2 Punkte von GN⁺ 2025-10-15 | 1 Kommentare | Auf WhatsApp teilen
  • Es gibt eine deutliche Diskrepanz zwischen den Haupttodesursachen in den USA und den Themen, die Medien behandeln
  • Häufige Gesundheitsprobleme wie Herzkrankheiten und Krebs verursachen tatsächlich den Großteil der Todesfälle, werden in den Medien aber nur selten thematisiert
  • Seltene Ereignisse wie Mord und Terror werden in den Nachrichten übermäßig stark betont und dadurch als weit bedeutsamer wahrgenommen, als sie tatsächlich sind
  • Diese Verzerrung in den Medien beeinflusst die öffentliche Wahrnehmung und führt zu übersteigerter Sorge vor bestimmten Risiken
  • Dadurch wird ein genaues Verständnis realer Gesundheitsprobleme und gesellschaftlicher Veränderungen erschwert

Diskrepanz zwischen Todesursachen in den USA und der Medienberichterstattung

Hintergrund und Ziel der Studie

  • Eine Analyse zeigt, dass die Mehrheit der Menschen in entwickelten Ländern wie den USA und Europa Nachrichten verfolgt, um zu erfahren, „was in der Welt passiert“
  • Fast alle neigen dazu, zu erwarten und darauf zu vertrauen, dass Nachrichten die Realität korrekt abbilden
  • Auch führende Medienhäuser wie die New York Times, die Washington Post und Fox News erklären dies zu ihrer Aufgabe

Zentrale Erkenntnisse

  • In der Realität machen Herzkrankheiten, Krebs, Schlaganfälle, Atemwegserkrankungen usw. den Großteil der Todesursachen aus, doch diese chronischen und häufigen Probleme werden in den Nachrichten nur sehr wenig behandelt
  • Dagegen machen Mord, Terror, Drogenüberdosierung und andere seltene, aber dramatische Ereignisse mehr als die Hälfte der Berichterstattung über Todesursachen aus
  • Ein Beispiel: Herzkrankheiten und Krebs verursachen 56 % aller Todesfälle, machen in Medienartikeln aber nur 7 % aus
  • Über Terrorismus und Mord wird jeweils 18.000-mal bzw. mehr als 43-mal häufiger berichtet als es ihrem tatsächlichen Anteil an Todesfällen entspricht

Warum Medien zu dramatischen Risiken verzerrt sind

  • Gewöhnliche oder sich wiederholende Ereignisse, etwa Todesfälle durch Herzkrankheiten, gelten nach Wahrnehmung der Nachrichtenlogik als „nicht neu“
  • Seltene, erzählstarke Ereignisse wie Mord, Terror oder Unfälle lassen sich leichter mit konkreten Namen und Geschichten verbinden und sind deshalb bei Emotionen und Klicks im Vorteil
  • Medien folgen dem Interesse und der emotionalen Reaktion des Publikums, wodurch sich eine Feedback-Schleife zwischen Nachrichten und Konsumenten verfestigt
  • Aufgrund gesellschaftlicher Trends und kommerzieller Anforderungen konzentriert sich übermäßige Aufmerksamkeit auf dramatischere Ereignisse als die Realität rechtfertigt

Auswirkungen dieser Verzerrung

  • Die Häufigkeit der Berichterstattung steht nicht in direktem Zusammenhang mit der tatsächlichen Häufigkeit von Ereignissen
  • Wer häufig lokale Kriminalitätsnachrichten konsumiert, entwickelt eher persönliche Angst und Sorge in Bezug auf dieses Problem
  • Seltene Ereignisse wie Terrorismus werden in der US-Gesellschaft als stark bedrohlich wahrgenommen, obwohl das reale Risiko anders aussieht
  • Dadurch wird die genaue Wahrnehmung tatsächlicher Entwicklungen bei Kriminalität und Gesundheitsproblemen verzerrt

Warum diese Wahrnehmungslücke praktisch wichtig ist

  • Nachrichten über die Entwicklung und Verbesserung von Behandlungen sowie über sinkende Sterblichkeit bei wichtigen gesundheitlichen Todesursachen wie Herzkrankheiten und Krebs werden kaum vermittelt, sodass gesellschaftlicher Fortschritt nicht ausreichend geteilt wird
  • Obwohl in den USA sowohl die Krebssterblichkeit bei Kindern als auch die Sterblichkeit durch Herzkrankheiten und Krebs bei Erwachsenen über Jahrzehnte deutlich gesunken sind, bleibt der Einfluss der öffentlichen Wahrnehmung groß
  • Fehlwahrnehmungen und verzerrte Aufmerksamkeit in der Bevölkerung beeinflussen auch Ressourcenverteilung und politische Entscheidungen
  • Letztlich schafft die Auswahl von Informationen durch Medien eine dichte Kluft zwischen der Realität und unserer Wahrnehmung

Überblick über die Forschungsmethode

  • Auf Basis der CDC-Statistiken zu Todesursachen in den USA für 2023 wurden 15 Kategorien analysiert: die 12 wichtigsten Ursachen sowie Mord, Drogenüberdosierung und Terror
  • In den Artikeln von drei Medienhäusern — New York Times, Washington Post und Fox News — wurde gemessen, wie häufig die jeweiligen Todesursachen erwähnt wurden
  • Verwendet wurden Datenerfassungs- und Analyseplattformen wie Media Cloud sowie Suchen mit Synonymen und erforderlichen Schlüsselwörtern
  • Erfasst wurden nicht bloß einmalige Erwähnungen, sondern nur Artikel mit mehreren Nennungen der jeweiligen Ursache, um gezielte Berichterstattung zu analysieren
  • Im Ergebnis unterscheidet sich die Auswahl der berichteten Themen zwischen Medien mit unterschiedlichen politischen Ausrichtungen nicht besonders stark

Fazit

  • Es bestätigt sich erneut, dass die Berichterstattung großer Medien wie der New York Times, der Washington Post und Fox News stark von den tatsächlichen Todesursachen abweicht
  • Das ist nicht nur den Medien anzulasten; auch emotionale Nachfrage des Publikums, kommerzielle Motive und die Eignung für Storytelling greifen ineinander
  • Da sich Wege und Häufigkeit der gesellschaftlichen Informationsaufnahme verändern, wird die Kluft zwischen gesellschaftlicher Sorge und realer Lage noch größer
  • Für eine korrekte Wahrnehmung der Realität und eine gesunde gesellschaftliche Debatte sollten auch Mediennutzer diese „Berichtsverzerrung“ erkennen

1 Kommentare

 
GN⁺ 2025-10-15
Hacker-News-Kommentare
  • Ein Punkt ist, dass es – wie im Artikel angedeutet – eigentlich gar nicht so viel Nachrichtenwert hat. Man könnte zum Beispiel jeden Tag einen Artikel bringen wie: „Eilmeldung: 5.000 Menschen in ihren 90ern an Herzkrankheiten und Krebs gestorben.“ Aber Menschen, die so alt werden, sterben nun einmal typischerweise auf diese Weise. Wenn ein junger Mensch unerwartet durch ein Ereignis wie Mord ums Leben kommt, ist der Schock viel größer. Todesfälle durch Terrorismus werden noch ernster wahrgenommen, weil es bei Morden oft die Vorstellung gibt, dass sie hauptsächlich in Gangs oder Drogenmilieus passieren, während Terrorismus jedem unauffälligen Durchschnittsmenschen jederzeit widerfahren könnte. Außerdem ist das Schadenspotenzial beim Terror viel größer. Wenn Terroristen gefährlichere Waffen in die Hände bekommen – ob Atommüll oder Viren –, ist schon die Vorstellung daran furchtbar. Auch beim Vergleich von Kernenergie und Kohle gilt: Im Durchschnitt verursacht Kohle mehr Todesfälle, aber in einem Worst-Case-Szenario kann Kernenergie alle Todesopfer der Kohle übertreffen, und genau diese Angst spielt eine Rolle

  • Herzinfarkte sind in Wirklichkeit überrepräsentiert. In den meisten Bundesstaaten wird die zugrunde liegende Todesursache als „Herzstillstand“ eingetragen. Selbst wenn der Arzt die genaue Ursache nicht kennt, wird das erst einmal so vermerkt, wenn der Tod mit einem stillstehenden Herzen eintritt

  • Dass die Medienberichterstattung zu Sensationslust und Reizüberflutung neigt, ist selbstverständlich. Andererseits sind Statistiken über die gesamten Todesursachen nicht besonders interessant. Am Ende werden wir alle irgendwann sterben, und es hängt nur davon ab, welches Organ zuerst versagt. Wichtig sind die sich mit dem Alter verändernden Todesursachen. Dazu gibt es auch eine passende Visualisierung: https://flowingdata.com/mortality/

  • Fernsehsender existieren nicht, um die Gesellschaft zu informieren, sondern um Geld zu verdienen. Auch bei Nachrichten geht es letztlich darum, Zuschauer anzuziehen und Einnahmen zu steigern, deshalb wird am Ende mit sensationellen und aufwühlenden Inhalten gefüllt, die die meisten Leute sehen wollen

    • Das erinnert mich an etwas, das mir mein Journalismusprofessor erzählt hat, der früher Nachrichtensprecher war: „If it bleeds, it leads“
    • Und selbst die einzige Institution, die die Aufgabe hatte, die Öffentlichkeit zu bilden und zu informieren, wurde inzwischen kaputtgekürzt
    • Es wurde zwar gesagt, dass TV Geld verdienen will, aber die Frage ist auch, was man vermitteln will. Ich weiß nicht, wen eine Nachricht interessieren würde, die jeden Tag meldet, wie viele ältere Menschen an Herzproblemen gestorben sind. Selbst bei NPR oder der BBC wäre das wohl nicht anders. Das ist kein Versagen des Kapitalismus, sondern eher ein Spiegel dessen, was wir Menschen von Natur aus sehen wollen
  • Solche Diagramme zu Todesursachen sind irreführend, weil sie das Alter nicht berücksichtigen. Todesfälle älterer Menschen durch Herzkrankheiten und Krebs sind keine Nachrichten. Ein besseres Diagramm würde meiner Meinung nach den Verlust an Lebensjahren gewichten. Wenn ein 12-jähriger Junge ermordet wird, gilt das gesellschaftlich als enormer Verlust, ein Herzinfarkt bei jemandem in den 90ern dagegen nicht. Die Sicherheit einer Stadt hängt auch eher von der Rate zufälliger Gewaltverbrechen ab als von der gesamten Mordrate. Deshalb kann sich eine Stadt sicher anfühlen und trotzdem eine hohe Mordrate haben – und umgekehrt. Manche Orte haben unvorhersehbare Kriminalität, anderswo konzentriert sie sich auf bestimmte Gegenden, die Besucher fast nie betreten

    • Eigentlich ist genau das der entscheidende Punkt: Solche Diagramme berücksichtigen das Alter nicht. Nachrichten berichten nicht einfach die Realität, sondern wählen Themen aus, die Klicks, Views und Werbeerlöse maximieren. Dadurch verzerren Nachrichten die Realität immer stärker. Dazu gibt es auch eine Studie: https://www.nber.org/papers/w32026
    • Da das Alter nicht gleichmäßig über die Gesamtbevölkerung verteilt ist, wäre es besser, Diagramme nach Altersgruppen aufzuschlüsseln. Und die Gewichtung nach verlorenen Lebensjahren ist in den CDC-Rohdaten sogar als bereinigte Statistik enthalten: https://www.cdc.gov/nchs/data/databriefs/db521.pdf Sicherheit hängt letztlich auch vom individuellen Verhalten ab. Das gefährlichste Werkzeug im Alltag ist die Leiter, und Mord oder zufällige Gewalt machen nur einen sehr kleinen Anteil aus. Es sterben doppelt so viele Menschen durch Suizid wie durch Mord. Die Art eines Verbrechens mag schwer vorherzusagen sein, der Ort von Kriminalität ist dagegen fast zu 100 % vorhersagbar
    • Man könnte die Daten auch nur für Personen unter 49 oder 54 Jahren analysieren. Tatsächlich machen viele medizinische Studien das bei Krankheiten wie Krebs, deren Statistiken stark vom Alter beeinflusst werden. So lassen sich Trends vor dem mittleren Lebensalter klarer erkennen und ein Langlebigkeitsbias vermeiden. Wenn man aber alles vollständig altersgewichtet bereinigt, werden Morde an Menschen über 35 komplett heruntergewichtet, während seltene, aber folgenschwere Themen wie SIDS, Ertrinken oder Krebs bei Kindern überrepräsentiert sein können
    • Andererseits ist Herzkrankheit die häufigste Todesursache, und um sie hinauszuzögern, muss man möglichst früh eingreifen. Wenn man also gesund leben will, ist es viel wirksamer, zuerst die großen Stellschrauben bei Ernährung und Lebensstil zu ändern, statt sich um jede Kleinigkeit zu sorgen, etwa Lebensmittelfarbstoffe. Aber selbst das US-Gesundheitsministerium (HHS) scheint dieses Grundprinzip nicht richtig zu verstehen
    • Es gibt auch ein gutes Video vom YouTube-Kanal City Nerd, das erklärt, wie Kriminalstatistiken und städtische Sicherheit tatsächlich auseinanderfallen: https://m.youtube.com/watch?v=m4jG1i7jHSM
  • In den 90ern habe ich Satellitenschüsseln gehackt, um die Nachrichtensender aus verschiedenen US-Städten direkt zu empfangen. Mein Mitbewohner hat damals für eine Hausarbeit die Themen und Sendezeiten aller Nachrichtenformate komplett ausgewertet, und Kriminalitätsmeldungen waren mit Abstand am häufigsten („If it bleeds, it leads“). Außerdem brachte jeder Sender irgendwann eine herzerwärmende lokale Geschichte, Wetterberichte – im Osten und Mittleren Westen länger – und natürlich Sport. Interessant war aber, dass sich die Hauptthemen in der verbleibenden Sendezeit je nach Stadt unterschieden. In New York war es fast nur Finanzen, in LA Unterhaltung, in San Francisco Technologie und in Chicago Fertigungsthemen. Als mir das klar wurde, habe ich aufgehört, Fernsehnachrichten zu schauen

    • Wahrscheinlich hängt dieser Unterschied einfach mit den dominierenden Branchen und Berufsgruppen der jeweiligen Stadt zusammen. Viele Leute interessieren sich eben für solche Themen, daher ist das eigentlich ein ziemlich natürliches Ergebnis
    • Die wichtigste Lehre aus so einer Erfahrung ist, dass alle Daten immer mit Perspektive und Absicht verflochten sind und man deshalb die Informationen auswählen und gewichten kann, auf die man sich konzentriert. Wenn man nur sagt: „Dieses Medium ist voreingenommen, also ignoriere ich es“, landet man am Ende dabei, gar keine Informationen mehr aufzunehmen. Deshalb braucht man Informationen aus verschiedenen Quellen, um eine Balance zu halten
    • Ich habe aus ähnlichen Gründen auch soziale Medien aufgegeben. Ich wollte nicht, dass die Wut anderer Leute und Empfehlungsalgorithmen bestimmen, welche Themen meinen Kopf füllen, und ich wollte meine Zeit selbst kontrollieren
    • Zum Glück bin ich in einem Haushalt ohne Kabelfernsehen aufgewachsen. Wenn ich Ausschnitte von Fox oder CNN sehe, wirkt das für mich immer künstlich, als würden ahnungslose Panels sogar über das Wetter so reden, dass man ihnen nicht glauben kann. Ich frage mich, wie hoch der Anteil der Gen Z ist, der aktiv TV-Nachrichten schaut. Mein Eindruck ist eher, dass hauptsächlich ältere Leute sich so informieren
    • Das Problem ist, dass Menschen genau dieses Nachrichtenformat wollen, und in algorithmischen Feeds wird die Tendenz nur noch stärker. Selbst wenn man Algorithmen bewusst kuratiert, werden konkurrierende Plattformen am Ende mit höheren Einschaltquoten gewinnen
  • Viele Menschen glauben an die Wahrhaftigkeit der Presse und betrachten sie als wichtigste Informationsquelle, aber in Wirklichkeit lügen Nachrichten oft nicht direkt – sie wählen nur gezielt Themen aus, die die Reaktion des Publikums maximieren und die Reichweite erhöhen. Weil das den Eindruck vermittelt, „alles Wichtige im Fernsehen gesehen zu haben“, kann es sogar dazu führen, dass Menschen die Realität missverstehen. Genau das sollte man im Blick behalten: Nachrichten sind nicht die ganze Wahrheit

    • Mich frustriert, dass Wikipedia Zeitungsartikel immer noch als ultimative Tatsachenquelle behandelt. In letzter Zeit habe ich Fälle gesehen, in denen Artikel versehentlich falsche Informationen übernommen haben und dann erst korrigiert werden mussten, bevor die entsprechenden Wikipedia-Inhalte angepasst wurden, obwohl es längst verlässlichere Quellen gab. Dadurch entsteht so eine seltsame Phase der Informationslücke
    • Das Wesen von Nachrichten ist nun einmal, dass sie sich mit „außergewöhnlichen Ereignissen“ beschäftigen. Es ist völlig in Ordnung, sich aus Neugier dafür zu interessieren, aber wenn man aus Nachrichten ein Bild der wirklichen Welt formen will, führt das zu einer totalen Verzerrung. Meine Faustregel ist: Je größer der Berichterstattungsraum wird – lokal, regional, national, international –, desto weniger sollte man sich um das persönliche Risiko kümmern. Autounfälle tauchen höchstens kurz in den Lokalnachrichten auf, sind aber ein reales Risiko, um das man sich kümmern sollte. Flugzeugabstürze sind dagegen Schlagzeilen, obwohl man sich darüber kaum Sorgen machen muss. Um Nachrichten sinnvoll zu konsumieren, muss man diese Perspektive verstehen
  • Es überrascht mich, dass die Suizidrate nur 2 % beträgt. Wenn ich krank und alt wäre und anderen zur Last fiele, würde ich es wohl lieber aus eigener Entscheidung beenden, statt mich dem natürlichen Tod oder dem Krankenhaussystem zu überlassen. Ich frage mich allerdings, ob manche aus Angst zögern, nach einem Suizid in die Hölle zu kommen. Falls Gott wirklich existiert, würde er das bestimmt verstehen

    • So etwas sagen nur Menschen, die diesen Moment noch nie wirklich erlebt haben. Hoffentlich bleibst du auch dann noch so gelassen, wenn du selbst einmal in dieser Situation bist
    • Ich habe gehört, dass in Ländern, in denen es nicht legalisiert ist, manchmal stillschweigend einfach die Schmerzmitteldosis erhöht wird
    • Solange man selbst nicht in dieser Lage war, redet es sich leicht
    • Falls Gott wirklich lebt und zuhört, müsstest du für diese Respektlosigkeit eigentlich sofort vom Blitz getroffen werden
  • Im Artikel fehlt ein wichtiger Punkt. Es geht nicht nur um Zahlen, sondern auch darum, was vermeidbar ist und wo man praktisch handeln kann. Der effektivste Faktor, bei dem wir tatsächlich etwas tun können – und die häufigste Ursache – sind Autounfälle. Verkehrsunfälle sind bei den 5- bis 22-Jährigen die häufigste vermeidbare Todesursache und bei den 23- bis 67-Jährigen die zweithäufigste. Herzkrankheiten und Krebs im hohen Alter sind dagegen letztlich unvermeidliche natürliche Todesursachen, daher ist grundlegende Verbesserung dort schwierig. Den Lebensstil kann man verbessern, aber am Ende altern Menschen und sterben

    • Im Grunde ist das die Zusammenfassung. Wichtig ist hier auch, darüber nachzudenken, wie sich die einzelnen Todesursachen auf die Rechte in unserer Gesellschaft auswirken. Zum Beispiel wie beim Spannungsverhältnis zwischen Meinungsfreiheit und Sicherheit: Selbstzensur kann zu einem sichereren Leben führen, aber auch zu einem weniger erfüllten
    • Trotzdem frage ich mich, ob es bei Todesfällen durch Terrorismus für den eigentlichen Nachrichtenkonsumenten überhaupt eine „umsetzbare Reaktion“ gibt. Bei Herzkrankheiten gibt es viel mehr konkrete Handlungsmöglichkeiten. Für politische Entscheidungsträger gehören sowohl Terrorismus als auch Diabetesprävention auf die Agenda, aber in der Realität tötet Diabetes viel mehr Menschen. Auch unter dem Aspekt der „Handlungsfähigkeit“ gibt es hier also eine große Asymmetrie
    • Auf die Aussage „Herzkrankheiten und Krebs bei Alten kann man durch Verhalten nicht ändern“ passt auch, dass Studien nahelegen, fast die Hälfte aller Krebstodesfälle sei vermeidbar: https://www.nature.com/articles/d41586-022-02355-x In den USA sterben jährlich 600.000 Menschen an Krebs und 40.000 bei Autounfällen. Es wäre irrational, nur die 40.000 Verkehrstoten zu betonen und die 300.000 potenziell vermeidbaren Krebstodesfälle zu vernachlässigen
    • Es gibt auch das bekannte Video „Dumb Ways to Die“: https://www.youtube.com/watch?v=IJNR2EpS0jw Ich frage mich, warum darin Autounfälle oder Trunkenheit am Steuer nicht stärker betont wurden
  • Wenn man Statistiken zu vorzeitigem Tod mit der Nachrichtenberichterstattung verglichen hätte, wäre das nützlicher gewesen. Jeder weiß, dass wir irgendwann sterben, daher interessiert es die meisten wenig, woran man im Alter stirbt. Wichtiger ist die Frage: Worauf muss ich heute achten, um einen vorzeitigen Tod zu vermeiden? Ich vermute, für Menschen in ihren 20ern sind Verkehrsunfälle, Suizid und Drogenüberdosierungen große Risiken, habe dafür aber keine sicheren Daten

    • Ich verstehe den Punkt, aber andererseits hängen Herzkrankheiten tatsächlich nicht so direkt mit dem Alter zusammen. In 80–90 % der Fälle wären sie allein durch Änderungen im Lebensstil vermeidbar. Es ist die häufigste Todesursache. Krebs hängt stärker mit dem Alter zusammen, aber auch dort ist ungefähr die Hälfte auf schlechte Lebensgewohnheiten zurückzuführen. In diesem Sinne sind genau diese beiden die wichtigsten Ursachen vorzeitiger Todesfälle
    • Wer einen vorzeitigen Tod vermeiden will, braucht lebenslange Gewohnheiten zur Gesundheitsvorsorge. Zu wissen, was die wichtigsten Risikofaktoren sind, hilft dabei, die besten Entscheidungen zu treffen
    • Auch der Maßstab für „vorzeitigen Tod“ ist unscharf. Mit 98 an Prostatakrebs zu sterben, würde man kaum als vorzeitig bezeichnen; mit 19 an einem Herzinfarkt aber ganz sicher. Aber wie ist es mit einem lebenslangen Raucher, der mit 55 an Lungenkrebs stirbt, oder mit einem 80-jährigen unheilbar Kranken, der sein Leben selbst beendet? Da wird die Abgrenzung schwierig
    • Es gibt dafür Kennzahlen wie „Years of Life Lost“ und „Years of Potential Life Lost“: https://en.wikipedia.org/wiki/Years_of_potential_life_lost
    • Das meiste Leben wird am Ende auf Geburtsurkunde und Sterbeurkunde reduziert. Alles dazwischen ist keine Nachricht. Ich selbst falle auch in diese Kategorie. Aber das Leben ist deshalb keineswegs langweilig. Man kann ein ganzes Leben aufrichtig leben und auf unzählige Menschen positiv einwirken – und trotzdem kommt so ein Leben nie in die Nachrichten. Wenn dagegen ein fünfjähriges Kind tragisch stirbt, wird das als riesiges Thema berichtet, und die ganze Stadt, ja das ganze Land schaut hin. So ist die Realität. Allerdings gab es in den letzten Jahrzehnten durchaus Fortschritte beim Wissen darüber, wie man lange lebt. Es ist nicht kompliziert: überwiegend pflanzlich essen, viel gehen, die Nachbarn grüßen, schädliche Chemikalien vermeiden und das Gehirn aktiv halten. Wenn man dann noch auf Unfälle und Infektionskrankheiten achtet, kann man länger und gesünder leben als die Vorfahren. Nachrichten und Werbung arbeiten jedoch in die entgegengesetzte Richtung. Sie drängen uns zu Autoabhängigkeit, verarbeiteten Lebensmitteln und Ausgaben für ungesunden Konsum. Sogar die Zeit, die man mit Nachrichten verbringt, nimmt einem Zeit für direkten Umgang mit anderen Menschen. Nachrichten, die die tatsächlichen Todesursachen ehrlich abbilden würden, wären für Werbekunden wahrscheinlich überhaupt nicht attraktiv