1 Punkte von GN⁺ 2025-12-03 | 1 Kommentare | Auf WhatsApp teilen
  • Schweizer amtliche Kartenzeichner haben über Jahrzehnte hinweg heimliche Zeichnungen von Tieren, Personen und ähnlichen Motiven in Karten verborgen.
  • Sie umgingen die strengen Prüfvorgänge von Swisstopo (Schweizer Bundesamt für Landestopografie) und fügten Spinnen-, Frauengestalten, Wanderer-, sowie Marmottenformen ein.
  • Dieses Verhalten wird als Verstoß gegen die Pflicht zur Genauigkeit gewertet; einige Kartenzeichner gaben die Zeichnungen bei ihrer Pensionierung zu oder ließen sie erst dann sichtbar werden.
  • ETH-Zürich-Professor Lorenz Hurni beschrieb dies als Humor und Fluchtweg für überarbeitete Kartografen.
  • Swisstopo erklärte, in Karten habe es „für Kreativität keinen Platz“, und kündigte an, die entdeckten Zeichnungen in der nächsten Ausgabe zu entfernen.

Entdeckung geheimer Zeichnungen auf Schweizer Karten

  • Die Geschichte der kartografischen Erstellung der Schweiz reicht über 175 Jahre zurück; auf der Swisstopo-Website lässt sie sich über die Funktion „Journey Through Time“ nachvollziehen.
    • Die Karten werden in Intervallen von 5 bis 10 Jahren aktualisiert, 2016 wurden unter anderem Serifen aus der Beschriftung entfernt und zahlreiche Detailänderungen gesammelt.
  • In einigen Karten wurden Spinnen, Männergesichter, nackte Frauen, Wanderer, Fische und Marmotten entdeckt.
    • Es handelt sich dabei nicht um Fehler, sondern um eine gezielte Einfügung durch offizielle Kartenzeichner.
  • Karten von Swisstopo durchlaufen eine umfassende Korrektur, daher bedeutet das Vorhandensein solcher Zeichnungen, dass die Kartografen die Kontrolle durch Kolleginnen und Kollegen geschickt umgangen haben.

Absichten der Kartografen und Arbeitsumfeld

  • Kartenzeichner haben die Pflicht, die Realität präzise abzubilden, und bei Verstößen gegen die Genauigkeit drohen berufliche Nachteile.
    • Konkrete Kündigungen sind zwar nicht dokumentiert, doch die meisten Zeichnungen wurden erst entdeckt, nachdem die Ersteller bereits in Rente gegangen waren.
  • ETH-Zürich-Professor Lorenz Hurni bezeichnet diese Zeichnungen als „internen Scherz und Flucht aus dem Alltag“.
    • Kartografen arbeiten in der Vergrößerung einer Briefmarke und müssen dabei einen hohen Konzentrationsgrad aufrechterhalten.
    • In diesem Prozess nutzen sie heimliche visuelle Spielereien, um Spannungen abzubauen.

Repräsentative Fälle versteckter Zeichnungen

  • 1958 wurde in der Karte der Region Egg eine nackte Frau eingefügt, die bis 2012 etwa 60 Jahre unentdeckt blieb.
    • Ein menschlicher Körper wurde aus grüner Topografie und blauen Flusslinien aufgebaut.
  • 1980 wurde auf dem Gletscher des Eiger eine Spinne ergänzt, die in späteren Ausgaben schrittweise verschwand.
  • Zur selben Zeit wurde auf einem Feuchtgebietsee an der Schweizerisch-Französischen Grenze ein Fisch eingezeichnet, der 1989 entfernt wurde.
  • Auf einer Karte bei Interlaken existiert ein Gesicht, das aus Felsformen besteht, und in den 1990er-Jahren wurde ein Wanderer eingefügt.
    • Der Wanderer übernimmt die Funktion eines „Karten-Patches“, der ein informationsarmes Gebiet entlang der Italiengrenze überdeckt.

Aktueller Fall: Marmotten-Zeichnung

  • 2016 wurde auf einem Gletscher in den Schweizer Alpen eine Marmotte entdeckt.
    • Die Fellstruktur und Form wurden mithilfe von Schattierungslinien (Hachuren) der Bergflächen erzeugt und sind kaum vom umgebenden Gelände zu unterscheiden.
    • Marmotten leben in Hochlagen, was auch ökologisch zur Region passt.
  • Ein Swisstopo-Sprecher sagte, „Für Karten gibt es keinen Platz für Kreativität“, und bestätigte, dass die Zeichnung in der nächsten Karte entfernt werden soll.

Tradition der Kartenherstellung und menschliche Dimension

  • Die Schweizer Kartografie ist durch Präzision und Genauigkeit zum Weltstandard geworden, und in den 1920er-Jahren gab es einen Streit um den Kartenmaßstab, der als „7-Jahres-Krieg“ bezeichnet wurde.
    • Swisstopo nutzte danach Luftbildvermessung und Luftperspektive, um die Präzision zu erhöhen, und erhielt 1988 den Auftrag zur Erstellung einer Karte des Everest.
  • Dennoch gelten diese inoffiziellen Zeichnungen weiterhin als nicht genehmigtes Verhalten.
    • Der aktuelle Swisstopo-Kartograf Juerg Gilgen sagte: „Der Korrektor ist auch ein Mensch, und Kartografen sind eben ebenfalls Menschen, die einen Scherz machen können.“
  • Einige sehen darin eine schweizerische inoffizielle Tradition und verweisen auf den im Jahr 1901 versteckten Fisch auf einer Karte des Vierwaldstättersees.

Fazit

  • Die versteckten Zeichnungen in Schweizer Karten zeigen das Nebeneinander von Präzision und menschlichem Spieltrieb.
  • Swisstopo verbietet diese Praxis offiziell, doch die feine Detailgenauigkeit und menschliche Seite der Kartografen bleibt dennoch erhalten.
  • Auf künftigen Karten könnten weitere geheime Formen entdeckt werden, die als menschliche Spuren innerhalb technischer Perfektion bewertet werden.

1 Kommentare

 
GN⁺ 2025-12-03
Hacker-News-Kommentar
  • Als Kartograf im 16. Jahrhundert versteckte man in jedem freien Fleck Drachen und Seeschlangen sowie ketzerische Sprüche
    Damals drückte der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches ein Auge zu, solange die Steuergrenzen stimmten
    Heute besteht die ganze Rebellion selbst von Schweizer Bundeskartografen, die sogar eine Pension beziehen, darin, heimlich nackte Frauen und Murmeltiere in offizielle Karten einzubauen
    Die Behörde kündigt erst nach deren Pensionierung an, man werde „im nächsten Revisionszyklus nach einer Umweltverträglichkeitsprüfung die Pixel entfernen“
    Angesichts der Realität, dass sich der revolutionäre Geist Europas nun auf ein Änderungsanfrage-Ticket reduziert hat, das die Zustimmung von 14 Personen braucht, fülle ich wehmütig noch ein weiteres Compliance-Formular aus und sehne mich nach früheren Zeiten

    • Die meisten waren nur auf Karten mit kleinem Maßstab zu sehen, und eine ist noch immer vorhanden
      Swisstopo hat einen offiziellen Artikel über die versteckten Bilder veröffentlicht und sogar offengelegt, wer sie gezeichnet hat
      Offenbar ist selbst in der Bürokratie noch ein wenig Humor übrig
    • Der Schatten der EU-Bürokratie liegt immer darüber
      Wer sich von einer Murmeltierzeichnung beleidigt fühlt, ist wohl der typische Bürokratenmensch
      Wenn ein Kartograf nicht einmal die Freiheit hat, eine kleine Kritzelei hineinzuschmuggeln, fragt man sich, ob so eine Welt lebenswert ist
      Lieber sollte man eine Expedition in die Schweizer Alpen schicken und eine Ausstellung veranstalten, bei der das Gelände in eine Murmeltierform umgestaltet wird
    • Es hieß zwar „europäischer Regulierungsstaat“, aber genau genommen ist es die Schweiz
  • Ich liebe solche geistreiche Steganografie
    Ein ähnlicher Fall: Gefängnisinsassen im US-Bundesstaat Vermont versteckten einmal ein Schweinebild in den Decals von Polizeiautos
    Link zum NPR-Artikel

    • Der Leiter der Behörde für öffentliche Sicherheit sagte zu dem Vorfall, man könne das inzwischen „mit Humor sehen“
      Das erinnert mich an das Buch You Can't Win, das mir früher auf HN empfohlen wurde
      Es handelt von den kreativen Verbrechensmethoden von Dieben im späten 19. Jahrhundert und war weit interessanter als bloße Gewalt
      Letztlich wird der Mensch am einfallsreichsten, wenn er nichts mehr zu verlieren hat
    • Versteckte Bilder auf Karten sind lustig, aber ich finde problematisch, wenn sie die Genauigkeit beeinträchtigen
      Das ist so, als würde man zum Spaß irgendwo im Code einen Bug einbauen
  • Falls ihr in die Schweiz fahrt, kann ich nur empfehlen, unbedingt die swisstopo-App herunterzuladen
    Sie ist nicht nur beim Wandern nützlich, sondern auch in Städten, und zeigt sogar Brunnenstandorte, Steigungen und gesperrte Wege im Detail an
    Die Schweizer Geodatenbehörde ist wirklich ein Schatz

    • Die offiziellen Geländedaten sind kostenlos, daher stammen auch die Screenshots von dort
      Ich nutze sie oft beim Wandern und auf Skitouren
      Sie deckt sogar Gebiete nahe der französischen oder italienischen Grenze ab, sodass eine einzige App reicht
      Es gibt kostenlose Alternativen wie opentopomap, aber ihnen fehlt die Präzision
      Zum Beispiel habe ich ein seltsames Loch nahe dem Aletschgletscher entdeckt,
      auf der offiziellen Karte gibt es diesen Fehler nicht
  • Ein Murmeltier, Bergsteiger und Fisch sind für mich noch nachvollziehbar, aber der Rest wirkt wie Formen in Wolken erkennen
    Vielleicht liegt das daran, dass ich kein Kartograf bin

    • Besonders bei der „liegenden Frau“ konnte ich die Form beim besten Willen nicht erkennen
  • Zu demselben Thema gab es schon mehrfach Beiträge
    Beitrag von März 2020,
    ein anderer Thread,
    sowie ein Beitrag vom Februar

  • Die digitale Version von map.geo.admin.ch gibt es schon lange,
    aber erst vor Kurzem haben sich alle Kantone darauf geeinigt, die Daten kostenlos bereitzustellen
    Man kann auch Lärmkarten wie „Lärmbelastung“ ansehen
    Link zu den Nutzungsbedingungen

    • Selbst auf einem etwas älteren iPhone ist die Ladegeschwindigkeit der Karten erstaunlich schnell
      Solche kleinen Easter Eggs machen weit mehr Spaß als erfundene Straßennamen
  • Das erinnert mich an die versteckte Nachricht in der NOAA-Wettervorhersage während des Government Shutdown
    Link zum CNN-Artikel

  • Die Bergsteigerzeichnung am Ende des Artikels wurde 1997 hinzugefügt und erst 2017 entfernt
    Link zur Karte

  • Ich frage mich, ob diese Zeichnungen vielleicht Urheberrechtsfallen (copyright traps) sind
    Auch auf Karten des britischen Ordnance Survey gab es ähnliche Mechanismen zum Schutz vor Plagiaten

  • Die Spinnenzeichnung ist ein sehr subtiler Witz
    „White Spider“ ist der Name eines Schneefelds an der Eiger-Nordwand und zugleich der Beiname der Route, die Heinrich Harrer 1938 als Erster beging
    Sein Buch trug ebenfalls den Titel The White Spider