- Das „postamerikanische Internet“ skizziert eine neue Internetordnung jenseits der US-zentrierten Technologie-, Rechts- und Wirtschaftsordnung, in der einzelne Staaten digitale Souveränität und Interoperabilität zurückgewinnen können
- Die US-amerikanischen Antiumgehungsregelungen (anticircumvention) haben sich weltweit verbreitet und kriminalisieren das Modifizieren von Produkten oder die Herstellung von Interoperabilität durch Nutzer, wodurch die Freiheit des General-Purpose-Computing unterdrückt wird
- Der Handelskrieg und die Zollpolitik der Trump-Regierung hätten die bestehende Ordnung zerschlagen und damit Ländern die Chance eröffnet, sich aus der technologischen und rechtlichen Abhängigkeit von den USA zu lösen
- Der Autor argumentiert, dass Staaten wie die in Europa durch die Abschaffung von Antiumgehungsgesetzen und den Aufbau eines entamerikanisierten Technologie-Ökosystems die Monopolgewinne von Big Tech in eigene Innovation umleiten können
- Betont wird, dass durch eine Allianz aus Aktivisten, Unternehmern und Nationalsicherheitsexperten ein „neues gutes Internet“ auf Basis offener und auditierbarer Technologien aufgebaut werden müsse
Ursprung des Kriegs: General-Purpose-Computing und Antiumgehungsgesetze
- Abschnitt 1201 des Digital Millennium Copyright Act (DMCA) von 1998 in den USA stufte das Modifizieren digitaler Produkte ohne Herstellerfreigabe oder das Umgehen von Zugangskontrollen als Schwerverbrechen ein, das mit 5 Jahren Haft und 500.000 US-Dollar Geldstrafe geahndet werden kann
- Das Gesetz kriminalisierte damit sogar Fehleranalyse, Sicherheitsforschung und Reparaturen
- Danach verbreiteten sich ähnliche Regelungen weltweit, etwa durch Artikel 6 der EU-Urheberrechtsrichtlinie (2001)
- Über Freihandelsabkommen (FTA) zwangen die USA Australien, Kanada, Mexiko, Chile, Zentralamerika und allen anderen Handelspartnern Antiumgehungsklauseln auf
- Anhand eines Beispiels aus einem mittelamerikanischen Staat wird geschildert, wie die USA mit einem „Verbot von Kaffeeexporten“ drohten, um die Übernahme solcher Gesetze zu erzwingen
- Der Autor bezeichnet dies als eine „Struktur, mit der die USA die Extraktion von Daten und Gewinnen durch ihre eigenen Unternehmen legalisiert haben“
Die Trump-Ära und der „postamerikanische“ Übergang
- Trumps Zollpolitik habe das bisherige Freihandelssystem zerstört, sodass andere Länder keinen Grund mehr hätten, US-Forderungen zu folgen
- Veranschaulicht wird das mit dem Bild: „Wenn der Erpresser, der damit drohte, dein Haus niederzubrennen, es bereits angezündet hat, musst du ihm nicht länger gehorchen“
- Vergeltungszölle in Kanada und der EU werden als ineffiziente Reaktion kritisiert, die vor allem den eigenen Verbrauchern schade
- Als Alternative wird die Abschaffung von Antiumgehungsgesetzen vorgeschlagen
- Beispiel: Wenn Kanada das Gesetz abschafft, könnte es Firmware-Hacks zur Aufhebung von Reparaturbeschränkungen bei John-Deere-Traktoren legalisieren und an Landwirte weltweit verkaufen
- Wenn die EU Artikel 6 der Urheberrechtsrichtlinie abschafft, könnte ein finnischer Entwickler Hardware zum Jailbreaken von iPhones bauen und damit Apples 30-%-Gebührenmodell aufbrechen
Digitale Souveränität und neue Allianzen
- Der E-Mail-Blockadefall von Microsoft beim IStGH (Internationaler Strafgerichtshof) habe die Risiken der Abhängigkeit von US-Cloud-Diensten offengelegt
- Der CLOUD Act (2018) erlaubt es der US-Regierung, auch Daten aus Rechenzentren im Ausland anzufordern
- Das Eurostack-Projekt ist ein Versuch, Cloud-Funktionen von US-Big-Tech-Konzernen durch Open-Source-Alternativen und Rechenzentren innerhalb der EU zu ersetzen
- Für echte digitale Souveränität seien jedoch auch Werkzeuge für adversarial interoperability und die Abschaffung von Antiumgehungsgesetzen unverzichtbar
- Als dritte Allianzkomponente kommen Nationalsicherheitsexperten (natsec hawks) hinzu
- Hintergrund ist die Sorge über die politische Verwundbarkeit durch US-Plattformen, etwa die Möglichkeit von Dienstsperren durch eine Trump-Regierung
Technologiemonopole, KI und „Enshittification“
- KI und Automatisierung werden als Fantasie von Machthabern beschrieben, die von einer „Welt ohne Menschen“ träumen
- Tatsächlich produziere KI vor allem in großem Maßstab tech debt und hinterlasse nur unwartbaren Code
- Demgegenüber erreiche offene, gemeinsam getragene Software durch kollaborative Prüfung und Wartung Skaleneffekte
- Software müsse nicht als Vermögenswert, sondern als Verbindlichkeit betrachtet und das Risiko durch gemeinsame Pflege verteilt werden
- Enshittification wird als Form technologischen Verfalls definiert, die aus Interoperabilitätsverboten und Monopolstrukturen hervorgeht
- Um dem ein Ende zu setzen, ruft der Autor dazu auf, „die Produktionsmittel des Computings zu ergreifen (seize the means of computation)“
Europas und der Welt Chance
- Es werden Beispiele genannt, in denen Auto-, Medizin- und Bahnunternehmen in der EU Antiumgehungsgesetze missbraucht hätten
- darunter Volkswagens Dieselgate-Verschleierung, die Funktions-Abo-Modelle von BMW und Mercedes, Medtronics Sperre von Beatmungsgeräten und Newags Selbstblockade von Zügen
- Die Abschaffung solcher Gesetze wäre ein Schritt zur Zerschlagung dieser industriellen Betrugsstrukturen und zur Wiederherstellung von technologischer Innovation und Verbraucherrechten
- Wenn auch nur ein Land das Gesetz zuerst abschafft, könnte es weltweit als entamerikanisierter Technologieanbieter (Disenshittification Nation) aufsteigen
Fazit: Ein Internet der Hoffnung
- Eine „unaufhaltsame Allianz“ aus Aktivisten, Unternehmern und nationalen Sicherheitskräften baue bereits ein postamerikanisches Internet auf
- Ziel seien offene Infrastrukturen ohne Abhängigkeit von den USA oder China, auditierbarer Code und die Wiedergewinnung der Nutzerkontrolle
- Mit dem Satz „Hoffnung ist kein Optimismus, sondern Übung“ wird dazu aufgerufen, gemeinsam mit Digital-Rights-Organisationen (EFF, Netzpolitik, FSFE usw.) aktiv zu werden
- Der Autor sagt, die Tür habe sich „einen Spalt geöffnet“, und erklärt, dass ein neues gutes Internet im Anbruch sei
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