Waren klassische Statuen wirklich grauenhaft bemalt?
(worksinprogress.co)- Dass antike griechische und römische Statuen ursprünglich bemalt waren, ist bekannt, doch moderne rekonstruierte farbige Statuen werden oft als unschön empfunden
- Üblicherweise wird dies damit erklärt, dass sich der ästhetische Geschmack moderner Menschen von dem der Antike unterscheidet; der Text weist diese Hypothese jedoch zurück und nennt einen anderen Grund
- Darstellungen von Statuen in antiken Wandmalereien und Mosaiken zeigen feine und natürliche Farbtöne und unterscheiden sich damit grundlegend von den kräftigen Farben moderner Rekonstruktionen
- Der Autor argumentiert, dass die Rekonstruktionen hässlich wirken, weil sie schlecht bemalt wurden und nicht wegen einer von der Antike abweichenden Ästhetik
- Die Debatte wirft die Frage auf, wie verlässlich Restaurierungen antiker Kunst und moderne ästhetische Urteile sind
Die Schönheit antiker Skulptur und das Problem moderner Rekonstruktionen
- Antike griechisch-römische Skulptur und Malerei werden bis heute als Werke von hoher Vollendung angesehen
- Als Beispiele werden die Townley Venus im British Museum, der Ephebe von Antikythera und Wandmalereien aus Pompeji genannt
- Selbst in der Provinzstadt Pompeji wurden zahlreiche Kunstwerke von hoher Qualität gefunden
- Doch Statuen, deren ursprüngliche Farben rekonstruiert wurden, etwa in Vinzenz Brinkmanns Ausstellung Gods in Color, wirken auf heutige Betrachter grob und unnatürlich
- Als typisches Beispiel wird die Rekonstruktion der Augustusstatue von Prima Porta genannt
Die Grenzen der Theorie vom veränderten Geschmack
- Die gängige Erklärung lautet, dass sich seit der Renaissance eine Ästhetik des weißen Marmors etabliert habe und moderne Menschen farbige Skulpturen deshalb als fremd empfänden
- Doch Darstellungen von Statuen in antiken Wandmalereien zeigen, dass nur einzelne Partien koloriert und feine Schattierungen verwendet wurden; sie sind nicht so übermäßig bemalt wie moderne Rekonstruktionen
- Beispiele dafür sind das Haus der Venus, das Haus des Cryptoporticus und das Boxer-Mosaik der Villa San Marco in Pompeji
- Figuren in antiker Malerei und in Mosaiken zeigen natürliche Farben und eine Ästhetik, die auch modern wirkt
- Beispiele: das Sappho-Fresko, die Mona Lisa von Galiläa
- Auch polychrome Skulpturen anderer Kulturen — etwa aus Ägypten, Nepal oder dem mittelalterlichen Europa — wirken auf moderne Betrachter nicht besonders abstoßend
- Daher überzeugt die Erklärung wenig, dass ausgerechnet antike Skulpturen allein deshalb hässlich erscheinen sollen
Die Theorie der schlechten Bemalung
- Dass rekonstruierte Skulpturen unschön wirken, liege nicht am Farbempfinden der Antike, sondern an der geringen Qualität der Rekonstruktion selbst
- Die von Restauratoren verwendete wissenschaftliche Pigmentanalyse stützt sich nur auf die chemischen Bestandteile erhaltener Farbspuren; die Form der fertigen Oberflächenschicht bleibt weitgehend Spekulation
- Verglichen wird das mit dem Versuch, die Mona Lisa allein anhand verbliebener Pigmente zu rekonstruieren
- Auch die Verantwortlichen solcher Rekonstruktionsprojekte räumen ein, dass eine exakte Wiedergabe unmöglich ist
- Zugleich wird betont, dass sich selbst auf Grundlage derselben Pigmentbefunde eine schön bemalte Skulptur schaffen ließe
Warum sind die Rekonstruktionen so hässlich?
- Möglicherweise fehlt den Restauratoren die geschulte handwerkliche Fähigkeit antiker Bildhauer, oder sie dürfen aus konservatorischen Gründen Bereiche ohne direkten Beleg nicht frei ergänzen
- Dadurch entstehen Rekonstruktionen, die gewissermaßen nur die Untermalung wiedergeben, während die ursprünglichen feinen Farbübergänge verloren gehen
- Das Publikum missversteht solche Rekonstruktionen oft als annähernd reales Abbild des ursprünglichen Aussehens antiker Skulpturen
- Teilweise wird sogar vermutet, dass Restauratoren bewusst provokante Ergebnisse erzeugen, um Aufmerksamkeit zu erregen
- Tatsächlich war die Ausstellung „Gods in Color“ ein großer Publikumserfolg und machte weithin bekannt, dass antike Skulpturen bemalt waren
- Doch in einer Zeit geringen Vertrauens in Experten birgt ein solches Vorgehen das Risiko, öffentliches Vertrauen zu beschädigen
Fazit
- Dass farbig rekonstruierte antike Skulpturen unnatürlich wirken, liegt eher an den Grenzen der Restaurierungstechnik und an Interpretationsfehlern als an einem grundlegend anderen Schönheitsempfinden der Antike
- Das Farbgefühl der Antike unterschied sich wohl nicht stark von dem heutiger Menschen; nötig ist daher ein präziserer und raffinierterer Ansatz der Rekonstruktion
- Die Debatte ist ein Anlass, das Gleichgewicht zwischen wissenschaftlicher Evidenz und ästhetischem Urteil in der Kunstrestaurierung neu zu überdenken
1 Kommentare
Hacker-News-Kommentare
Ich bin mir bei dieser Frage ziemlich sicher. Die an antiken Skulpturen verbliebenen Farbspuren sind in Wirklichkeit die Grundierungsschicht, die die Maler ursprünglich aufgetragen haben. Darüber kamen Details, Schattierungen und Highlights, doch mit der Zeit verschwand die obere Schicht und nur die Grundierung blieb übrig. Viele Missverständnisse entstehen, weil sich viele Menschen außerhalb ihres Fachgebiets mit dem Thema befassen.
Ich fand den Text interessant. Die Vorstellung, dass antike Meisterwerke bemalt wurden, als kämen sie aus einem Keramik-Workshop zum Mitmachen, wirkte merkwürdig. Der Grund, warum Rekonstruktionen hässlich aussehen, sei laut den Konservierungsprinzipien, dass keine Elemente ohne direkten Beleg hinzugefügt werden dürfen. Dadurch bleibt nur die Grundierungsschicht, während die ursprünglichen Übermalungen fehlen. Auch die Wissenschaftler kennen diese Grenze.
Ich denke, Altphilologen haben kein gutes Gespür für Make-up. Das erinnert mich daran, wie einmal ein Wissenschaftler versuchte, römisches Garum zu rekonstruieren, und dabei einen schrecklichen Fischbrei herstellte. Tatsächlich werden in Italien noch heute ganz ähnliche Fischsaucen gemacht. Je weiter man in Nordeuropa ist, desto eher betrachtet man antike Kultur als etwas völlig Abgeschnittenes.
Ich fand es schade, dass der Artikel keine direkten Interviews mit den Restauratoren enthielt. Ihre Entscheidungsprozesse aus erster Hand zu hören, wäre viel interessanter gewesen. Wissenschaftler sprechen gern über ihre Arbeit und ihre Abwägungen.
Ich fand den Schlussteil des Artikels enttäuschend. Die Behauptung, die Restauratoren hätten die Öffentlichkeit „getrollt“, ist schwach belegt. Das sind Wissenschaftler und Konservatoren, die meist still im Hintergrund von Museen arbeiten.
Diese Debatte erinnert mich an die Rekonstruktion antiker Musik. Etwa diese Aufnahme rekonstruierter griechischer Musik, die recht rau klingt, während eine andere Aufführung aus demselben Projekt überraschend schön ist. Ich denke, das menschliche musikalische Empfinden hat sich über die Zeiten hinweg nicht so stark verändert. Selbst ein 3000 Jahre altes Instrument wie das chinesische Guqin kann noch heute tief berühren.
Ich habe die Ausstellung Gods in Color in San Francisco gesehen. Dort wurde klar gesagt, dass die Rekonstruktionen spekulativ sind. Besonders eindrucksvoll war eine von Plinius überlieferte Anekdote, wonach der Bildhauer Praxiteles am meisten jenes Werk schätzte, das vom Maler Nikias koloriert worden war. Schon die Antike erkannte also die Bedeutung der Bemalung, und auch Maler konnten ebenso berühmt werden wie Bildhauer.
Die Behauptung, dass Restauratoren nicht über die technischen Fähigkeiten antiker Künstler verfügen, ist mir zu pauschal. Ich frage mich, warum jemand ohne eigene Erfahrung so etwas schreibt.
Ich finde die Lücke zwischen direkten Belegen und menschlichen künstlerischen Möglichkeiten bedauerlich. Die Öffentlichkeit nimmt diesen Unterschied kaum wahr. Es wäre schön, heutige Maler mit Rekonstruktionen zu beauftragen und eine konservative sowie eine kreative Version nebeneinander zu zeigen.
Interessanterweise wurden auch Backsteingebäude im kolonialzeitlichen Amerika meist mit Kalktünche (limewash) versehen. Sichtbares Rohziegelmauerwerk wurde erst im späten 19. Jahrhundert zu einer ästhetischen Entscheidung.