- Gewaltfreie Widerstandsbewegungen weisen eine mehr als doppelt so hohe Erfolgsquote wie bewaffnete Kämpfe auf; wenn sich 3,5 % der Bevölkerung aktiv beteiligen, wurde kein Fall des Scheiterns beobachtet
- Eine Analyse von 323 Bewegungen zwischen 1900 und 2006 ergab für gewaltfreie Bewegungen eine Erfolgsquote von 53 %, für gewaltsame Bewegungen 26 %
- Gewaltfreie Bewegungen haben etwa viermal so viele Teilnehmende wie gewaltsame Bewegungen und können durch die Einbindung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen die Funktionsfähigkeit der Gesellschaft lahmlegen
- Bewegungen, die den Schwellenwert von 3,5 % überschritten, sind etwa die philippinische People Power, die estnische Singing Revolution und die georgische Rose Revolution
- Die Studie zeigt, dass gewaltfreier Widerstand das wirksamste Mittel ist, politischen Wandel herbeizuführen, und großen Einfluss auf moderne Strategien sozialer Bewegungen hat
Erfolgsquote gewaltfreien Widerstands und die 3,5-%-Regel
- Laut der Studie sind gewaltfreie Proteste mehr als doppelt so erfolgreich wie bewaffnete Kämpfe
- Unter 323 Fällen zwischen 1900 und 2006 lag die Erfolgsquote gewaltfreier Bewegungen bei 53 %, die gewaltsamer Bewegungen bei 26 %
- Erfolg wurde definiert als Zielerreichung innerhalb eines Jahres nach dem Höhepunkt der Bewegung sowie ein direkter Kausalzusammenhang
- Bewegungen, an denen sich 3,5 % der Bevölkerung aktiv beteiligten, waren ausnahmslos erfolgreich
- Dieses Phänomen wird als „3,5-%-Regel“ bezeichnet; eine Beteiligung der Bevölkerung ab einer bestimmten Größenordnung garantiere Systemveränderungen
- Die philippinische People Power, die estnische Singing Revolution und die georgische Rose Revolution gelten als repräsentative Beispiele
Hintergrund und Methode der Studie
- Die Harvard-Politikwissenschaftlerin Erica Chenoweth stand der Wirkung gewaltfreier Bewegungen zunächst skeptisch gegenüber
- Während ihrer Terrorismusforschung nahm sie an einem Workshop des International Center on Nonviolent Conflict (ICNC) teil und entwickelte daraus ihr Interesse
- Chenoweth und Maria Stephan verglichen die Daten gewaltfreier und gewaltsamer Bewegungen von 1900 bis 2006 systematisch
- Regimewechsel durch ausländische Intervention wurden nicht als Erfolg gewertet
- Gewaltsame Bewegungen wurden als solche definiert, wenn sie physische Schäden wie Bombenanschläge, Entführungen oder die Zerstörung von Infrastruktur umfassten
Stärken gewaltfreier Bewegungen
- Die Breite und Vielfalt der Beteiligung ist ein Schlüsselfaktor gewaltfreier Bewegungen
- Im Durchschnitt nahmen an gewaltfreien Bewegungen 200.000 Menschen teil, an gewaltsamen 50.000
- Eine breite Beteiligung kann städtische Funktionen lahmlegen und Druck auf die Machteliten ausüben
- Moralische Überlegenheit und niedrige Einstiegshürden fördern die Ausweitung der Beteiligung
- Menschen können ohne Angst vor eigener Gewaltausübung teilnehmen
- Da weder Waffen noch geheime Organisationen nötig sind, ist eine offene Ausbreitung leichter möglich
- Auch die Wahrscheinlichkeit von Sympathie bei Polizei und Militär steigt
- Wenn Familienmitglieder oder Bekannte unter den Protestierenden sind, zögern Sicherheitskräfte eher bei der Repression
- Angesichts sehr großer Menschenmengen lässt der Wille zur Aufrechterhaltung des Regimes nach
Wichtige Strategien und Beispiele
- Der Generalstreik (general strike) gilt als eines der wirksamsten Mittel gewaltfreien Widerstands
- Er verursacht hohe persönliche Kosten, übt aber direkten Druck auf die gesamte Gesellschaft aus
- Auch Konsumentenboykotte werden als wirksame Beispiele genannt
- Während der Apartheid in Südafrika boykottierten Schwarze Bürger Produkte von Unternehmen in weißem Besitz
- Das führte letztlich zu einer wirtschaftlichen Krise der weißen Elite und trug zum Ende der Segregationspolitik bei
Bedeutung und Grenzen des 3,5-%-Schwellenwerts
- Auch gewaltfreie Bewegungen scheitern in 47 % der Fälle
- Ohne ausreichende Beteiligung oder Geschlossenheit können sie die Machtbasis nicht schwächen
- Beispiel: Antikommunistische Proteste im Ostdeutschland der 1950er Jahre scheiterten trotz einer Beteiligung von 2 % der Bevölkerung
- 3,5 % zu erreichen ist ein sehr schwieriges Ziel
- Bezogen auf Großbritannien wären das rund 2,3 Millionen Menschen, in den USA etwa 11 Millionen mit aktiver Beteiligung
- Die Analyse kommt jedoch zu dem Ergebnis, dass nur gewaltfreie Bewegungen eine Beteiligung in dieser Größenordnung aufrechterhalten können
Einfluss der Studie und heutige Anwendung
- Die Studie von Chenoweth und Stephan gilt seit ihrer Veröffentlichung 2011 als zentraler theoretischer Bezugspunkt der Forschung zu zivilem Widerstand
- Wissenschaftler wie Matthew Chandler von der University of Notre Dame und Isabel Bramsen von der Universität Kopenhagen erkennen ihren Einfluss an
- Auch die Einheit der Bewegung (unity) wird als weiterer Schlüsselfaktor für den Erfolg hervorgehoben
- Der Aufstand in Bahrain 2011 scheiterte an inneren Spaltungen
- Chenoweth richtet ihren Blick zuletzt auf moderne Bewegungen wie Black Lives Matter, Women’s March, Extinction Rebellion
- Sie verfolgen auf Basis gewaltfreier Strategien organisierte und bildungsorientierte Ansätze
Historische Neubewertung gewaltfreier Bewegungen
- Chenoweth betont, dass die Geschichtsschreibung zugunsten von Gewalt verzerrt ist
- Selbst verheerende Niederlagen in Kriegen würden als „Sieg“ dargestellt, während Erfolge friedlichen Widerstands übersehen würden
- Sie unterstreicht, dass gewöhnliche Bürgerinnen und Bürger im Alltag die Akteure sind, die die Welt verändern
- Erfolgsbeispiele gewaltfreier Bewegungen verdienen weit mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung
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