- Wenn Licht in der Atmosphäre auf Stickstoff- und Sauerstoffmoleküle trifft und gestreut wird, wird kurzwelliges blaues Licht viel stärker in alle Richtungen verteilt als andere Farben
- Dieses Phänomen hängt mit der Resonanzfrequenz der Elektronenwolke der Moleküle zusammen und ist das Ergebnis der Rayleigh-Streuung, bei der die Streuung bei kürzeren Wellenlängen stärker wird
- Violettes Licht wird zwar noch stärker gestreut, aber das menschliche Auge ist dafür weniger empfindlich, und ein Teil wird von der Ozonschicht absorbiert, weshalb der Himmel blau erscheint
- Bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang durchquert das Licht mehr Atmosphäre, sodass das blaue Licht größtenteils gestreut und entfernt wird und nur rotes Licht übrig bleibt, wodurch der Himmel rot erscheint
- Diese Prinzipien erklären auch die Unterschiede bei den Farben planetarer Atmosphären auf Erde, Mars, Jupiter und anderen Planeten; je nach Teilchengröße unterscheidet man Rayleigh-, Mie- und geometrische Streuung
Grundprinzipien von Licht und Farbe
- Die Farbe eines Gegenstands wird durch die Kombination der Wellenlängen der Photonen bestimmt, die ins Auge gelangen
- In den meisten Fällen trifft eine Mischung aus Licht verschiedener Wellenlängen ein, und das Gehirn nimmt dies als eine einzige Farbe wahr
- Türkis kann zum Beispiel sowohl als einzelne Wellenlänge um 500nm als auch als Kombination aus 470nm und 540nm wahrgenommen werden
- Wenn Sonnenlicht auf die Atmosphäre trifft, passieren die meisten Farben sie, aber blaue Photonen werden in viele Richtungen gestreut und verteilen sich über den ganzen Himmel
- Deshalb gelangt bei klarem Tageshimmel aus nahezu jeder Blickrichtung blaues Licht in unsere Augen
Warum blaues Licht besonders ist
- Blaues und violettes Licht liegen den Resonanzfrequenzen der Elektronenwolken von Stickstoff- (N₂) und Sauerstoffmolekülen (O₂) am nächsten
- Wenn ein Photon an einem Molekül vorbeizieht, schwingt die Elektronenwolke mit derselben Frequenz; je näher am Resonanzpunkt, desto größer die Amplitude
- Je stärker diese Schwingung ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Photon nicht geradeaus weiterfliegt, sondern gestreut wird
- Die Streustärke ist proportional zur vierten Potenz der Frequenz, weshalb hochfrequentes Licht (kurze Wellenlänge) viel stärker gestreut wird
- Violettes Licht wird etwa 10-mal stärker gestreut als rotes
- Dass der Himmel trotzdem nicht violett erscheint, liegt daran, dass das menschliche Auge eine geringe Empfindlichkeit für Violett hat und ein Teil der UV-Strahlung von der Ozonschicht absorbiert wird
Der rote Himmel bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang
- Wenn die Sonne tief steht, legt das Licht einen etwa 40-mal längeren Weg durch die Atmosphäre zurück
- Dabei werden blaues und grünes Licht größtenteils herausgestreut, sodass nur das weniger stark gestreute rote Licht übrig bleibt
- Deshalb erscheint der Himmel in der Abenddämmerung und im Morgengrauen rot
Warum Wolken weiß sind
- Wolken bestehen aus Wassertröpfchen mit einer Größe von etwa 0,02mm, also Teilchen, die viel größer sind als Moleküle
- Jedes Tröpfchen reflektiert und bricht wie ein Prisma Licht aller Wellenlängen in viele Richtungen
- Da Abermilliarden Tröpfchen alle Farben verstreuen, erscheinen Wolken weiß oder grau
- Dieses Prinzip gilt auch für größere Partikel wie Regen, Schnee und Hagel, die ebenfalls zu einem weißen Erscheinungsbild neigen
Der rote Himmel auf dem Mars und blaue Sonnenuntergänge
- In der Marsatmosphäre gibt es viel feinen, eisenhaltigen Staub, der blaues Licht absorbiert und rotes Licht streut
- Feste Partikel absorbieren Licht verschiedener Wellenlängen und besonders stark im violetten und ultravioletten Bereich
- Das liegt daran, dass Elektronen in den Staubmolekülen durch Photonen hoher Energie (violett/ultraviolett) angeregt werden können
- Umgekehrt wirkt der Sonnenuntergang auf dem Mars blau, weil der Staub blaues Licht nach vorn streut
- Rotes Licht wird in größeren Winkeln gestreut und verteilt sich über den umliegenden Himmel, während blaues Licht in Sonnennähe konzentriert bleibt
Drei Prinzipien für die Farben planetarer Atmosphären
- Kleine Gasmoleküle → blaue/türkisfarbene Atmosphäre
- Beispiele: Erde (Stickstoff/Sauerstoff), Uranus und Neptun (Wasserstoff/Helium)
- Das tiefe Blau von Neptun und Uranus entsteht, weil Methan rotes Licht absorbiert
- Staub/Dunst → rote/orange/gelbe Atmosphäre
- Beispiele: Mars (Eisenoxidstaub), Titan (organischer Dunst), Venus (schwefelhaltiger Dunst)
- Wolken → weiße/graue Atmosphäre
- Beispiele: Erde (Wassertröpfchen), Venus (Schwefelsäurewolken), Mars (Wassereiswolken)
Vorhersage und Bestätigung der Jupiteratmosphäre
- Sagt man die Farbe der Jupiteratmosphäre mit einem einfachen Modell voraus, ergibt sich:
- Rötliche Bereiche: kein Staub aus einem flüssigen Kern, sondern chemischer Dunst
- Weiße Bereiche: Ammoniakeiswolken
- Blaugraue Bereiche: Streuung durch Wasserstoff- und Heliummoleküle
- Die tatsächlichen Beobachtungen der Galileo-Sonde stimmen damit überein und bestätigten trockene Wasserstoff-Helium-Schichten zwischen den Wolken
Drei Arten der Streuung
- Rayleigh-Streuung: wenn Teilchen viel kleiner als die Wellenlänge sind; kurze Wellenlängen (blaues Licht) dominieren
- Mie-Streuung: wenn die Teilchengröße in etwa der Wellenlänge entspricht; typisch für Staub und Dunst, mit starker Richtungsabhängigkeit
- Geometrische Streuung: wenn Teilchen viel größer als die Wellenlänge sind; Wolken und Eiskristalle reflektieren alle Farben
- Das relative Verhältnis von Teilchengröße und Wellenlänge bestimmt die Art der Streuung
- Bei längeren Wellenlängen nimmt die Streuung ab, weshalb Infrarotkameras durch Rauch sehen können
Fazit
- Die Farbe des Himmels lässt sich durch die Beziehung zwischen Teilchengröße und Lichtwellenlänge erklären
- Der blaue Himmel der Erde, der rote Himmel des Mars und der gelbe Himmel der Venus beruhen alle auf denselben Streuungsprinzipien
- Das Verständnis von Rayleigh-, Mie- und geometrischer Streuung ist entscheidend für die Modellierung planetarer Atmosphären und optische Technologien
1 Kommentare
Hacker-News-Kommentare
Die Anekdote über die mündliche Verteidigung einer Doktorarbeit aus Cliff Stolls The Cuckoo’s Egg blieb besonders hängen.
Ein Professor stellte die einfache Frage: „Warum ist der Himmel blau?“ – und daraus entwickelte sich schließlich eine tiefgehende Untersuchung bis hin zur Quantenmechanik.
Menschen mit Farbenblindheit, insbesondere Tritanopie, können Blau überhaupt nicht wahrnehmen. In diesem Sinn hängt Farbwahrnehmung nicht nur von physikalischen Phänomenen ab, sondern auch von menschlicher Physiologie und Sprache.
Zum Beispiel kann man bei der Frage „Wie funktioniert Java?“ von der Interpretation von Bytecode in der JVM aus immer tiefer graben.
Interessant ist, dass die meisten blauen Schmetterlinge in Wirklichkeit nicht durch Pigmente blau sind, sondern durch strukturelle Reflexion von Licht blau erscheinen.
Die feinen Rillen auf der Flügeloberfläche reflektieren bestimmte Wellenlängen und erzeugen so das Blau; wenn die Flügel nass werden oder man den Winkel verändert, verschwindet diese Farbe.
Oder vielleicht haben Menschen seit jeher blaue Schmetterlinge gesammelt und als Pigment verwendet, ähnlich wie Tyrian purple.
Auch blaue Augen enthalten übrigens kein Pigment, sondern erscheinen durch Rayleigh-Streuung blau.
Auch die Diskussion über den grammatischen Gebrauch des Wortes „Scattering“ war interessant.
Im Englischen kann ein labiles Verb sowohl transitiv als auch intransitiv verwendet werden; „scatter“ ist dafür ein Beispiel.
Intransitive: Blue light scatters / Transitive: Molecules scatter blue light
Wenn man die Frage „Warum ist der Himmel blau?“ einfach erklären will, kann man sagen: weil die Luft blau ist.
Aus der Nähe betrachtet ist sie transparent, aber wenn genug Luft dazwischenliegt, tritt ein bläulicher Ton hervor. So wie trübes Wasser in kleinen Mengen klar erscheinen kann.
Deshalb ist die Formulierung „bläulich getönte Transparenz“ vielleicht genauer.
Würde man im Weltraum eine Säule aus Luft mit weißem Licht beleuchten, würde dieses Licht blau erscheinen.
Auch die Frage, warum der Himmel bei Sonnenuntergang nicht grün erscheint, war interessant.
Deshalb verläuft die Farbe eher von Rot → Orange/Gelb → schwaches Türkis → dunkles Blau.
Wenn man die Farbinterpolation in RGB versucht, wirken die Zwischenfarben eher braun, was dem tatsächlichen physikalischen Modell näherkommt.
Dass Poster am Fenster mit der Zeit bläulich ausbleichen, beruht auf demselben Prinzip.
Gelbe und rote Pigmente absorbieren blaues Licht und UV-Licht, dabei werden Molekülbindungen aufgebrochen, und das relativ verbleibende Blau hält länger an.
Wer „Warum ist der Himmel blau?“ direkt umsetzen will, sollte einmal einen atmospheric shader in three.js bauen.
So lassen sich Lichtstreuung, Position des Beobachters und Zusammensetzung der Atmosphäre visuell nachvollziehen, und am Ende erhält man auch noch einen großartigen visuellen Effekt.
Viel deutlicher als eine bloße Erklärung zeigt der Mechanismus sich in Code, der tatsächlich Bilder erzeugt.
Dieses Niveau an wissenschaftlicher Begeisterung ist wirklich großartig.
Ich wünschte, mehr Menschen würden sich so für STEM-Themen interessieren. Genau darauf stützt sich schließlich die moderne Zivilisation.
Dass die Sonne bei hohem Stand gelblich erscheint, liegt daran, dass beim Durchgang durch die Atmosphäre kurze Wellenlängen teilweise gestreut werden und das verbleibende Licht deshalb gelb erscheint.
Es gab zwar auch den scherzhaften Kommentar, der Himmel sei blau, weil es so viele „DemocRats“ gebe, aber das hat mit der wissenschaftlichen Diskussion nichts zu tun.