- Schweizer amtliche Kartenzeichner haben über Jahrzehnte hinweg heimliche Zeichnungen von Tieren, Personen und ähnlichen Motiven in Karten verborgen.
- Sie umgingen die strengen Prüfvorgänge von Swisstopo (Schweizer Bundesamt für Landestopografie) und fügten Spinnen-, Frauengestalten, Wanderer-, sowie Marmottenformen ein.
- Dieses Verhalten wird als Verstoß gegen die Pflicht zur Genauigkeit gewertet; einige Kartenzeichner gaben die Zeichnungen bei ihrer Pensionierung zu oder ließen sie erst dann sichtbar werden.
- ETH-Zürich-Professor Lorenz Hurni beschrieb dies als Humor und Fluchtweg für überarbeitete Kartografen.
- Swisstopo erklärte, in Karten habe es „für Kreativität keinen Platz“, und kündigte an, die entdeckten Zeichnungen in der nächsten Ausgabe zu entfernen.
Entdeckung geheimer Zeichnungen auf Schweizer Karten
- Die Geschichte der kartografischen Erstellung der Schweiz reicht über 175 Jahre zurück; auf der Swisstopo-Website lässt sie sich über die Funktion „Journey Through Time“ nachvollziehen.
- Die Karten werden in Intervallen von 5 bis 10 Jahren aktualisiert, 2016 wurden unter anderem Serifen aus der Beschriftung entfernt und zahlreiche Detailänderungen gesammelt.
- In einigen Karten wurden Spinnen, Männergesichter, nackte Frauen, Wanderer, Fische und Marmotten entdeckt.
- Es handelt sich dabei nicht um Fehler, sondern um eine gezielte Einfügung durch offizielle Kartenzeichner.
- Karten von Swisstopo durchlaufen eine umfassende Korrektur, daher bedeutet das Vorhandensein solcher Zeichnungen, dass die Kartografen die Kontrolle durch Kolleginnen und Kollegen geschickt umgangen haben.
Absichten der Kartografen und Arbeitsumfeld
- Kartenzeichner haben die Pflicht, die Realität präzise abzubilden, und bei Verstößen gegen die Genauigkeit drohen berufliche Nachteile.
- Konkrete Kündigungen sind zwar nicht dokumentiert, doch die meisten Zeichnungen wurden erst entdeckt, nachdem die Ersteller bereits in Rente gegangen waren.
- ETH-Zürich-Professor Lorenz Hurni bezeichnet diese Zeichnungen als „internen Scherz und Flucht aus dem Alltag“.
- Kartografen arbeiten in der Vergrößerung einer Briefmarke und müssen dabei einen hohen Konzentrationsgrad aufrechterhalten.
- In diesem Prozess nutzen sie heimliche visuelle Spielereien, um Spannungen abzubauen.
Repräsentative Fälle versteckter Zeichnungen
- 1958 wurde in der Karte der Region Egg eine nackte Frau eingefügt, die bis 2012 etwa 60 Jahre unentdeckt blieb.
- Ein menschlicher Körper wurde aus grüner Topografie und blauen Flusslinien aufgebaut.
- 1980 wurde auf dem Gletscher des Eiger eine Spinne ergänzt, die in späteren Ausgaben schrittweise verschwand.
- Zur selben Zeit wurde auf einem Feuchtgebietsee an der Schweizerisch-Französischen Grenze ein Fisch eingezeichnet, der 1989 entfernt wurde.
- Auf einer Karte bei Interlaken existiert ein Gesicht, das aus Felsformen besteht, und in den 1990er-Jahren wurde ein Wanderer eingefügt.
- Der Wanderer übernimmt die Funktion eines „Karten-Patches“, der ein informationsarmes Gebiet entlang der Italiengrenze überdeckt.
Aktueller Fall: Marmotten-Zeichnung
- 2016 wurde auf einem Gletscher in den Schweizer Alpen eine Marmotte entdeckt.
- Die Fellstruktur und Form wurden mithilfe von Schattierungslinien (Hachuren) der Bergflächen erzeugt und sind kaum vom umgebenden Gelände zu unterscheiden.
- Marmotten leben in Hochlagen, was auch ökologisch zur Region passt.
- Ein Swisstopo-Sprecher sagte, „Für Karten gibt es keinen Platz für Kreativität“, und bestätigte, dass die Zeichnung in der nächsten Karte entfernt werden soll.
Tradition der Kartenherstellung und menschliche Dimension
- Die Schweizer Kartografie ist durch Präzision und Genauigkeit zum Weltstandard geworden, und in den 1920er-Jahren gab es einen Streit um den Kartenmaßstab, der als „7-Jahres-Krieg“ bezeichnet wurde.
- Swisstopo nutzte danach Luftbildvermessung und Luftperspektive, um die Präzision zu erhöhen, und erhielt 1988 den Auftrag zur Erstellung einer Karte des Everest.
- Dennoch gelten diese inoffiziellen Zeichnungen weiterhin als nicht genehmigtes Verhalten.
- Der aktuelle Swisstopo-Kartograf Juerg Gilgen sagte: „Der Korrektor ist auch ein Mensch, und Kartografen sind eben ebenfalls Menschen, die einen Scherz machen können.“
- Einige sehen darin eine schweizerische inoffizielle Tradition und verweisen auf den im Jahr 1901 versteckten Fisch auf einer Karte des Vierwaldstättersees.
Fazit
- Die versteckten Zeichnungen in Schweizer Karten zeigen das Nebeneinander von Präzision und menschlichem Spieltrieb.
- Swisstopo verbietet diese Praxis offiziell, doch die feine Detailgenauigkeit und menschliche Seite der Kartografen bleibt dennoch erhalten.
- Auf künftigen Karten könnten weitere geheime Formen entdeckt werden, die als menschliche Spuren innerhalb technischer Perfektion bewertet werden.
1 Kommentare
Hacker-News-Kommentar
Als Kartograf im 16. Jahrhundert versteckte man in jedem freien Fleck Drachen und Seeschlangen sowie ketzerische Sprüche
Damals drückte der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches ein Auge zu, solange die Steuergrenzen stimmten
Heute besteht die ganze Rebellion selbst von Schweizer Bundeskartografen, die sogar eine Pension beziehen, darin, heimlich nackte Frauen und Murmeltiere in offizielle Karten einzubauen
Die Behörde kündigt erst nach deren Pensionierung an, man werde „im nächsten Revisionszyklus nach einer Umweltverträglichkeitsprüfung die Pixel entfernen“
Angesichts der Realität, dass sich der revolutionäre Geist Europas nun auf ein Änderungsanfrage-Ticket reduziert hat, das die Zustimmung von 14 Personen braucht, fülle ich wehmütig noch ein weiteres Compliance-Formular aus und sehne mich nach früheren Zeiten
Swisstopo hat einen offiziellen Artikel über die versteckten Bilder veröffentlicht und sogar offengelegt, wer sie gezeichnet hat
Offenbar ist selbst in der Bürokratie noch ein wenig Humor übrig
Wer sich von einer Murmeltierzeichnung beleidigt fühlt, ist wohl der typische Bürokratenmensch
Wenn ein Kartograf nicht einmal die Freiheit hat, eine kleine Kritzelei hineinzuschmuggeln, fragt man sich, ob so eine Welt lebenswert ist
Lieber sollte man eine Expedition in die Schweizer Alpen schicken und eine Ausstellung veranstalten, bei der das Gelände in eine Murmeltierform umgestaltet wird
Ich liebe solche geistreiche Steganografie
Ein ähnlicher Fall: Gefängnisinsassen im US-Bundesstaat Vermont versteckten einmal ein Schweinebild in den Decals von Polizeiautos
Link zum NPR-Artikel
Das erinnert mich an das Buch You Can't Win, das mir früher auf HN empfohlen wurde
Es handelt von den kreativen Verbrechensmethoden von Dieben im späten 19. Jahrhundert und war weit interessanter als bloße Gewalt
Letztlich wird der Mensch am einfallsreichsten, wenn er nichts mehr zu verlieren hat
Das ist so, als würde man zum Spaß irgendwo im Code einen Bug einbauen
Falls ihr in die Schweiz fahrt, kann ich nur empfehlen, unbedingt die swisstopo-App herunterzuladen
Sie ist nicht nur beim Wandern nützlich, sondern auch in Städten, und zeigt sogar Brunnenstandorte, Steigungen und gesperrte Wege im Detail an
Die Schweizer Geodatenbehörde ist wirklich ein Schatz
Ich nutze sie oft beim Wandern und auf Skitouren
Sie deckt sogar Gebiete nahe der französischen oder italienischen Grenze ab, sodass eine einzige App reicht
Es gibt kostenlose Alternativen wie opentopomap, aber ihnen fehlt die Präzision
Zum Beispiel habe ich ein seltsames Loch nahe dem Aletschgletscher entdeckt,
auf der offiziellen Karte gibt es diesen Fehler nicht
Ein Murmeltier, Bergsteiger und Fisch sind für mich noch nachvollziehbar, aber der Rest wirkt wie Formen in Wolken erkennen
Vielleicht liegt das daran, dass ich kein Kartograf bin
Zu demselben Thema gab es schon mehrfach Beiträge
Beitrag von März 2020,
ein anderer Thread,
sowie ein Beitrag vom Februar
Die digitale Version von map.geo.admin.ch gibt es schon lange,
aber erst vor Kurzem haben sich alle Kantone darauf geeinigt, die Daten kostenlos bereitzustellen
Man kann auch Lärmkarten wie „Lärmbelastung“ ansehen
Link zu den Nutzungsbedingungen
Solche kleinen Easter Eggs machen weit mehr Spaß als erfundene Straßennamen
Das erinnert mich an die versteckte Nachricht in der NOAA-Wettervorhersage während des Government Shutdown
Link zum CNN-Artikel
Die Bergsteigerzeichnung am Ende des Artikels wurde 1997 hinzugefügt und erst 2017 entfernt
Link zur Karte
Ich frage mich, ob diese Zeichnungen vielleicht Urheberrechtsfallen (copyright traps) sind
Auch auf Karten des britischen Ordnance Survey gab es ähnliche Mechanismen zum Schutz vor Plagiaten
Die Spinnenzeichnung ist ein sehr subtiler Witz
„White Spider“ ist der Name eines Schneefelds an der Eiger-Nordwand und zugleich der Beiname der Route, die Heinrich Harrer 1938 als Erster beging
Sein Buch trug ebenfalls den Titel The White Spider