechsel von fahrerzentrierten Daten zu infrastrukturzentrierten Daten darstellt.
Die Innovation liegt darin, starkes Bremsen nicht als Indikator für individuelles Risiko, sondern als Indikator für Straßenrisiko zu betrachten.
Ich halte Google Maps immer noch für eines der technisch beeindruckendsten Big-Tech-Produkte überhaupt.
Aus Nutzerdaten lassen sich nicht intuitive Erkenntnisse wie Menschenansammlungen oder Straßenrisiken gewinnen.
Ich halte Google für ein gutes Beispiel dafür, Daten verantwortungsvoll zu nutzen.
Unternehmen wie Google haben mehr als genug Geld verdient und sollten die Daten offenlegen, um der Gesellschaft etwas zurückzugeben.
Manche meinen, diese Forschung liefere in Wirklichkeit keine neuen Erkenntnisse.
Zum Beispiel galt die Kreuzung 880/101 in San Jose bei Anwohnern schon lange als schlimmste Kreuzung der Gegend.
Das Problem ist nicht fehlende Daten, sondern physische Beschränkungen und administrative Grenzen.
Google nennt das Machine Learning, aber in Wirklichkeit wirkt es eher wie Werbung.
Verwandte Artikel und Links zu bestehenden Datenanbietern: Mercury News, TomTom, Inrix, StreetLight
Daten zu starkem Bremsen sind viel umfangreicher und unmittelbarer als Unfalldaten.
Zum Beispiel könnten sie Kreuzungen erkennen, an denen häufig Unfalltrümmer liegen, und dort vorsichtiger fahren.
Ich frage mich, warum die Autobahndaten aus Virginia anders aussehen als die aus anderen Bundesstaaten.
Das könnte an kulturellen Unterschieden oder politischen Faktoren liegen, oder die Daten sind schlicht falsch dargestellt.
Es wäre gut, wenn während der Fahrt eine Gefahren-Heatmap im HUD angezeigt würde.
Normalerweise grün, und in gefährlichen Abschnitten würde sie rot werden.
Bei dauerhaften Gefahren braucht es physische Beschilderung oder Straßenverbesserungen.
Wenn es tatsächlich so eine Karte mit Indikatoren für Gefahrenabschnitte gäbe, würde ich sie beim Fahren in unbekannten Gegenden unbedingt nutzen.
Auf Strecken, die man oft fährt, kennt man die Gefahrenstellen, aber auf Straßen, die man zum ersten Mal fährt, sind visuelle Hinweise eine große Hilfe.